Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 91 (12.9.1929)
- Date
- 1929-09-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr, 91 DIE STIMME Seftc IS Zar 200. Wiederkehr des tiehartsföges floses Mendelssohn Moses Mendelssohn (Anläßlich des 200. Geburtstages.) Von Dr. N. M. Gelber. Ain 6. September d. J. sind es 200 Jahre geworden, daß im Anhalt’schen Dessau dem Thoraschreiber Menachem Mendel Moses, mit seinem späteren Familiennamen Mendelssohn, geboren wurde. In seiner Heimat genoß der junge Mendelssohn eine streng jüdische Erziehung unter der Leitung des Dessauer Rabbiners David Främkel, von dem er auch in die mittelalterliche jüdische philosophische Literatur cingeführt wurde. Seinem Lehrer folgte er nach Berlin, wo sein erstes Zusammentreffen mit der europäischen Kultur erfolgte, welche Tatsache seiner späteren Entwicklung den eigentlichen Stempel aufdrückte. Hier von Freunden, wie Dr. Aron Gumperz, Dr. Abraham Kisch und dem polnischen Juden Israel aus Zarnosc in die Wissensgebiete der europäischen Kultur und Sprache eingeführt, war er berufen, in der Entwicklung des modernen Judentums eine führende Rolle zu spielen und der Schöpfer einer neuen Geschichtsepoche zu werden. Von den damaligen führenden Geistern der deutschen Literatur, in die Mendelssohn durch Dr. Gumperz eingeführt wurde, erhielt er die ersten Anregungen zu seiner Ft* rarischen und philosophischen Schriftstellerei. Nebst den allgemeinen philosophischen Problemen, deuten er eine ganze Reihe von bedeutenden Schriften widmete, war sein Hauptinteresse auf das Judentum und dessen zukünftiges Schicksal gerichtet. Moses Mendelssohn ist im Laufe der letzten anderthalb Jahrhunderte von der jüdischen Geschichtsschreibung sicherlich viel Unrecht widerfahren, was z<ur Folge hatte, daß sein geistiges Profil falsch beurteilt wurde. So wurde er stets als der Initiator der um die Mitte des XVIII, Jahrhunderts einsetzenden Assimilationsbewegung im jüdischen Volke bezeichnet. Es kam sogar so weit, daß mit dem Beginn der aufstrebenden jüdisch-nationalen Bewegung Mendelssohn stets als derjenige Mann dargestellt wurde, dem wir das ganze Unheil der Assimilationsbewegung zu verdanken hätten. Es ist daher kein Wunder, daß einer der geistigen Schöpfer der . modernen jüdischen Renaissancebewegung, Perez Smolenski, der auf publizistischem Gebiete als einer der ersten Rufer für die Wiederbelebung der hebräischen Sprache, des jüdischen Volkes und Landes eintrat, in einer seiner grundlegenden Abhandlungen (Eith lataath) den Versuch unternommen hatte, den historischen Beweis zu erbringen, daß der Verfall des jüdischen Volkstums seit dem Zeitpunkte des Auftretens Mendelssohns beginne. Er machte Mendelssohn und seiner ganzen Schule zum Vorwürfe, daß sie sich bemüht haben, den nationalen Charakter des Judentums zu verwischen und dem Judentum einen ausgesprochen konfessionellen Stempel mit weitgehenden Reformtendenzen zum Schaden des Judentums aufzudrückön. Er ging in seinen Schlußfolgerungen sogar so weit, daß er Mendelssohns historische Bedeutung zu verkennen «chien, wenn er auch ihm den guten Glauben zuschrieb, Für seine Person am Judentum und seinen Traditionen festzuhalten. Dadurch, daß Mendelssohn bemüht war, die jüdische Absonderung von den anderen Völkern durch ihre Einführung in den europäischen KtiKurkreis aufzuheben, soll er als erster den eigentlichen Anstoß zum Assimilationsprozeß gegeben haben. Smolenski schrieb dies insbesondere seiner deutschen Bibelübersetzung zu, die eben die Juden befähigen sollte, sich dem deutschen Sprach- und Kulturkreis zu nähern. Die lange historische Distanz hat uns jedoch bei einer ruhigen Erwägung der inneren Entwicklungsprozesse klar gemacht, daß die von Smolenski erhobenen Anklagen gegen Mendelssohn nicht ganz zurecht bestehen können, wenigstens insoweit sie auf seine eigene Person Bezug haben. Eines ist sicher: Mendelssohn hat mit dem neuen Auftakt der Aufklärungsbewegung (Haskalah) keinesfalls die Inaugurierung eines Entjudungsprozesses, wie es vielleicht fälschlich von seinen Jüngern aufgefaßt wurde, beabsichtigt. Im Gegenteil: Die Tatsache, daß Mendelssohn selbst im Jahre 1750 eine hebräische Zeitschrift «Kohfcteth Musar», herausgab, die als erste periodische Schrift in hebräischer Sprache jüdische Angelegenheiten im damaligen europäischen Sinne zu behandeln versuchte, beweist, daß er keineswegs geneigt war, auf die hebräisclu Sprache als Kultur- und > nationale Sprache unseres Volkes zu verzichten. Als sich um ihn bereits eine größere Schär von Schülern und Jüngern sammelte, ist dank seiner Anregung und Initiative im Jahre 1783 die Vereinigung zur Pflege der hebräischen Sprache (Chewrath Dorschli lasclon elnver) und die erste neuhebräische Monatsschrift «Hameassef» entstanden, mit der eigentlich der Auftakt zur modernen hebräischen Literatur gegeben wurde. Schon die Absicht der Herausgeber, den hebräischen Stil von unnatürlichen Sprachkünsteleien zu reinigen und den jüdischen Leser zu gewöhnen, in klarer Ausdrucksförm seine Gedanken zu äußern, macht es klar, daß zu dieser Zeit in dem Kreise gar keine Absicht zur Einleitung einer Assimilationsbewegung vorhanden sein konnte. In dieser Haskälaperiode wurde eigentlich die erste Grundlage unserer nationalen Ideologie gelegt. Der Eifer, mit dem die hebräische Sprache verbreitet wurde, und die nahezu abgöttische Liebe zum hebräischen Wort beweisen deutlich, daß die ersten Haskalatendenzen unter Mendelssohns Führung keinen absichtlichen Niedergang de« Judentums im rralionalkultiurellen Sinne zum Ziele hatten, sondern im Gegenteil, durch diese positive nationale Einstellung, die wohl in der Sprache ihren stärksten Ausdruck fand, wollte sie die Entwicklungswege den neu entstandenen Umständen, wie sie das europäische Leben an uns Juden stellte, anpassen. Auch viele andere Forderungen, für die dis ersten Maskilim eintraten, wie Heranziehung der Juden zur Landwirtschaft und praktischen Berufe, wirtschaftlich-soziale Umschichtung sind keineswegs klare Anzeichen des Willens nach einer Assimilation, sondern nach einer Gesundung des gesamten Volkslebens auf neuen Grundlagen. Allerdings haben Mendelssohn und seine ersten Jünger das offene Bestreben gehabt, die Scheidewand zwischen dem Ghetto und Europa abzutragen und einen intimeren Kontakt zwischen uns Juden und dem europäischen Geistesileben herzustellen, ohne jedwede Absicht aber, durch diesen Kontakt das Judentum in seinem eigentlichen Daseinswesen zu schädigen. In ähnlichem Sinne sind auch die Anklagen der Orthodoxie, daß mit Mendelssohn das Zerstörungswerk de« jüdischen religiösen Lebens eingesetzt habe, nicht stichhältig. Mendelssohn selbst war aufs peinlichste bedacht, in seinem privaten- und Familienleben jedes religiöse Gebot zu beachten und nichts zu tun, was ge- Dflssp Schlager zu Meuti dßr laotstarhe Hoffergpammopiton Kassapreis S €6'— odtr Anzahlung S und 12 Raten k S< ö'SO mit eingebautem Plattenbehälter für 8 bis 10 Schallplatten u. einer doppelseitigen Schlagerplatte. — Große Auswahl in jüdischen und hebräischen Aufnahmen. Musikhaus Exzelsior Inhaber: Richard. Herzog Wien, I., Adicigasce 5. Telephon R 23-1-90 Wien, II., Kl. Pfarrgasse 2«. Telephon A 41-6-24 eignet wäre, jüdische Lehre und Tradition zu verletzen. Daß die spätere Entwicklung der Haskaiabewegung andere Wege eingescftlageri hat,' ist sicherlich nicht auf das Schuldkonto Mendelssohns zu buchen, wie denn überhaupt Mendelssohn hur der geistige Anreger und Initiator keineswegs aber der Führer der Halkalabewegüng gewesen ist. Schon zu seinen Lebzeiten lag die Führung der Haskaiabewegung als Kampfbewegung, nicht in seinen, sondern in den Händen Naphtali Hirz-We&selys, der ebenfall« von Assimilitionstendenzen fern stand, und gleich seinem Lehrer Mendelssohn in seiner Schrift «Diwrei Schalom weemeth» um den Fortbestand des jüdischen Volkstums unter Anpassung an die neuzeitlichen Bestrebungen kämpfte. Mendessöhns Bedeutung tritt auf vielen Gebieten des geistigen Lebens zutage. Sein literarischer Kampf mit Lävater brachte ihn dazu, sich ernstlich mit Fragen des kulturellen Aufschwunges der Juden m beschäftigen. Seine deutsche Bibelübersetzung gab den Anstoß zu einer netten Kultürbewegung, wobei jedoch betont werden muß, daß Mendelssohn mit der Uebersctzung absolut nicht die Tendenz verfolgte, den hebräischen Text der Bibel bei den Juden ln Vergessenheit geraten zu lassen. Im Gegenteil. Er wollte durch diese Uebcrsetzung die Juden zu einer intensiven Beschäftigung mit der Bibel, die infolge des Talmudstudiums gerade in Mittel- und Osteuropa vernachlässigt wurde, anregen und ihnen das heilige Schrifttum näherbringen. Die deutsche Uebersetzwig Rollte ihnen auch die Möglichkeit geben, den Weg zur europäischen Kultur zu finden und sie aus der geistigen Abgeschlossenheit, in der sich das Judentum «eit dem Mitteiälter befand, herauszureißen. Es lag ihm aber ferne, irgendwelche religiöse Reformen einzufUhren öder am Bibeltext Kritik zu üben. Um die Juden für eine Gleichberechtigung und gleiche Stellung rtk den anderen Einwohnern der Staaten, in denen sjie wohntetf, zu befähigen, war es ihm vor allem daran gelegen, innerhalb des jüdischen Volkes eine innere Kdltyrerneueruhg herbeizuführen. Der Kampf der orthodoxen 'Rabbiner, wie des Prager Oberrabbiner Jecheskle! Landau (Noda b’Jehuda 1752—1793), des Posener Rabbiner Hirsch Janow- Charif (1750—1785), des Frankfurter Rabbiner Pinchas Hurwitz (1740—1802), Raphael Kohen (1722— 1803) und vieler anderer gegen ihn als denjenigen führten, der den Entwicklungsweg des traditionellen Judentums zu sprengen drohte, sowie der Bannfluch (Cherem) zu Fürth (1779) waren daher ganz unbegründet. Die verschiedenen inquisitorischen Maßnahmen, die Verbrennung der ersten deutschen Bibelausgabe waren die Folge des Wutausbruches dieser Kreise, die in der Aufklärungsbewegung den Beginn des Entjudungsprozesses erblickten. Demgegenüber wurde aber Mendelssohn von vielen Historikern als der erste Förderer europäischer Bildung innerhalb der Judenheit geschildert. Bei einer genauen Verfolgung des geistigen Lebens der Juden in Deutschland, ja selbst in Polen, bemerkt man, daß schon lange vor Mendelssohn innerhalb der deutschen, österreichischen und polnischen Judenheit ein Drang nach allgemeiner Bildung vorhanden war. Schon seit dem XVII. Jahrhundert begegnen wir immer mehr Juden, die als Aerzte, oder auch sonst aus innerem Interesse heraus, europäische Sprachen lernen und sich eifrig mit allgemeinen Wissenschaften beschäftigen. Es genügt der Hinweis auf Tobia Haköhen, Dr. Anselm Wolf-Worms, Rafael Lewy, Aron David Fränkel, Aron Gumperz, den aus Bobrka in Galizien stammenden Israel Zarnosc, Barucli Schick, Jehuda Leib Margulies, Dr. Usiel und noch viele andere. Man kann daher nicht behaupten, daß erst mit Möses Mendelssohn der Eintritt der mittel- und osteuropäischen Judenheit in die allgemeine Bildung begonnen hat. Er hat allerdings durch seine schriftstellerische Tätigkeit den diesbezüglichen Drang innerhalb der jüdischen Jugend jener Epoche gestärkt und mit der deutschen Bibelübersetzung den breiteren Volksmassen den ersten Schritt zur Aufklärungsbewegung im europäischen Sinne möglich gemacht. Er versuchte auch vielleicht als Erster eine wissenschaftliche Behandlung des Judentums im modernen Sinne in seiner Schrift «Jerusalem», die im Jahre 1783 erschienen ist, vorzunehmen. Ohne welche Nebenabsichten untersucht er den dogmatischen Gehalt des Judentums, indem er den ewigen ethischen Gehalt hervorzustreichen und den Nachweis zu erbringen sucht, daß das Judentum seine Anhänger dogmatisch am wenigsten binde und daher keinen Gewissenszwang ausübe. Wenn es auch bestimmte Ausübungen erfordere, belastet es nicht das Gewissen mit einem aufgezwungenen Glauben. Mit dieser Schrift lenkte Mendelssohn die Aufmerksamkeit der christlichen Welt auf die Probleme der jüdischen Ethik und Religion. Mendelssohn vertrat somit eine Theorie, mit der er den Judaismus als einen rationalistischen Theismus auffaßt und die jüdische Religion nur als «geoffenbarte Gesetzgebung» darzustellen versuchte. In dieser Schrift tritt deutlich zutage, daß Mendelssohn zur Gänze von der formalistischen Denkweise der Aufklärer des XVIII. Jahrhunderts beherrscht war. Er wollte die Entwicklung des Judentums in Einklang mit den neuzeitlichen Ideen der Aufklärung bringen, wobei er jedoch nicht die Absicht hatte, auf das historisch gewordene Judentum irgendwie zu verzichten. Au« diesen Erwägungen heraus, wird es auch klar, daß Mendelssohn auch an andere Zukunftsmöglichkeiten des Judentums dachte. Itn Jahre 1770, also noch lange vor der Veröffentlichung seiner Hauptschrift «Jerusalem» nahm Moses Mendelssohn, als ihm ein «Mann vom Stande» einen Judenstaatsplan vorlegte, Gelegenheit, seinen Standpunkt zur Frag: eines eventuellen - jüdischen Staaiswesen klarzulegen. In seinem diesbezüglichen Antwortschreiben vom 26. Jänner 1770 erklärte er, daß ihm die Zuversicht des Verfassers in die Ausführung seines kühnen Unternehmens imponiert und ihm eine große Hochachtung vor seinem Charakter abgerungen habe. Er sieht in der Durchführung seines Judenstaatsplanes große Schwierigkeiten, die er jedoch eher auf den Charakter der jüdischen Nation, die nicht vorbereitet sei. irgend etwas Großes zu unternehmen, zurückführe, denn der «Druck, unter welchem wir seit so vielen Jahrhunderten leben, hat unserem Geist alte Vigeur benommen». Es ist nicht unsere Schuld, allein wir können nicht leugnen, daß der natürliche Trieb zur Freiheit in uns alle Tätigkeit verloren hat. Er hat sich in eine Mönchstugend verwandelt und äußert sich bloß im Beten und Leiden, nicht im Wirken.» — Schon deshalb sei er nicht in der Lage, an die Möglichkeit «einer Vereinigung der so sehr zerstreuten jüdischen Nation» zu glauben, und ohne diese Vereinigung wird der Judenstaatsentv/urf des anonymen Einsenders nicht gelingen können. Auch glaube er schwer daran, daß die Juden in der Lage wären, jene unermeßlichen Summen, die die Realisierung eines solchen Projektes erfordern, aufzubringen, denn «der Reichtum der jüdischen Nation besteht mehr in Krediten ah: in wirklichem Vermögen». Dieses ProHct, dar wijekt'iv genommen, seine Zustimmung ■ •■'. kann aber seiner Meinung nach nur dann reaii . werden wenn die