Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 90 (5.9.1929)
- Date
- 1929-09-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 90 DIE STIMME Säte 9 wish Campaign David A. Brown, Max Shulman, Rabbiner Margolies u. a. m. Die Worte der Redner machten einen tiefen Eindruck auf die fünfund- ^\vanzigtaus£<idköpngc Versammlung. Viele Anwesende wurden von Rührung übermannt und brachen in Tränen aus. Prominente amerikanische Juden haben sich zu einem Komitee für Schaffung eines Nothilfsfonds für Palästina zusammengetan. Der berühmte Philanthrop Julius Rosenwald in Chikago erklärte sich bereit, die ihm angebotene Ehrenpräsidentschaft des Fönes an* zunehmen. Dem Komitee gehören noch an der weltbekannte Philanthrop Nathan Strauß sowie die gegenwärtig in Europa weilenden Herren Felix M. Warburg und Louis Marshall. Straßendemonstration in Warschau Der Eindruck auf die polnische Judenheit. — Die polnischen Chaluzim wollen sich zum Schutz des Jischuw nach Palästina begeben. — Appell der Warschauer jüdischen Gemeinde an alle Gemeinden, dem Jischuw zu helfen. (Eigenbericht der «Stimme».) Warschau, 30. August. Die Nachrichten über die Ereignisse in Palästina haben das polnische Judentum tief erschüttert In allen Städten finden Trauerkundgebungen statt. In den Straßen von Warschau demonstrierten zehntausende Juden, die ihrer Solidarität mit dem jüdischen Jischuw in Palästina, der heldenhaft um seine Existenz kämpft, Ausdruck gegeben haben. Polizei patrouillierte in dem Stadtviertel, in welchem das Haus der englischen Gesandtschaft steht. Die Polizei verbot weitere Demonstrationen, die auch nicht mehr stattgefunden haben. Die Chaluzorganisationen ganz Polens in der Stärke von vielen tausenden jungen Leuten haben sich bereit erklärt, sich nach Palästina zum Schutze des jüdischen Jischuw zu begeben. Das Weltbureau der Poale Zion, das sich in Warschau befindet, hat ein Telegramm an den englischen Ministerpräsidenten MacDonald gerichtet, in welchem um Schutz des palästinensischen Judentums und des jüdischen Aufbauwerkes, das zu einem großen Teil ein Afbeiterwerk ist, ersucht wird. Die Warschauer Studentenschaft und die Studentenschaft in den anderen großen Städten hielt Versammlungen ab und faßte entsprechende Resolutionen. In den jüdischen Synagogen wurden Trauerfeiern veranstaltet, in denen der getöteten Juden gedacht wurde. Das Warschauer Rabbinat hat einen Traueraufruf erlassen. Der Vorstand der Warschauer Jüdischen Gemeinde, der größten jüdischen Gemeinde Europas, hat eine Trauersitzung abgehalten, in welcher der tiefen Trauer für die unersetzlichen jüdischen Opfer und der Empörung über die Mordtaten Ausdruck gegeben wurde. Es wurde eine Resolution angenommen, in der es heißt, der Rat der mehr als 300.000 Juden zählenden jüdischen Gemeinde von Warschau protestiert gegen die englische Administration, die im Widerspruch zur Balfour-Deklaration die Rechte der Juden an der Klagemauer nicht gewahrt und es zugelassen hat, daß der Boden des jüdischen Nationälheims mit jüdischem Blut getränkt wird. An alle jüdischen Gemeinden in Polen wurde appelliert, alle Anstrengungen zu machen, um dem jüdischen Jischuw zu helfen, sich wieder aufzubauen: Von der 17 Millionen zählenden Judenheit der ganzen Welt wird erwartet, daß sie den Jischuw aufbatien hilft Eine Delegation des polnischen Judentums beim englischen Gesandten in Warschau (Eigenbericht der «Stimme».) Warschau, 31. August. Heute wurde vom englischen Gesandten in Warschau eine Delegation der polischen Juden empfangen. Der Abgeordnete Farbstein überreichte dem Vertreter der englischen Regierung ein Memorandum, welches den Gefühlen und den Forderungen des polnischen Judentums im gegenwärtigen Momente Ausdruck gibt. Der Vertreter der englischen Regierung versprach die Wünsche und Forderungen nach London sofort weiterzuleiten und betonte, daß seitens der maßgebenden Faktoren alle Mittel ergriffen worden sind, um ein Wiederholen der unglücklichen Ereignisse unmöglich zu machen. Imposante Straßenkundgebung in Lemberg (Eigenbericht der «Stimme?-.) Lemberg, 30. August. Am 28. August d. J. fand in Lemberg eine Riesenkundgebung der hiesigen Judenschaft statt. Um 6 Uhr abends wurden alle jüdischen Geschäfte geschlossen; In allen Bethäusem wurden Trauerandachten abgehalten. Nachher bildete steh spontan ein Straßenzug, an dem mehr als 10.000 Menschen teilgenommen haben. Eine derartige Manifestation hat Lemberg noch nicht gesehen. Der Zug bewegte sich in vollständiger Ruhe durch die Straßen der Stadt. Erst in der Nähe des englischen Konsulates, wurden Rufe laut, welche das Barbarentum der arabischen Horden und die unerhörten Methoden der britischen Administration in Palästina verurteilten. Ohne einen Grund dafür zu haben, schritt die Polizei mit blanker Waffe ein. Sieben Personen wurden verwundet. Man kann behaupten, daß Lemberg noch nie eine Manifestation gesehen hat, die diese geistige Spannung hatte und von dieser tiefen Liebe zu Palästina durchdrungen war. Aus allen Städten und Städtchen Galiziens werden Protestkundgebungen und Demonstrationen gemeldet. Ein Palästina-Abwehrfonds (L’schem Haganath Hajschuw) wurde gegründet Zahlreiche Spenden wurden geleistet. Demonstrationen in Krakau (Eigenbericht der «Stimme».) Krakau, 2. September. Gestern fand hier unter freiem Himmel eine Riesenkundgebung der Krakauer Juden statt. Nach einer Reihe von Ansprachen und Annahmen von Resolutionen bildete sich ein Zug, der in vollster Ruhe die Straßen der Stadt passierte. 15.000 Personen nahmen an ihm teil. Für den Mittwoch wurde vom hiesigen Rabbinat ein Fasttag angeordnet. .Von 11 Uhr abends werden alle jüdischen Geschäfte, geschlossen sein und in den Tempeln und Synagogen Trauerandachten abgehalten. Große Protestversammlung der Prager JudenSchaft Prag,; 30. August. (Eigenbericht der «Stimme».) Im jüdischen Rathaus fand hier gestern die Protestversammltmg der Prager Judenschaft gegen die Vorgänge tn Palästina statt. Eä wurden Reden von Oskar Zahnarzt Dr. M. Doller ist vom Urlaub zurückgekehrt und ordiniert Wien, IV., Paula nergasse 8 Aschermann, Max Brod, . Dt. Goldstern, Dr. Popper und der tschechischen ScbriftsteflerMi Moudra gehalten. Protestresolutionen wurden per Akklamation angenommen. verbändes Zürich. ,(J. T. A.) Das Zentralkomitee des schweizerischen Zionistenverbandes sandte an die Regierung in London und an den Völkerbund Telegramme, in denen der tiefen Trauer über die Zerstörung jüdischen Lebens und Eigentums in Palästina Ausdruck gegeben und die Erwartung ausgesprochen wird, daß unverzüglich1 Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnüng'ejgf jffen werden. Am Donnerstag abends findet eine öffentliche Kundgebung statt, in der Nahum Sokolow sprechen wird. Der Protest der schweizerischen Judenheit Eine Rede Sojcphws. (Eigenbericht der «Stimme».) . Zürich, 30. August In Zürich wurde am 29. August eine vom Schweizerischen . Zionistenverband veranstaltete öffentliche Kundgebung 'abgehalten, in der der Präsident der Zionistischen Exekutive, Nahum Sokolow# der Hauptredner war. De? Saal war (ficht gefüllt Gleich nach Beginn der Versammlung forderte Nahum Sokolow die Anwesenden, unter denen sich Abordnungen der schweizerischen Judenschaft außerhalb Zürichs befanden, auf, sich zum Zeichen der Trauer und zur Ehrung der jüdischen Märtyrer von den Sitzen zu erheben. IritieterErgriffenheit verharrte die Versammlung eine Minute lang im Gedenken an die jüdischen Märtyrer. < Nahum Sokolow führte dann aus, die Angriffe auf den jüdischen Jischuw m Palästina gehen das ganze jüdische Volk an. Nie habe ein Jude in Palästina die Hand gegen einen Nichtjuden erhoben, nie habe ein Jude einem MoalfimitfiU auch nur einen Zoll Boden zu Unrecht weggeupmuten & gäbe kein arabisch-jüdisches Problem; man wolle künstlich ein solches Problem schaffen, |>ie. Juden wollen in ihrem eigenen Interesse Freundschaft mit dem arabischen Volke halten. Die Zusagen* 4i;e den Arabern gemacht wurden, seien gehalten, Arabien sei geschaffen worden. Palästina aber M für Kolonisation bestimmt worden. Erez Israel'braucht;Menschen. In einem Kolonisatianslande könne es-nicht eine Frage der Majorität oder Minorität geben. Die Juden sind in Palästina ein Vorbild für die Araber geworden. Die Juden sind stolz darauf, daß Jerusalem die Metropole von drei monteistischen Religionen geworden ist. Selbst besitzen sie nur ein Fragment zur Andacht in Jerusalem: die Klagemauer. Seit undenklichen Zeiten ist dieser Platz eine heilige Stätte der Juden. Die bestialischen Taten, die sich jetzt in Erez Israel ereignet haben, werden das jüdische Volk nicht einschüchtem, wir werden nicht zurückweichen. Die Londoner Regierung hat die besten Absichten, aber die Administration in Palästina hat schwer gesündigt. Wir verlangen die Anerkennung des verheißenden Landes. Wir sind zur Freundschaft mit den guten Elementen des arabischen Volkes bereit. Nach Sokolow sprachen der christliche Theologe Professor Ludwig Köhler und der Rabbiner Dr. Littman, der die Hilfsbereitschaft des Judentums zum Ausdruck brachte. Der deutsche Misrachi begeht den 29. Aw als Fasttag. (Eigenbericht der «Stimme».) Berlin, 29. August. Der Deutsche Misrachi erläßt den folgenden Aufruf: «Unter dem furchtbaren Eindruck der Vorkommnisse in Erez Israel, die unersetzliche Opfer an Leben und Gut gefordert haben, rufen wir im Einverständnis mit unseren Rabbanim die misrachistische Judenheit Deutschlands auf, am Mittwoch, den 29. Aw (4. September), einen Taanis (Fasttag) zu begehen, um unserer Trauer Ausdruck zu geben und um die göttliche Hilfe für unser in seinen heiligsten Gefühlen getroffenes Volk und für die so schwer heimgesuchte jüdische Bevölkerung in Erez Israel anzurufen. Wir sind atich der Hoffnung, daß die gesamte Judenheit Deutschlands sich diesem Taanis anschließt, um so seiner Verbundenheit mit Erez Israel,! der ewigen Heimat unseres Volkes, Ausdruck zu geben. Wir wollen an diesem unserem Trauertage Rechenschaft ablegen vor uns selber, uns prüfen und fragen, ob wir bisher unsere zionistische, unsere Jüdische Pflicht gegenüber Volk und Land erfüllt haben, um mit dem festen Vorsatz wieder in das Leben des Alltags hinauszugehen, unsere Kraft zu vervielfältigen und die begonnene Arbeit der Erneuerung unseres Volkes in Erez Israel, der Erneuerung Jüdischen Lebens in der Diaspora durch Erez Israel fortzusetzen, bis der Tag erscheint, an dem unser Land in neuem Glanz erstrahlt und unser Volk einer neuen glücklichen Zukunft entgegengeht. «Haschern jenachem zion wees aweleha.» Landeszentrale des Deutschen Misrachi, Alexander Adler, Dr. O. Wolfsberg.» Eine revisionistische Kundgebung in Paris Paris, den 30. August. Hier fand eine Massenversammlung der Revisionisten statt, bpi der Jabotynski und Großmann Ansprachen hielten. Es wurde eine Forderung aufgestellt, den Selbstschutz des Jiszuws zu legalisieren, das Weißbuch zu annullieren und die Klagema ier dem jüdischen Volke zurückzugeben. Der orthodoxe Rabbinerrat proklamiert den 4. September als Fasttag Der «Waad Harabonim» hat beschlossen, den 4. September (Jom Kippur-katan) als Fasttag zu proklamieren. Es werden Trauerandachten mit «Hespejdim» (Gedächtnisansprachen) abgehalten werden. Zwischen dm Zeilen Sie wird nicht verdorren... Wenn ich Deiner vergesse, Jerusalem ... Krieg in Palästina, Empörung der ganzen zivilisierten Menschheit und Aufruhr in jüdischen Herzen. Ein Umsturz in der Seele des Volkes. Durchbruch heißer Liebe zum jüdischen Land. Und Einigkeit, heilige, hoffnungsreiche Einigkeit. Mut sinkt nicht, Kräfte werden verhundertfacht — der lebendige Traum strahlt wie die Schechinah. Wenn ich Deiner vergesse, Jerusalem, soll meine Rechte verdorren! Im eschkachech ... Ein stiller Schwur der Millionen: Nie werde ich Deiner vergessen! Ewig Deiner gedenken! In guten und schlechten Tagen! In Zeiten des frohen Glücks und finsteren Nächten der KatastropheX Hört Ihr den Eid, der in Euren Herzen erzittert? Fühlt Ihr die Liebe, die in Euch allen lebt? Die Liebe des ewigen Volkes zur ewigen Stadt? Wo ist die Macht, die uns unseres werdenden Traumes berauben könnte? Wo die Kraft, der es gelänge, unseren Lebenswillen zu brechen? Wenn ich Deiner vergesse, Jerusalem, sou meine Rechte ... Sie wird nicht verdorren . . . Sein.