Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 91 (12.9.1929)
- Date
- 1929-09-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 14 DIE STIMME Nr. 91 Großmächte Europas in einen allgemeinen Krieg verwickelt sind und jede für sich zu sorgen hat. So ersehen wir, daß Mendelssohn keineswegs an die Möglichkeit einer Zukunft der Juden als freies Volk im eigenen Lande jweifelte. Man muß im Gegenteil die großzügige voraussehende Konzeption Mendelssohns, der die einzige mögliche Lösung des Judenstaatsproblems in einem zwischen allen Staaten tobenden Weltkrieg erblickt, bewundern. Die historische Entwicklung gab ihm recht. Der letzte Weltkrieg hat vielleicht, als eine seiner großen positiven Taten uns Juden die Möglichkeit gegeben, dieses Projekt, das schon Mendelssohn zu begutachten hatte, zu realisieren. Dies beweist wohl am deutlichsten, daß Mendelssohn für die folgerichtig historische Entwicklung des jüdischen Volkstums weitaus mehr Sinn und Verständnis hatte, als seine Jünger, die im absichtlichen Mißverständnis seiner Ansichten und Lehren die Assimilation des jüdischen Volkes, im Gegensatz zu ihrem Lehrer, predigen. Berlin dankt seinem großen Bürger Oberbürgermeister Böß veröffentlicht in der «C, V.-Zeiturcg» unter der Ueberschrift «Berlin dankt seinem großen Bürger» die folgende Kundgebung aus Anlaß der 200. Wiederkehr des Geburtstages Moses Mendelssohn am 6. September 1929; «Berlin ehrt in Moses Mendelssohn den Mitbürger, den Deutschen und den Philosophen. Mendelssohn hat, was er von Berlin empfangen, mit der Verschwendung einer reichen und vornehmen Natur zurückgegeiben, nicht einem Stand oder einer Klasse, sondern der ganzen Stadt, Besonders warm hat er sich für die soziale und politische Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger eingesetzt. Der Jude Mendelssohn war ein echter Deutscher. Er wogte deutsch sein; er sehrieb deutsch und nahm nach deutscher Art einen Familiennamen an. Er hat trotzdem sein Judentum nie verleugnet. Er wollte aber nicht, daß der Jude ein Kosmopolit sei. Lessing, der protestantische Pastorensohn, hat in Moses Mendelssohn, dem Sohn eines jüdischen Kantors, eine „Ehre seiner Nation” gesehen. Mendelssohn ist der welteatwirkende deutsche Verkünder der Philosophie eines Leibnitz und Wolff gewesen. Wie Mendelssohn Wirtschaftler, Philosoph und Künstler zugleich war, so sind auch seine Nachkommen tüchtige Wirtschaftler und hochbegabte Künstler. Viele tüchtige Berliner Bürger und Bürgerinnen sind aus dem Geschleckte des Moses Mendelssohn hervorgegangen. Die Stadt Berlin gedenkt mit Dankbarkeit ihres großen Sohnes anläßlich der 200jährigen Wiederkehr seines Geburtstages.» Berlin ehrt Moses Mendelssohn Berlin, 6. September. (J. T. A.) Anläßlich des 200. Geburtstages Moses Mendelssohn hat der Magistrat heute durch Stadtrat Dr, Treitel am Grabe des großen Philosophen auf dem alten jüdischen Friedhofe in der Großen Hamburger Straße einen Kranz mit der Widmung «Ihrem großen Mitbürger Moses Mendelssohn. Die Stadt Berlin.» niederlegen lassen. Pie Mendelssohnfeier in Dessau Dessau, 7. September. (J. T. A.) Mie Mendelssohn- Feier in Dessau begann am 6. September mit einer Festvorstellung des «Nathan der Weise» von Gotthold Ephraim Leasing, dem Mendelssohn als Vorbild für seine Nathan-Gestalt diente. Die Vorstellung, die die Stadt Dessau zum Andenken an ihren großen Sohn gegeben, hatte, wurde mit einem Prolog von Arnold Zweig eingeleitet. Der Schauspieler August Eichhorn gab die Holte de« Nathan in der Ma^ke Mendelsahns. Mendelssohnfeier im Lessing-Museum Berlin, 7. September. (J. T. A.) Im Lessing- Museum, das im Nicolai-Hause, dem Hause des Freundes Mendelssohns, untergebracht ist, wurde am 6. September, abends, eine Mendelssohn-Feier ab gehalten. Paul Alfred Merbach zeichnete das WesertsbiM des Menschheitserziehers und Religionsphilosophen nach. Merbach schilderte das Leben Mendelssohn, der die deutschen Juden aus geistiger Bedrückung und sozialer Gebundenheit in die Freiheit führte. Man hörte noch das letzte Kapitel aus Mendelssohns «Phandon». Felix Robert Mendelssohn spielte mit seinem Trio Kompositionen Felix Mendelssahn-Bartholdys. Mendelssohn Lieder sang die Sopranistin Susanne Holländer. Die Mendelssohn-Feier und die Presse Berlin, 7, September. (J. T. A.) Ans Anlaß der 200. Wiederkehr des Geburtstages Moses Mendelssohns gaben die jüdischen Zeitungen in Deutschland und die in deutscher Sprache erscheinenden jüdischen Zeitungen des Auslandes Mendelssohn-Festnummern heraus. Die große deutsche Tagespresse und die große Presse des Auslandes gedachte an diesem Tage des großen Religlonsphilosophen durch Veröffentlichung von biographischen und wertenden Aufsätzen. Mendelssohn-Feier 2m Centralverein Berlin, 3. September. Mit einem warmherzigen Nachruf für die Palästina-Opfer enöffnete Dr. Bruno Glaserfeld, der Vorsitzende des Landesverbandes Groß-Berlin des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Sonntag, vormittags, eine gut besuchte Mendelssohn-Feier im Logenhaus, Kleiststraße. Der Direktor des C. V., Dr. Ludwig Holländer, sprach über «Was lebt von Moses Mendelssohn ln uns und für uns?» Die Bedeutung des großen Mannes bestehe darin, daß er den Typ des deutschen Juden geschaffen habe: durch das Bestreben nach Klarheit und Wahrheit; durch die Anerkennung der Werte der deutschen Sprache und Kultur; durch Umwandlung von Nation zum Volksbestandteil; durch Liebe zur jüdischen Gemeinschaft. Moses Mendelssohn lebte für uns, weil er auf die Notwendigkeit, mit Nichtjuden unsere politische Lage zu erörtern, und durch den Fortschritt der Menschheit unsere Rechte zu erlangen, ferner Gefahrenquellen zu erkennen und ihnen entgegen zu treten, in meisterhafter Voraussicht hingewiesen habe, Bibliographie Moses Mendelssohn. Ein Lebensbild filr die israelitische Jugend, dargestellt von J. Herzberg. Zweite, verbesserte Auflage mit 2 Abbildungen, gechmackvoll in Ganzleinwand gebunden Mk. 2.50. Verlag M. W. Kaufmann, Leipzig. Jubiläumsausgabe von Moses Mendelssohns gesammelten Schriften. Das Mendelssohn-Komitee zur Herausgabe von Moses Mendelssohns gesammelten Schriften teilt mit: Moses Mendelssohn gehört in der Geschichte der Wissenschaft und der Literatur mehr als einem Fachgebiet an. «Weltweisheit;» und Judentum sind die Mittelpunkte seines Werkes, das in imposanter Universalität alle Strömungen seiner Zeit repräsentiert. Von diesem Werk gibt e§ keine modernen Anforderungen genügende Gesamtausgabe, Die von G. B. Mendelssohn veranstaltete liegt mehr als 80 Jahre zurück und ist längst vergriffen. Das Jubiläum von 1929 bot Anlaß zu einer neuen, den ‘leidigen Anforderungen der Forschung genügenden Ausgabe, Es ist gelungen, durch Nachforschungen in Öffentlichen und privaten Bibliotheken und Archiven reiches neues Material, Aufsätze und Entwürfe, Fragmente, Gedichte, Stammbucheintragungen, Anmerkungen zu fremden Werken und Insbesondere bisher unbekannte Briefe zutage zu fördern. Die Ausgabe wird aus Anlaß der 200. Wiederkehr des Geburtstages Moses Mendelssohns von der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Gemeinschaft mit einem Ehrenausschuß veranstaltet. Moses Mendelssohn, der Mensch und das Werk. Zeugnisse, Briefe, Gespräche, Herausgegeben und eingeleitet von Bertha Badt-Strauß. 288 Seiten, zehn Tafel- und Textbilder, holzfreies Papier, Einband in Ganzleinen, Preis RM. 7.— (Welt-Verlag, Berlin). —• Eine Parallelausgabe des Buches bringt fiir seine Mitglieder der Heine-Bund, Berlin W 57, Pallasstraße 1Q/U, heraus, Eine Schrift über Mendelssohn. Anläßlich der 200. Wiederkehr des Geburtstages von Mose« Mendelssohn hat die «Encyclopaedia Judaica» im Verlag Lambert Schneider, Berlin, eine Schrift über Moses Mendelssohn veröffentlicht. Diese Schrift enthält Aufsätze von Prof. Ernst Cassirer, Dr. Bruno Strauß und Dr. Simon Bernfeld sowie eine auofühnlicbe bibliographische Uebersicht der Moses-Menidetesohn-Literatur (von Hermann Meyer), Sie ist auch mit einer Reih? noch unveröffentlichter Bildnisse sowie eines auch unveröffentlichten Briefes von Moses Mendelssohn an Herder ausgestattet. 23.000 jüdische Bauernfamilten in fünf Jahren angesiedelt. Moskau, 4. September, (J. T. A.) Im Zusammenhang mit dem fünfjährigen Bestehen der Regierungsgesellschaft für Landansiedlung und Industrialisierung der Juden, «Komzct», wird ein Bericht über die bisherige Tätigkeit auf dem Gebiete der Landansiedlung von Juden veröffentlicht, dem zu entnehmen ist, daß in den letzten fünf Jahren 23.000 Jüdische Familien auf derr Lande angesicdelt worden sind. Komzet hat einen Plan ausgearbeitet, laut welchem in den kommenden fünf Jahren 53.000 jüdische Familien als Bauern auf dem Lande angesiedelt werden sollen, Samuel Lamport trifft ein Abkommen mit der Sowjetregierung. Moskau, 4. September, (J. T. A,) Der bekannte New Yorker Textil-Magnat Samuel Lamport hat eine Konzession für Einrichtung von Textil-Imdustrien in Rußland von der Sowjetregierung erhalten, — Das amerikanische Textile Institute, dessen Repräsentant Herr Lamport ist, soll laut dem Abkommen 10 Millionen Dollar in das russische Geschäft investieren. Ort und Agro-Jolnt haben gemeinsam einen Plan ausgearbeitet, laut welchem ln den jüdischen Kolonien kleinere Trikotage-Fabriken errichtet werden sollen, damit die Jüdischen Landwirte auch im Winter sich produktiv betätigen können. Todesurteile gegen die Organisatoren des Pogroms auf die jüdische Kolonie ln Perwomejsk. Moskau, 4. September. (J. T. A.) Das Kreisgericht in Mariupol hat die bei den Bauern Jefrm Dergai und Iwan Tscherbon, die den Pogrom gegen die jüdischen Kolonien Nummer Drei im Rayon Perwomejsk organisiert haben, zum Tode verurteilt. Ein Abkommen zwischen der Föderation der jüdischen Hilfsgesellschalten Englands und der Sowjetregierung Moskau. (J. T. A.) Zwischen der Sowjetregiemng und dem Hauptsekretür der Föderation jüdischer Hilfs— vereine in England, A. M. Kaiser, wurde ein Abkommen geschlossen, demzufolge die Föderation 100.000 Dollar und die Sowjetregierung 100.000 Dollar für Hilfe an jüdische Deklassierte in den Städten und Städtchen in diesem Jahre aufwenden werden. 60 Prozent der Summen gehen für konstruktive Hilfe, 40 Prozent für Speisurngsanstailten, Greisenasyle, Spitäler und Kinderanstalten. Der jüdische Hochschüler Inskriptionen. Die Insikriptiousfrist an der Universität ln Wien läuft für In- und Ausländer vom 1.—31. Oktober 1929. Nachträgliche Inskriptionsgesuche sind vom 2. bis 14. November bei den Dekanaten einzureichen. Nach dem 14. November werden Gesuche um Inskription nicht mehr angenommen. Die Inskriptjonsfrist an der Technischen Hochschule läuft vom 23. September bis 9. Oktober d. J. Der internationale Studentenausweis. Die «Conted^ration internationale des etudiants» (C. I. E.) gibt mit Billigung und Unterstützung der Völkepbu,ndkommis8ion für geistige Zusammenarbeit eine internationale Studentenlegitimation aus, die dem Inhaber bei Reisen Ins Ausland große Vorteile gewährt. Der Weltverband der jüdischen Studentenschaft hat nun mit der C. I. E. ein Abkommen getroffen, das von dem vor einem Monat in Budapest stattgefundenen Kongreß ratifiziert wurde. Im Sinne dieses Abkommen» wird der Weltverband der jüdischen Studentenschaft und d4e einzelnen Landesverbände das Recht haben, unter folgenden Bedingungen die Identitätskarte m die Mitglieder der jüdischen Studentenorganisationen auszugeben: 1. In jenen Ländern, in denen jüdische Studenten der offiziellen Organisation des betreffenden Staates (wie zum Beispiel Frankreich, England, Belgien) angeboren können, erhalten sie die internationalen Studentenr ausweise von derselben. 2. In Ländern, in denen eine Gesamtorganisationnicht 'existiert, (wie zum Beispiel Polen, Oesterreich, Rumänien, Ungarn) erhält die jüdische Studentenorganisation die internationale Studentenlegitimation für ihre Mitglieder ausgefolgt. 3. ln Staaten, in denen der sub 2 erwähnte Fall nicht möglich ist, bezieht die jüdische Studentenorganisation die internationale Studentenlegitimation für ihre Mitglieder von der dritten Kommission der C. I. E. in London, Demnach wird 'in Oesterreich die organisierte jüdische Studentenschaft bereits im nächsten Wintersemester vom Jüdsichen Hochschulauss-chuß, Wien, IX„ Zimmennannplatz 8, die internationale Studentenlegltlmation (Carte d’identite internationale des etudiants) ausgefolgt erhalten. Die Organisierung der hebräischen Schriftsteller und Leser Während der Tagung des XVI. Zionistenkongresses fand in Zürich, das seit dem XIII. Karlsbader Kongresse traditionelle Treffen der! dort anwesenden hebräischen Schriftsteller statt. Diese Zusammenkunft wird jeweils ohne jede gehörige Vorbereitung und sogar ohne vorher bestimmte Tagesordnung veranstaltet. Doch war es an der Zeit, den langerwarteten, allweltlichen Hebräerkongreß elnzuberufen und die lang ersehnte Weltorganisation der Hebräischsprechenden zu schaffen. Entsprechende Mittel mußten ergriffen und vieles, für die Organisierung und Verbesserung der Lage des hebräischen Schriftstellers,Lehrers, Künstlers usw. sowie für die Verbreitung des hebräischen Buches getan werden. Bisnun sind nicht einmal die hebräischen Schriftsteller in Palästina vollzählig in einer Organisation vereinigt und auf den PEN-Klubkongressen repräsentieren großmütig dem hebräischen Schriftsteller die Vertreter der Jiddischsten, treten dort mit Stolz als Träger und Schöpfer der gesamten Literatur und des ganzen jüdisohen Volkes r. T. Nur wenige wissen, daß es in Palästina und in der Diaspora hunderte hebräische Schriftsteller gibt, die stolzen Träger einer großen, alten und lebendig neuen, hebräischen Literatur. Und merkwürdig! Dem Pen-Klub können nur territoriale Sektionen angehören! Trotzdem setzt, eich dort als interterritoriale Sektion zu haben es die jiddistischen Schriftsteller durchge-