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Die Stimme · 1929-08-29 · Heft 89 (29.8.1929) · page 10

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 89 (29.8.1929)
Date
1929-08-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 DIE STIMME Nr. 89 An die jüdischen Eltern Ein neues Schuljahr beginnt und wieder wird aktuell die brennende Frage: Wie erziehe ich mein Kind jüdisch? Ist die Lösung dieser "i^rage imr jeden aufrichtigen Juden von großer Wichtigkeit, desto wichtiger erscheint sie für den jüdischen Lehrer in der Großstadt, der im Dienste des jüdischen Volkes steht und die Last schwerer Verantwortung auf seinen Schultern trägt. Um so schwieriger erscheint uns die Lösung dieser Frage zu sein, je mehr wir zur Ueberzeugung gelangen, daß fast die ganze Jugend Gefahr läuft, für das Judentum verloren zu gehen. In religiöser wie in nationaler Beziehung sind die paar hebräischen Unterrichtsstunden in den öffentlichen Schulen, bei dem fast vollständigen Mangel eines vom jüdischen Geist erfüllten Milieus, zu Hause, in der Schule und auf der Gasse, in keiner Weise hinreichend, die jüdische Ueberlieferung zu erhalten. Eine wirkliche Beziehung zur jüdischen Lehre und zur jüdischen Nation wäre nur dann denkbar, wenn der Jugend der Zugang zur jüdischen Kultur und Literatur eröffnet werden könnte. Hiezu bedarf es aber der richtigen Methode und des berufenen Lehrers. Leider hat sich in dieser Beziehung eine wahre Anarchie entwickelt. Unberufene Elemente haben mangels einer anderen Beschäftigung den hebräischen Unterricht als Beruf ergriffen, ohne hiefiir die gehörigen Kenntnisse und die genügende Schulung zu besitzen. Sie fügen hiemit einen großen Schaden nicht allein der hebräischen Sprache zu, sondern verunglimpfen obendrein die jüdische Erziehung in solchem Maße, daß ihre Zöglinge nach kurzer Zeit mit Abscheu dem Judentum und seiner Lehre den Rücken kehren. Die größte Schuld natürlich tragen jüdische Eltern, die aus Gleichgültigkeit oder um einige Groschen zu ersparen, solche Elemente ins Haus bringen. Um diesem schweren Uebel abzuhelfen, warnen wir die jüdischen Eltern im Namen des Verbandes der hebräischen Lehrer, zum Wohle ihrer Kinder und im Interesse der jüdischen Erziehung, ihre Kinder diesen schädlichen Elementen anzuvertrauen. Wir ersuchen sie ferner, für die jüdische Erziehung ihrer Kinder mehr Sorgfalt an den Tag zu legen und nur solche Lehrer zu beschäftigen, die sich mit einer ordnungsmäßigen Legitimation des Verbandes der hebräischen Lehrer ausweisen können. Denn nur für diese Lehrer übernehmen wir die volle Verantwortung und nur bei Unterrichtserteilung solcher Lehrer garantieren wir einen ersprießlichen Erfolg. Verband der profess. Hebräischlehrer in Wien. Alle Jugendgruppen und Kursteilnehmer ersuchen wir, in ihrem Interesse mit dem hebräischen Unterricht nicht wie üblich nach den Feiertagen, sondern, schon im September zu beginnen, um dadurch den Unterricht um zwei Monate zu verlängern und auf diese Weise auch einen besseren Erfolg zu erzielen. Alle hebräischen Lehrer des Verbandes, die noch keine Legitimation besitzen, holen sie sich täglich von 9 bis 10 Uhr vormittags II., Karmelitergasse 5/9. Der jüdische Hochschüler Der Ausbau der hebräischen Universität Sitzungen des akademischen Rates und des Kuratoriums der hebräischen Universität. — Ausgestaltung zu einer Lehrhochschule. — Verleihung von Doktordiplomen (Eigenbericht der „Stimme“.) Zürich, 21. August. Die diesjährigen Sitzungen des Akademischen Rates und des Kuratoriums der hebräischen Universität fanden am 16., 18. und 19. d. M. in Zürich statt. Auf Grund einer eingehenden Beratung des Akademischen Rates über die Vorschläge des Universitätsrates in Jerusalem beschloß das Kuratorium eine Reihe von Maßnahmen zum Zwecke des weiteren Aushaues der naturwissenschaftlichen Abteilungen. Am chemischen Institut soll die bereits von der vorigen Sitzung beschlossene zweite Professur für allgemeine Chemie baldmöglichst besetzt werden. Am physikalischen Institut, das gegenwärtig im Aufbau begriffen ist, sollen Anfängevkurse in der Experimentalphysik eingeführt Averden. Das Kuratorium beschloß ferner im Verfolg des Ausbaues der naturwissenschaftlichen Fakultät, deren Eröffnung für spätestens 1982 in Aussicht genommen ist, die Einführung eines abgeschlossenen akademischen Lehrkurses in den biologischen Fächern, der sich über acht Semester erstrekken soll. Das Lehrprogramm des geplanten Kurses umfaßt außer den Hilfsfächern der Mathematik, Physik und Chemie insbesondere die Zoologie, Botanik, Geologie, physiologische Chemie, Bakteriologie und Protozoologie. Neben den Vorlesungen sind in allen Zweigen umfassende Laboratoriumskurse vorgesehen. Es wurde des weiteren die Einführung von systematischen Lehrkursen in der tropischen Medizin für Aerzte unter Mitwirkung der Hadassah- Organisation beschlossen. Inzwischen soll der Universitätsrat in Jerusalem die notwendigen Maßnahmen hinsichtlich der Erteilung des erforderlichen klinischen Unterrichtes treffen. Im Zusammenhang mit der Einführung der Lehrkurse in der tropischen Medizin wurde beschlossen, gemeinsam mit der Hadassah-Organisation ein Universitätskrankenhaus zu errichten. In den geisteswissenschaftlichen Fächern Avurde beschlossen, die Philosophie als Hauptfach anzuerkennen. Im orientalischen Institut wird eine Dozentur für Assyriologie geschaffen. Die Frage der Ausgestaltung und Besetzung weiterer Lehrstühle in der geisteswissenschaftlichen Fakultät, für deren Begründung Angebote Vorlagen, wurde Kommissionen übertragen. Des Aveiteren wurde beschlossen, daß die Mathematik auch in den Lehrplan der geisteswissenschaftlichen Fakultät — zunächst als Nebenfach — aufgenommen Averden soll. Hinsichtlich der nach Abschluß cUs geisteswissenschaftlichen Lehrkurses abzuhaltenden Prüfungen wurden eingehende Beschlüsse gefaßt. Die erste Schlußprüfung soll mit Rücksicht auf die bisherige UnvollständigVeit der Fakultät erst am Ende des akademischen Jahres 1930/31 abgehalten werden. . Die Erteilung eines Doktordiploms soll an die Absolvierung einer Forschungstätigkeit von zwei weiteren Jahren und Einreichung einer Dissertation geknüpft werden. Im Zusammenhang mit diesen Beschlüssen wurde der außerordentliche Professor der Parasitologie am mikrobiologischen Institut, Herr Dr. S. Adler, zum ordentlichen Professor ernannt und dem Dozenten am mathematischen Institut, Herrn Dr. Fekete, der Rang eines außerordentlichen Professors verliehen. Es wurden ferner Dozenturen für analytische Chemie und systematische Zoologie geschaffen. Der im Vorjahr zur Leitung des mathematischen Institutes berufene Prof. Dr. A. Frankel (Kiel), der an der diesjährigen Sitzung teilnahm, be- , gibt sich im Herbst zur Uebernahme seines akademischen Amtes nach Jerusalem. Das Kuratorium genehmigte für das kom- . mende Jahr ein Gesamtbudget von 71.000 Pfund. Zur Aufbringung der hiefür erforderlichen Mittel und Sammlung größerer Investierungsfonds wird sich Herr Dr. J. L. Magnes, der Kanzler der Universität, im Herbst dieses Jahres auf Einladung des amerikanischen Universitätskomitees, an dessen Spitze Herr Felix M. Warburg steht, nach Amerika begeben. Das Kuratorium beriet des weiteren eine; Anzahl administrativer Probleme, insbesondere die Ausgestaltung der Universitätsverfassung, die Frage des Erwerbes der für die Erteilung von Diplomen erforderlichen Rechtsstellung, die Frage der Anstellungs- und Pensionsbedingungen der Dozenten sowie die Frage der Teilnahme der Universität an den Reifeprüfungen 1 der höheren Schulen Palästinas. D;e Weiter-; behandlung der diesbezüglichen Beschlüsse wurde einer Reihe von Kommissionen übertragen. Für das nächste Jahr wurde zum Vorsitzenden des akademischen Rates Herr Dr. Weizmann ernannt. Die Kooptierung weiterer Mitglieder des akademischen Rates ist in Aussicht genommen. Akademischer Rat und Kuratorium der hebräischen Universität Z li r i c h, 20. August. Am 17. August veranstaltete das «Schweizer Komitee zur Förderung der Universität Jerusalem» in Zürich zu Ehren der Persönlichkeiten, welche an den Sitzungen des akademischen Rates und Kuratoriums der Hebräischen Universität von Jerusalem teilnehmen, im Hause des Herrn Bankier Walter Bär einen Empfangsabend. Es waren gegen hundert Gäste, darunter viele jüdische Hochschullehrer, die dem Schweizer Komitee angehören, Mitglieder der Arbeitsausschüsse von Zürich und Basel, des Kultusvorstandes und der jüdischen Gesellschaft Zürichs, erschienen. Prof. Arthur Wrescimer begrüßte die Versammelten im Namen der Schweizer Freunde der Jerusalemer Universität. Felix M. Warburg erwiderte, indem er auf die Bedeutung des palästinensischen Werkes als Brücke zur arabischen Welt und Zentrum für die Judenheit verwies. Martin Buber erzählte die Entstehungsgeschichte des von Prof. Wei2mann, Berthdd Feiwel und ihm vor 25 Jahren ausgehenden Planes zur Schaffung einer jüdischen Universität. M. M. Ussischkin griff noch weiter zurück, indem er Prof. Hermann Schapira, den Vater des jüdischen Nationalfonds, als den ersten Anreger des Planes nannte, der schon im Jahre 1887 in Rußland für diesen Gedanken tätig war. Nach Schluß der Ansprachen Avurden von dem jüdischen Trio Irma Schaichet (Klavier), Alexander Schaichet (Violine) und Joachim Stutschewsky (Cello), dem bekannten Pionier einer neuen jüdischen Musik, Kompositionen von Pauk Kirman, Josef Achron und Joachim Stutschewsky, zum Teil aus dem Manuskript, gespielt. Es sprachen dann Rabbiner Dr. Littmann und Naiium Sokolow. Die Besprechungen des Akademischen Rates und des Kuratoriums der Hebräischen Universität dauern noch bi? Mitte dieser Woche an. Ein Zweig der Jerusalemer Universitätsbibliothek in Tel-Aviv. Die hebräische National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem hat einen Teil der medizinischen Büchersammlung als besondere Bibliothek in Tel-Aviv eröffnet. Diese Zweigstelle Avird künftig alle Dubletten medizinischer Bücher erhalten. Zu den Unterhaltskosten wird die Aerzteorganisation von Tel-Aviv beitragen. Die Bibliothek, die mit einem Bestand von 7000 Bänden eröffnet wurde, ist im „Haus der Gesundheit“ in Tel-Aviv untergebracht. Ein Lehrstuhl für hebräische Wissenschaft an der amerikanischen Universität in Beirut Jerusalem, 22. August. (J. T. A.) Die historisch-philologische Fakultät der amerikanischen Universität in Beirut richtet in diesem Jahre einen Lehrstuhl für hebräische Wissenschaft und Sprache ein. Der Lehrstuhl wird durch einen syrischen Araber, einem Schüler von Prof. Horovitz in Frankfurt a. M., besetzt werden. Prof. Ismar Elbogen soll den Lehrstuhl für jüdische Wissenschaft der Columbia-Universität verwalten. Eine Persönlichkeit, die nicht genannt zu werden wünscht, hat vor einiger Zeit einen größeren Betrag zur Einrichtung eines Lehrstuhles für jüdische Wissenschaft. an der Columbia- Universität zu New York gestiftet. Die Universität wandte sich an zwei in Berlin lebende jüdische Gelehrte, an den Hauptredakteur der „Encyclopaedia Judaica“ Dr. Jakob Klatzkin und an den jüdischen Geschichtsforscher und wissenschaftlichen Organisator Prof. Ismar Elbogen Avegen Besetzung des neuen Lehrstuhles. Während Dr. Klatzkin nicht in der Lage war, den Vorschlag zu erAvägen, nimmt man an, daß sich Prof. Elbogen entschließen wird, dieser ehrenvollen Einladung, die mit der Uebernahme einer wichtigen Mission im Interesse der jüdischen Wissenschaft verbunden ist, Folge zu leisten. Jüdischer Hochschülerweltkongreß verschoben Das Komitee zur Vorbereitung des Weltkongresses der jüdischen Hochschüler teilt mit, daß der Kongreß, der im September dieses Jahres in Berlin hätte stattfinden sollen, verschoben wurde. Aus Palästina Keine Arbeitslosigkeit, wohl aber Mangel an Arbeitskräften (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 20. August. Das zentrale Arbeitsamt der Arbeiterorganisation (Histadruth) teilt mit, daß sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt fortdauernd günstig entwickelt. Die Zähl der Arbeitslosen hat sich fast an allen Orten stark vermindert. In Haifa sind sämtliche Arbeiter beschäftigt, es mußten hundert Arbeiter aus anderen Orten angefordert werden. Insgesamt gibt es in den übrigen Städten heute nur 200 Arbeiter, die aus gesundheitlichen oder familiären Gründen nicht eine feste Arbeit annehmen konnten, und nur zwei bis drei Tage in der Woche beschäftigt sind. Der Arbeitermangel hat sich inzwischen so zngespitzt, daß das zentrale Arbeitsamt keine größere Arbeit übernehmen kann, da ihm keine Arbeiter zur Verfügung stehen. Die Ursache des Arboitermangels liege in der verspäteten Verteilung der neuen Chaluz-Zertifikate. Die Zahl der Arbeitsplätze, die inzwischen durch Nichtjuden besetzt wurden, uud die bei rechtzeitigem Eintreffen jüdischer Arbeiter diesen zur Verfügung gestanden hätten, könne auf tausend geschätzt werden.

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