Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 89 (29.8.1929)
- Date
- 1929-08-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 89 Sette 3 I In den Tagen der Katastrophe*) Von Dr. Abraham Katznellsohn (Jerusalem). Es ist schwer die Situation zu beurteilen in dem Moment, da wir unter dem Eindruck der sich vollziehenden katastrophalen Ereignisse stehen. Unsere Augen sind in diesen Tagen auf die uns so teure Stätte, die sich jetzt im Blute ihrer Helden wälzt, gerichtet, auf das kleine Lager, welches im Kampfe gegen die wilden Horden steht und mit dem Rest seiner Kräfte um die Existenz und die Ehre des jüdischen Volkes und seiner Heimat kämpft. Schwer ist es in diesem Moment die Frage zu zügeln: «Woher kommt das und wohin führt das?» Siebenfach schwerer aber ist das Schweigen in diesem Moment für einen Menschen, der tagtäglich in der Wirklichkeit lebt, die heißt: Palästina, Jerusalem, Klagemauer. Diese Wand ist für uns nicht mehr die Klagemauer, sondern die Mauer des Blutes. In der Entfernung der Scheidewand am Versöhnungstage, sahen wir eine schwere und schmerzliche Beleidigung des Judentums seitens der Regierung. Wir protestierten dagegen mit Recht und mit Würde. Die große Volksdemonstration in den Gassen Jerusalems, einige Tage unmittelbar nach den Ereignissen, war gegen das brutale Vorgehen der antizionistischen englischen Beamtenschaft gerichtet, und hat keineswegs die religiösen Gefühle der mohammedanischen Bevölkerung verletzt. Ich erinnere mich, daß in der Sitzung der Kommission, welche sich mit den Vorgängen an der Klagemauer im Aufträge des Waad Leumi befaßte, ein radikaler Antrag wegen Organisierung der Demonstration in der Altstadt von Jerusalem und Entsendung von jungen Menschen zum Schutz der Klagemauer eingebracht wurde, aber wenige nur unterstützten diesen Antrag. Wir sagten uns selbst: «Wir führen keinen Krieg mit den Mohammedanern wegen der heiligen Stätten, sondern wir bekämpfen die Regierung, weil sie die Würde unserer heiligen Stätte und unseren Volkes verletzte. In den ersten Tagen nach Jom Kippur begannen plötzlich in der arabischen Presse die «Protokolle der Weisen von Zion» zu erscheinen. Ich fragte damals in der Sitzung des Waad Leumi, ob denn kein Zusammenhang bestehe zwischen diesen Artikeln und der Tatsache, daß unter den hohen Regierungsbeamten sich ein Mensch befinde, der einmal in einem privaten Gespräch sich geäußert hat, daß er voll und ganz an die Echtheit der Protokolle glaube. Der Mufti hat in der Omar-Moschee eine Konferenz der muselmanischen Vertreter der verschiedenen Länder zum Schutze der Klagemauer einberufen. Es wurde zu diesem Zwecke eine eigene Kommission geschaffen. Wir sahen diese Intrige und standen auf der Wacht. In offiziellen Kundgebungen haben wir ausdrücklich die mutwillige Verleumdung, daß die Juden bestrebt sind, die heiligen Stätten der Araber anzutasten, zurückgewiesen. Im Friedensappell des Waad Leumi an die Araber wurde die arabische Oeffentlichkeit über unsere Anrechte und Forderungen bezüglich der Klagemauer aufgeklärt. In unseren Memoranden an den Völkerbund haben wir nicht das Eigentumsrecht auf die Klagemauer und auf die Umgebung für uns reklamiert, sondern bloß von der Mandatarmacht, die Erhaltung des Status quo und die Zusicherung des freien Gebetes für die Juden unter würdigen Bedingungen verlangt Die provokatorischen Absichten der Beamtenshaft und der Führer der arabischen Bewegung hatten dank < dieser Stellungnahme des Waad Leumi keinen Erfolg. Der Sturm der Gemüter begann sich zu legen und im Laufe der zehn Monate ereignete sich kein ernster Zusammenstoß zwischen Juden und Arabern. Dies ließ jedoch die Feinde des Friedens im Lande nicht ruhen. Und zu diesen gehört meiner Meinung nach ein großer Teil der englischen Beamtenschaft. Ich weiß nicht, ob dies in der politischen Tradition von divide et impera begründet ist, aber es ist eine Tatsache, daß wir im Laufe des zehnjährigen Regimes der Engländer im Lande seitens der Beamtenschaft mit Ausnahme von Herbert Samuel und Deeds, keinen Versuch gesehen haben, beide Parteien zu einem Ausgleich zu bringen und Friedensbeziehungen zwischen den beider» herzustellen. Umgekehrt: Die ganze Politik war darauf gerichtet, die bestehenden gespannten Beziehungen aufrecht zu erhalten, um die Möglichkeit einer Zusammenarbeit beider Völker zu verhindern. Es s/nd Tatsachen bekannt, daß Versuche zur Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen auf den Widerstand dieser Beamten gestoßen sind. Vor allem aber kam dies in der Frage der Klagemauer zum Vorschein. Seit Jahrhunderten stand sie, ohne daß es jemandem eingefallen wäre, neue Bauten bei ihr zu errichten, neben ihr einen neuen Zugang zu schaffen und siehe: seit den Ereignissen am Jom Kippur hörte die geheime intrigante Hand nicht auf, *) Dieser Aufsatz, den uns ein Arbeiterführer Palästinas, führendes Mitglied des Hitachduth und des Waad Leumi, zur Verfügung stellt, verdient die besondere Aufmerksamkeit unserer Leser, zumal der Verfasser dem Dreierkomitee angehört, das sich speziell mit der Angelegenheit des Kotei Maariwi zu befassen hatte. (Anm. d. Red.) DOS SUMME neue Pläne für die Errichtung neuer Bauten hinter der Klagemauer zu entwerfen. Es war ganz klar, daß hier auf die religiösen Gefühle der Juden spekuliert wurde, auf die Gefühle der Enttäuschung und der Erbitterung, die im jüdischen Jischuw auch ohnehin gegenüber der Regierung vorhanden sind. Verschieden waren die Absichten bei den verschiedenen Känkemachern. Die arabischen Führer sahen in dem heiligen Krieg gegen die Juden den Weg zu einem allgemeinen Aufstande gegen das von ihnen verhaßte englische Regime. Die englische Beamtenschaft sah darin die Möglichkeit, der zionistischen Politik ein Ende zu bereiten. Und es kam der richtige Tag hiefür. Es war in der Kongreßzeit. Die Führer des Jischuw und der zionistischen Institutionen waren vom Lande abwesend, auch der Oberkommissär und der Polizei-, chef waren nicht in Palästina. Die Kräfteverhältnisse in Polizei und Militär waren schon seit langem für uns ungünstig. Das Verbrechen, das seinerzeit bei Schaffung der rein arabischen transjordanischen Grenzmacht begangen wurde, führte zur Auflösung der Mischtara Meula (Elitekorps), die zu einem großen Teile von Juden gebildet war. Der Austritt der Juden aus der Polizei wegen der schweren materiellen und moralischen Dienstverhältnisse, führte dazu, daß mit Ausnahme von Tel-Aviv, die Polizei fast ganz judenrein war. Die Spannung in Jischuw stieg inzwischen von Tag zu Tag. Speziell aber Im Zusammenhänge mit dem Durchbruch eines Tores an der Klagemauer. Und am letzten Tischa-b-Aw begann die Katastrophe. Der Sturm der arabischen Massen auf die jüdischen Beter am Freitag (16. August), die Ueber- und Raubanfälle an den nächsten Tagen und der Gesamtangriff, der in den nächsten Tagen einsetzte, und bis zum heutigen Tage fortgesetzt wurde. Was unsere Feinde mit politischen Schlagworten nicht erreichten, — Balfour-Deklaration, jüdische Einwanderung und jüdisches Nationalheim — das gelang ihnen durch den Aufruf zum religiösen Kampf. Der Fellache und der Beduine, die seit Jahren keine Anzeichen eines Hasses gegen die jüdischen Nachbarn zeigten,; standen jetzt zum Kampfe gegen Juden und Engländer auf, zum Kampf auf Leben und Tod. Die Gefahr der Vernichtung und Zerstörung droht dem ganzem Jischuw. Die Gefahr der Vernichtung unseres ganzen Aufbauwerkes. Jedoch beim Leisen der Nachrichten über den Heldenmut unserer Brüder, lebt in uns die Hoffnung wieder auf; auch dieser Sturm wird vorüberziehen. Der letzte Tischa-b-Aw hat uns eine neue Zerstörung gebracht, jedoch keinen neuen Golus. Der jüdische Jischuw wird die Probe beistehen und wird den Kampfplatz nicht aufgeben. Wird aber auch das jüdische Volk die Probe bestehen? Jenes Volk, das erst vor einigen Tagen anläßlich, der Gründung der Jewish Agency seinen geeinten Willen kundgetan hat, sich seine Heimat zu errichten? Wird es die Kraft besitzen, die schweren Wunden des Jischuw zu heilen, und jene Grundlage schaffen, die niemals wanken wird? - Der Lagebericht Beiruth, 26. August. (J. T. A.) Soeben ist in Beiruth über Haifa ein Bote der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Jerusalem eingetroffen. Er berichtet, daß die arabischen Angriffe in ganz Palästina andauern. In Jerusalem selbst entstehen immer wieder Kämpfe, die schnell liquidiert werden, wobei es auf beiden Seiten Verluste gibt. Die Kolonien Nahalal und Hartuf im Emek Jezrecl, die schon einmal Angriffe abgewehrt haben, sind noch immer in einer schweren Gefahr. Die arabischen Angriffe werden planmäßig geleitet, die Aktionen der Araber spielen sich öffentlich ab, da noch keine Kräfte vorhanden sind, um ihnen zu begegnen. Die palästinensische Polizei ist unfähig, die Lage zu beherrschen. Die Behörden, die begonnen haben, die von den Juden organisierte Selbstwehr zu bewaffnen, verfugen nicht über einen einheitlich durchdachten Verteidigungsplan. Die Selbstverteidigung der jüdischen Jugend hat sich bisher glänzend bewährt; sie ist auch gut organisiert. Die Toten voö Tel-Aviv (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 26. August. Bei den Angriffen der Araber auf Tel-Aviv am Sonntag nachmittags wurden sechs Juden getötet und eine größere Zahl Juden verletzt. Der Getöteten sind: Rozen, Bon jamin Goldberg, Feingold, Harrari, der englische Jude Berkowitz und Frau Maßnada Misrachi. Der Präsident der Fabrikantenvereinigung in Tel-Aviv Dr. Walter Moses ist unter den Verwundeten. Jüdisdhe flieraf Kauft SdkuWüdket f für Eure studierenden Kinder im Antiquariat Kermann JucAner Wien, II., Große Stadtgutg. 7 Ecke Taborstr. 52 Telephon Nr. R-41-4-20 Sehr mässlge Preise, Verzeichnisse umsonst Qwößtas Jftages onfiauar. ISfliftev Rechoboth in schwerer Gefahr (Eigenbericht der „Stimme“.) London, 26. August. Der bekannte Führer der palästinensischen Arbeiterschaft Ben Zcwi, der sich in Rechoboth aufhält, hat auf dem Wege über Kairo ein Telegramm nach London gesandt, in welchem cs heißt: Die Kolonie Rechoboth (eine der größten und reichsten Kolonien Palästinas) wird angegriffen; wir sind verraten; wir sind von der ganzen Wejt abgeschnitten. Die Lage im ganzen Lande ist eine gefährliche. Unsere Kraft reiclit zur Abwehr nicht aus. Rettet uns! Ankunft der Truppen — Flugzeuge bombardieren arabische Dörfer (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 26. August. Das erste Bataillon der englischen Soldaten aus Aegypten ist bereits angekommen in der Stärke von 600 Mann. Die Soldaten haben sofort in voller Kriegsrüstung die angewiesenen Plätze eingenommen. Einige englische Flugzeuge bombardierten im Laufe des heutigen Nachmittags das arabische Dorf Liphta in der Nähe Jerusalems, wo sich Hunderte von Fellachen und Beduinen angesammelt haben, um in der Richtung gegen Jerusalem zu marschieren. Die Araber, welche auch von Maschinengewehren beschossen wurden, erlitten schwere Verluste in Toten und Verwundeten. Endlich energischere Maßnahmen (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 26. August. Die Regierung teilte heute dem Jerusalemer Mufti Chadi Emir el Husaini wie auch dem Präsidenten der arabischen Exekutive Musa Khar sim Pascha und den arabischen Scheiks, die in der nationalistischen Bewegung tätig sind, mit, daß sie persönlich verantwortlich sind für die Ruhe in Palästina. Kämpfe in Tel-Aviv (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 26. August. An den Peripherien von Tel-Aviv kam es heute zu den ersten Zusammenstößen zwischen Juden und Arabern. Im Laufe der Kämpfe wurden 15 Personen verwundet, darunter fünf schwer. Sir Chancellor im Flugzeug angekommen (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 26. August. Der Oberkommissär Palästinas Sir Chancellor hat seinen Urlauf in London unterbrocellor hat seinen Urlaub in London unterbrostina an. Weitere Provokationen der Araber (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 26. August. Das Komitee der demonstrierenden Arabei verlautbart heute einen Appell an alle Mohammedaner, in dem die Juden für die letzten blutigen Kämpfe verantwortlich gemacht werden. Juden — so heißt es im Appell — verlangen eine Erweiterung ihrer Rechte an der Klagemauer, was die Mohammedaner nie zulassen können. Weht ausdrücklich abbestellteAbonnaments ■ galten als waiterbestabamll