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Die Stimme · 1929-08-29 · Heft 89 (29.8.1929) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 89 (29.8.1929)
Date
1929-08-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seife 8 DIE STIMME Nr. 89 Das Problem der Klagemauer vor der Mandatskommission des Völkerbundes Chancellor legt ausführlich die Lage und den britischen Standpunkt dar und berichtet über erfolglos gebliebene .Verhandlungen wegen eines Verkaufes der Grundstücke vor der Mauer an die Juden« Das Protokoll der Sitzungen der 15. Session der Mandatskommission des Völkerbundes gibt ausführlich die Gespräche wieder, die das Problem der Klagemauer zum Gegenstände haben. Sir John Chancellor besprach eingehend den Komplex der Fragen, die mit der Klagemauer verbunden sind. Vor etwa 6 Monaten, sagte er, hat die britische Regierung ein «Weißbuch» über die Geschehnisse an der Klagemauer am jüdischen Versöhnungstage herausgegeben, das die Zufriedenheit der Moslemiten gefunden hat, indem diese die Darlegung in dem Sinne deuteten, daß die Juden nicht das Recht haben, Bänke und andere Gegenstände vor der Klagemauer aufzustellen. Auf ihre Forderung, aus dieser Schlußfolgerung die Konsequenzen zu ziehen, hatte der Oberkommissar ihnen erklärt, daß er ohne die besondere Erlaubnis des Kolonienministeriums ihren Wunsch nicht erfüllen könne. Sir John Chancellor legte den Kommissionsmitgliedern einen Plan der Klagemauer vor und setzte auseinander, daß die Juden eigentlich nur der Platz vor der Mauer interessiert, und daß die Mauer selbst eine Stütze des Komplexes des Haram asti Sharif (Heiliger Bezirk der Araber) bildet. Das ganze Gebiet vor der Mauer gehört den Arabern. Der Oberkommissär berichtete dann über die Bauarbeiten, die in unmittelbarer Nähe der Mauer durch die Moslemiten aufgeführt werden, und gegen welche die Juden protestieren. Der Staatssekretär für die Kolonien hat .beschlossen, nur solche Bauarbeiten zu verbieten, die den Status quo verletzen könnten, z. B. eines Gebäudes, in welchem rauschende Feste gefeiert werden. Von diesem Standpunkt aus wurde dem Groß- Mtifti erlaubt, eine Wand aufzustellen, die die Frauen seines Hauses vor zudringlichen Blicken von außerhalb schützen soll. Sir Chancellor erklärte, er habe sich bemüht, die im vergangenen Jahre von der Kommission ausgedrückte Hoffnung, daß es möglich sein wird, beide Parteien zu einer Uebereinsthnmtnig zubringen, zu .verwirklichen. Er war sich darüber klar, daß von einer Expropriierung des Platzes vor der Mauer keine Rede sein könne. Die Araber wachen darüber, daß keinerlei Erweiterung der Rechte der Juden an der Mauer stattfrndef, und der Mufti behauptete, daß wenn die Araber den Juden irgendwelche’ Konzessionen gewähren sollten, die Juden sofort auf dem Platze eine Synagoge erbauen würden. Der Platz vor der Mauer dient den •marokkanischen Arabern, die in der Nachbarschaft der Mauer wohnen, als Durchgangsstraße; dies stört die Juden oft in ihren Gebeten. Diese Schwierigkeiten würden behoben sein, wenn die Araber zustimmen Und ich stehe vor ih'ren und mein ganzer Körper zittert. Ich weiß nicht warum, — aber mein ganzer Körper zittert. Das ist also 'die heiligste Stätte auf dem ganzen Erdenrund;! Heiligeres gibt es nicht. Und von dieser. Stätte geht jener Laut aus, der bebende, ianggedehnte, der einen Augenblick verzweifelt; schwach, erstickt äst, um im anderen Augenblick — eine Stimme, die um Hilfe ruft, die das Herz zerreißt Und Juden zu Hunderten stehen vor der Mauer, Juden mit dem Aussehen von Patriarchen, Juden mit langen, weißen Bärten, sefardüsche Juden, aschkemasische Juden, Juden in seidenem, blauen Kaftan — eine gewaltig große Schar. Und Augen sehe ich, wilde ‘Augen, fiebernde, brennende Augen, Auigen, die heischen, die forschen, die Gott selbst zu Gericht fordern. Und alle Gesichter so weiß, so blaß. Ein wilder Wahn-» sinn glüht in diesen Augen. .Und plötzlich erinnere ich mich in diesem Augenblicke an einen Edelmann, den ich einmal ln Budapest im Irrenhause gesehen habe und an den Ausdruck seiner Augen. Ein Wurm, der mit den Füßen zertreten wird und In seinem Schmerze sich krümmt! Menschenstolz, der plötzlich erwacht und in wildem Wahnsinn aufbegehrt! . . . Und Klagetöne, bitterliches Weinen, zittern in der Luft, wie ich sie in meinem Leben noch nicht gehört habe. Hier steht ein Mann und schlägt mit der Hand ans Herz, dort schreit ein Mann und rauft sich sein Haupthaar. Hier preßt ein Greis sein Kinn an den kalten Stern der Mauer, dort schmiegt sich ein Kir.d an einen Stein und weint mit lauter Stimme. Und .von der Mauer, mitten aus den Ruinen, sehe ich' weiße! (Tauben hin und her fliegen. Wahrlich, das Herz .wird einem schwer, wenn man an dieser Stätte diese weißen, zarten Tauben sieht. Und als ich mich, schon längst von der Mauer entfernt habe, als ich schon umgekehrt bin, um hevmzufeehen, höre ich immer .noch die tiefsinnige Frage: «Wantm?», und als ich mich bereits zur Ruhe begeben, in dec Nacht, in meinen Träumen noch höre ich: «0 Üäaö^Äaiwm?» würden, den Platz an die Juden zu verkaufen, so daß es möglich sein würde, ihn zu umzäunen, damit die Juden in Ruhe und in gebotener Würde ihre Gebete verrichten könnten. Die jüdischen Führer in Palästina und auch Dr. Weizmann haben diesen Vorschlag sympathisch aufgenommen, sie haben auch schon eine gewisse Summe zur Leistung des Kaufpreises bereitgestellt. Er, Chancellor, habe bereits dem Mufti den Kaufvorschlag unterbreitet. Seine Haltung aber ist eine negative, der Boden ist Vakuf (Kirchengut) und darf nicht verkauft werden. Der Oberkommissar machte dem Mufti den Vorschlag, daß die Juden den marokkanischen Arabern bessere Wohnungen als sie jetzt haben, an einer anderen Stelle beschaffen, und daß der Platz vor der Mauer der Regierung zur Verfügung gestellt werde, die ihn dann ihrerseits den Juden überlassen würde. Der Mufti erwiderte, die Stimmung sei jetzt eine solche, daß auch nur die Bekanntgabe eines solchen Vorschlages Unruhen hervor rufen würde. Er, Sir John Chancellor, habe den jüdischen Führern die Lage auseinandergesetzt und ihnen geraten, dafür zu sorgen, daß die Ruhe bewahrt und keine Anklagen und Zeitungsangriffe gegen die Araber gerichtet werden, bis sich die Atmosphäre beruhigt hat, und eine Intervention Erfolg versprechen würde. So ist heute die Lage, fährt Chancellor fort, und es bleibt nichts anderes übrig, als die Schlußfolgerungen des «Weißbuches» vom November 1928 gelten zu lassen. Gegenüber der moslemi tischen Darlegung; daß die Juden niemals Bänke an der Klagemauer errichten durften, und daß es ihnen die britische Verwaltung selbst schon zweimal verboten hat, behaupten die Juden, daß die Errichtung von Bänken ihnen von altersher erlaubt sei; zur Bekräftigung ihrer Behauptung legten sie 30 bis 40 Jahre alte Photographien vor. Der Groß-Mufti, dem die Photographien gezeigt wurden, bestritt ihre Echtheit und berief sich auf ein altes türkisches Verbot, Bänke vor der Mauer aufzustellen. Die Juden, insbesondere das Hauptrabbinat, haben der Aufforderung, ihrerseits Dokumente vorzulegen, . bis heute nicht entsprochen; es scheint,, daß kein einziges offizielles Dokument existiert, das den Juden die 'Benützung von Bänken erlaubt. Der Mufti wollte nicht einmal erlauben, daß alte und gebrechliche Juden sich Sitzgelegenheiten schaffen. Auf die Frage von Prof. Rappard, ob beide Parteien den Status quo als gerechte Basis anerkennen, erwiderte Chancellor, daß jede der Parteien den Status quo anders interpretiert Eine genaue Definition des Status quo ist darum notwendig, und jede Verzögerung derselben könne sich in gefährlicher Weise auswirken. Die Kommission wandte sich dann der Behandlung der arabischen Petitionen über die Klagemauer zu. Die arabischen Petitionäre behaupten, daß die Mauer selbst arabisches Heiligtum und ein Teil der Moscheen Aksa und Omar ist; die Mauer wird in einem Satz im Koran erwähnt und ist somit Heiligtum. Die Juden haben keinerlei Rechte auf den Platz vor der Mauer. Durch Ihre Ansprüche auf die Klagemauer verbergen die Juden die Absicht, später ihre Hand auf die moslemifischen Heiligtümer, vielleicht auch die Heiligtümer der änderen Religionen, zu legen. Dies sei auch der Zweck des mit Hilfe der Juden geschaffenen Expropriationsgesetzes. Es wird dagegen protestiert, daß ein Jude, Norman Bentwäch, den Posten eines Oberstaatsanwalts und ersten juristischen Beraters der Regierung ausfüllt Es wird gefordert, Bentwlch durch eine neutrale Person!zn ersetzen. In der Bemerkung der britischen Regierung zu diesen Petitionen heißt es, die Regierung stimme nicht mit der Behauptung überein, daß die Juden keinerlei Rechte an der Mauer haben. Das Expropriationsgesetz rühre noch aus der Zeit der türkischen Verwaltung her und bezwecke in keiner Weise die Wegnahme moslemitischer Stätten; eine solche Absicht widerspräche ja auch dem Mandate. Der Berichterstatter über aile diese Petitionen, Prof. Rappard, unterbreitete folgende zwei Schlußfolgerungen: 1. Es ist wünschenswert, daß beide Parteien unter sich zu einer Uebcreinstimmung gelangen; sollte sich dies als unmöglich erweisen, so müsse die Mandatarmacht strenge über den Status quo wachen. Eine Definierung dez Status quo liegt nicht ln der Kompetenz der Mandatskommission. 2. Indem die Kommission die Erklärungen der Mandafsregierung hinsichtlich des Expropriationsgesetzes zur Kenntnis nimmt, stellt sie fest, daß nach dieser Richtung keinerlei Grund zu Argwohn seitens der Petitionäre besteht. Auf Vorschlag des französischen Vertreters wurden die Worte «Status quo» durch die Worte «jetziger faktischer Zustand» ersetzt. Auf der Tagesordnung der Session stand auch die Behandlung der Petition des Waad Leumi, in welcher gegen die britische Auffassung des Status quo polemisiert und Anspruch auf erhöhte Rechte für die Juden erhoben wird. Auf telegraphischem Wunsch des Waad Leumi wurde die Behandlung der Petition bis zur Vorlegung weiteren Materiales vertagt. Der Völkerbundsrat wird sich mit dem Problem der Klagemauer In seiner am 30. August beginnenden Session beschäftigen. Zum Besuche Ab. Goldbergs in Wien*) Abraham Goldbeng, der Vizepräsident -des Ziom A. C., weilte auf seiner Durchreise nach Erez Israel ln Wien und sprach hier zweimal. Seine Reden waren ein Ereignis. Persönlich: Ein wahrhaft «jüdischer» Kopf, voll gesunder Klugheit, von jüdischem Geist durchtränkt, sehr witzig, sehr kalt und dabei sehr sachlich. Sachlich: Er erläuterte uns die amerikanisch-jüdischen Verhältnisse, die wir ahnten, aber nur wenig kannten. Er hat den selbstverständlichen Mut, manche Götzenbilder zu zerstören. Er repräsentiert eine sehr gute Mischung von osteuropäischem und amerikanischem Judentum, welche Mischung aber eine organische und keine mechanische ist. Die so stark umstrittene Frage der Jewish Agency erscheint nach seinen Ausführungen natürlich und selbstverständlich. Der Zionismus wurde geschaffen, um die jüdische Einheit wiederherzustellen, teilte aber bis heute das Judentum. Die Jewish Agencb ist aber berufen, diese Einheit zu verwirklichen. Es wurde jedem Anwesenden klar: Nichts ist verfehlter, als die Marshalls und Warburgs in einen Topf mit den hartgesottenen Assimilanten 5n Europa zu werfen. Der Westjude, der den Ostjuden liebt, ist ein echter Zionist, wer dies nicht gelernt hat, ist es nicht. Amerika ist nicht nur das Land des Geldes, es ist das größte jüdische Zentrum unserer Periode. Dort sammeln sich gewaltige jüdisch-geistige Energien an, die eines Tages die jüdische Welt verblüffen werden. Die Chiibath-Zion ist in dem Zionismus aufgegangen. Der Zionismus wird in das Alljudentum münden. Beim Empfang zu Ehren Goldbergs war auch der Redakteur des «Hadoar» in New York und Herr Dr. Tschipkin anwesend. Sic preisten ihren Landsmann Goldberg als Lehrer und Führer. Wir sind Zeugen eines eigenartigen Prozesses: Das Goldland Amerika beginnt das jüdische Amerika zu werden. Unsere Freunde aus Amerika leiden — das fühlten wir — geradezu physisch darunter, daß man in ihnen nur die Geldmenschen siebt. In Wirklichkeit aber lasten auf ihren Seelen unsere alljüdischen Probleme: Die Erziehung unserer Kinder, die Erhaltung des jüdischen Geisteslebens, die VerlebefluTgung der hebräischen Kultur. Es ist wunderbar, wie mächtig der von uns selbst so unterschätzte Zionismus erzieherisch wirkt, wie er die geistig zerrissene Judenheit allmählich eint, wie er sie mit eineT neuen Geistigkeit überzieht. Man erinnert sich unwillkürlich an die deutschen Zionisten, die auf den Vorkriegskongressen noch nicht heimgefunden hatten, .sondern Zionisten wurden, um- «ihren unglücklichen Brüdern atij dem Osten» zu helfen. Allmählich aber begannen sie jüdischer zu werden, bis sie in unseren Tagen bereits «Gebende» zu werden begannen. So beginnt es auch unseren amerikanischen Brüdern zu ergehen. Der Zionismus drang in die Seelen, begann sie umzumodein, die amerikanischen Zionisten emanzipieren sich, nehmen aktiven Anteil auch in geistiger Beziehung. Wer weiß, ob nicht in Amerika der neue Mann erstehen wird; der neue Achad Haam, der neben unseren politischen Führern unserer geistig verwaisten Generatioji neue geistige Impulse geben wird. Ja, wir dürfen es ausspreohen; unser Zusammensein mit unseren amerikanischen Brüdern bestärkt uns •im tiefen Glauben, daß unsere zionistische Bewegung die Krise überwunden 'hat. Wir stehen vor einer neuen Blüte unserer Bewegung. Machen wir alle Anstrengungen, um durch ehrliche zionistische Arbeit die neue geistige Offensive zu •unternehmen: Die Jugend und die Fernstehenden für unsere Volkssache zu gewinnen. Dr. Ghaim Tartakower. Vor dem Weltkongreß der „Agudas Jisroel“ Wird Agudas Jisroel der Jewish Agency beitreten? In den führenden Kreisen der Weltorganisation Agudas Jisroel scheint Geneigtheit zu bestehen, sich mit der Frage des Eintrittes der Agudas in dfe Jewish Agency positiv zu befassen und diesbezügliche konkrete Vorschläge der am 10. September in Wien zusammentret enden Knessio GedauJo (Weltkongreß der Agudas Jisroel) zu unterbreiten. Der Züricher Beschluß des Council der Jewish Agency, einen Abschnitt über Wahrnehmung der Interessen der jüdischen Religion In die Konstitution aufzunehmen, hat auf maßgebende Kreise der Agudäh Eindruck gemacht Die Eröffnungssitzung der Knessio Gedatdo. Die feierliche Eröffnungssitzung der zweiten Knessio Gedaulo findet Dienstag, den 10. September, 5 Uhr nachmittags, im großen Festsaal der Wiener Sofiensäle statt. Das Programm der Sitzung ist; Eröffiumgjansc.tache des Vorsitzenden des Geschäftsfülirenden Ausschusses und des Chofez Cha^im als Vretreter des rabbinischen Rates. Begrüßungsansprache der Behörden und ein Referat von Dr. Nathan Birnbaum. *) Anläßlich der Anwesenheit Goldbergs in Wien veranstaltete das Zionistische Landeskonütee ln den Räumen der zionistischen Bezirkssektion Brigittenau einen Empfangs abend, bei dem im Namen des Landedkomitees •Dr. Goldhammer und Dr. Finkeistein, überdies Dr, Taft" takower, L. Taubes, •$• Picker, UngarfcW und Charäittr Ansprachen hielten. (Red.)

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