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Die Stimme · 1929-08-29 · Heft 89 (29.8.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 89 (29.8.1929)
Date
1929-08-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 89 Wir klagen an! Wien, 28. August. (f) Fassungslos und gebrochenen Herzens stehen wir an der Bahre jüdischer Opfer in Erez Israel. Diesmal sind es wilde Beduinenstämme, die, aufgestachelt von blindwütendem Haß, im jüdischen Blute waten. Der Traum unserer Jugend und der Stolz einer ganzen Generation gerät durch den Anprall von Barbaren ins Wanken. Wir klagen das mächtige England an, das die Verwirklichung der Balfour-Deklaration der Willkür einer kleinsüchtigen Administration anheimstellte. Wir klagen die Weltmächte an, die seit Jahr und Tag dem gewaltigen Ringen eines Volkes Zusehen, ohne ihm außer Erklärungen irgend welche Hilfe zu leisten. Wir klagen das Weltgewissen an, das sieb nicht rührt, wenn unsere historischen Rechte mit Füßen getreten und unsere Heimstätte gestürmt wird. Die Toten von Hebron und Jerusalem, das gebrochene Herz eines ganzen Volkes klagt euch, Mächte der Welt, vor der Geschichte an. Nicht Rache verlangen wir, aber Gerechtigkeit! Und von uns selbst Einigkeit und neuen Mut. Was Cyrus und Titus und alle Blutfeinde des Judentums nicht vermochten, das wird auch den wilden Beduinenhorden nicht gelingen. Die jüdische Selbst wehr in Erez Israel spricht eine deutliche Sprache. Wir klagen an, aber wir werden uns zu helfen wissen, auch gegen eine Welt von Feinden. Nur an uns selbst liegt es, in den Tagen der Katastrophe neuen Mut und Lebenswillen, wie immer seit 2000 Jahren,-zu schöpfen. Kein Aufschreien der Ohnmacht! Kein Wehklagen! Helfen müssen wir unseren Brüdern in Erez Israel und uns enger zusammenschließen als eine Gemeinschaft in Tod und Not. Ein Gespräch mit H. Majuchas Herr Majuchas, der als Präsident der jüdischen Gemeinde Jerusalems eine führende Rolle in Erez Israel spielt, wurde in Wien mit seiner Familie durch die Ereignisse überrascht. Wenn er auch beruhigende Nachrichten von seinen Angehörigen erhielt, so beabsichtigt er doch, mit dem nächsten Schiff in die Heimat zurückzukehren. In einem Gespräch mit unserem Berichterstatter äußerte H. Majuchas seine Meinung dahin, daß die Araber durch die passive Haltung der Beamten aufgemuntert wurden. Die Juden waren zu vielen Konzessionen bereit, doch stellten die Araber immer neue Forderungen, die den Juden das Verweilen an der Klagemauer unmöglich machen sollten. H. Majuchas ist überzeugt, daß die letzten Vorfälle die Haltung Englands zu unserem Aufbauwerk wesentlich beeinflussen wird. Nach dem Gespräch mit unserem Berichterstatter fand im Hotel Barschack eine Versammlung der in Wien weilenden Palästinenser statt, die alle nur den cinwi Wunsch äußerten, so rasch als möglich in die Heimat zurückzukehren. Kämpfe in Tel-Aviv (Eigenbericht der „Stimme“.) London, 27. August. Nach den letzen Berichten aus PalastZina herrscht in Jerusalem und Hebron verhältnismäßig Ruhe. Dagegen ist es in und bei Jaffa zu neuen schweren Zusammenstößen zwischen Juden und Arabern gekommen. Eine Kompagnie des Batallons, das aus Aegypten eingetroffen ist, wurde nach Jaffa entsendet. Energischeres britisches Regime (Eigenbericht der „Stimme“.) London, 27. August. Die Berufung Sir Herbert Samuels von seinem Urlaub naeh London wird als Zeichen dnfür gewertet, daß Großbritannien die gegenwärtige britische Vertretung in Palästina für unzureichend anaieht. Ein Regimewechsel und eine Besetzung des Postens des britischen Oberkommissärs durch eine bedeutende Persönlichkeit ist daher nicht ausgeschlossen. In diesem Zusammenhang ist auch die Zuziehung Lord Readings, als eines der besten Kenner der Verhältnisse in Palästina, durch die Regierung in Betracht zu ziehen. Straßenkampf in Jaffa (Eigenbericht der „Stimme“.) London, 27. August. Die Zahl der bei den verschiedenen Kämpfen zwischen Arabern und Juden getöteten Personen wird inoffiziell mit 120 bis 150 angegeben. Infolge der von den englischen Behörden zu Beginn der Unruhen verhängten Zensur über Pressetelegramme fehlt es an zuverlässigen Meldungen. In den gestrigen Nachmittags- und Abendstunden sind von Arabern wiederholt Angriffe unternommen worden, die aber in der Mehrzahl zurückgeschlagen wurden. Gestern abends ist es zu einem ganz unerwarteten und plötzlichen Angriff von Arabern auf das Regierungsgebäude in Jaffa gekommen, der aber von der englischen Polizei abgeschlagen wurde. Reading bei Macdonald Sämtliche Minister zurückgekehrt. — Felix Warburg in London (Eigenbericht der «Stimme».) London, 26. August. Aus Berlin haben sich heute die Exekutivmitglieder Kaplansky, Sprinzak und Lazarus Barth nach London begeben. Marquis of Reading, der frühere Vizekönig von Indien und jetzige Führer der liberalen Partei, hat am Sonntag nachmittags, ohne sich vorher anzusagen, den Ministerpräsidenten Macdonald aufgesucht, um ihm als Engländer und Jude seine Erschütterung und seine tiefen Besorgnisse über die Entwicklung der Verhältnisse in Palästina mitzuteilen. Das Gespräch zwischen Marquis of Reading und MacdonaVd dauerte volle zwei Stunden. Fast sämtliche Minister haben auf die Meldungen aus Jerusalem hin ihr Weekend abgebrochen und haben sich am Sonntag beim Premier Macdonald versammelt, um über die durch die Ereignisse in Palästina geschaffene ernste Lage zu beraten. Herr Felix M., Warburg, Vorsitzender der Administrative Committee der Jewish Agency, ist in London eingetroffen. Er ist tief bekümmert über das große Unglück, das die palästinensische Judenheit betroffen hat. Er wird an den in London am Dienstag beginnenden ernsten Beratungen der zionistischen und der nichtzionistischen jüdischen Führer teilnehmen. Die New-Yorker Juden demonstrieren Washington, 27. August. Aus Washington wird gemeldet: Die Ereignisse in Palästina haben unter den jüdischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten ungeheure Erregung ausgelöst. Das Staatsdepartement wird mit Zuschriften überschwemmt, in denen die Juden den Staatssekretär Stimson zu energischen Maßnahmen auffordern. Stimson erklärte, die amerikanische Regierung beabsichtige nach der beim englischen Botschafter unternommenen Demarche nicht, Kriegsschiffe nach Palästina zu entsenden, da die englischen Behörden anscheinend Herren der Lage geworden sind. In New York fand gestern eine Demonsiration der Juden statt, an der etwa 10.000, nach anderen Berichten 50.000 Personen teilnahmen. Die Demonstranten, unter denen sich zahlreiche Kriegsteilnehmer befanden, zogen über den Broadway zum Rathaus, wo Bürgermeister Walker oine kurze Ansprache hielt, in der er zur Ruhe mahnte und den Juden seine Unterstützung zusagte. 7 Der Demonstrationszug begab sich dann vor das englische Konsulat. Der Konsul empfing eine Abordnung und gab die Zusicherung, daß er ihre Forderungen der englischen Regierung übermitteln werde. Protestversammlung in Prag (Eigenbericht der «Stimme».) P r a g, 27. August. Am Donnerstag findet im jüdischen Rathaus in Prag eine Protestversammlung gegen die Ereignisse in Palästina statt, in der unter anderen Max Brod sprechen wird. Dem Zionistischen Bureau in Prag ging vom tschechoslowakischen Konsul Fritsch in Jerusalem ein vom Sonntag datiertes Telegramm zu, wonach di« Tscfoechoslowaken in Palästina weder Verluste an Menschenleben noch an Gut erlitten haben. Das Zionistische Komitee in Prag hat eine Reihe von Depeschen erhalten, aus denen hervorgeht, daß dort, wo der jüdische Selbstschutz funktionierte, die Angriffe der Araber angewiesen wurden. So wurde zum Beispiel ein Angriff auf Tel-Aviv, noch ehe die Araber die Stadt erreichen konnten, vom jüdischen Selbstschutz zurückgeschlagen, Dabei sind sechs Juden gefallen. Truppensendungen (Eigenbericht der «Stimme».) Jerusalem, 26. Äugus.. Die Regierung hat mitgeteilt, daß auf Verlangen des Oberkommissärs zwei Kriegsschiffe sich von der Flottenstation Malta nach den Gewässern Jerusalems begeben. Es handelt sich um die 27.500 Tonnen große «Batham», das Flugschiff des ersten Mittctoneer-Geschwaders, mit einer Bemannung von 1184 Mann, um) um den 10.000 Tonnen-Kreuzer «Sussex», mit etwa 700 Mann an Bord. Außerdem sollen zwei weitere Kriegsschiffe und ein Flugzeugmutterschiff in Malta unter Dampf liegen, um erforderlichenfalls sofort nach Palästina abfahren zu können. Am Samstag sind mittels Flugzeugen 50 Soldaten aus Aegypten in Jerusalem eingetroffen. Am Sonntag traf ein ganzes Bataillon der britischen Streitkräfte in Aegypten in Jerusalem ein. Aus Malta wurde außer der Besatzung der Kriegsschiffe auch noch ein Landbataillon zur Wiederherstellung der Ordnung nach Palästina entsandt. Die neuesten Mitteilungen besagen, daß insgesamt 5 Kriegsschiffe von Malta nach Palästina unterwegs sind und daß der gesamte Eisenbahnverkehr von Aegypten nach Palästina zwecks Beschleunigung der Truppentransporte für den Privatverkehr stillgeiegt ist. Die erste Liste der Gefallenen. Jerusalem, 25. August. (J. T. A.) Die Zahl der bei den Kämpfen am Freitag nachmittags in Jerusalem getöteten Juden beträgt nach bisheriger Feststellung 21. Drei Juden, die während der Kämpfe schwer verletzt wurden, starben im Hospital. Zu der bisher gemeldeten Zahl von Toten auf der Seite der Araber kommen sieben weitere hinzu. Man glaubt, daß die arabischen Verluste in Jerusalem die Zahl 30 übersteigen. Bei den Kämpfen wurden zwei nichtjüdische Regierungsbeamte getötet. Der christliche deutsche Ingenieur Reumann wurde durch Araber schwer verletzt. Die Namen der in der Nacht zum Sonntag in alle* Stille bestatteten jüdischen Opfer sind: Nachman Segal, Frau Hannah Sonischwelli, Elija Sasson, die Brüder Josef und Jehuda Rothenberg, Mosche Taburi, Schalom Schwill, Mordechai Ben Menasche, Mosche Brandes, Schalom Ben Saleh, Meir Apelbaum, Beftzlon Dimanstein, Wohlmann, Ben Schimon und zwei andere. Die Toten wurden in der Nähe des Grabes von Ben Yehuda bestattet. Der jüdische Polizei-Sergeant Norska wurde, als er mit anderen Polizisten die jüdische Kolonie «Bajit wegan» gegen Angriffe der Araber verteidigte, getötet. Ein amtliches Communiquö Jerusalem, 26. August. (Wolff.) Die Regierung Palästinas teilt amtlich mit: Im Verlaufender letzten Unruhen von Jerusalem wurden 14 Juden, 10 Mohammedaner und 3 Christen getötet, 37 Juden, 20 Mohammedaner und ein Christ schwer und 66 Juden, 32 Moham«. medaner und 15 Christen leicht verwundet. In Jerusalem herrscht jetzt Ruhe. Britische Infanterie mit Flugzeugen und Panzerwagen hält di« Ordnung aufrecht. In Hebron sind 45 Juden und 6 Mohammedaner getötet, 60 Juden, 10 Mohammedaner verwundet worden. Auch dort ist die Ordnung wieder hergestellt. In Nablus versuchten Araber die Polizeiwache zu stürmen, doch wurde der Angriff abgeschlagen. Zwei Araber wurden schwer, acht leicht verwundet. Flugzeuge und Panzerwagen aus Amman traten in verschiedenen Teilen des Landes in Tätigkeit. Samstag sind 50 Soldaten, Sonntag 600 und Montag 450 Soldaten eingetroffen. Für Dienstag wird ein Kreuzer erwartet. 200 britische Soldaten sind nach Tel-Aviv abgegangen, wo bei mohammedanischen Beisetzungsfeierlichkeiten Unruhen ausgebrochen sind. Die Polizei mußte von der Schußwaffe Gebrauch machen, wobei sechs Araber und fünf Juden getötot wurden. Auch in Jerusalem sind heute von neuem Unruhen ausgebrochen. In Jaffa griffen Araber die Regierungsbureaus an. Da sich die Lage bedrohlich gestaltete, eröffnete die Polizei das Feuer, wodurch fünf Araber getötet und über 80 verwundet wurden. Oborrabbiner Ivook depeschiert an den Oberrabbiner Hertz in London (Eigenbericht der „Stimme“.) Jerusalem, 26. August. Der palästinensische Oberrabbiner Kook sandte heute an den Oborrabbiner Hertz in London ein Telegramm, in dem er ihm von der ungeheuren Gefahr, welche dem Heiligen Lande droht* berichtet und sofortige Hilfe verlangt»

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