Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 90 (5.9.1929)
- Date
- 1929-09-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 10 DIE STIMME Nr. 90 Massenkundgebung der Juden Wiens Donnerstag, den 29. August abends fand im überfüllten Saal des Bayrischen Hofes die vom Zionistischen Landeskomitee im Einvernehmen mit allen Zionistischen Gruppen einberufene Massenkundgebung der Juden Wiens statt, um zu den traurigen Ereignissen in Palästina Stellung zu nehmen. Viele Tausende tn.ßten Weggehen, weil der Saal bis zum letzten Platz gefüllt war. Zur selben Zeit fand im Zentralkeller eine Parallelversammlung statt, die sich eines ebenso riesigen Zuspruches erfreute. Als die Jugend an der Galerie zu Beginn der Versammlung das Trumpeldorlied intonierte, herrschte im Saale Totenstille. Nur hie und da ein Schluchzen, ein Weinen. Präsident Dr. Goldhammer cröffnete die. Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in der er betonte, daß es unerhörte Katastrophen seien, die uie Juden Wiens hier zusammengebracht haben. Es unterliegt aber gar keinem Zweifel, daß das Werk mit verdoppelter Anstrengung und Aufopferung fortgeführt werden wird.; Der erste Redner Dr. Desider Friedmann führte im wesentlichen aus: «Wir stehen noch inmitten der furchtbarsten Katastrophen, welche das jüdische Volk je erlebte, doch muß unsere Hauptlosung heute sein: «Stark bleiben!» Das Gefühl der Trautr darf uns nicht niederdrücken, denn Palästina wird aufgebaut werden, wenn wir es wollen. Und wir wollen esl Wir sind an den Ereignissen vollkommen schuldlos, in der heiligen Stadt des heiligen Landes haben wir Juden nur eine einzige heilige Stätte: Die Klagemauer. Es war die Pflicht der Mandatarmacht, diese Stätte und das Recht der Juden an ihr zu schützen. Sie hat es nicht getan. Das Verhältnis der britischen Administration zu unserem Aufbauwerke und zu unseren Forderungen war nicht dem Sine der Balfourdeklaration entsprechend. Ja, es herrschte Ruhe im Lande, aber es war die Ruhe vor dem Sturm und für diese Ruhe haben wir weitgehendste Konzessionen gemacht. Nun müssen wir nachdrücklichst verlangen: England soll das Mandat verwirklichen! Wir wollen im klaren $ein, ob es noch eine Unverletzlichkeit, eine Heiligkeit der Verträge gibt. England muß sich entscheiden, ob es seine Pflicht erfüllen, ob es mithelfen will. Die palästinensische Verwaltung hat sich als unfähig erwiesen. Die englischen Beamten Palästinas, welche gegen uns Stellung genommen haben, müssenfort! Wir verlangen vollständige Schadensgutmachung! Wir verlangen strengste Bestrafung aller Schuldigen! Die Tore Palästinas müssen geöffnet werden für eine neue, groCzügige jüdische Einwanderung. Denn wir müssen möglichst bald die Majorität im Lande erlangen. Wir verlangen den Judenstaatl (Tosender Beifall.) Aber auch an uns müssen wir heute Forderungen stellen. Alles Trennende soll verschwinden. Einig sollen wir sein, angesichts des großen Unglücks und des heldenhaften Kampfes, welchen unsere Brüder in Palästina führen. Der Zionismus muß aktiv werden und Palästina wird auferstehen. Schöner und größer als es je war.» (Langandauernder, tosender Beifall.) Als zweiter sprach Oberbaurat Stricker: «Was wir vor allem bekämpfen müssen, das ist der Kleinmut und die Kleinweisheit, die sich In den jüdischen Gassen schleicht. Unser Recht auf Palästina ist besiegelt worden durch das Ehrenwort aller zivilisierten Nationen der Welt. Dieses Ehrenwort, das ist das Mandat. Und der Treuhänder des Ehrenwortes Ist England. Ist denn durch die bestialischen Morde unser Recht kleiner geworden und das gegebene Ehrenwort rückgängig gemacht? Wir hatten immer Märtyrer. Wir haben sie auch heute. Heute herrscht noch Gewalt in Palästina, aber morgen wird wieder das Recht gelten. Von uns ist es abhängig, wie wir dieses Recht vertreten werden. Unser Schmerz ist adelig und unser Recht müssen wir nachdrücklichst verlangen. Wir haben schon viel Schlimmeres erlebt, Ghettojuden haben noch schrecklichere Dinge über sich ergehen lassen müssen. Und doch wurde der Wille zum Leben im Volke nie gebrochen. Heute haben wir in Palästina Kämpfe, aber keinen Pogrom. Heldenmütige Kämpfe mit einer arabischen Uebermacht, welche auch andere Gewalten hinter sich hat. Es ist sicher: Was geschah, das war vorbereitet. Die britischen Beamten in Palästina waren und sind gegen uns. Und dennoch werden wir uns nicht einschüchtern lassen. Dennoch werden wir weiter kämpfen und weiter bauen. Ich bin sicher: Fs wird eine Wendung zum Guten kommen, dank den Kräften, die in uns zum Erwachen gelangen.» (Beifall,) Präsident Dr. Goldhammer verlas hierauf dis Resolutionen, welche von den Versammelten per Aklamation angenommen worden sind. Dr. Goldhammer forderte dann alle Anwesenden auf, zum Zeichen der Trauer für die gefallenen Helden in Palästina sich von ihren Plätzen zu erheben und zwei Minuten in vollständiger Stille zu verharren. Die Anwesenden folgten der Aufforderung in ernster und tiefer Ergriffenheit. Es war ein unvergeßlicher Moment. Eine tausendköpfige Menge, die regungslos iti Gedanken und Gefühlen vereint, eine Huldigung den getöteten Kämpfern darbrachte. In gehobener Stimmung wurde dann Tschesaknah und Hatikwah gesungen. Eine Kundgebung der zion.-sozialistischen Jugend anläßlich der Ereignisse in Erez Israel Am 2. d. M. fand im Festsaal des Alten Rathauses eine Massen-Jugendversammlung, die vom Kartell der zion.-soz. Jugendorganisationen, dem die bedeutendsten Bünde und der «Bechaluz» angehören, einberufen wurde, statt. Lange vor Beginn war der Saal von jungen Menschen überfüllt. Die Versammlung gestaltete sich zu einer bedeutenden Kundgebung für die kämpfende Arbeiterschaft Erez Iraels, die jetzt um die Zukunft des ganzen Jischrou»w, des ganzen jüdischen Volkes ringt. Es war aber auch ein Bekenntnis zum Gedanken des «Hechaluz», das die Versammelten zum Ausdruck brachten. Als erster sprach Mendel Singer, der in einer ausgezeichneten Rede die insbesondere von den Kommunisten gebrauchten Schlagworte vom «Aufstand» der arabischen Nation gegen den englischen Imperialismus widerlegte. Es handelt sich hier um keinen Aufstand, der irgend ein nationales oder 'soziales Ziel verfolgt. Als Werkezeuge unersättlicher Effervdis werden die armen arabischen Massen in den Tod gehetzt. In scharfen Worten wandte er sich auch gegen den Teil der Sozialdemokraten, die dieses Schlagwort übernahmen. Es sei beschämend, daß auch die «Arbeiter-Zeitung» einem sozialistischen Jingel aufgesessen ist. Es scimerzt uns, dies zu sehen. Aber wir werden mit Erfolg dagegen auftreten, wie w<ir das bisher getan haben. Wir sind nicht Sozialisten, weil uns die A. Z, ^.erkennt und wenn uns die A. Z. nicht versteht, werden wir nicht aufhören, Sozialisten zu sein. Er kam dann auf die Einzelheiten zu sprechen, auf die Lügen, die weismachen wollen, die Juden nehmen den Arabern den Boden weg. Niemand wird behaupten können, daß auch nur einem Araber jemals Boden weggenommen wurde. Die jüdische Arbeiterschaft ist es, die Kultur ins Land brachte, die den Araber von den Fesseln des Uviwissens befreit. Die jüdischen Arbeiter waren *s, die die erste arabische Zeitung begründet haben. Von den reaktionären Beamten, von abgetanen Konservativen wird nichts unversucht gelassen, die Positionen der englischen Arbeiterregierung zu erschüttern. Die sind es nicht zuletzt, die an den Vorfällen in Palästina die Hauptschuld tragen. Die Absetzung des Lord Lloyd war das Signal für alle diese Elemente. Er schloß seine mit vielem Beifall aufgenommenen Ausführungen mit den Worten: Erst das Blut, das geflossen ist, brachte den Juden zum Bewußtsein, daß sie noch sehr wenig für Palästina getan haben. Nach ihm sprach Dr. Katze nelson (Tel- Aviv). Er sagte, er habe es abgefeimt, in einer allgemeinen Protestversammlung hier zu sprechen, weil jetzt keine Zeit für Proteste ist. Jetzt aber spreche er zu der Jugend, zu denselben Mensohen, die in nicht langer Zeit im Bet-Baam in Tel-Aviv oder in anderen Orten Palästinas über palästinensische Fragen beraten werden. Er erörterte dann die Araberfrage als ein hervorragender Kenner der Verhältnisse in Palästina. Nachdrücklich betonte er, daß wir in Frieden mit den Arabern leben müssen und auch leben werden. Aber solange das nicht erreicht ist, wird ein Selbstschutz unbedingt notwendig sein. Aber die Legion löst nicht die Frage. Wir müssen uns mit ihr gründlich befassen. Auch seine Rede fand den Beifall aller Anwesenden. Zum Schluß verlas Jaakow Singer im.Namen des «Hechaluz» eine Deklaration, die zum Ausdrucke brachte, daß die Cbaluzlm als die einzige Forderung der Stunde für sich die Alijab erachten. Weiters wendet sie sich an alle junge Chawerim aus den verschiedenen Bünden mit der Aufforderung, dem «Hechaluz» beizutreten und dem Rufe Palästinas, wenn er an sie ergehen wird, zu folgen. Mit Absingen der «Hatikah» und des «Techsaknah» wurde die eindrucksvolle Versammlung geschlossen. Resolutionen welche von den Massenversammlungen im «Bayrischen Hof» und dem «Zentral-Keller» am 29. August 1929 angenommen wurden, Wenige Wochen nach dem bedeutungsvollsten Ereignis in der neuesten Geschichte der Juden, kurz nach dem Zusammenschluß aller aktiven Kräfte im Judentum zu einer einheitlichen Front für den Aufbau Erez Israels wird mit einer unerhörten Roheit unter den Augen der englischen Administrative in Palästina die jüdische Bevölkerung ln den Städten und die von den höchsten Menschheitsidealen getragene Jugend in den jüdischen Kolonien überfallen und ln Hunderten hingemordet. Die von der gesamten Zionistenschaft Oesterreichs einberufene Massenversammlung vom 29. August 1929 drückt ihre wärmste Sympathie dem jüdischen Jischuw in Erez Israel aus, der mit wahrem Heldenmut und unvergleichlicher Aufopferung den Kampf um die Verteidigung der jüdischen Heimat aufgenommen hat. Wir rufen die gesamte gesittete Welt aut zum Proteste, mit uns gegen die Wühlarbeit der arabischen Hetzer und die gleichgültige Duldung der englischen Administrativbeamten in Palästina. Wir fordern die englische Regierung auf, alle Maßnahmen zur sofortigen Wiederherstellung der Ordnung im Lande zu ergreifen, die direkten und indirekten Angreifer der verdienten Strafe zuzufünren, die ungeeigneten Beamten und jene, die den in der Balfour-Deklaration und im Mandate festgesetzten Zielen feindlich gesinnt sind, sofort zu entfernen, den palästinensischen Sicherheitsdienst durch eine ent* sprechende Ergänzung aus dem Kreise der jüdischen Bevölkerung zu reorganisieren und vollen Ersatz für verlorenes Leben und zerstörtes Eigentum zu letsren. Wir richten an die königliche Regierung Englands den Appell, ihre Politik zur Durchführung der Baltour-Deklaration klarzulegen, eine freie jüdische Einwanderung nach Palästina zu gewähren und mit Hilfe des Völkerbundes die Angelegenheit der Klagemauer einer gerechten Regelung zttzuführen. 500 junge Zionisten in Wien verlangen die sofortige Einreise nach Palästina Die blutigen Kämpfe in Palästina fanden, wie in der ganzen jüdischen Welt, so auch in Wien in den / Kreisen der nationalen Jugend einen lebhaften Widerhall. Spontan, fast überall gleichzeitig, entstand der Gedanke, den hart bedrängten Brüdern in Erez Israel aktive Hilfe zu leisten. Es kam zu einer Beratung sämtlicher in Wien bestehenden zion. akad. Organisationen und Jugendverbände sowie des «Hecholuz» und des ihm nahestehenden «Linken Kartells». An der Beratung nahmen folgende Verbände teil: «Brith Troumpeldor», «Brith Hazofim», «Verb. Demokr. Zion. Jugend», «Klub junger Zionisten», Verein «Erez Israel», Jugendgruppe «Prater» und viele andere. Die im «Linken Kartell» vereinigten Organisationen sowie der zion. akad. Landesverband und S. C. der wehrhaften zionistisch-akad. Verbindungen schlossen sich der Aktion korporativ bei. Mehr als 500 junge Leute meldeten sich zur sofortigen Reise nach Erez Israel an. Einstimmig erklärte sich die gesamte nationale Jugend Wiens dafür, die jüdischen Positionen in Palästina, zu verteidigen. Im Namen dieser Organisationen erschienen in der englischen Gesandtschaft Dr. N. Samen.sky, J. Gordon, Ing. Dr. Schechet und J. Fränkel, die in der Vertretung des Gesandten vom Kanzler der Botschaft Mr. Eric Phipps empfangen wurden. In einer längeren Unterredung wies die Delegation auf den unbeugsamen Willen der jüdischen Jugend, das Heimatland aufzubauen und es mit eigenem Blute zu verteidigen. Die Delegation äußerte den heißen Wunsch der nationalen Jugend, gerade jetzt nach Palästina zu gehen, und bat, diesem Verlangen möglichst rasch entgegenzukommen. Der Kanzler interessierte sich lebhaft für die Stimmung der breiten jüdischen Massen und versprach schließlich, dais Gesuch noch am selben Tag nach London weiterzuleiten. Protestversammlung der Gemeinde Graz Am 28. August 1. J. fand eine Protestversammlung der Juden der Gemeinde Graz im großen Sitzungssaale der Kultusgemeinde statt, in welcher nachstehende Resolution gefaßt wurde: «Die heute versammelten Juden der Gemeinde Graz, tieferschüttert über die aus Erez Israel eintreffenden Hiobsbotschaften, richten an die Exekutive der Jewish Agency die Aufforderung, unverzüglich von der englischen Regierung die restlose Erfüllung der den Juden Im Mandatsvertrage zugesicherten Rechte zu verlangen. Insbesondere die Absetzung aller den Juden nicht wohlgesinnten Regierungsbeamten im Lande, die Besetzung des Landes mit ausreichenden militärischen Kräften, auf daß der Aufbau unter gesicherten Verhältnissen fortgeführt werden kann. Soferne die englische Regierung diese Forderung nicht erfüllt, soll sich die Exekutive an den Völkerbund wenden und vor dem Forum der Völker die Forderungen des 17-Millionen-VoIkes erheben.» Eine Spende Julius Rosenwalds für Hadassah New York, 29. August. (J. T. A.) Der berühmte amerikanische jüdische Milliardär und Philanthrop Julius Rosenwald hat der Hadassah in Palästina für schnelle medizinische Hilfe einen Betrag von 5000 Pfund telegraphisch überwiesen.