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Die Stimme · 1929-08-29 · Heft 89 (29.8.1929) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 89 (29.8.1929)
Date
1929-08-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 89 DIE STIMME Seite 7 Bevor Sie reisen - kommen Sie zu uns! inloliic kleiner Realen spottbillig t Badeanzüge, Frottlermäntel, Pyjamas, Damen-, Wsranhsilg Herren- und Klftder-WÄsche, Strumpf- und Strlokwaren eto. En gros - en detail Bergmann l.f RABINSTIId 3 (Ecke Seltenstettengasse »England soll vor Schani sein Haupt verhüllen . . - sagte Oberrabbiner Kook (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 19. August. Oberrabbiner Kook empfing die Vertreter der Presse und erklärte ihnen folgendes: Die Engländer sind stolz darauf, daß einer ihrer Könige die Psalmen ins Englische übersetzte und auf diese Weise die Kultur der Welt bereicherte. Heute sollte England vor Scham sein Haupt verhüllen, weil unter seiner Herrschaft diese selben Psalmenbücher an der Stätte, die den Juden als das Heiligste gilt — an der Klagemauer — verbrannt wurden; an derselben Mauer, die der Verfasser der Psalmen, König David, zu erbauen begonnen hat. Weitere Ueberfälle von Arabern auf Juden (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 22.August. Im Verlauf des Dienstag und des Mittwoch kam es an verschiedenen Stellen der Stadt zu weiteren Angriffen von Arabern auf Juden. Vor einer Schule in der Altstadt wurden jüdische Schulmädchen von einem aus Yemen stäim inenden Polizisten geschlagen. Das Haus des Jeschiwah „Thorath Chajim“ wurde wiederum mit Steinen bombardiert, ein Zögling der Jeschiwah wurde mißhandelt. Am Dienstag nachmittags wurde in der Altstadt ein 60 Jahre alter Jude durch Stockschläge erheblich verletzt. Am Dienstag abends wurde in der Nähe des Nablustores ein Jude überfallen und durch Mißhandlungen erheblich verletzt. Am Mittwoch morgens wurden jüdische Arbeiter, die sich auf Fahrrädern zur Universität begaben, wo sie beschäftigt sind, durch arabische Schafhirten angegriffen. Agitatoren verbreiten unter den Arabern Gerüchte, daß die Juden die Angriffe auf die Araber eröffnet haben und die Klagemauer wie die Omar-Moschee erobern wollen. Die Tumulte bei dem Begräbnis des getöteten Bucharajuden ’ (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 22. August. Ueher die Tumulte bei dem Begräbnis des von einem Araber getöteten Bucharajuden ist noch mitzuteilen: Das Begräbnis fand am Mittwoch vormittags statt. Sämtliche jüdischen Läden in Jerusalem waren zum Zeichen der Trauer geschlossen, mehr als 3000 Personen schritten hinter dem Sarg. Am Jaffator erwartete ein Polizeidetachement den Trauerzug, versperrte ihm den Hauptweg und zwang ihn, in einen Seitenweg einzubiegen. Die Polizei gab vor, daß diese Maßnahme notwendig sei, um einen Zusammenstoß zwischen Arabern und Juden zu vermeiden. Angesichts des riesigen Zuges ließ sich diese Maßnahme nicht reibungslos durchführen. Die Polizei hieb auf die Menge ein. 21 Juden wurden geschlagen, drei von ihnen trugen erhebliche Verletzungen davon. Im Verlauf des Mittwoch wurden in verschiedenen Teilen ddr Altstadt Juden von Ar albern überfallen und geschlagen. Die Tötung des Bucharajuden geschah am vergangenen Sonnabend im Bucharaviertel. Der Jude ging ruhig seinem Weges, als er plötzlich Eine große Fremdensprachenbuchhandlung in Palästina sucht einen Geschäftsführer —. gelernter Buchhändler bevorzugt, — Oarantlebetrag ca. 250 engl. Pfund erwünscht. Photographie und Referenzen unbedingt einsenden. Gefl. Anbote an die Adm. der „Stimme" unter Chiffre“ „Buchhandlung in Palästina". von einem Araber angefallen wurde, der ihm mehrere Messerstiche versetzte und sofort, die Flucht ergriff. Einige Tage dauerte der Todeskampf des Opfers. Die Person des Mörders ist noch nicht festgestellt worden. Die Polizei hat blindlings auf jüdische Leidtragende losgeschlagen Eine Erklärung der Zionistischen Exekutive und dps Waad Leumi über die Vorgänge beim Begräbnis des getöteten Abraham Misrachi (Eigenbericht der „Stimme“.)! Jerusalem, 23. August. ' ‘ Die Zionistische Exekutive Palästinas und der Waad Leumi haben in einer gemeinsamen Erklärung zu den Vorgängen während des Begräbnisses des getöteten Bücharajuden Abraham Misrachi Stellung genommen. In der Erklärung heißt es, daß die Polizei blindlings auf die Menge der jüdischen Leidtragenden losgeschlagen hat, wobei eine große Zahl von Personen, darunter hochbetagte jüdische Bürger, verwundet würden.; Das Vorgehen der Polizei war ohne Sinn und ohne; Mitleid. Die Zionistische Exekutive und der Waad Leumi fordern die Regierung auf, die schuldigen Beamten der verdienten Strafe zuzuführen. Gleichzeitig wird an die Judenschaft appelliert, nationale Disziplin zu halten. Das Benehmen derjenigen, die beim Begräbnis ein Gedränge verursachten, wird getadelt; auch wird dies bedauert, daß der Vorschlag der Zionistischen Exekutive und des Waad Leumi, die Route des Trauerzuges zu ändern und nicht durch das Jaffator zu ziehen, nicht beachtet worden war. Die Zionistische Exekutive mahnt zur Ruhe (Eigenbericht der „Stimme“.).. Jerusalem, 23. August. Die Zionistische Exekutive in Jerusalem erhielt von der Zionistischen Exekutive in London ein Telegramm, in welchem mitgeteilt wird, daß die britische Regierung den schwerwiegenden Charakter der Ereignisse vom vergangenen Freitag, wo Araber durch das neugeöffnete Tor an der Mauer in den Gebetplatz eindrangen und die jüdischen Andächtigen verdrängten und mißhandelten, voll anerkennt. Die Exekutive nimmt an, daß der Palästinaregierung nachdrückliche Weisungen aus London zugehen werden, in dem Sinne, daß sie energische Maßnahmen zur Sicherung der jüdischen Position an der Mauer ergreifen solle. , Die Londoner Zionistische Exekutive forder die Jugend und die Organisationen auf, sich jeder isolierten Aktion und Demonstration zu enthalten, da solche Aktionen geeignet wären, die Bemühungen der Zionistischen Organisation, eine befriedigende Lösung des gesamten Problems der Klagemauer zu erreichen, zu er* schweren. Die Einreiseerlaubnis für Familienangehörige nach Palästina Nach einer Mitteilung des Einwanderungs-Departements der iZonisti'Schen Exekutive sind bei den Verhandlungen über die Einwanderung von. Angehörigen, deren Lebensunterhalt von Verwandten in Palästina garantiert wird, gewisse Erleichterungen erzielt worden. Früher mußte in solchen Fällen die oft nur schwierig erlangbare Garantie eines Finanz-Institutes im Auslande (Bank' oder Versicherungsgesellschaft) vorgelegt werden, nach der der Immigrant eine, monatliche Ueberweisuhg von 5 Pfd. St. für die Zeit seines Aufenthaltes in Palästina erhält. Nunmehr 'hat die Regierung zugestanden, daß der Betrag der Garantie auf 4 Pfd. St. monatlich herabgesetzt wird; die Hödhstsumme der Garantie wurde a;uf 350 Pfd. St. pro Kopf beschränkt. : Die Klagemauer Aus dem Hebräischen des David Frisch mann übersetzt von Rabb. Dr. Bleich rode (Berlin). Aus der Ferne, aus weiter Ferne trägt der Wind mir einem bebenden, langgedehnten Laut zu, gleich dem Rauschen der Wogen ferner Wasser. Einen Augenblick ist er nackt, müde, verzweifelt, und einen Augenblick darauf ist er ein Pfeifen, eine erstickte Stimme, die um Hilfe ruft, ~ und ein Zittern durchdringt meinen ganzen Körper. Wann habe, ich solch einen herzzerreißenden Laut gehört? Plötzlich steigt in meiner Erinnerung die Stunde auf, da die Mutter mir starb. Und ich gehe durch dunkle, enge Gassen, berab, immer bergab, jeden Augenblick eine Stufe am Abhang. Und <üe Gassen sind alt, hochbetagt! Hat nicht jeder Stein hier, auf den mein Fuß tritt, sein Erlebnis, seine Geschichte?. Wer weiß — an dieser. Stelle vielleicht, an der ich jetzt vorübergehe, ist in der Vorzeit Jeschajahu, -der Prophet, vortlbergeschritten, hier vielleicht wandelte einst König David, vielleicht lustwandelte hier König Schlomoh, wenn der Tag herniedersank und die Schatten des Abends sich neigten — denn dieser Weg, er ist der Weg der Tempel'berge. Träume, die in mir schon längst gestorben, stehen plötzHc’- auf, die Totem leben auf. Ein fremdes, ein wunderliches Gefühl, durch die Straßen einer so alten, so betagten Stadt zu wandeln! Jeder Fußbreit hier hat seine Geschichte, mehr als das große, ausgedehnte Land, aus dem ich jetzt gekommen bin, ist ein geographischer Begriff, und das Land, in dem ich in diesen Augenblick wandle, ist fein historischer Begriff. Da, plötzlich zerreißen meine Gedanken. Die langgedtehmte, herzzerreißende Stimme trifft zum zweiten Mal mein Ohr. Das kann nur die Stimme einer leidenden Seele sein, die ihren letzten Schmerzenslaut aushaucht — und mich ergreift plötzlich ein grenzenloses Mitleid, Mit wem? — ja mit mir selbst! Bin ich nicht selbst jene arme, leiderfüllte Seele? ... Vielleicht habe ich es bisher nicht gewußt. Aber wenn man in diesen Straßen wandelt, dann steht plötzlich all dies furchtbare Elend auf und lebt. Und wie ich weitergehe, da plötzlich denke ich in meinem Herzen,, daß ich schon einmal, vor sehr langer Zeit, als ich noch ein ganz kleines Kind •war, diesen-Weg geigangen bin.- Aber soviel ich.mich auch mühe, ich weiß es nicht, ich kann mich nicht daran erinnern, wann dies gewesen sein mjag« Aber einen Augenblick später,, da erinnere ich mich, da weißich es: Am Erew Jom-Kippur war-es, gegen Abend, nach dem letzten Mahl vor dem Fastenbeginn. Ein großes Licht hielt i<?h in der Hand und ging an der .Seite meines Vaters. Die Straßen waren trautiig, .schweigsam, heilig, und auch mein Herz war traufig, •still und heilig. Dergleichen fühlt ein.Mensch nuf, wenn •er ein kleines, unschuldiges Kind ist. Ich aber fühle es .auch jetzt, als ich durch die: dunklen, engen.Gassen ging, bergab, immer bergab. Und es war der Weg, der zum Tempel'berge hinaufführte, dorthin, wo die Stätte des Heiligtums gewesen. Und ich bin doch; jetzt kein 'kleines, unschuldiges Kind mehr. Ist das nicht seltsam? Und ich verberge mein Gesicht in meiner Hand, damit es kein Fremder sehe. Ist es . doch eine Schande für einen aufgeklärten, intelligenten, modernen Menschen! Und mein Herz ist in diesem Augenblick weich, so •weich! Und ich gehe durch die Davidstraße und durch cfie erste kleine Gasse, die sie durchquert, und biege nach Süden ein und gehe weiter und wende mich nach rechts und komme an kleinen, ärmlichen Häusern vorüber, und jener wilde Ton, der mir das Herz zerreißt, kommt immer näher und näher — und plötzlich stehe ich vor der Klagemauer. Und als ich sie sehe, die Mauer, da wacht, da lebt in mir meine ganze Kindheit auf . . . Wieder einmal sitze ich vor meiner Großmutter auf einer kleinen Bank, mein Kopf ruht in ihrem Schoße, und sie erzählt und erzählt. Und sie erzählt von den sieben ersten Steinen dieser Mauer. Den ersten legte Adam hin, den zweiten Abraham, den dritten Jizchak, den vierten Jaaköb, und der fromme Joseph legte den fünften Stein dazu, und den sechsten legte König David hin, und den siebenten Schlomoh. Und daher kommt es, daß diese Mauer niemals wankte. Solange die Erde steht, steht auch sie. Durch Feuer gedachte man sie zu stürzen, und1 sie blieb stehen. Durch Mauerbrecher versuchte man es, sie‘zu zerschlagen, aber es gelang nicht. Als das Heiligtum zerstört wurde,' und die drei ersten Mauern zerfallen ■waren, da drang der tapferste Krieger der Römer vor und stürmte gegen die vierte Mauer, gegen die «Klagemauer» — und stürzte tot zu Boden. Da brüllte sie der 'Heerführer selbst wutentbrannt an, — und seine Glieder verdorrten. Da bestieg sie der frevelhafte Titus selber, und plötzlich ließ sich eine Himmelsstimme vernehmen: "Du Frevler, Sohn eines Frevlers, kehre um, nahe ihr •nicht! Alle Mauern habe ich in deine Hand gegeben, nur diese Mauer nicht. Und als der Frevler auf diese Stimme nicht hörte, der Mauer sich nahte und sein Zerstörungswerk gegen sie richtete, — da verdorrte seine rechte Hand. In demselben Augenblick stiegen sechs Engel vom Himmel hernieder,, setzten sich auf die ‘Mauer, erhoben ihre Stimme und weinten. Und diese Tränen drangen in die Mauer ein und mischten sich1 mit i'hr — und seit damals wurden die Steine hart, und die Mauer wanket nicht, für alle Ewigkeit nicht. Und das Volk, dem ich entstamme? Seitdem die Erde steht, besteht dies Volk, und solange die Erde Stehen wird, wird dies Volk bestehen — gleich den Tagen des Himmels über der Erde. Wahrlich, eine wandelnde Mauer ist dies Volk, das feststeht und nicht fällt, steht und nie'vergeht; nicht Feuer, nicht Wasser können es vernichten. Nicht vor der Fülle des Unglücks schwindet es und vergeht, nicht einmal vor der Fülle des Glückes, diese wandelnde Mauer, dies Wunder ohne gleichen. Seltsam ist’s, wie sehr ich mich damals geirrt habe, als ich mir in meiner Phantasie diese Mauer, die Klagemauer, vorstellte. Ich weiß nicht, warum, aber Jamals und auch späterhin habe ich immer gedacht, es sei eine kleine, niedrige Mauer, vielleicht 3 oder 4 Meter hoch, aus Ziegeln und halben Ziegeln, aus Steinen, Resten \on Steinen und Trümmerhaufen. Und plötzlich sehen me«ne Augen hier eine große, imposante, iehr hohe Mauer, vielleicht 20 Meter hoch und 50 Meter lang, aus großen, wuchtigen Steinen, die regelmäßig aubefoaueir sind, Steine, die Ehrfurcht, Zagen und heimliche Angst! aushauchen. , A-1

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