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Die Stimme · 1929-10-03 · Heft 94 (3.10.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 94 (3.10.1929)
Date
1929-10-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
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'Seite.? Mt flTHHIC tk. H An das jfldische Volk! Die neue Regierung (f) Knapp vor dem «Lostage» gelangte die Regierung Schober ans Ruder und schon der Umstand aJlein, daß die gehegten Befürchtungen sich nicht erfüllten, stärkt das Vertrauen, daß es doch gelingen wird, die katastrophale Wirtschaftskrise in die Bahnen planmäßiger Aufbautätigkeit zu lenken. Bundeskanzler Schober erfreut sich in den weitesten jüdischen Kreisen Oesterreichs der größten Wertschätzung und Sympathie. Nicht nur seine zielbewußte Energie und staatsmännische Klugheit sind es, die die Juden Oesterreichs an dem neuen Bundeskanzler rückhaltlos anerkennen, sondern in erster Linie seine Objektivität und strenge Sachlichkeit, die sich bei wiederholten Anlässen erwiesen hat. Es erübrigt sich zu betonen, daß das rein persönliche Vertrauen zur Person des Regierungschefs sich keinesfalls auf die ganze Regierung erstreckt. An den Taten werdet ihr sie erkennen — diese Maxime wird auch für das Judentum in Oesterreich vorderhand am Platze sein. Wir sind als Staatsbürger dieser Republik eng mit deren Geschicken verknüpft und die schweren Erschütterungen des Wirtschaftslebens, die die politischen Kämpfe der Parteien seit Jahr und Tag herbeigeführt ha'ben, treffen keinen Bevölkerungsteil derart schwer wie gerade die Juden. Der jüdische Mittelstand befindet sich in einem Zustande buchstäblicher Verelendung, die jüdischen Handels- und Industriekreise brechen unter der Last der Steuern und Abgaben zusammen und was ürig bleibt, lebt mit Ausnahme einer ganz dünnen Schichte von führenden Persönlichkeiten des österreichischen Wirtschaftslebens in schwerer Sorge um das tägliche Brot. Das Uebermaß politischer Streitigkeiten wird leider auf unserem Rücken ausgetragen. Es wird die erste Pflicht der neuen Regierung sein, die Eigenart - jüdischer Interessen zu berücksichtigen. Es geht nicht an, daß sowohl der Bund wie die Gemeinde sich nach wie vor unseren, aus dem international festgelegten Friedensvertrag von St. Germain sich ergebenden Rechten auf einen entsprechenden Beitrag für unsere religiösen und kulturellen Bedürfnisse, verschließt. Als ethnisch und religiös fest umrissene Minderheit verlangen wir die endliche Erfüllung unserer Forderungen, auf die wir in unserem und auch im Interesse des Ansehens des Staates, dem wir angehören, nie verzichten können. Ebenso vernehmlich müssen wir von der neuen Regierung die Abstellung verlangen der judenfeindlichen Praktiken bei Erteilung von Heimatsrechten durch das Bundeskanzleramt und Besetzung von Stellen in den Aemterri, Schulen und auch autonomen Körperschaften der Gemeinden. Wird eine Verfassungsänderung vorgenommen, so müssen unsere Rechte als Juden und Staatsbürger derart verfassungsmäßig verankert werden, daß die Theorie nicht wie bisher im krassen Widerspruch zur praktischen Anwendung steht. Die Einteilung der Wahlkreise zu den gesetzgeberischen Körperschaften muß auch die Viertelmillion jüdischer Stimmen derart berücksichtigen, daß sie nicht zum Spielball und Beute kämpfender Parteien werden und die Möglichkeit haben, ohne Feindschaft nach links und rechts, allein und unbeeinflußt über die Geschicke der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich zu 'bestimmen. Das Recht der Selbstbestimmung jeder VolksinöTvidualität gehört zu den hervorragendsten Errungenschaften der Nachkriegszeit und gerade dieses Recht müssen wir auch in Oesterreich unnachgiebig und unermüdlich erkämpfen. Kein vernünftiger Staatsmann wird daran zweifeln, daß wir Juden wirtschaftlich und kulturell unsere Sonderinteressen haben und sie schon aus Selbsterhaltungstrieb verfechten müssen. Und wenn staatsmännische Weisheit Voraussicht bedeutet, so muten wir diese Voraussicht dem neuen Bundeskanzler zu. Wir Juden wollen eine starke und festgefügte Republik und haben das größte Interesse, daß im Kampfgewühl der Politik das ganze Staatswesen nicht in einen Zustand der Auflösung gerät. Wir erstreben eine jüdische Politik eines geeinten Judentums im Interesse eines gesunden Wirtschaftslebens, das die Voraussetzung der Lebensfähigkeit Oesterreichs ist. Eine jüdische Politik, getragen von verantwortlichen Mandataren, von den berufenen Exponenten unserer Bewegung, erwartet vom neuen Kabinett mehr Gerechtigkeit und eine tatkräftigere Unterstützung, als es bisher der Fall gewesen ist._ Eine große Radiosendestation wird in Tel-Aviv errichtet Jerusalem, 30. September. (J. T. A.) Mehrere Ingenieure und Geschäftsleute in Tel-Aviv haben sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen, die die Aufgabe auf sich nimmt, in Tel-Aviv eine Radiosendestation in sehr großem Ausmaße zu errichten. Die Station wird die arabische Welt mit authentischen Nachrichten aus Palästina versorgen und der beunruhigenden Legendenbildung entgegenwirken. Außerdem wird die Station ein reichaltiges Unterhaltungsprogramm verbreiten und auch einen finanziellen Nachrichtendienst einrichten. In ernster schicksalsschwerer Stande versammelt, tiefer dehn je verbunden in Gefühl und Gedanken mit Erez Israel, gilt unsere erste Botschaft dem Lande und seinen Menschen. Wir neigen uns vor den Toten, die auf dem opfervollen Wege zu unserer Erlösung gefallen sind. Unsere innige Anteilnahme wendet sich denen zu, die durch blinde Zerstörungswut verloren haben, was friedliche Aufbauarbeit mühereicher Jahrzehnte geschaffen hat. Dem Jischuw senden wir aus der Tiefe unserer Herzen in Dankbarkeit und Stolz die brüderliche Botschaft der Sympathie und der Ermutigung. In Tagen voll blutiger Tragik haben unsere Brüder und Schwestern die große verantwortungsvolle Aufgabe, Träger des Nationalheims zu sein, mit dem Mut der Selbstverteidigung, mit Seelenstärke und sittlicher Würde erfüllt,, die ein unzerstörbarer Ruhmestitel für alle künftigen Geschlechter bleiben werden. Mit elementarer Leidenschaft antwortete die Judenheit der ganzen Welt durch einheitliches Gefühl und durch vereinigte Tat* Eine Welle des Schmerzes, des Mitgefühls, der Empörung flutete durch die jüdische Welt, Millionen mitumfassend, die uns sonst nicht verbunden sind. Diese Antwort Erez Israels und der jüdischen Welt ist für uns ein Trost und Erhebung. Sie ist zugleich für uns heilige Verpflichtung: Unser Werk, lebend in den treuen Händen unserer Ersten im Lande, getragen von der Liebe und der Kraft des jüdischen Volkes, geht weiter. Brutale Gewalt konnte mühselig aufgebaute Werte zerstören, kostbare Menschenkraft vernichten — wir werden Sühne und Ersatz dafür fordern, wir werden den geschädigten und heimlosen Brüdern Hilfe leisten — aber unser Werk geht weiter. An die Arbeit für das nationale Heim, ohne Verzug, in erhöhter Bereitschaft, mit vervielfachter Energie und mit vergrößerten Zielen: dieses ist unsere Verpflichtung. Sic weist uns klar unsere Aufgaben zu: wir sollen und müssen einer neuen, verstärkten Einwanderung die Bahn bereiten. Viele Tausende von Chaluzim in den Ländern der Galuth warten arbeits- und opferbereit nur auf den ersten Ruf und das Land wartet auf sie. Ein großzügiger Kolonisationsplan soll unmittelbar in die Wege Die Arbeit der Gerichte Das Gericht in Haifa hat den Haifaer jüdischen Bürger Uzieli wegen des Besitzes einer Waffe zu der Mindeststrafe von zehn Pfund oder einem Monat Gefängnis verurteilt. Der britische Richter, der das Urteil aussprach und begründete, rühmte den Mut des Angeklagten, der sich und seine Angehörigen gegen arabische Angriffe verteidigt hat. Viel strenger gehen die Richter in Jerusalem vor. Ein Polizeirichter, der gegen Schalom Cohen, der im Besitz von Waffen befunden wurde, zu urteilen hatte, erweiterte die Anklage auf vorbedachten Mord. Zwei Araber aus Nablus, die während der Unruhen mit einer Ladung Handgranaten auf dem Wege nach Jerusalem abgefaßt wurden, sind zu je einem Jahre Gefängnis verurteilt worden. , Der in Tel-Aviv bestehende hebräische Verlag Ittin und Shoshani wurde von den Behörden geschlossen. Grund zu dieser Maßnahme gab ein in diesem Verlag erschienenes Album mit satirischen Zeichnungen von Nahum Guttman, in denen dargestellt ist, wie sich die Engländer und die Araber während der Unruhen verhielten. Das Album wurde konfisziert, gegen den Künstler und die Verleger wird Anklage vor Gericht erhoben. Die arabische Presse teilt mit, daß gegenwärtig in Hebron 65 Araber unter der Beschuldigung, an der Abschlachtung der Juden teilgenommen zu haben, sich in Haft befinden. 28 von ihnen wurden bereits abgeurteilt; sie erhielten Gefängnisstrafen von sechs Monaten bis zu einem Jahr. 32 Araber aus Hebron wurden wegen Mangel an Beweisen aus der Haft entlassen. Das Jaffaer Distriktsgericht hat einen Araber, bei dem Waffen gefunden wurden, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Zwei Juden aus der Kolonie Rechoboth, bei denen am 25. August, als die Kolonie Rechoboth durch Angriffe bedroht wurde, Waffe gefunden wurden, erhielten Gefängnisstrafen von je einem Jahr zudiktiert. Der moslemitische Oberste Rat hat bei der Regierung Schritte unternommen, daß der Scheich Sdmhe Abrabainowla Wien. 11.. Taborslraße SS Moderne gute Schuhe iu fabelhaft großer Auswahl zu bekannt billigen Preisen. geleitet werden, der es möglich macht, die Ackerbau- und Pflanzungskolonien zu verstärken und sie mit einem Ring von Arbeitersiedlungen zu umgeben, die Tausenden von Arbeitern Gelegenheit zur dauernden Seßhaftmachung schaffen sollen. Das ist die wahre Hilfe, die wir in dieser Stunde dem Jischuw zu bringen geloben, Hilfe durch Aufbau, Stärkung, Ermutigung und Sicherung durch jüdische Arbeit, durch eine schnelle und umfassende Vergrößerung und Festig unseres Kolonisationswerkes- Hi d d ur ch A uf b aul Mit dieser Losung '..caden wir uns an das jüdische Volk. Zuerst an alle, die im Lager Zions stehen. Vor wenigen Wochen erst ist in Zürich in starker, begeisterter Stimmung der Bund für Erez Israel geschlossen worden. Er verlangt jetzt im ernstesten Augenblick eine Besiegelung durch vereinte Leistung, würdig der großen Verantwortung. Hilfsaktionen genügen nicht, sie müssen unverzüglich übergeleitct werden in die Arbeit des Keren Hajessod und die große Tischriaktion des Keren Kajemeth. Aufbaufonds und Landfonds sind und bleiben die Grundpfeiler des jüdischen nationalen Heims. Ungesäumt und mit höchster Opferwilligkeit müsse den beiden Fonds die großen Mittel zugewandt werden, die das neue Werk erfordert. * Nicht nur die Augen unserer Brüder und Schwestern in Erez Israel, die Blicke der ganzen Welt sind jetzt auf uns gerichtet. Wir haben Erez Israel zu beweisen, wie tief wir unsere geschichtliche Verbundenheit mit ihm, seinen Menschen und seiner Zukunft empfinden- Der Welt aber haben wir zu zeigen, da wir die uns im Mandat durch den Völkerbund feierlich verbrieften Rechte voll beanspruchen, daß wir sie nutzen wollen, für ein Werk von historischer Größe, für ein Werk nationaler Renaissance, für ein Werk des Friedens und des Fortschrittes der Menschheit. Die Jewish Agency für Palästina. Chaim Weizmann, Melchett, Präsident. Vorsitzender des Councils. Tareb Markah, der beschuldigt wird, die Metzeleien gegen die Juden in Hebron angestiftet und die arabischen Massen öffentlich zur Tötung der Juden im Namen des. Groß-Mufti aufgefordert zu haben, gegen eine Geldbürgschaft aus der Haft entlassen werde. Die 33 jüdischen Arbeiter, die in Haifa in den Grand Moulins, wo sie sich zu ihrer Selbstverteidigung verschanzt hatten, von der Polizei verhaftet, dann unter der Beschuldigung des vorbedachten Mordes in die Zitadelle von Acco gebracht worden waren, sind heute aus der Haft entlassen worden. Wie die arabische Presse mitteilt, wurden seit Beginn der Unruhen bis zum 19. September 500 Ara- : ber und Juden wegen Teilnahme an den Unruhen zu Strafen in verschiedener Höhe verurteilt. 374 Araber und 39 Juden wurden Polizeistrafen zudiktiert, 85 Araber und 14 Juden wurden von den Distriktsgerichten abgeurteilt, 7 Araber und 1 Jude wurden wegen schwerer Kriminaldelikte bestraft. Ein arabischer Hausbesitzer in Haifa, bei dem eine große Menge bei Juden geraubten Gutes gefunden wurde, wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Araber, der in einem jüdischen Hause in der Nähe von Nes-Zion mit einem Revolver bewaffnet’ertappt wurde, ist zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Ein Araber, der mit einer Handgranate bewaffnet, beim Aerodrom in der Nähe von Kalendiah abgefaßt wurde, erhielt 12 Monate Gefängnis zudiktiert. Drei arabische junge Leute in Tulkarem, die ohne Erlaubnis der Polizei eine Kundgebung veranstaltet hatten, wurden mit einer Geldbuße von je zwei Pfund verurteilt. Herr Goldenthal, der Geschäftsführer der Huffaer Zweigniederlassung des Palestine Syndikate, wurde unter der Beschuldigung während der arabischen Angriffe auf das Geschäftsviertel von Hiaifa? einen der angreifenden Araber getötet zu haben, verhaftet. Er wird sich wegen Mordes zu verantworten haben. Das Haifaer Distriktsgericht hat David Syngarisky, bei dem eine Waffe gefunden wurde, zur Leistung einer Geldbuße von 25 Pfund verurteilt. In der Urteilsbegründung erklärt das Gericht, das Ver,brechen wäre mit drei Jahren Gefängnis zu ahnden, allein das Gericht habe die Tatsache in Rücksicht gezogen, daß der Angeklagte andere Menschen verteidigte, die ohne seine Verteidigung vielleicht Ihr Leben hätten lassen müssen. ( |. T. A.)

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