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Die Stimme · 1929-09-05 · Heft 90 (5.9.1929) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 90 (5.9.1929)
Date
1929-09-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 ME STIMME Nr. 90 Die arabisch« Exekutive beschloß, dem Oberkommissar die folgenden drei Forderungen zu unterbreiten: Errichtung eines Parlaments, Annullierung der Balfour- Deklaration, Sperrung der palästinensischen Tore gegen eine Neueinwanderung von Zionisten. Noch mehr Araber im Polizeidienst Jerusalem, 30. August. (J. T. A.) Das mili tiirische Kommando von Jerusalem hat die Araber, die nach Ausbruch der Unruhen vom Distriktskommissär in die Polizei eingestellt worden sind, mit in den neuen Ordnungsdienst übernommen. Dagegen hat die Militärbehörde das Angebot des Waad Hair (Stadtrat der jüdischen Gemeinde), ihr jüdische Pfadfinder als Hilfspolizei zur Verfügung zu stellen, abgelehnt. Am Donnerstag abends haben die Verhaftungen unter den Mitgliedern des jüdischen Selbstschutzes (Haganah) der Stadt Jerusalem wiederum eingesetzt. Die neue jüdische Siedlung Abushusha, die auf Anordnung der Behörden von der jüdischen Bauernschaft verlassen werden mußte, ist von den Arabern niedergebrannt worden. Arabische Polizisten entwaffnen den Selbstschutz von Rechoboth London, 3L August. (J. T. A.) In Rechoboth herrscht große Bestürzung darüber, daß die Selbstwehr dieser von Truppen ganz und gar entblößten Kolonie von plötzlich erschienener berittener arabischer Polizei entwaffnet und als verhaftet weggeführt worden ist. Rechoboth ist jetzt vollkommen schutzlos. Die Kolonisten von Gedarah haben sich strikte geweigert, dem vom Militär ausgegebenen Befehl, die Kolonie zu verlassen, Folge zu leisten. Die Kolonisten verblieben in der Kolonie, auch als die Truppen diese verließen. Zeitungen erscheinen wieder London, 2. September. (Eigenbericht der „Stimme“) Aus Jerusalem wird gemeldet, daß seit gestern das Erscheinen der Tageszeitungen wieder gestattet worden ist. Araber protestieren (!) Arabische Demonstrationen in Damaskus und in Beirut Do n d o n, 28. August. (J. T. A.) In Damaskus fand am Dienstag nachmittags eine Massenkundgebung der syrischen Araber statt. Trotz des Verbotes der Polizei ging die Manifestation vor sich, da die Polizeikräfte nicht stark genug waren, um die Masse der Demonstranten zu zerstreuen. Es kam zi* einem Zusammenstoß zwischen Polizei und Manifestanten, wobei zwei Araber und ein Polizist verletzt wurden. Die militärische Bewachung des jüdischen Viertels von Damaskus wurde verstärkt. Tanks wurden zum Schutze des Viertels herangezogen. (Bekanntlich war Damaskus vor einigen Wochen Schauplatz von Ritualmordtumulten.) In Beirut hat am Mittwoch eine große Manifestation der Araber stattgefunden. Polizei und Militär sperrten die Eingänge in die Stadt ab, niemand wurde hereingelassen. In den Straßen patrouillieren Truppen, Tanks beschützen das Gebäude der Anglo Palestine Bank. Ein französisches Kriegsschiff kreuzt vor Beirut. Gefährliche arabische Propaganda außerhalb Palästinas Beirut, 30. August. (J. T. A.) Die arabische Propaganda außerhalb Palästinas nimmt immer heftigere Formen an. In Syrien haben die Behörden umfassende Maßnahmen getroffen, um möglichen Aufständen zu begegnen. Am heutigen Freitag steht Beirut im Zeichen einer riesigen Manifestation. Große arabische Delegationen treffen aus . Damaskus, Aleppo, Tripolis, Horns, Homaund anderen Orten ein. Bei den Behörden besteht Entschlossenheit, die Kundgebung nicht zuzulassen. In den Straßen patrouillieren starke französische Truppenteile. Die arabische Presse in Beirut und Damaskus veröffentlicht Nachrichten aus Palästina, die dahin lauten, daß überall die Araber von den Juden angegriffen worden sind. Diese Darstellung verstärkte die Erregung unter den syrischen Arabern. Gegenaktionen der Londoner Moslemiten L o n d o n, 30. August. (J. T. A.) Die in London weilenden Führer der Moslemiten haben an Aga;han, den einflußreichen Führer der Mohammedaner i Indien, der vor kurzem in London wellte, das drinande Ersuchen gerichtet, unverzüglich nach London irückzukehren, um die britische Regierung hinsicht- ’ :h der Lage in Palästina und der neuentstandenen r obleme im Sinne der moslemitischen Postulate zu l Einflüssen. Aga Khan hat mitgeteilt, daß er sich , itschlossen hat, sofort nach London zurückzu- ' hren. _ Erst zu Del-Ka . . . dann zur Schule! Beachten L e Schulstiefel-Inserat, Seite 5. Antijüdische Unruhen in Bagdad L o n d o n, 31. August. (J. T. A.) Reuter meldet aus Bagdad: Im Verlauf einer großen Demonstration der Mohammedaner wurde ein jüdischer Ladenbesitzer von der Menge angegriffen. Im Glauben, daß sein Leben bedroht sei, gab er aus einem Revolver einen Schuß ab. Die Menge fiel über den Juden her und brachte ihm sehr schwere Verletzungen bei. Es entstand ein großer Tumult, in dessen Verlauf weitere Juden verletzt wurden. Berittene Polizei trieb die Menge auseinander. Wir und die Araber Von Dr. E, M. Zweig, Jerusalem. Der Araberaufstand mit Mord und Brand war für die Palästina-Regierung offenbar eine Ueber* raschung, denn sonst hätte man wirksamere Abwehr vorgekehrt. Dieser Mangel an Voraussicht ist für eine Regierung, welche ja über so reiche Informationsmittel verfügt, ein schwerer Vorwurf, dessen Verantwortung sie nicht leicht abwälzen kann. Doch wenn wir gerecht sein wollen, hatte auch unsere Regierung — die Zionistische Palästinaexekutive — den vollen Ernst der Lage nicht erkannt, und ebensowenig wir einzelne vom Jischuw. Kaum wären sonst so. viele und so leichten Herzens aus Erez zum Kongreß nach Europa geeilt, hinter sich Haus und Hof, Weib und Kind der Vernichtungsgefahr preisgegeben. Ist es eine Schande, diese unsere Unzulänglichkeit einzugestehen? Nein. Zunächst mal möchte ich, ohne polemisieren zu wollen, folgendes sagen. Gleich manchem anderen wohl, halte ich auch jetzt an der Ueberzeugung fest, die aus eigenem Aspekt und aus der Meinung ernster Kenner des Landes gewonnen ist, daß im Laufe der letzten Jahre eine verheißungsvolle Annäherung zwischen Juden und Arabern in Palästina stattfand, daß sich dort ein duldsameres und verständnisvolleres Nebeneinander zeigte. Aus dem blutigen Zusammenstoß im Jahre 1921 hatten beide Teile gelernt. Die Juden legten die Prätentionen eines Herrenvolkes ab und die anderen, in ihren großarabischen Plänen schwer enttäuscht, begannen sich mit dein Aufstieg der Juden abzufinden, zumal er unzweifelbar dem ganzen Land großen wirtschaftlichen Vorteil brachte. Natürlich war hiemit nur eine Entwicklung eingeleitet, um die alten, tiefliegenden Gegensätze a!imählich zu überbrücken. Und nun plötzlich dieser wilde Ausbruch! Da muß grade in den letzten Wochen eine maßlose Hetze unter der moslemitischen, Bevölkerung, zumal unter den Bauern, wirksam gewesen sein. Die von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission wird hoffentlich rasch ihre Aufgabe lösen, volle Klarheit schaffen und die Drahtzieher bezeichnen, weiene es so teuflisch verstanden, den religiös-nationalen Fanatismus, die Grausamkeit und Habgier jener dumpfen Masse von Analphabeten aufzureizen und die Verführten ins Feuer zu jagen. Zugegeben, es hat an Stimmen der Warnung unter uns Juden selbst nicht gefehlt. Voran die Frauen bewiesen — wie sonst — einen besseren Instinkt für die nahe Gefahr; viele von ihnen lebten in einem Dauerzustand fiebernder Angst. Als Hysterie galt mir, wenn meine bräve Frau beim Bau unseres Häuschens in Talpioth darauf bestand, nur eine Haustür anzubringen, weil wir uns so leichter gegen einen Angriff verteidigen können, oder daß sie in meiner Abwesenheit vom Land nie zur Ruhe ging, ohne mein altösterreichisches Bajonett zur Hand zu haben, und daß sie mich einmal vor drei oder vier Jahren nachts aufrüttelte: man schieße, der Araberaufstand sei da. Lachend drehte ich mich zur Seite, und wirklich war’s damals nur eine alte Kartaune, die von irgendwoher dem Geburtsfest des Propheten präludierte. Jetzt aber gab eben dieses Fest das Signal zum Aufstand .... Warum also überhörten wir diese Warnungen und weshalb sahen wir an all den uns bekannten Fehlern, ja Lastern unserer arabischen Landesgenossen möglichst vorbei und suchten sie wenigstens ins Harmlose umzudeuten? Gewiß war es nicht die Furcht, sich eine Gefahr einzugestehen, sondern uns leitete neben dem Vertrauen auf den Schutz durch England und neben dem Glauben an die Ueber* legenheit der Juden nicht zuletzt der innige, aus Gefühl und Vernunft gewobene Wunsch, durch unsere Geduld und Nachsicht auf die Araber beruhigend und mäßigend einzuwirken und so die glücklich angebahnte Entwicklung eines friedlichen Zusammenlebens mit ihnen zu fördern. Erfüllte uns nicht der frohe Stolz der Gastfreundschaft, wenn die christlichen und moslemitischeri Araber nach, Feierabend oder an ihren Mußetagen Talpioth besuchten, auf den schön asphaltierten Wegen promenierten und sich an unseren Villen und sorgsam gepflegten Gärten sattsahen, um dann im «Caf6 Guritzky» eine Erquickung einzunehmen und dem Radio zu lauschen! Und. an Werktagen, wenn die Bauern von Sur Bah’r mit Eseln und Kamelen durch unsere Gasse vorbeikamen, in der Sonnenglut aus der Stadt nach ihrem Dorf heimkehrend, stand ihnen nicht jedes jüdische Tor offen und war nicht Krug und Schüssel mit kühlendem Wasser bereit für Mensch und Vieh? «Ko* dichfin jese wejechol . . .» Und waren wir Taipiothen nicht die besten Käufer für Geflügel und Eier, Gemüse und Obst, das die Fellachenweiber jeden Morgen austrugen? Und im Autobusverkelir, den der Waad, unser Gemeinderat, zwischen Talpioth. und der Stadt für die Bewohner der Schchuna cingei ichtet hatte, war nicht allmählich den Bauern von Sur Bah’r und anderwärts eine stets vollere Gleichberechtigung eingeräumt worden, entsprechend der Reinlichkeit, zu der sich jene am jüdischen Beispiel allmählich erzogen? Wenn unsere Nachbarn an ihrem Nebi-Musa-Fest mit fliegenden Fahnen, krause Arabesken darauf und den Halbmond darüber, und schallend mit Trommeln, Pauken und Schwertertanz zur Omar-Moschee wallten, standen wir Juden wohlwollend Spalier. Gern glaubten wir dabei, daß jene mit gleich freundlicher Gesinnung unsere «Fantasias» mit ansahen, so wenn auf dem Anger von Talpioth zu Lag Beomer unsere Jugend das Freuden» teuer entfachte und seinen Schein auf dem seitan hochgerampten Davidschild spielen ließ. Daß jene bei so engem Kontakt da und dort etwas mitgehen ließen, paar Büschel Gras für ihr Kleinvieh, ein Leghornhuhn für den Suppentopf, ein Bauholz oder eine Wäscheklammer, nahm man mit Heiterkeit hin und ließ es genug sein, daß unser Koloniewächter, der «Gurdji», mit der langen Flinte die Diebe, falls er sie erwischte, ein wenig verhieb. Als ich letztens daheim war und meiner Frau vorhielt, weshalb sie die arabischen Nachbarn so ängstlich meide, fügte sie sich, mich am Nachmittag nach Sür Bah’r hinüber zu begleiten. Wir schlugen den Weg über den neuen landwirtschaftlichen Stützpunkt ein, der — im Vorjahr vom Gdud Awoda auf Nationalfondsboden angelegt — eine Viertelstunde weiter gegen Bethlehem zu auf dem Bergrücken lag. Was hatten die wackeren Burschen der Kwuzah in kurzer Z’eit aus dem bisher wüsten Boden hervorgezaubert! Ein heilsames Vorbild für das nahe Araberdorf, in das wir nun abwärts stiegen. Dort im Wein-» berg stoßen wir auf das erste Bauernpaar. Stolz hält uns die Fellachin ihr Jüngstes, einen lachenden Pausback, entgegen. Als ich solchen Empfang froh registriere, winkt meine Frau ab: «Gleich wird sie uns anschnorren.» Richtig; doch gab sich die Fellachin zufrieden, als ihr meine Frau arabisch Bescheid gab: «Du bist ja reich; Allah hat dir dies schöne Kind geschenkt!» Wir kommen tiefer ins Dorf. Ueberall' Zeichen wachsenden Wohlstandes. Neue, stattliche Steinhäuser stellen da oder sind im Aufbau. Von grünenden Hängen ziehen in unabsehbaren Herden Schafe und Ziegen mit strotzendem Euter den Ställen zu. Die Oelbäume inmitten üppiger Reben, an den weitgeschwungenen Terrassen,. r :.hij.pgen voll prächtiger Früchte. . Auf den Tennen' 'sinci die . ähren-, schweren Garben von Weizen und Gerste, von Hamle und Durra hoch gehäuft. Ringsum Singen und Lachen. Man jubelt — mit Recht — ob der Ernte, wie sie seit Menschengedenken dem Land nicht beschieden war. Unser Besuch macht einiges Aufsehen. Sehr selten kommt ein Jude hierher. Durch Aneinander-, reihen beider Mittelfinger mit der Formel «Saba, Saba» geben die Dorfleute ihren Verbrüderungswiiien kund, wie sie es mit Vorliebe tun, seit die Juden nach dem schrecklichen Erdbeben vor zwei Jahren in großzügiger Herzlichkeit den schwerbetroffenen Arabern zu Hilfe geeilt sind. Indes sank rasch, wie das Palästina eigen ist, die Sonne und wir suchten den kürzesten Weg nach Talpioth. Er führt durch eine tiefe Talschlucht, in der magisch die Feuer eines Beduinenlagers glühen. Im Strahl des Silbermondes breiten sich «die schwarzen Zelte Kedars» und phantastische Gestalten umhuschen uns. Wie priesen wir diese Naturkinder b» ihrem harmlosen Glück und zögerten fast, in jene andere, rauschende Welt zurückzukehren, welche wir Juden aus Europa herübergebracht hatten. Doch schon blicken, da wir im Säuseln des Abendwindes emporsteigen, vom Hügelkamm die ersten Häuschen von Talpioth herab, ein Klavier erklingt und Weisen von Haydn und Schubert umschweben uns. Jetzt ist die Höhe erreicht. Rechts die Baracken der hier erstehenden Mädchenfarm,‘ nahe den Grundmauern des Regierungspalastes, und vor uns friedreich und weihevoll, über Berg und Tal ergossen, ein Lichtermeer: Jerusalem, die heilige Stadt. Und nun ist Jerusalem durch Brudermord, durch jede Art von Verbrechen geschändet. «Sie legten Feuer an dein Heiligtum, entweihten deines Namens Stätte bis auf den Grund.» Und was wurde aus der freundlichen Gartenstadt Talpioth! Dieselben Nachbarn, jene idyllischen Bauern von Sur Bah’r und die beduinischen Naturkinder, rotteten sich wider dich. Noch vor dem Ausbruch der Kämpfe schrieb mir mein Söhnlein, wie jene einen Burschen vom Gdud nieder* stachen, wie sie die Mädchenfarm — sozusagen unter der britischen Reichsfahne .— niederbrannten. Vergebens traten die «Burganiin» von Talpioth neben den «Chaluzim» auf die Wacht. (Wie läppisch erweisen sich nun diese unterscheidenden Phrasen zur Zeit nationaler Not!) Vergebens weinten unsere Knaben nach Waffen: sie wollten sich in die Selbstwehr

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