Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 93 (26.9.1929)
- Date
- 1929-09-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. W Die Aussichten des Zionismus Eine Antwort an Karl Kautsky. .iusgerechnet der Araberaufstand erscheint der;Arbeiter-Zeifung» der richtige Moment zur Erörterung des Zionismus wobei man, auf die Unwissenheit der Leser spekulierend, den Ausführungen einer sonstigen Autorität einen objektiven Anstrich zu geben beliebt. Man höre: Palästina faßt nicht die vierzehn Millionen Juden, es ist zu klein. Dies, verehrter Herr Kautsky, wissen wir bereits, seitdem unsere Bewegung existiert. Aber es ist nie unser Ziel und unsere Absicht gewesen, alle Juden in Palästina zu konzentrieren; wir wollen dort, laut Basler Programm, eine völkerrechtlich gesicherte Heimstätte gründen für jene Juden, die sich nicht assimilieren können oder wollen. Diejenigen Juden, welche in ihrer heutigen Lage zufrieden sind, oder nicht auswandern können, bleiben in ihrem Lande, sind aber geistig verknüpft mit Palästina, in welchem wir eine hochstehende, moderne und freie Kultur zu schaffen im Begriffe sind. Daß gerade unsere alte Heimat Palästina derzeit von der islamitischen Welt umgeben ist, ist sicherlich ein kleineres Hindernis, als wenn es inmitten arischer und christlicher Staaten läge. Mit den Arabern sind die Juden blutsverwandt und haben sich mit ihnen gut verstanden, Spanien, Marokko, die lange gemeinsame Geschichte in der Türkei verbindet uns. In den christlichen Staaten Europas haben wir Jahrtausende in Verachtung und Verfolgung verbracht und wenn Herr Kautsky schmeichelhafterweise sagt, nur ein bornierter Lokalpatriotismus könnte die Juden als Fremde empfinden, so mag das sehr tröstend für uns sein, aber wir haben darunter gelitten und leiden noch heute, und das Palästinamandat ist nichts anderes als eine Art Sühne für das viele Unrecht, das man uns angetan hat und tut. Die Geschichte sprichtfiirden Islam. Mitihmhattcn wir gute Erfahrungen, mit Europa bisher n i c h t. Daß für die Sozialdemokraten historische Rechte keine Ansprüche verleihen, finden wir nach der Tendenz, jede ideale Regung als töricht zu verdammen, von ihrem Standpunkt aus für plausibel. Es handelt sich aber hier nicht um Sozialdemokraten, sondern um die Ansicht derjenigen Juden, die jüdisch empfinden. Und diese waren in ihrem Denken und Fühlen mit Palästina immer verknüpft und wenn Herr Kautsky das Recht als brüchig bezeichnet, weil es 2000 Jahre alt ist, so raten wir ihm jüdische Geschichte zu studieren und er wird fn jedem Jahrhundert Bewegungen konstatieren können, welche immer und immer nach Palästina gravitieren. Daß die Juden nicht als eigene Nation in den Weltkrieg gingen, war nach der derzeitigen Struktur der Judenheit wohl nicht möglich. Bekanntlich führten den Krieg nicht die Nationen, sondern die Staaten, und diesen gehörten die Juden als Staatsbürger an und taten ihre Pflicht, so gut wie die anderen Staatsbürger. Auch die Sozialdemokraten aller Länder, die sicherlich den Krieg sogar verabscheuten, gingen in den Krieg, und die französischen und deutschen Sozialdemokraten beschossen sich gegenseitig. Solche Argumente anzuführen, Herr Kautsky, ist gegen bessere Ueberzeugung! Im übrigen, damit auch dieses Argument ganz erledigt wird, haben zwei aus Juden bestehende, amerikanisch-englische Regimenter unter Allenby Palästina miterobern helfen. Die Tendenzen und Beweggründe, welche England dazu geführt haben, den Juden Palästina als Heimstätte zu bestimmen, waren sicherlich nicht nur ideale. Aber es muß betont werden, daß England vor Jahren den Zionisten Uganda, eine seiner Kolonien, und später El Ariseh zur Verfügung stellte. In beiden Fällen wollten die Engländer, die bekanntlich die Juden als das Volk der Bibel schätzen, den Juden helfen und waren damals egoistische Tendenzen sicher nicht vorhanden. Es ist auch falsch, daß die Juden ihre Position auf englische Bajonette stützen. In Palästina war zum Unterschied von Syrien, Aegypten und Mesopotamien jahrelang bloß eine 800 Mann starke Polizeitruppe garnisoniert. In alle englischen Kolonien sind beträchtliche Militärformationen zum Schutze der englischen Interessen verlegt, in Palästina kam man mit diesem Häuflein Soldaten aus und es diene Herrn Kautsky zur Belehrung, daß infolge dieser geringfügigen Militärkosten das Budget Palästinas immer einen Ueberschuß aufwies. Auch die Daten über die Einwanderungs- und Bewohnerziffern sind nicht richtig. Die jüdische Bevölkerung war infolge des Krieges auf 54.000 gesunken und der Zuwachs beträgt 120.000. Wenn die Einwanderung nicht schneller vor sich geht, so ist nicht der Wille der jüdischen Volksmassen, sondern die englische Politik schuld, welche eine langsame Infiltration will und sehr oft darin in Gegensatz zu der zionistischen Exekutive gerät. Auch muß erst Boden angekauft werden, Straßen gebaut, Sümpfe trockengelegt werden usw., ein Prozeß, der nicht nur langwierig, sondern auch kostspielig ist Wenn einuuiaialaiaialaldldülalalalalalaiaii Seit 1896 Immer reine Tttren and Tapetes dSMb kalt akwacehb., «xtrastarke Zelluloid MParadruitu-Tür-Tape?#n. Schoner Srapmes taaertn AnttHek, Leich» ansnhringen. n Alle Farben, formen, Oröflen. von SA at PraUIiata frei I Prorinereraand NDR bei SPEZIALIST MIKOLASCH Tel. IM 7-181. Vettreterbeaach a, Kostenroranscbl. gratis Wimm, IV.« VesBeeemeAreeO« 2S mal die Bedingungen zu einer größeren Einwanderung von uns geschaffen sind, dann wird die größere Einwanderung auch da sein. Es klingt aus sozialdemokratischem Munde verflucht schlecht, wenn gerade diese Partei, welche die Arbeit zuhöchst stellt, so wenig Achtung vor dem ungeheuren Pensum hat, das unsere Arbeiter bisher bewältigt haben. Als die Zionisten ins Land kamen, bestand eine kleine Eisenbahn, heute ist das Land mit Geleisen durchzogen. Wir haben ausgezeichnete Straßen gebaut, heute sind 5000 Autos im Land, vor zehn Jahren waren es kaum 50. Wir haben Schulen gebaut, in denen auch die arabische Jugend lernt, unsere Spitäler, Versuchsstationen, Institute gegen Trachom, Malaria, Typhus usw. stehen den Arabern zur Verfügung; die Ruttenberg-Werke liefern dem Lande elektrischen Strom und werden eine ausgedehnte Bewässerung des ganzen Landes erzielen, über 700 Industrien wurden geschaffen, Technik, Universität gegründet und erhalten. Das geistige, kulturelle, sanitäre und finanzielle Niveau der arabischen Bevölkerung wird unerhört gehoben und die arabische ernste Bevölkerung weiß es und schätzt die Juden. Wir haben hunderte Beweise, daß Araber anläßlich der letzten Vorfälle für die Juden eingetreten sind. Die Vorfälle sind durchaus nicht symptomatisch, sondern sind das Resultat dunkler Einflüsse — Verhetzungen einiger Effendis, räuberisches Gesindel, Mob — und der Aufstand war fertig. Doch daraus irgendwelche Symptome für eine dauernde und immer wachsende Gefahr zu konstituieren, ist nicht am Platze, und zwar aus folgenden Gründen: Es ist falsch, was Herr Kautsky sagt, daß sich die Araber zu selbständigen Staaten emporarbeRen. Diejenigen Staaten, welche heute selbständig sind, sind es bloß durch die Verträge geworden, welche England und Frankreich nach dem Kriege mit führenden Geschlechtern der Araber abschlossen. In Arabien und Trahsjordanien wurden drei selbständige arabische Staaten errichtet; Syrien und Palästina Mandätsländer der Franzosen und Engländer. Das wurde ausdrücklich so vereinbart und wären die Araber mit dieser Ordnung der Dinge nicht einverstanden gewesen, so wären wohl diese drei Staaten niemals unabhängig geworden. Die drei genannten Staaten umfassen einen Komplex zirka zehnmal so groß wie Deutschland mit höchstens 7 Millionen Einwanderern, Palästina dagegen ist so groß wie Belgien. Die arabische Welt hat daher Expansionsgelegenheit genug, ihre Kultur und ihr Wirken in ihren souveränen Staaten zu entwickeln. Das kleine Palästina ist auf 25 Jahre Mandatsland Englands mit der Weisung, dort eine jüdische Heimstätte zu etablieren. In diesen 25 Jahren ist die Möglichkeit für die Zionisten vorhanden, auf dem Wege wirtschaftlicher, freundschaftlicher Infiltration unter Vermeidung jederlei Härte und jeder Ungerechtigkeit, dort festen Fuß zu fassen. Die Methoden des Guerillakrieges, des Abringens von Konzessionen wird unter solchen Umständen nicht zu befürchten sein. Und deshalb werden wir auf unserem Wege fortfahren und versuchen, ob auch für uns Juden ein Plätzchen an der Sonne möglich ist. Gegenüber der Warnung für unsere Pioniere, ihre Kräfte für uns weiter zu vergeuden und ihr Leben einzusetzen, fragen wir Herrn Kautsky, ob er vor 45 Jahren den jungen Sozialisten unter Lassalle, Marx und Adler denselben Rat erteilt hätte. Dr. Hugo Benedikt. Der Aufbau geht weiter Ein Interview mit Colonel Kisch Der Leiter der Zionistischen Exekutive in Palästina, Oberst F. H. Kisch, der soeben seine Heise durch ganz Palästina beendet hat, gab dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur ein Interview, in welohem er u. a. erklärte: Meine Eindrücke auf der Reise durch das Land verdichteten sich zu der Vorstellung: Das Judentum Palästinas steht mit dem Rükken gegen die Wand und sammelt Kraft zu neuem Vorwärtsschreiten. Diese geballte Kraft gründet sich auf das Vertrauen. zu unserer Sache und auf die Ermunterung, die uns offenbar die ganze zivilisierte Welt angedeihen läßt. Selbst für einen, der als aktiver Offizier den Weltkrieg mitgemacht hat, fuhr Oberst F. H. Kisch fort, ist das Haus des Anglobankdirektors Slonim in Hebron, in welchem Slonim, seine Frau und 19 Jeschiwah-Studenten, die in diesem Hause Schutz suchten, ermordet wurden, ein erschütternder Anblick. Es ist kein Zweifel, daß sich die Araber, die sich an den Metzeleien in Hebron Safed, Moza, Jerusalem und anderswo beteiligten, wie von jedem Hauch der Zivilisation noch unberührt gebliebene Wilde benahmen. Es wurde mir versichert, daß viele dieser Araber wirklich an die böswillig in Umlauf gebrachte Legende, daß die Juden die Moschee angreifen wollen, glaubten. Der schwerste Teil der Verantwortung fällt demnach auf diejenigen, die diese Märchen verbreiteten, und auf die Behörden, die die Verbreitung solcher Märchen nicht verhinderten und die erst, als die Katastrophe vorbei war, eine offizielle Ableugnung derselben, verkündeten. Nach dem ersten Schlag, den der Jischuw erhielt, raffte sich die Palästinajudenschaft dazu auf, aus den eigenen begrenzten Hilfsquellen erste Hilfe zu leisten; allen voran die Haaassah. Bald genug stellte sich die Hilfe aus Amerika und anderswo ein. Wir alle sprechen der Initiative der amerikanischen Zion'sten und den. englischen Juden, die, ohne den Appell aus Jerusalem abzuwarten, daß Hilfswerk einleiteten, unsere hohe Anerkennung aus. Der High-Comraissionar hat von Anfang an die Pflichten der Regierung mit Bezug auf die Hilfeleistung ernst auf gef aßt; die Verzögerung war bedingt durch die Notwendigkeit, die nötige Sanktion zu erhalten. Die Regierung sorgt für die Ernährung der Flüchtlinge; damit ist aber das Hilfswerk lange nicht erschöpft, sondern es gilt, mannig* fache Bedürfnisse zu stillen. Das Hilfswerk wird so geführt, daß es nicht den Anschein einer Armenunterstützung bekommt. Es gilt, den Geschädigten zu helfen, wieder auf die Beine zu j kommen und ihr Leben wieder aufzubauen. Ein besonderes Problem bilden die Waisenkinder sowie greise Eltern, die ihrer jungen Kinder beraubt wurden. So z. B. gilt es, dem Rabbi Slonim, der infolge der Ermordung seines Sohnes vollkommen niedergebrochen ist und nicht in der Lage ist, für seine fünfköpfige Familie zu sorgen, das lieben zu erleichtern. Es gibt viele solcher Fälle, die individuell zu behandeln sind. Die Exekutive hat ihr Mitglied Rabbi Meir Berlin mit der Aufgabe betraut, in Zusammenarbeit mit dem Waad Leumi und einem Sonderkomitee unter Kontrolle der Exekutive das Hilfswerk zu leiten. Ein anderes Kapitel ist die Unterstützung der Ansprüche der Geschädigten, denen die Exekutive juristische Hilfe angedeihen läßt. Die Haltung der Regierung nach dieser . Richtung hin ist entgegenkommend. Die ersten Anstalten zur Restaurierung der Hebron-Jeschiwah sind getroffen worden; wir haben alle den Wunsch, die Jeschi wah wiederhergestellt zu sehen. Wir versuchen auf allen Gebieten, so rasch wie möglich zu normalen Lebensbedingungen zurückzukehren. Wichtig ist vor allem, daß die reguläre zionistische Arbeit ohne Unterbrechung fortschreitet, daß das Kolonisationswcrk vorwärts geht und durch die jüngsten Zerstörungen nicht an Tempo verliert, Ein erfreuliches Symptom ist es, daß in den letzten 14 Tagen mehr als 250 Einwanderer in das Land gekommen sind und daß in den nächsten Wochen weitere 930 auf Grund der bewilligten Liste einwandern werden. Die Bedürfnisse des Aufbaues im Lande und immer neu auftauchende Gelegenheiten für eine Beschäftigung jüdischer Arbeiter in den Kolonien und in den öffentlichen Arbeiten des Landes versetzen uns in die Lage, von der Regierung die Bewilligung einer neuen Arbeiteroinwandererliete zu verlangen. Eine solche ist gegenwärtig in der Ausarbeitung. Die Verteilung der einzelnen Arbeiten auf die Mitglieder der Exekutive ist noch eine vorläufige; eine endgültige Verteilung wird erst nach der Rückkehr aller Mitglieder der Palästinaexekutive vonstatten gehen. Die unmittel- Sduhe AferahamowK! 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