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Die Stimme · 1929-09-12 · Heft 91 (12.9.1929) · page 11

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 91 (12.9.1929)
Date
1929-09-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nr. 91 DIE STIMME Seite l! Der zweite Weltkongreß der Agudah Zum Weltkongreß der Agudah Von Kultusvorsteher Viktor Bauminger Aus aller Welt sind prominonte Männer der Thora und angesehene Führer des gesetzestreuen Judentums zusammengetreten, um zu den jüdischen Weltfragen vom Standpunkte der Religion Stellung zu nehmen. Es ist begrüßenswert, daß auch dieser Teil des religiösen Judentums vom Bedürfnis der organisatorischen Zusammenfassung seiner Kräfte langsam durchdrungen wird, wodurch eine Belebung und Produktiv, ierung dieser unversiegbaren Quelle jüdischen Schaffe n 6 zu erhoffen ist. Diese spontane, religiöse Kundgebung erscheint den Führern der „Agudas Jisroel“ um so notwendiger, als sie sonst auf keine positiven Leistungen hinzuweisen vermögen und in der jüdischen Gasse leicht in Vergessenheit geraten könnten. Bildet doch die „Agudas Jisroel“, so wie sie jetzt gebaut ist und geführt wird, eine Gruppe von Neinsagern mit einem Programm und einer Parole, die sich nur im Negative n erschöpfen. Die A g u d a sollte eine Organisation werden, ist aher im Laufe der Zeit, da sie von ihrem ursprünglichen Programm abgerückt ist, nur eine G e g e n Organisation geblieben. Sie sollte, wie sie von ihren Schöpfern gedacht wurde, eine religiös-konstruktive Organisation werden, wurde aber späterhin zu einer national-destruktiven . Gemeinschaft. Anstatt auf dem ursprünglich vorgeschriebenen Wege, innerhalb der eigenen programmatischen Grenzen, positive Arbeit zu leisten, verlegte sich die Aguda auf Arbeiten, die bei ihrer Gründung in ihrem Programm nicht gelegen waren, ihrem Aufgabenkreise nicht gehörten und machte Front gegen die nationale Renaissance, gegen die Aufbauarbeit in Erez Israel und gegen die E i n h e i t des jüdischen Volkes. Als die Aguda zuerst in Homburg begründet und in Kattowitz ins Leben gerufen wurde, hatte» ihren Schöpfern nichts anderes vorgeschwebt, als ©ine religiöse Galuthorgan i s a t i o n zu gelten. Zu ihrem Aufgabenkreis gehörten; Stärkung des religiösen Bewußtseins, Pflege der Thora'und der religiösen Hebungen inden Ländern der Galuth u. dgl. m. Die Palästinaarbeit war nicht Gegenstand ihres Programmes Auf politische Führung im Judentum erhob sie keinen Anspruch. War sie doch eine religiöse und keine politische Organisation. Und in konsequenter Weise wurden alle religiös-konservativen Juden der ganzen Welt, ohne Rücksicht auf ihre politische oder nationale Einstellung aufgerufen, der damals neugeschaffenen Organisation sich anzuschließen, um dem Niedergang der jüdischen Religion mit vereinten Kräften entgegenzutreten. Solange die Aguda in diesem, von ihr selbst geschaffenen Rahmen sich bewegte und ihren Prinzipien treu blieb, hatte sie auch auf keinen Widerstand zu stoßen. Insbesondere erfreute sich diese Gründung der uneingeschränkten Sympathien der Misrachiorganisation, die als religiöse Schwester Organisation bereit war, ihre, Bestrebungen tatkräftig zu unterstützen. Innerhalb der ursprünglich festgelegten Richtlinien war kein Raum für Reibungen und Gegensätze. Pie Linien der Arbeit waren beiderseits programmatisch genau umschrieben und begrenzt. Die Misrachi hatte ihr Tätigkeitsgebiet in Palästina, den religiösen Aufbau dort zu fördern. Sie war eine Palästinaorganisation. Die Aguda hingegen hatte religiöse Arbeit in der Galuth zu verrichten. Sie war eine Galuthorganisation. Beide konnten sieh in der religiösen Arbeit ergänzen, n e b e neinander friedlich bestehen und miteinander arbeiten. In ehrlicher, unpolitischer Arbeit war ein Erblühen jüdischer Religiosität auf der ganzen jüdischen Linie zu gewärtigen. Aber auch die anderen nationalen Gruppen des Judentums, die jede Zusammenfassung im jüdischen Leben stets begrüßen, stellten sich der Aguda nicht entgegen. Hat doch das nationale Judentum eine positive Einstellung zur jüdischen Religion, beherbergt es doch in seinem Lager sogar eine misrachistische* unter Führung prominenter Thoragelehrten stehende Gruppe strenggläubiger Juden. Selbst die linksgerichteten Flügel, die sozialdemokratischen Zionisten, sind im Gegensätze zu den Sozialdemokraten anderer Nationen, niemals aus ihrer Religionsgemeinschaft ausgetreten. Nationales Bekenntnis und ve 1 i g i öse Ge- , meinechaft sind in der jüdischen Renaissance noch immer untrennbare Merkmale jüdischer Zugehörigkeit. Hingegen waren es die liberalen Juden, denen diese Neuschöpfung ein Dorn im Auge war, weil sie eine Belebung des gesetzestreuen, von ihnen durch die Reformation totgeglaubten Judentums befürchteten. Die damalige Stellungnahme der liberalen Presse zur Gründung der Aguda war auch eine durchaus unfreundliche. Nach Ausbruch des Weltkrieges bemächtigten sich der Agudaführer Tendenzen, die ihrem Programme nie zugrunde gelegen waren. Es machten sich Aspirationen geltend, eine politische Führung im Judentum zu erlangen. Zu diesem Zwecke mußte die religiöse Organisation in eine politische umgewandelt werden. Die Gelegenheit war geboten. Die B a 1 f o u r - D e k ] a r a t i o n stand im Mittelpunkt des jüdischen Geschehens, Palästina ward zum Brennpunkt jüdischer Pionierarbeit. So mußte auf Erez Israel gegriffen werden. Die Mandatarmaeht, der Völkerbund, die Palästinaverwaltung als öffentlich-rechtliche Kontrahenten des jüdischen Volkes boten Gelegenheit, „hohe Politik“ zu machen. Und wie es schon einmal bei politischen Organisationen der Fall ist, mußte auch auf eine strammere Gesinnung der Organisationsmitglieder Bedacht genommen werden. So entstand auf der vorigen „Knessia Gdola“ der berüchtigte §4, demzufolge strenggläubige Juden anderer politischen Gesinnung aus der Organisation ausgeschlossen wurden. Es war ein großes Reinemachen; es war politische, nicht mehr religiöse Arbeit. Diese Politisierung der Religion hat erst Gegensätze heraufbeschworen, indem sie in unentschuldbarer Weise eine unnütze Scheidewand zwischen gleich strenggläubigen Juden zum Schaden der religiösen Interessen des Gesamtjudentums aufrichtete. In diesem Kristallisationsprozeß mußte naturgemäß auch die Gesamtideologie der Aguda eine Krise erfahren. War, dieselbe vorher aufgebaut auf dem Gedanken der Zusammenfassung aller rqligiösen Juden, ohne Unterschied der .Parteizugehörigkeit, also auf Basis der Einheit des jüdischen Volkes, so mußte nunmehr ihre politische Sonderstellung zur Aufgabe dieser geheiligten Volksprinzipien führen. Eine Identifizierung der Aguda mit der Trennungsideologie ist in Erscheinung getreten. Neben politischen Sonderaktionen ist eine systematische Trennungspolitik wahrzunehmen, sowohl in der Galuth wie in Erez Israel. Die in ihren Ländern vielleicht einmal historisch berechtigt gewesene Trennungsideologie jüdischer Gemeinden Ungarns und Deutschlands wird zur Richtschnur jüdischer Klal-Arbeit der Neuzeit. Der Kampf geht bis oder kommt von Erez Israel. Die religiöse Arbeit in der Galuth wird ganz vernachlässigt. In Erez Israel wird nichts Konstruktives geleistet. In die Jewish Agency wird nicht eingetreten. Man erschöpft sich in der Kritik der anderen, in Protesten und Memoranden . Die Organisation verliert langsam den Zusammenhang mit ihrem Ursprung, mit ihrem mnstigen positiven Programm. Sie wird eine negative Organisation, eine Partei der Neinsager. Und nun sind die Liberalen Zufrieden und 1 iebäugeln mit ihrer religiösen Schwesterorganisation ... Die gesetzestreue Arbeit in der Galuth wurde fast aufgegeben, dem nationalen Wiederaufbau in Palästina Hindernisse in den Weg gelegt, die Vereinheitlichung des jüdischen Volkes aufgehalten; paßt dies den Liberalen nicht in den Kram hinein? ... Und dennoch scheint die bevorstehende „Knessia Gdola“ ihre bisherige Ideologie einer Revision unterziehen zu wollen. Im Brennpunkt der Verhandlungen stehen die Abschaffung des § 4 und der Eintritt der Aguda in die Jewish Agency. Führende Köpfe der Aguda aus Polen, Deutschland und Amerika sind trotz Protest der Aguda* zentrale in die Jewish Agency eingetreten. Viele Landsmannschaften der Aguda haben sich für die Abschaffung des berüchtigten § 4 ausgesprochen . Die Jugend fordert Ai*beit, positive Arbeit, in der Galuth und in Erez Israel. Die Jugend ist schon satt des Neinsagens, sie will mit ihrem ganzen religiösen Opfermut Positives leisten. Sie will nicht mehr Gegenorganisation, sondern Organisatio sein. Wird die „Knessia Gdola“ sich aufraffeu, den Weg zu ihrem Ursprung zurückzufinden, das einst festgelegte positive Programm wieder ins Leben zu rufen, allen religiösen Juden die Möglichkeit zu geben, in konstruktiver Weise an der Belebung der Religion mitzuwirken, die Einheit des jüdischen Volkes wieder herzustellen, den Eintritt dieses wertvollen Teiles des Judentums in die Jewish Agency herbeizuführen — dann war ihr eino große historische Aufgabe beschieden. Diese Aufgabe ist: Zusammenschluß des gesamten g csetzeetreuen Judentums auf Basis der Einheit des jüdischen Volkes zum Zwecke der Intensivierung der religiösen Arbeit in der Galuth und inErez Israel. Im Einvernehmen mit allen anderen gleich strenggläubigen Juden, wird diese allen gleich heilige Arbeit intensiver und erfolgversprechender gestaltet werden können. Keine sozialdemokratische Siedlung hat jemals Gotteshäuser errichtet. In den jüdischen Arbeitersiedlungen Palästinas werden Synagogen gebaut. Kein Arbeiterblut ist jemals für die Erhaltung einer Kirche geflossen. Im Kampfe um die Klagemauer, uni das Recht des jüdischen Betens haben jüdische Arbeiter in den vordersten Reihen ihr Leben in die Schanze geschlagen. Der heilige Boden von Erez Israel bietet gewaltige Möglichkeiten für die schöpferische und unversiegbare Kraft der jüdischen Religion. Große und weite Perspektiven öffnen sich vor unseren Augen. Die Jewish Agency hat in ihrer Verfassung die Wahrnehmung der religiösen Interessen des Landes zugesichert. Palästina kann und-wird, auch eine religiöse Heimstätte w e r d e n -Tw e n ri a 11 e g . e s e t z e a t r e u e n Juden es wollen. Zwischen den Zeilen Knessio Gedaulo Der Saal gebadet im Lichte eickirischer Lampen. Schwarzgekleidete Männer füllen ihn bis ans letzte Plätzchen. Weit und breit keine Frau. Am Podium sitzt der Rabbinische Rat — die zeitgenössische Synode der jüdischen Orthodoxie. Ehrwürdige Gestalten, wallende, weiße Bärte, verträumte Augen. Ostjuclen. Neben ihnen am Präsidial tisch die Deutschen in blanken Zylindern. Ein seltsames Durcheinander: nicht nur in bezug auf Menschen, auch hinsichtlich der Ideen und Richtungen. Thora ist das teuerste Gut, der jüdische Glauben der heiligste Wert und kleinliche. Politik das wichtigste Merkmal. Wie ist Theokratie mit dem demokratischen Gedanken vereinbar? .Wie großes, .göttliches Wort .mit kleiner, menschlicher Politik? Unbedingt: clie Tatsache des Entstehens der Agudas jisroel ist eines der Beweise der Lebensfähigkeit unseres Volkes. Aber was ihre Führer in sie hineinbrachten, das ist Ghettostimmung, das ist Golusatmosphär.e, das ist die Bekämpfung der großen zionistischen, Freiheitsbewegung. . ■, . Daher: Knessio Gedaulo ist kein Weltkongreß des sich nach Freiheit sehnenden Volkes. Sie ist ein Konservierungsversuch . und solange es sich nur um die Konservierung handelt, wünschen wir ihr den besten Erfolg. Aber unsere wahre Knessia Gedolah (nicht die Knessio Gedaulo), unser wirkliches Parlament, unsere echte, aktive Vertretung heißt anders: Jewish Agency. - Sem. Die Eröffnungssitzung Gestern fand um 5 Uhr nachmittags in den Sophiensälen die feierliche Eröffnung des zweiten Weltkongresses der Aguda in Wien statt. Einige Minuten nach 5 Uhr betraten d»ie Mitglieder des Zentralrates und des gescnäftsfiihrenden Ausschusses der Aguda unter Führung des Herrn Dr. Pinchas Kohn das Podi um und nahmen am Präsidial tisch ihre Plätze ein. Für die Regierung erschien Ministerialrat Fohr vom Unterrichtsministerium, Referent für jüdische Angelegenheiten. Außerdem waren in Vertretung d;.v Wiener Kultusgemeinde erschienen: Kultuspräsident Ob?-Stabsarzt Dr. Pick, Vizepräsident Dr. Qrnstein,' Dr, Tycho, für die orthodoxe Gemeinde Oberrabiner Fürst und Dr. Reininger, Im Namen des geschäftsführenden Ausschusses er-«; öffnete Dr. Pinchas Kohn den Kongreß mit einer kurzen! Ansprache, der wir folgendes entnehmen: «In den starkbeschwingten Höhestunden unseres Lebens wendet sich Herz und Sinn zu allem, was uns heilig ist. Wenn wir uns jetzt anschicken, der Stunde die Eröffnungsweihe zu geben, so kehrt sich unser Hera und Sinn zum heiligen Lande. Wir möchten aufschreien in unnennbarem Weh. Allein es entspricht diesem Augenblick, mehr und mehr auch dem Andenken deit Märtyrer auf heiligem Boden, wenn wir Schweiger*^

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