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Die Stimme · 1929-08-29 · Heft 89 (29.8.1929) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 89 (29.8.1929)
Date
1929-08-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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S e*te 4 CHS STIMME Nt. 89 Das Signal „Eines Tages werden wir uns mit der arabitfehen Veit verlohn et*, aber heute ift es nur ein Traum, und wir Zioniften dürfen der Öffentlichkeit die Wahrheit nicht verbergen." ijij. am Wiener Kongreße, hat Jabotinfky diel'e Worte gefprochen, und vier Jahre fpäter bekräftigt die herzzerreißende Tragödie in den Gaffen von Jerufalem und in den Dörfern des Emek diefe Vorausficht, die zu beachten nur zu notwendig gewefen wäre. Haben denn die Ereigniße der letzten Tage nur in dem Streit um das Betrecht an der Klagemauer ihren Grund? Im Hißen einer Fahne durch die Demonftration der jüdifchen Jugend am Tifcha b’ab, wie cs das hinterhältige Communique der Paläftina-Regierung hinzuftellen verfucht? Wer erinnert Geh da nicht an die „rote Fahne" im Demonftrationszug der jüdifchen Arbeiter in Jaffa am i. Mai 1921, die auch nach einem Communique derfelben Regierung den Anlaß zu blutigen Pogromen gegeben hat. Der Zwift an der Klagemauer ift nun das Signal gewefen, das Zeichen zum Losfchlagen für die arabifchen Kreife, die fith :t»c der Balfour-Dcklaration nicht abfinden wollen, und die;v>it wohlwollender Duldung und Unterftützung einflußreicher eamten der Paläftina-Regicrung feit Jahr und Tag daran . rbeiten, den Aufbau der jüdifchen nationalen Heimftätte durch ägliche Hinderniße zu vereiteln, die Balfour-Deklaration zu faboticren und das Mandat zu liquidieren. Ob rote oder blauweiße Fahne, ob Gebetbücher oder Amulette, durch deren Verwahrung in Mauernifchen die Juden die Omar-Mofchee „anektieren* wollten, ob Kommuniften, Fromme oder Trumpeldorleute — die arabifche Bewegung wendet fich nicht gegen einen beftimmten Teil des Jifchuw, fie hat auch keine ökonomifchen oder raßenpolitifchen Gründe, wie bei ähnlichen Vorkommnißcn in Europa. Es ift auch falfdi, fie als religiöfen Zwifchenfall abzutun, wie es englifche Blätter verfuchen, die auf die alljährlichen — oft blutigen — Zufammenftöße zwifchen Mohammedanern und Hindus in Indien hinweifen. Der Kampf ift entbrannt um die Frage, ob die jüdifche oder arabifche Einwanderung das freie Land befiedeln foll, ob die nationale Heimftätte errichtet oder ein arabifches Paläftina fich den Juden verfchließen wird. Gerade der jetzige Zeitpunkt fchien den Gegnern entscheidend: Die Krife überwunden, die neue Einwanderung im Lande eingetroffen, die Hoffnung auf Erfchließung neuer Kapitalsquellen als verwirklicht anzufehen — mußten da nidit die Drahtzieher der arabifchen Proteftbewegung den Tag gekommen fehen, wo es galt, unter Einfetzung der feit Jahren verhetzten Menge den fonft ünaufhaltfamen Fortfehritt aufzuhalten? Und wir haben es gefagt, daß diefer Tag die jüdifche Bevölkerung fchutzlos antreffen wird, feit Jahr und Tag fprechcn wir: wir liehen tiefbeforgt vor der Frage der Sicherheitm Paläftina, wir erftreben nur Ruhe und Frieden in Ercz- Jtfrad; aber diefes Land mit feiner Fülle von Angriffsmöglichkeiten auf die verftreuten Siedlungen, auf die in winkeligen Gäßchen alter Städte zufammengedrängten, wehrlofen Familien des alten Jifchuw, befitzt nur einen kleinen englifchen Apparat, aber keine Organifation, die die Aufrechterhaltung und den Schutz der Ordnung verbürgen kann, die über geeignete Kräfte und Autorität verfügt. Die britifche Gamifon in Paläftina ift klein und bei gleichzeitigen Unruhen an verfchiedenen Punkten zur Machtlofigkeit verurteilt, die lokalen Polizeikräfte rekrutieren fich fall ausfchließlich aus Bevölkerungsfdiichten, die der jüdifchen Einwanderung feindfelig gegenüberftehen, fie find von Behörden abhängig, die aus politifchen Gründen die Kluft zwifchen Juden und Arabern durch eine eiinfeitige und gefährliche Begünftigung der Proteftbewegung vergrößert haben. Die wenigen verläßlichen Abteilungen der Grenzfchutztruppen find nach ihrer Beftimmung für den Dienft im Lande nicht -entbehrlich. Und all dies inmitten einer Bevölkerung, die feit Jahrhunderten daran gewöhnt ift, auf die phantaftifchen Verleumdungen gegen die „Ungläubigen" zu horchen, deren Haß, künftlich genährt Aron machtgierigen Politikern, zu einer Tat fchreitet, die angefichts der fteten, wohlwollenden Nachgiebigkeit maßgebender Stellen der Paläftina-Regierung nach nur zu gut bekannter orientalischer Logik als von diefer gewünfeht, ja, gewollt dargeftelit werden konnte. So war der Ausbruch diefer Revolte pfychologifch und materiell wohl vorbereitet worden. Mit tieffter Beforgnis blickten wir auf diefe Gefahr und konnten nur fehen, daß untere Pofition von Tag zu Tag fchwächer wurde, daß es nutzlos war, den Kongreß zu überzeugen, Refolutionen zu befchlicßen, wenn von höchfter Stelle verkündet wurde, daß Friede fei. Die Juden Paläftinas wußten, daß fie auf heißem Boden lebten und arbeiteten, daß fie auf den Ausbruch des Tumultes gefaßt fein mußten. Und wäre nicht diefe Bereitfchaft gewefen, wäre dks Unheil noch größer gewefen. Aber ift es denn notwendig, daß jeder Fortfehritt in der Kplonifation mit hunderten jüdifcher und arabifcher Mcnfdienlebcn erkämpft werden foll? Das Menfchenleben ift uns heilig, und deshalb verlangen wir die ftarke, zuverläßige Schutzgewalt, die demfelben Menfchenmatcrial entnommen werden muß, dem das Land verfprochen wurde, das für feinen Aufbau jedes Opfer bringt. Im künftigen Paläftina unter der Acgide der jüdifchen Mehrheit, werden, fo glauben wir, alle Völker diefes Landes auf Grund der gleichen, gegenfeitig verbürgten Rechte und Achtung friedlich nebeneinander ihr nationales Leben führen, ihren Wohlftand durch die Höherentwicklung der, Wirtfchaft vermehren und fiebern. Wir wünfehen gute und aufrichtige Beziehungen mit unteren Nachbarn, aber in der Frage unteres uneingefchränkten Rechtes auf eine planmäßige und allmähliche Umwandlung Paläftinas in Erez Jifrael können und werden wir nicht suchgeben. Wir erwarten, daß die zioniftifchen Inftanzen den Emil der Stunde erkennen. Dr. Norbert Hoffmann. Die jüdische Selbstwehr erhält Waffen Jerusalem. 25. August. (J. T. A.) Die Regierung hat in Jerusalem an alle Engländer und an einen großen Teil der zur Abwehr der arabischen Angriffe organisierten jüdischen Selbstwehr Waffen und Munition verteilt. Es konnten hernach die auf entlegene jüdische Viertel in Jerusalem von Arabern unternommenen Angriffe leicht abgewehrt werden. Die Regierung veröffentlicht ein offizielles Communique, in welchem gesagt wird, es seien Maßnahmen ergriffen worden, um die Ordnung wieder herzustellen. An alle Teile der Bevölkerung erging eine Warnung, sich jeder Gewalttätigkeit zu enthalten. London, 25. August. (J. T. A.) Am Sonntag, den 25. August nachmittags, gab das britische Kolonialamt ein offizielles Communique heraus, in welchem erklärt wird, daß die Regierung Palästinas alles mögliche tut, um die vollkommene Ordnung im Lande wiederherzustellen. Da die Araber dazu übergegangen sind, auch die jüdischen Kolonien anzugreifen, habe die Regierung Streitkräfte zum Schutze der Kolonien entsandt. Eine Kompagnie der sogenannten transjordanischen Grenzmacht wurde zum Schutze des Emek Jczreel, eine zweite Kompagnie zur Ueberwachung der Ruthenberg- Werke am Jordan entsandt. Das Blutbad in Hebron Jerusalem, 25. August. (J. T. A.) Erschütternde Nachrichten trafen heute aus Hebron ein. Dort haben die Araber die kleine jüdische Gemeinde und die große Jeschiwah (Thora-Lehranstalt), die in Hebron vor einigen Jahren als der Hauptzweig der berühmten Slabodkaer Jeschiwah in Litauen errichtet worden ist, überfallen und ein Blutbad angerichtet. Man zahlt 45 Tote, unter ihnen zwei Rabbiner, die an der Jeschiwah als Lehrer wirkten, ferner etwa 50 Verletzte. Die Nachrichten aus Hebron haben die Jerusalemer Judenheit furchtbar erschüttert. Letzte Meldungen besagen, daß der üeberrest der jüdischen Einwohnerschaft Hebrons und des Bestandes der Jeschiwah im Polizeigebäude eingeschlossen ist. Aus Jerusalem haben sich Militär und bewaffnete Juden nach Hebron begeben. Nach neueren Meldungen wurden bei dem Ueberfall auf die Jeschiwah in Hebron von den Jeschiwah-Jüngern 42 getötet und 47 verletzt. Unter den Getöteten sollen sich 12 Amerikaner befunden haben. Es heißt, daß sich die Bachurim zur Wehr gesetzt haben und daß auf arabischer Seite 40 Personen gefallen sind. Auch die Chassidimkolonie Nachlath Jakob bei Haifa wurde von Arabern angegriffen. Die Kolonisten setzten sich zur Wehr und schlugen zunächst die Angriffe ab. Arabische Angriffe auf verschiedene jüdische Punkte zurückgeschlagen (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 25. August. Außer dem Angriff auf die Kolonie „Bajit wegan“ haben die Araber auch einen Angriff auf die Kolonie Kalandie unternommen; der Angriff wurde abgewehrt, wobei von den angreifenden Arabern vier getötet wurden. Talpioth geplündert (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 26. August. Die Araber drangen in einen Teil der Jerusalemer Vorstadt Talpioth ein, aus dem die jüdischen Einwohner geflüchtet waren. Sie plünderten diesen Teil der Vorstadt aus und verursachten auch hier sehr viel kulturellen Schaden. Sie vernichteten zu einem großen Teil die wertvollen Bibliotheken der Professoren Joseph Klausner und Epstein und des hebräischen Schriftstellers S. J. Agnon. Die Behörde hat daraufhin die Evakuierung des Villenviertels Talpioth, das 70 Häuser zählt, verfügt. Die ausschließlich jüdische Einwohnerschaft des Ortes wurde in Jerusalemer Hotels untergebracht. Britische Aeroplane kreuzten über den arabischen Dörfern Lifta und Finn in der Nähe voa Jerusalem, die Nester der arabischen Streitkräfte sind, um die Bewegung der Araber zu beobachten. Die Aeroplane warfen, um die Araber einzuschiiehtern, Brandbomben auf die Dörfer ab Angriffe auf Tel-Aviv und auf Nahaial zurückgeschlagen (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 25. August. Am Sonntag nachmittags versuchten dio Araber eine Attacke auf Tel-Aviv. Sie wurde zuHickgeschlagen. Dabei wurden 13 Juden, fünf von ihnen schwer, verletzt. Die Verluste der Araber sind unbekannt. Bei dem Angriff auf die jüdische Kwuzah Nahaial, der zurückgewiesen wurde, wurden mehrere Juden, die die Kolonie verteidigten, verletzt. Am Sonntag, 6 Uhr abends, dauerte der Kampf bei Nahaial fort. Einer späteren Meldung zufolge hat der Kampf dort aufgehört Die blutigen Kämpfe am Samstag. (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 25. August. Gestern wurde hier der Belagerungszustand proklamiert. Das Betreten der Straßen ist nur bis 6 Uhr abends gestattet. Präventivzensur wurde eingeführt. Ueber der Stadt kreisen Flugzeuge. Gegeh 12 Uhr mittags kam es wieder zu blutigen Straßenkämpfen zwischen Arabern und Juden. Beide Teile bedienten sich der Schußwaffen. Die jüdische Jugend kämpfte mit Aufopferung. Im gewissen Momente wurde die Lage so kritisch, daß die Mehrzahl der den Dienst versehenden Polizisten sich aus den Straßen, in denen gekämpft wurde, zurückgezogen hat. Auf dem Platze verblieben bloß einige englische Polizisten wie auch acht jüdische Polizisten. Sie konnten jedoch nicht die Herren der Lage werwerden. Zwei jüdische Polizisten wurden verwundet. Trotz der Uebermacht der arabischen Angreifer wichen die überfallenen Juden nicht, sondern wehrten sich bis zum äußersten. Die Organisierung eines starken jüdischen Selbstschutzes wurde hier eingeleitet. Sie wird als notwendig erachtet, um weitere ernste Zusammenstöße zu verhindern. P&nzerautomobile gegen die Araber (Eigenbericht der „Stimme“.) New York, 25. August. Die „United Expreß“ berichtet aus Jerusalem, daß Hunderte von bewaffneten Arabern gestern vormittags die Hauptstadt Palästina erreicht haben. Es wurden Agitationsreden gehalten, nach denen die Menge die jüdischen Zirkel der Stadt angriffen. Die Behörden schlossen alle Zugänge der Stadt, ln den Straßen patrouillieren Polizisten, die mit Gewehren bewaffnet sind. In den wichtigsten Punkten der Stadt wurden Panzerautomobile aufgestellt. Während der Kämpfe am Freitag wurden unter anderem auch der bekannte jüdische Journalist Dr. Wolfgang Weisel aus Wien und der gewesene Chefredakteur des Doär Hajom Itamar Ben Awi verwundet. Alle Geschäfte sind geschlossen. Unter den Juden herrscht eine ungeheure Aufregung. Jedoch pardonnieren sie nicht, sondern wehren überall arabische Angriffe ab. Der jüdische Selbstschutz schlägt die Araber zurück (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 25. August. Heute Sonntag vormittags versuchten starke bewaffnete Banden von Arabern Juden in einigen Jerusalemer Vierteln anzugreifen. Diese Angriffe wurden abgewiesen, dank der energischen Haltung der Einwohner wie auch der Aktion der Abteilungen des jüdischen Selbstschutzes. Ein Teil der Mitglieder de« Selbstschutzes erhielt Waffen und Munition von der Regierung. Gestern abends wurden bei den Zusammenstößen in den Straßen drei Araber getötet. Die Angriffe auf jüdische Kolonien vor Jerusalem (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 25, August. Nachdem die arabischen Angriffe auf die jüdischen Vierteln in Jerusalem abgewiesen worden sind, überfielen heute mittags arabische Banden die jüdischen Kolonien in der Umgebung Jerusalems. Es verlautbaren hierüber alarmierende Nachrichten. Blutige Kämpfe sind im Gange. Nähere Einzelheiten fehlen. In Mozzah wurde in der Nacht auf bestialische Art eine jüdische sechsköpfige Familie durch arabische Banditen ermordet. Araber zündeten heute die Wirtschaftsgebäude der Kwuzah Gduth Haawodah bei Jerusalem an. Der Brand zerstörte die Gebäude fast vollständig.

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