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Die Stimme · 1929-09-19 · Heft 92 (19.9.1929) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 92 (19.9.1929)
Date
1929-09-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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DIB STIMME Mt* Qi Fünfter Kriegsbrief. Von unserem palästinensischen Berichterstatter J. 0 a 1 - E s e r. Jerusalem, 2. September. In den letzten zwei Tagen hat die Militärverwaltung begonnen, gegen die Räuber und Pogrombanden energisch loszugehen, und ganze Dörfer zu Überfallen, gegen deren Bewohner zuverlässige belastende Zeugenaussagen vorliegen. So wurden im Araberdorf Kalaniaft 70 Araber verhaftet, die Mozza vernichtet und sieben Personen in barbarischer Weise geschlachtet haben. — In Hebron wurden 120 Personen verhaftet, gegen welche Zeugenaussagen vorliegen und die Stadt bezahlt eine Kriegskontribution von 300 Pfund täglich. Gestern wurde das Dorf Liftah besetzt; strenge Untersuchungen wurden vorgenommen und eine große Zahl von Dorfbewohnern wurde verhaftet. ln Jerusalem hat sich die allgemeine Stimmung erheblich gebessert. Nach der ersten Unterredung mit dem Oberkommissär sofort nach seiner Ankunft aus England war die Stimmung sehr gedrückt, Aber heute gegen 5 Uhr nachmittags, als die Nachmittag*promenade in der Jaffastraße ihren Höhepunkt erreicht hatte, flogen plötzlich sechs Aeroplane über verschiedene Teile der Stadt und schütteten einen Regen von Proklamationen ln hebräischer, englischer und arabischer Sprache auf das erstaunte Publikum. Und wo ein hebräisches Manifest erhascht wurde, da umstanden Dutzende von Juden den glücklichen Fänger, der den Inhalt mit lauter Stimme vorlesen mußte, das erste Zeichen der offiziellen Stellungnahme des obersten englischen Beamten zu den Ereignissen der schrecklichen Tage: Diese Proklamation hat ihre Wirkung auf die Araber nicht verfehlt, die hier zum erstenmal offiziell zur Kenntnis nehmen müssen, daß die Regierung gegen die Greueltaten Stellung nimmt, und daß die Parlamentsfrage auf die lange Bank geschoben wurde. Vr. Antwort hat die arabische Exekutive einen offenen Brief, unterzeichnet von Mussa Kasim Pascha, publiziert, in welchem in beispielloser Frechheit der Spieß umgedreht wird und ganz groteske Gemeinheiten behauptet werden: In Hebron habe es keinerlei Schlächtereien gegeben; die Juden hätten überall Frauen und Kinder Überfallen und ermordet; eine genaue Untersuchung werde ergeben, daß nur und ausschließlich die Juden und die zionistische Politik an den Vorfällen schuld seien. Das normale Leben in Jerusolem will wieder sein AHtagsgesicht annehmen, wenn das auch nicht so rasch geht. Noch war es heute für einen Juden ein Wagnis, am hellen Tage allein zum Damaskustor zu gehen. — In der Vorstadt Talpioth beginnen die Juden langsam wieder zurückzukehren. Hier ist unter allen Vorstädten verprügelt. Der deutsche und -der tschechoslowakische Kattsul wetteiferten im Schutze ihrer Staatsbürger und auch das österreichische Konsulat suchte die' gute Voricriegstradition zu wahren. Vom französischen Konsul wurde bekannt, daß er der Palästinaregierung sofort beim ersten Exzeß 2000 Mann syriscfier Truppet! vergeben« angeboten hatte. Die Ausstreuung, Juden hätten ihn angescho'ssen, fußt wohl auf folgendem Vorfall: Ein Araber durchraste mit seinem Auto, die französische Fahne mißbräuchlich aufgesteckt, schießend in das jüdische Quartier der oberen Jaffaöraße, bis ihm ein Selbstwehrmann auf dem Motorrad einholte und niederknallte. Ebenso falsch war das in die Auslandspressc lancierte Gerücht von Steinwürfen der Juden gegen den ägyptischen Konsul; obgleich Mosiim, tat er treu seine Menschenpflicht. Kurzum, in Jerusalem stand die Sache klar: Hie England, hie Völkerbund! Wir sind keine Araber. Dia Grausamkeit der arabischen Angreifer brachte natürlich auch da« jüdische Blut in Wallung. Wo ein Verdächtiger auftauchte, rotteten sich die Juden, sofort zusammen. Kaum hob sich eine Hand gegen ihn, wehrten so und soviele andere erregt ab: «Sind wir Araber? Sind wir Mörder?» Vor den arabischen Bethäusern, in Sichron Mosche und anderwärts, stellten die Juden Schutzwachen. Es fiel darum auf, als durch die obere Jaffastraße eine Araberin herabgewandelt kam, mit Hausrat und einem Säugling schwer bepackt; vor und hinter ihr ein englischer Polizist mit demonstrativ schußbereitem Gewehr. Ein jüdischer Bursch ging auf sie zu, — um ihr das Kind abzunehmen und es bis zur feindlichen Grenze zu tragen. Ehre den Gerechten der Völker! Welcher Palästinafahrer kannte ihn nicht, Edward Best! Von der Universität weg war er unter die britische Fahne geeilt und mit der Egyptian Expedition Force ins Land marschiert, das ihn nimmer freigab. Als Beamter des Immigration Department der Palästlnaregfcroog hielt er in Kantara an der Pforte zum Heil Wacht. Streng und gerecht handhabte er die Normen des Einwanderungsgesetzes; doch wenn sie gegen Menschlichkeit verstießen, fand er stets einen humanen Ausweg. Wh* Juden priesen den weißen Raben und segneten ihn. Jetzt hat Best sein Lebenswerk gekrönt. Die Gefahr und die Ehre Englands riefen. Er trat als MtBscmanfl in Polizei und fiel ln Verteidigung der jüdischen Wrt■ üi Monfeflore unter den Kugeln der Araber. 'nTuTmTsTrawlTiTÖTen 5000 5600 Gratulieren Sie Ihren Verwandten, Freunden und Bekannten in der „dtoscfk Xascftanafi-Hummer" der «STIMME», die in verstärktem Umfange mit interessanten Festbeiträgen am 3. Oktober erscheinen wird. Der Preis fiir das Einheitsinserat in dieser Größe beträgt S 6.—, in doppelter Größe S 10.—. Um all jenen, die durch die «Stimme» gratulieren, die Gewißheit zu geben, daß ihre Gratulation auch alte jene Familien und Personen erreicht, denen sic zu gratulieren beabsichtigen, werden wir an alle Adressen, die uns mit der Gratulationsbcstcllung aufgegeben werden, je ein Exemplar kostenfrei zusenden. Erteilen Sie uns Ihren Auftrag mittels des Postsparkassen-Erlagscheines. Die Administration der «Stimme*. Jerusalems der ärgste Schaden angerichtet. 17 Häuser sind fast vollständig geplündert; der Schaden beträgt über 15.000 Pfund. Die wertvollen Bibliotheken von Prof. Klausner und Schriftsteller S. J. Agnon sind fast vollständig vernichtet. Wertvolle Manuskripte wurden gestohlen oder zerrissen. Massenhaft wurden Einrichtungsgegenstände, sogar Nähmaschinen, zu Spottpreisen in Bethlehem verkauft. — In Beth Hakerem ist tagsüber fast normales Leben zu konstatieren. Nur gegen Abend ziehen sich noch immer sämtliche Bewohner in ihre «Festung» zurück, den Bau des Lehrerseminars. Im Turnsaal des Seminars ist ein Kuhstall eingerichtet, und die Klassenzimmer sind Wohnungen für die einzelnen Familien. Auch die Flüchtlinge aus Bajlth Wegan sind im Seminar untergebracht. Es mag hier bemerkt sein, daß drei christliche Familien, die ihre Häuser neben Beth Hakerem haben, von der Haganah in Beth Hakerem beschützt worden sind. In das Dorf Dir Jassin, woher die Hauptangreifer auf Beth Hakerem kamen, kehren die Bewohner langsam wieder zurück und werden vom Seminar aus Tag und Nacht beobachtet. — In Bajith Wegan ist es still. Die Militärbesatzung hat sich in ein hohes,- vollkommen ausgeplündertes Haus zurückgezogeh und führt hier eih beschauliches Dasein; Die Bäckerei Trachtenberg hat ihre Tätigkeit wieder ausgenommen und während des Tages fahren auf der totenstillen Straße die Autos der Bäckerei hin und her. Die Araber der nahen Umgegend sind bis zum heutigen Tag. in ihre Wohnungen nicht zurückgekehrt. Die 40 Studenten aus Oxford nahmen ihren Abschied und kehrten nach England zurück.- Drei vön ihnen wurden verwundet, einer davon schwer. Der High Commissioner nahm offiziell yön ihnen Abschied und dankte ihnen für ihr tapferes Verhalten. Es gebührt ihnen aber vor allem der herzliche Dank der jüdischen Bevölkerung für die Uneigennützigen Dienste, die sie uns geleistet, und daß sie Uns bei der Verteidigung verschiedener Punkte in heldenmütiger Weise geholfen haben. Es bedarf wohl kein# Weiteren Erklärung, wes- - (halb gerade die Stätten des alten J<Lsu warn schrecklichsten gelitten haben; sie waren eben wehrlos. Aus allen Berichten geht hervor, daß die Situation in Saffed nicht minder schrecklich war als in Hebron, Wenn auch in Saffed nicht so viele Todesopfer zu konstatieren waren. Aber noch heute werden Personen in Saffed vermißt, deren Aufenthalt bis heute nicht festgestellt werden konnte. Ein großer Teil dar Toten Ist grausam gequält worden. Das Zerstörungswerk in Saffed ist schrecklich und ein sehr großer Teil der Bevölkerung ist völlig verarmt. Fast das ganze Jüdische Vierter ist verbrannt. Schwer ist die Lage in Saffed. Da nicht genug Lebensmittel gebracht werden konnten, sind die Rationen sehr spärlich. In dem Flüchtlingslager im Hof des Regierungsgebäudes' herrscht schreckliche Enge. Durch den Fall eines Kindes kam es zu einer Verwirrung unter den Flüchtlingen und die Panik benützte ein arabischer Polizist, um an den Juden sein Mütchen zu kühlen. Er schoß in die schutzlose Menge; vier Personen wurden verwundet und ein Knabe getötet. Manche Familien, die es in der Enge nicht aushalten konnten, kehrten in ihre Wohnungen zurück, wo sie tagelang hungerten, während die Araber noch immer gestohlenes Gut durch die Gassen schleppten. Die Stadt Saffed hat viel schwerer gelitten als in der Kriegszeit, wo hier eine Typhusepidemie herrschte. Schlimm genug waren die letzten Tage für die Kolonien Öbergalilaeas. Neben Y-assod Hamalah wurden Boote vorbereitet, um Räubern aus Transjordanien den Uebergang zu ermöglichen; die Einwohner der Kolonie mußten wegziehen und es blieben nur einige Greise, die seit 40 Jahren im Lande sind und die Stätte ihrer schweren Arbeit nicht verlassen wollten. Auch Rosch Plnah, Ajeleth Haschachar und Mettulah waren ln schwerer Oefahr. In Untergaliiäa ist die Lage noch nicht ganz geklärt. Ein Angriff auf Sedjera wurde zurückgeschlagen; die Kolonie Menhamijeh mußte von den Juden geräumt werden. So hat der Brand fast das ganze Land erfaßt und fast Überall mit Ausnahme von Samaria schwere Wunden geschlagen. Aber Im allgemeinen kann man sagen, daß die Araber bei weitem nicht das erreicht haben, was sie beabsichtigt hatten. Denn es ist klar: wenn es an einem Tage im ganzen Lande losgegangen wäre, dann wäre das jüdische Palästina gewiß verloren gewesen. So aber haben an den meisten Punkten des Landes die tapferen Mitglieder der Haganah heldenmütig gekämpft (Huladah, Beth Alpha usw.) und es steht der jüdische Jischuw, zwar aus vielen Wunden blutend, aber doch noch stark und großenteils ungebrochen in seinem Mute da, und wartet auf den Moment der vollkommenen Ruhe im Lande, um mit fester Zuversicht an den Aufbau des Zerstörten und an eine rasche Weiterarbeit heranzugehen, die kommen muß. Und daß sie kommen wird, dafür sind vielleicht schon die ersten Anzeichen vorhanden. Die Juden in Galuth haben Erez Israel in dieser schweren Zeit nicht vergessen, und Zionisten wie Nichtzionisten werden jetzt in großzügiger Weise helfen, die Ruinen wieder aufzubauen und mit rascher neuer Aufbautätigkeit zu beginnen. Daß man den Unglücklichen helfen wird, daran haben wir keine Minute gezweifelt; aber wenn in diesen Stunden des Schreckens uns die Nachricht erreicht, daß mit der Schaffung eines großen I m m igrationsfonds begonnen wurde, daß bereits große Beträge für denselben vorhanden sind, so erfüllt uns diese Botschaft mit neuem Mut und neuer Zuversicht, mit der Hoffnung, daß eine neue Aera beginnen und daß das jüdische Nationalheim in rascherem Tempo aufgebaut werden wird, als wir bisher erwarten konnten. Das Aufbauwerk wird fortgeführt werden New York, 9. September. (J. T. A.) Herr Felix AL Warburg, Präsident des American Joint Distribution Committee und des Administrative Committee der Jewish Agency, erklärte nach seinem Wiedereintreffen in New York, man werde das Aufbauwerk ln Palästina ohne Unterbrechung weiterflilvren. Die Nöte und Grausamkeiten, die die Juden Palästinas zu erleiden haben, seien das Resultat von Mißverständnis und unehrlicher Agitation, der nicht von jenen Stellen rechtzeitig, begegnet worden ist, die hierzu verpflichtet waren. Die Behörden waren, nicht genug wachsam. Eine arabische Delegation beim Staatssekretär Stimson New Y o r k, 9» September. Eine Abordnung der Araber in Amerika erschien beim Staatssekretär Stimson, um ihm darzulegen, diaß die Mißachtung des Sel'bstbesttmmUin’gsrechtes dier palästinensischen Araber durch die Batfour-Deklaration und durch die Begründung eines jüdischen Staates die Schuld an den palästinensischen Wirren trage. Staatssekretär Stimson ging auf die von den Mitgliedern der Delegation vorgebrachten Einzelheiten nicht ein, sondern hielt an sie die folgende Ansprache; Ich freue mich, Gelegenheit zu haben, zu Ihnen über die tragischen Ereignisse in Palästina zu sprechen und bin überzeugt, daß Sie ebenso wie die Regierung und alle Bürger der Vereinigten Staaten tiefes Bedauern empfinden über den Verlust so vieler Menschenleben und die Leiden, die diese Vorkommnisse so zahlreichen Bürgern Palästinas gebracht haben. Ich bin erfreut, zu hören, daß bald volle Ordnung hergesteilt sein wird. Während ich es mir versagen muß, auf Ihre, betreffend die Zukunft Palästinas vorgdbraöhten Ansichten efatz mgehen, drängt es mich, meiner Ueberzeugung Ausdruck zu geben, daß der Sache der Zivilisation und dem besseren Verständnis unter den Völkern, Rassen und Religionen nicht durch Gewalt und Gegenbeschuldigung gedient wird. Hoover will Araber nicht empfangen New York, 9. September. (J. T. A.) Die Mitglied«, der ara/bischen Abordnung versuchten, eine Unterredung mit dem Präsidenten Hoover herbeizuführen; sie wurden aber vom Präsidenten nicht empfangen, sondern an das Staatsdepartement verwiesen. Nichtjüdischo amerikanische Führer fiir die Juden Palästinas New York,^13. September. (J, T. A.) In Harrfcburg, Pennsylvania, wurde eine Maseenprotestversaimmiung gegen d'ic Angriffe auf das palästinensische Judentum abgehalten, in der der Gouverneur von Pennsylvania, Fisher, und der Generalsekretär der AröeHergewerkschaften, James Davis, in Ansprachen gegen die arabischen Angriff« auf die friedlich arbeitenden palästinensischen Juden protestierten. Sie betonten, daß alte rechtdenkemden Christen ein« sind in der Sympathie mit dem Judentum angesichts des Unglück«, das Ober di« Juden Palästinas heremgebrochen ifet.

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