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Die Stimme · 1929-09-19 · Heft 92 (19.9.1929) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 92 (19.9.1929)
Date
1929-09-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 92 DTE STIMME Seite 7 Zhhi AMcben Lonh Plarslralls Louis Marshali Von Dr. N. M. Oelber. Louis Marshall zählt sicherlich zu den interessantesten Figuren des amerikanischen wie auch des Weltjudentums. Er war ein eigenartiger jüdischer Führertypus, der mit den alten «Stadlanim» nicht zu vergleichen ist. In seinem Wesen erinnert er vielfach an die ersten führenden Männer der «Alliance Isra6lite Universelle», die mit Würde, Stolz und unbeugsamem Charakter jüdische Interessen vertraten. Es ist fälschlich, Louis Marshall als einen Assiniilanten zu bezeichnen. Er hing mit seiner ganzen Seele am Judentum, in dem er mehr als Religion sah. Für ihn war das Judentum der Inbegriff des Ethos und des unbeugsamen Rechtsbewußtseins. Die Zukunft des jüdischen Volkes erschien ihm daher in einem ganz anderen Lichte als liberalen Führern vom Schlage Claude Montefiores oder des Begründers der amerikanischen Reformbewegung Dr. Isac Wise. Seit seinem ersten Auftreten in Angelegenheiten des jüdischen Volkes legte er Stolz und Mut an den Tag. Marshall, der am 14. Dezember 1856 in Syracuse, einer amerikanischen Provinzstadt, geboren ist, genoß im Hause seiner Eltern keine ausgesprochene jüdische Erziehung. Er entstammte einer alten eingewanderten deutschen Judenfamilie. Schon als junger Anwalt interessierte er sich für Fragen, die damals auf der Tagesordnung des jüdischen Lebens in Amerika standen. Noch größer wurde sein Interesse für jüdische Angelegenheiten, als er im Jahre 1894 nach New York übersiedelte, gerade zu einer Zeit, in der nach den russischen Maigesetzen vom Jahre 1891 eine große Emigration nach Amerika einsetzte. Im Jahre 1892 allein wanderten nach Amerika aus Rußland 76.417 Juden ein. Während in den Jahren 1894/95 in den amerikanischen politischen Kreisen, ja selbst in einzelnen jüdischen Kreisen Stimmen laut wurden, diesem Immigrationsstrom einen Riegel vorzuschieben, war es Louis Marshall, der diese Bestrebungen bekämpfte, und es gelang ihm auch, die geplanten Einschränkungen zu vereiteln. Seit dieser Zeit war Marshall ununterbrochen bemüht, vor den staatlichen Einwanderungskommissionen jüdische Interessen zu schützen. Marshall wurde auch dank seinem Rufe als Rechtsgelehrter und Anwalt zu verschiedenen Kommissionen, die Verfassungsfragen oder sonstige Probleme der staatlichen Verwaltung zu lösen hatten, als Sachverständiger zugezogen. Während seiner Tätigkeit in de» Jahren 1894 bis 19Ö3 erkannte Marshall den Mangel einer geschlossenen Organisation der amerikanischen Judenschaft, die autoritativ und als politischer Faktor namens der gesamten amerikanischen Judenheit berechtigt wäre, für die Interessen der gesamten Judenschaft, auch der außerhalb Amerikas lebenden, einzutreten. Die russischen Pogrome in den Jahren 1903 und 1905 bestätigten mit aller Klarheit die Notwendigkeit einer organisatorischen Zusammenfassung der amerikanischen Judenschaft, für die Marshall seit Jahr und Tag eintrat. Unter dem Eindrücke dieser Ereignisse gelang es ihm, zusammen mit Jakob Schiff und dem bekannten jüdisch-amerikanischen Richter Meier Sulzberger, die Gründung des «American Jewish Committee» in die Wege zu leiten. Im Jahre 1906 kam in New York eine von allen Juden Nordamerikas beschickte Konferenz zustande, die den Beschluß faßte, ein allgemeines jüdisches Komitee zu schaffen, das sich mit allen wichtigen Fragen des Gesamtjudentums zu beschäftigen hätte. An die Spitze des Komitees trat Meier Sulzberger und nach seinem Tode Louis Marshall. Dieses Komitee begann das amerikanische Judentum zu aktivieren und sein Interesse für alle Ereignisse im jüdischen Gesamtleben zu wecken. Es gab kaum einen wichtigeren Vorfall im jüdischen Leben, zu dem das Komitee nicht Stellung genommen, hätte. Handelte es sich um einen Pogrom und eine Verfolgung von Juden, um den Schutz von jüdischen Rechten, um Verteidigung von Opfern der zaristischen Bedrückungen oder sonstige Rechtsverletzungen, so war das American Jewish Committee mit Louis Marshall an der Spitze stets zur Stelle, um mit Hilfe des immer stärker werdenden politischen Einflusses der Juden im amerikanischen Staatsleben erfolgreich zu intervenieren. Marshall war die treibende Kraft dieses Ko mltees. Marshali war es auch, der die großen Hilfsaktionen für die Pogromopfer in den Jahren 1903 bis 1907, sowie zu Beginn des Krieges einleitete, ute dann im Joint Distribution Committee ihre Fortsetzung gefunden haben. Ein überaus interessantes Kapitel aus seinem Leben bildet die Zeit des amerikanisch-jüdischen Kongresses und der jüdischen Politik vor dem Forum der Pariser Friedenskonferenz. Als im Jahre 1917 Stephan Wise, Juliart Mack und Brandeis die amerikanische Judenschaft erforderten, einen jüdischen Kongreß in Amerika zwecks Formulierung der jüdischen Forderungen vor dem Friedenskongreß sowohl mit Bezug auf die Galuthländer als auch auf die jüdische Heimstätte in Palästina einzuberufen, war Märshall einer der ersten, der einen erbitterten Kampf gegen diese Losungen auf genommen hatte. Als fer aber merkte, daß die große jüdische Oeffentlichkeit Amerikas einmütig für die Einberufung dieses Kongresses eintrat, gab er seinen Kampf auf und wurde ein Anhänger der Kongreßidee. Er wurde auch vom Kongreß ln die Delegation gewählt, die vor der Friedenskonferenz in Paris erscheinen sollte. In Paris selbst nimmt er an der Bildung des Comite des DSIegations juives teil und tritt mit der Wucht seiner ganzen Persönlichkeit für die Forderungen der mittel- und osteuropäischen Judenheit ein. Er ist auch bemüht, eine einheitliche jüdische Front gemeinsam mit der Alliance IsraSlite, dem Board of Deputies und anderen Komitees zu schaffen. Ueber seine Initiative findet am 5. und 6. April 1919 eine gemeinsame Konferenz mit den Vertretern dieser Körperschaften statt. Wohl sind Stuart Samuel und Lucien Wolff namens des Board of Deputies bereit, in die Dfilegations juives einzutreten, aber in*« folge des hartnäckigen Widerstandes der «Alliance» wird die Einigungsaktion vereitelt. Marshall gelingt es wenigstens, die anderen Organisationen dazu zu bringen, die politischen. Aktionen des Komitees nicht zu stören. Nach dieser vereitelten Aktion setzt sich nun Marshall mjt seinem ganzen Eifer für die Durchsetzung der Minderheitsrechte ein. Er nützt alle seine Beziehungen zu d.en Mitgliedern der „amerikanischen und englischen. Friedensdelegation aus. Keine Intervention und kein Gespräch erscheint ihm unwichtig. Ob es sich. um . eine momentane Intervention und. Hilfsaktion zugunsten der um diese Zeit 1 fdkuSi!&mn i| Wien, (3a&&xstw<mße 8 a ß| Jlfoderne . H «aus bestem Jfttatenial H - ttedtie&enst eiiMStketiifktt Hj .3Tc*r seriöse ütxeise nicht sehr seltenen Pogromopfer in Osteuropa oder um prinzipelle Fragen der jüdischen Autonomie handelt, ist Marshali stets dabei, zu intervenieren. Obwohl er als Assimilant galt, sah er es doch für seine Pflicht an, die Leßehsinteressen der jüdischen Massen zu vertreten. Darin lag eben seine Größe. Er, der den Kreisen der assimilierten «Jahudirn» entstammte, verstand es, seine seelischen Beziehungen zu den ostjücüschen Massen zu vertiefen und sich selbst als mit ihnen und ihrem Dasein eng verbunden zu betrachten. Trotz der Widerstände innerhalb seiner Kreise gelang es Marshall, sich in dieser Hinsicht durchzusetzen und seine engsten Bundesgenossen zu veranlassen, ihn in dieser Tätigkeit zu unterstützen, oder zumindestens ihm keine Schwierigkeiten zu bereiten. So wird es uns begreiflich, warum Marshall namens der jüdisch-amerikanischen Delegation bei Wilson und Lansing für die Inkorporierung der jüdischen Minderheitsrechte und Sicherstellung der jüdischen nationalen Autonomie in den Friedensverträgen eingetreten ist. Mit der ihm eigenen juristischen Klarheit setzte er dem Führer der amerikanischen Friedensdelegation auseinander, daß für die Juden Mittel- und Osteuropas öle Gleichberechtigung allein im Sinne des Berliner Vertrages (187£) keineswegs genüge. Der Friedenskongreß müsse ihnen Minderheitsrechte zubilligen. In ähnlichem Sinne vertrat er diese Forderungen auch am 5. Juli 1919, als dank seinen Bemühungen die Vertreter des jüdischen Nationalrates für 0$tgalizien unter seiner Führung von der Subkommisslon für polnische Angelegenheiten einvernommen wurden. Nach der Friedenskonferenz war er ebenfalls bemüht, die jüdischen Gesamtinteressen zu vertreten. Schon in Paris trat er für die Inkorporierung unserer Forderung nach einer jüdischnationalen Heimstätte im Friedensvertrage ein. Auch späterhin zeigte er für unser Aufbauwerk in Palästina großes Interesse. Die Jahre 1923 bis 1928 sind mit den Verhandlungen wegen der Jewish Agency ausgefüllt. Sein Name ist für alle Zukunft mit diesen Verhandlungen verknüpft. Die von Marshall im Jahre 1924 nach New York einberufene Konferenz der Delegierten der amerikahlschen Nichtzionisten zeigte klar, mit welchem Eifer er sich für die Teilnahme der Nichtzionisten am Aufbauwerke Palästinas einsetzte. Die vor kaum sechs Wochen stattgefundene Tagung des Councils der Jewish Agency und die historische Bade- und Trinkkuren gegen Stoffwechselstörungen, Rheuma und Neuralgien Sämtliche Hotel», Sana* torlen und Penaionan In Vollbotrieb Ermäßigte Herbsteaieonprelee Rolle, die Marshall, in Zürich spielte, ist noch frisch in unserer Erinnerung. Es ist vielleicht kein Zufall, daß Marshali, einer der Mitschöpfer der Jewish Agency, am 11. September um 3 Uhr nachmittags, um dieselbe Stunde, in der einen Monat früher der von ihm miteinberurene Council eröffnet wurde, seine Augen für immer geschlossen hat. Weder seine Tätigkeit auf politischem noch auf sozialem Gebiete hat seinem Namen in solchem Maße die historische Bedeutung zugeslchert, wie gerade sein letzter Lebensakt, die Konstituierung der Jewish Agency. Mit ihm ging ein echter «Parnas und Manhig- Hador» dahin. Trauerbotschaften /.c jüdische Telegraphen-Agentur verbreitet folgende Trauerbotschaften im-d Aeußerungen hervorragender Persönlichkeiten zmm Ableiben Lou'is Marshalls: P r ä s i d e n t H o o v e r: Ich bin tief betrübt über den Hingang meines Freundes Louis Marshali. Seine eminenten Verdienste um das Recht, um die Regierung der Vereinigten Staaten, um die VersöInnung der verschiedenen Teile der Bevölkerung, um das allgemeine Wohiifahrts-wesen, werden unvergessen bleiben, da sie von dauerndem Wert für unsere Staaten sind. Seine jüdischen Brüder werden noch lange seiner erfolgreichen Tätigkeit im Dienste der Förderung der gegenseitigen Achtung und der Freundschaft unter den Rassen gedenken. Bürgermeister Walker (New York): Mars'halls stets waches Interesse an den öffentlichen Angelegenheiten der Vereinigten Staaten und der Stadt New York, sein staatsbürgerlicher Geist und seine Hingabe an die Religion seiner Väter machen ihn für jeden Amerikaner zum nachahmenswerten Beispiel. Felix M. Warburg: Die Nachricht vom Ableben Louis Marshialls hat alle, die den Vorzug hatten, seine nahen Gefährten zu sein, mit tiefster Trauer und dem Gefühl persönlichen Verlustes erfüllt, die nicht in Worten ausgedirüekt werden können. Marshall und ich kamen beide vor 35 Jahren nach New York. Ewig in Erinnerung wird mir der Augenblick bleiben, in dem — nach Beendigung der Jewish Agency-Konferenz in Zürich *— die ganze Versammlung, Repräsentanten der Judenheit der ganzen Welt, wie ein Mann aufstand, um Marshali den Tribut der Achtung zu zollen. Sein Lächeln, mit welchem er diese Ovation entgegennahm, drückte aus, daß das Gefühl der Genugtuung der einzige Lohn ist, den er von seinem Voike empfangen wollte. Eine schönere Krönung seines wundervollen Lebens konnten sich diejenigen, die ihn liebten, für ihn nicht wünschen. Ein schönes Leben ist zu Ende gegangen. Das Denkmal, das er sich in den Herzen seiner jüdischen Brüder gesetzt hat, ist unzerstörbar. LordMelchett: Der Hingang meines Freundes und Kollegen Louis Marshall hat mich mit tiefem Schmerz erfüllt. Sein Tod schlug der Judenheit und der Jewish Agency eine schwere Wunde. Ich hoffe, daß in den Reihen der amerikanischen Judenheit ein Mann für wert gefunden werden wird, seinen Platz einzunehmen, um uns in der großen und schweren Aufgabe, die wir übernommen haben, zu unterstützen. Direktor Oskar Wassermann: Mit Marshali ist ein Mann aus dem Leben geschied n. der für das zeitgenössische Judentum von allergrößt Bedeutung war. Der Verlust, den wir alle dünn t:nen Tod erlitten haben, kann nicht in Worten abg^Jiätzt werden. Ein überaus begabter, warmherziger .md stets opferbereiter Mensch ist von uns gegangen; seine Werke aber werden weiterleben. Ein unvergängliches Denkmal hat er sich dadurch gesetzt, daß es lim bei seiner unbestrittenen Autorität gelungen ist, die Einigung aller Juden beim Aufbau in Palästina /.u?tandezuibrlngen. Dr. Bernhard Kahn, der Leiter des Jolnt- Wenkes ln Europa; Seit dem Tode Moses Montefiores hat kein Todesfall so tief und schmerzlich alle Krtße der Judenheit bewegt, wie das Hinschetden Louis BADEN IHI Berbsl

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