Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 89 (29.8.1929)
- Date
- 1929-08-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 89 DIE STIMME Sette 9 Litauen Woldemaras spricht öffentlich sein Bedauern über die antijüdischen Exzesse aus (Eigenbericht der „Stimme“.) Kowno, 19. August. Ministerpräsident Prof. Woldemaras empfing eine Abordnung der Federation litauischer Juden Amerikas, die aus Anlaß des Staatsjubiläums nach Kowno gekommen waren. Woldemaras unterhielt sich mit den jüdischen Delegierten über die Lage der Juden in Litauen und sprach sein Bedauern über die antijüdischen Exzesse in der Kownoer Vorstadt Slabaden am 1. und 2. August aus. Die jüdischen Delegierten aus Amerika hielten eine Beratung mit den Leitern von 85 jüdischen Organisationen Litauens ab. Es wurde die kulturelle und soziale Lage der litauischen Juden besprochen. Die Schilderungen der Vertreter der Juden in Litaueh machten auf die amerikanischen Gäste einen sehr deprimierenden Eindruck. Das litauische Regierungsorgan gesteht nun die volle Wahrheit über die Pogrome ein (Eigenbericht der „Stimme“.) Kowno, 21. August. Das Organ der litauischen Regierung „Lietuwas Aidas“ nimmt nun zum zweitenmal Stellung zu dem Pogrom in Slabaden und gibt diesmal offen zu, daß die Regierungsbeamten nicht nur die Huligans gewähren ließen, sondern auch direkt an den Ueberfallen auf die Juden teilgenommen haben. Die Zeitung fügt hinzu, in Litauen sei kein Platz für Antisemitismus; die litauischen Juden seien loyal und patriotisch gesinnt und es sei Pflicht der Regierung, die Schuldigen an Exzessen gegen Juden strenge Zu bestrafen. In jüdischen Kreisen hat die in dem Artikel zum Ausdruck kommende späte Reue des Regierungsorganes keinen besonderen Eindruck gemacht, da man weiß, daß der Artikel zu dem Zweck geschrieben worden ist, um die gegenwärtig in Litauen anwesende Abordnung der Federation litauischer Juden in Amerika, die sich eingehend mit den Geschehnissen in Slabodka befaßt hat, zu versöhnen. Man befürchtet, daß es bei diesem Artikel sein Bewenden haben wird; denn bis heute ist noch kein an den Exzessen Schuldiger der verdienten Strafe zugeführt worden. Die Polizisten, die aktiv an den Pogromen in Slabaden und in anderen Orten teilgenommenhaben, versehen ihren Dienst an den gewohnten Plätzen. Die litauischen Juden in Amerika helfen ihren Brüdern in der Heimat Kowno, 21. August. (J. T. A.) Die aus Anlaß des litauischen Staatsjubiläums gegenwärtig in Kowno weilende Abordnung der Föderation litauischer Juden Amerikas hat mit den Leitern der jüdischen kulturellen und sozialen Institutionen Litauens eine Beratung abgehalten, in deren Verfolg die Abordnung die Verpflichtung übernahm, die litauischen Juden in Amerika zu veranlassen, daß sie mithelfen, die materielle Lage der litauischen Juden zu verbessern und die öffentlichen jüdischen Anstalten in Litauen Zu erhalten. Insbesondere übernahm die Abordnung die Verpflichtung, einen Fonds von 500.000 Dollar aufzubringen, aus.welchem langfristige Darlehen zu geringen Zinsen durch die Volksbanken an wirtschaftlich schwache jüdische Existenzen gewährt werden sollen. Die religiöse Weltfriedenskonferenz und die Juden Der nächste Kongreß wahrscheinlich in Jerusalem Frankfurt a. M.,. 19. August. Das Exekutivkomitee der «Religiösen WeWfriedenskonferenz» hält gegenwärtig m Frankfurt seine zweite Sitzung ab; es nehmen an ihr etwa 70 Vertreter von insgesamt 11 Religionen aus den verschiedenen Ländern der Erde teil. Die Verhandlungen gelten den Vorbereitungsarbeiten für die im nächsten Jahre stattfindende religiöse Weltfriedenskonferenz. Als Vertreter der Frankfurter Jüdischen Gemeinde und des Friedensbundes der deutschen Juden begrüßte Rabbiner Dr. Seligmann die Versammlung und führte aus, der jüdische Friedensbund habe sich als letzter der Interkonfessionellen Friedensgemeinschaft abgeschlossen, obwohl er als erster seine Kräfte in den Dienst des Friedlens gesteht habe. Der Friede werde kommen, wenn adle guten Willens seien. Wer aber nicht mit wirke an der Sicherung des Friedens, der mache sich mitschuldig am Krieg. Von den vielen Vorschlägen über den Tagungsort dieses Parlamentes der Religionen, die gemacht worden sind, scheint Jerusalem den Vorzug zu haben. Andauernde Flucht der Juden aus Yemen Aden, 21. August. (J. T. A.) Fast täglich treffen in Aden größere Scharen jüdischer Flüchtlinge aus dem Yemen ein, die erzählen, daß sich die Lage der Juden im Yemen unter der Herrschaft des Imans Jahi.ja von lag zu Tag verschlechtert; die Behörden üben einen Druck dahin aus, daß die Juden zum Islam übertreten. Die flüchtenden Juden des Yemen lassen ihre ganze Habe zurück. Sie sind nun in Aden in großer Zahl versammelt, befinden sich aber wirtschaftlich in so elender Lage, daß sie betteln müssen. Ihre einzige Hoffnung ist Palästina, ihr ganzes Bemühen ist darauf gerichtet, eine Einreise-Erlaubnis nach Palästina zu bekommen. Ein Monat Gefängnis für Herausgabe eines antisemitischen Pamphlets (Eigenbericht der «Stimme».) Budapest, 22. August. Unter dem Titel «Der Weltbund der Juden eine Gefahr für die Menschheit» gab der Privatbeamte Arpad Kovacs in ungarischer Sprache ein antisemitisches Pamphlet heraus, ln welchem die Juden als ein «lumpiges Gesindel» bezeichnet wurden, das das SelbsBewußtsein der Ungarn vernichtet, die Kirchen geschändet, die Geistlichen geschmäht habe. Den Juden müsse man das Brot und die Vermögenssicherheit entziehen. Wegen dieses Buches hatte sich der Verfasser vor dem Sfraifgerichtshof wegen Aufreizung gegen eine Konfession zu verantworten. Der Angeklagte erklärte, er habe nur Zitate aus anderen Büchern gebracht. — Der Gerichtshof erkannte auf das Vergehen der Aufreizung und verurteilte den Angeklagten zu einem Monat Gefängnis. Dem Angeklagten wurden mildernde Umstände zugebilligt, weil das Werk eine patriotische Tendenz aufweise. Prinz zur Lippe abermals wegen antisemitischer Beschimpfung verurteilt v (Eigenbericht der «Stimme».) Berlin, 22. August. c Vor dem Erweiterten Schöffengericht in Glogau hatte sich Friedrich Wilhelm Prinz zur Lippe zum dritten Male wegen antisemitischer Beschimpfung zu verantworten. Diesmal stand der folgende Fall zur Verhandlung: Prinz zur Lippe sandte an den Landgerichtspräsidenten, der eine Untersuchung gegen eine deutsch- ' nationale Schöffin, die den Prinzen begünstigte, eingeleitet hatte, ein Schreiben, in welchem er ihm zu seiner bevorstehenden Beförderung zum «Oberlandesgerichtspräsidenten von Jerusalem» gratulierte und ihm empfahl, einen jüdischen KriTiwnalkommissär mit nach Jerusalem zu nehmen. Der Strafantrag lautete auf 1000 Mark Geldstrafe. Das Gericht erkannte auf 300 Martk Geldstrafe oder 30 Tage Gefängnis mit der Begründung, daß der Angeklagte dem Lamdgerich tspräsidenten den schweren Vorwurf der politischen Unziweriässigkeit gemacht habe. Deutsche katholische Jugend gegen Antisemitismus und Rassenhaß Danzig, 21. August. (J. T. A) Bei Anwesenheit der höchsten katholischen Geistlichkeit wurde in Danzig eine Tagung der deutsch-katholischen Jugendvereine des Freistaates Danzig und Ostdeutschlands afogehalten. Es wurde u. a. beschlossen, Antisemitismus und Rassenhaß zu bekämpfen und für Völkerverständigung zu wirken. r': Beratung der Führer des Joint Distribution Committee in Zürich Das Wiederaufbauwerk zugunsten der Juden in Osteuropa wird mit ungeschwächter Energie fortgesetzt. — Ein Industrialisiemngspi^ogranim für Rußland Zürich, 19. August. (J. T. Ä.) Am IS. und 16. August Metten die Führer des Joint Distribution Committee m Amerika und die Joint-EHrektoren in Europa eine gemeinsame Beratung m Zürich ab, die der Aufstellung eines Programmes der konstruktiven Arbeit für die nächste Zukunft galt. Den Beratungen wohnten bei: Der Präsident des Joint Distribution Committee, Herr Felix M. Watiburg, Herr Louis Marshall, der Vizepräsident des Joint James, N. Rosenberg, der Generalsekretär Josef C. Hyman, Dr. Cyrus Adler, Dr. Jacob BiUikopf (Schwiegersohn von Louis Marshall), die Herren David N. Dressier, Dr. Lee K. Frankel, Dr. E. A. Grower, Dr. Morris B. Hexter, der Leiter des Europa- Werkes des Joint Distribution Committee, Dr. Bernhard Kahn, Dr. Solomon Löwenstein, Dr. J. L. Magnes, Dr. Henry Moskowitz (Vorsitzender von Ort in Amerika), der Leiter des Joint-Kolonisa tionswerkes in Rußland, Dr. Joseph Rosen, der Vizedirektor und der Generalsekretär von Joint in Europa, David J. Schweitzer und Dr, Werner Senator, Rabbi Aaron Teitelbaum und Morris L. Troper. Der Generalsekretär des American Joint Distribution Committee, Herr Joseph C. Hyman, erstattete einen Bericht über das Aulbauwerk und erklärte, daß der Joint Distribution Committee sein Programm des Wiederaufbaues zugunsten der Juden in Osteuropa und rn Rußland mit ungeschwächter Energie fortführen UoMem — Sichere Beseitigung der Sprachstörung, Ueberrascbende Erfolge, zahlreich« Anerkentwngsgchreiben. Dr. S L8w, Wien Mltttrslalg 4. Freie Auskunft täglich van 2 bla 4 Uhr werde. Dr. Joseph Rosen und Dr. E. Grower, die zu des Beratungen aus Moskau emgetroffen waren, erstattetet Berichte über die Lage der Juden in den Kolonien und in den Städten Rußlands und machten Vorschläge betreffend die Durchführung eines Industrialisieruragsprogrammes, das große Massen der jüdischen städtisclien Bevölkerung in Rußland wirtschaftlich selbständig machen soll. Herr Dr. Bernhard Kahn, der europäische Direktot des Joint Distribution Committee, und der europäische Vizedirektor, Herr David J. Schweitzer, berichteten ausführlich über die Lage der Juden in den Länder« Osteuropas außerhalb Rußlands und über das Werk des Joint in diesen Ländern. Herr David N. Dressier, stellvertretender Präsident des New York Campaign und Mitglied des Exekutivkomitees des Joint Distribution Commitee, und der Generalsekretär Herr Joseph C. Hyman, die in den letzten Monaten eine ausgedehnte Exkursion durch di« linder Osteuropas unternommen hatten, gaben ausführlich Bericht über die Lage der Juden In den genannten Ländern und unterstrichen die Notwendigkeit eine« Ausbaues des Hilfe- und Aufbauwerkes in diesen Ländern. Den Berichten schloß sich eine eingehende Aussprache an, in der die Linien des zukünftigen Aufbauprogrammes des Joint Distribution Committee schärf« Umrissen wunden. Einmütig wurde eine Resolution angenommen, die besagt, daß das vom Joint Distribution Committee in Rußland und in den übrigen Ländern Osteuropas eingeleitete Wiederaufbauwerk unvermindert fortgeführt werden solle. Die Konferenz nahm einmütig die von Louis Marshall eingebrachte Resolution an, in der das Joint Distribution Committee ermächtigt wird, nach dem 1. Juli 1929 eine neue einjährige Kampagne zur Aufbringung einer Summe von nicht weniger als 2,50<M)00 Dollar zu eröffnen. Samuel Weizmann, der Bruder Chaim Weidmanns, agities^, für Biro-Bidschan New York, 20. August. (J. T. A.) Herr Samuel Weizmann, ein Bruder des Präsidenten der Ztoofeti» sehen Weltorganisation und der Jewish Agency, Doktor Chaim Weizmann, ist soeben im Aufträge der Regierung der Sowjetunion in den Vereinigten Staaten eingetroffen, um für sie als wirtschaftlicher Experte zu fungieren. Er erklärte Vertretern der Presse, daß er io Amerika für den Plan der Besiedlung von Biro-tBktschan im Femen Sibirien durch Juden und die Ausgestaltung dieses Gebietes zu einer autonomen, jüdischen Republik wirken wolle. Es besteht die Möglichkeit, sagte Samuel Weizmann, im Verlauf der nächsten 15 Jahre eine Million Juden in Biro-Bidschan arozusiedeln. Die 'bestehenden Schwierigkeiten sind' leicht zu überwinden, die große Entfernung von Europa kann ebenfalls kein Hindernis sein; im Gegenteil, diese räumliche Entfernung werde es bewirken, daß die Siedler sich nicht allzu leicht entschließen werden, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß nach den ersten Erfolgen des Kolonisations- Werkes der Regierung auch die ausländischen jüdischen Organisationen, wie J. A. C. und Agro-Joint, das Biro- Bidschan-Projekt unterstützen werden. — Auf eine Frage der Journalisten erklärte Samuel Weizmann, er sei Gegner des Zionismus, ungeachtet dessen stehe er auf freundschaftlichem Fuße mit seinem Bruder, Doktor Chaim Wefcmann. In Rußland macht man Propaganda für ein generelles Schechita verbot Moskau, 19. August. (J. T. A.) Wie der J. T. A.- Vertreter aus sicheren Quellen erfährt, wird jetzt in gewissen Kreisen der Sowjetregierung ein Vorschlag ventiliert, der darauf hinausgeht, das Schächten nach jüdischem Ritus für alle Länder der Sowjetunion zu verbieten. Der Korrespondent der Jüdischen Telegraphen- Agentur hatte Gelegenheit, Einblick in zwei Projekte über Schechitaverbot zu erhalten, ln einem derselben wird behauptet, daß in keinem Volke so barbarische Methoden der Tiertötung bestehen, und daß man die öffentliche Meinung dagegen mobilisieren müsse. In Randbemerkungen von Sowjetführern zu diesem Projekt wird darauf hingewiesen, daß in den Ausdrücken wie Barbarismus des jüdischen Volkes ein unbewußter Antisemitismus zum Ausdruck kommt. Es wird daran erinnert, daß noch vor 30 Jahren unter dem Zarismus die Antisemiten eine Kampagne für Schechitaverbot geführt haben mit der Begründung, daß die Schächte methode barbarisch sei. Diese Kampagne fiel aber ins Wasser, als wissenschaftttehe Autoritäten festgestellt haben, daß die SchäcMmethode ganz und gar nicht barbarisch sei. lielllMBV