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Die Stimme · 1929-08-22 · Heft 88 (22.8.1929) · page 10

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 88 (22.8.1929)
Date
1929-08-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Achte internationale fahreskonferenz des „International Student Service“ in Krems a. D. Wir haben bereits vor zwei' Wochen kurz über die diesjährige Jabres-karafefetnz des «International Student Service» (WeMstedentemvenk) in Krems a. d. Donau berichtet Es war das erste Mal, daß eine internationale ßtodententagiung mit einer so großen Anzahl von Teilnehmern- (es waren 29 Nationen vertreten) in Oesrterreieh abgehalten wurde. Auch der Weltverband der jüdischen Studentenschaft war vertreten, und zwar durch .folgende Delegierte: Dr. S. Liptzin von der Universität in New York, A. Baumhoher, Frankreich, Ar Cejtlim und Fraiu Dr. Regina Lew, Polen, Dr. D. Bukspan, Dr. E. Pachtmanm und A. Teich, Oesterreich. Die Anfänge des internationalen Weltstudentenwerkes liegen in Oesterreich, wo vor neun Jahren, also zur Zeit der höchsten Not, die Studenten neutraler und siegreicher Staaten in hochherziger Weise ihren österreichischen'Kameraden ohne Unterschied der Nation zu Hilfe kamen. Seither ist vieles auf dem Gebiete der Stwdentenfürsorge und SrtudentenselibsthiHe geschehen. Di« Idee des Wenkstudententunrs ging auch von dieser Organisation aus. Und jüdische Studenten haben nicht nur die Methoden der studentischen Selbsthilfe gelernt, es wurden auch jüdische Studen-tenorganisationen mit namhaften Beträgen subventioniert. Aber nicht allein nyatetrieHe Not zu lindern ist Aufgabe des Weltstudentemwerkes, seine vornehmste Aufgabe ist es, die Nationen durch ihre intellektuelle Jugend zusammenzu- WUtten, die Gegensätze durch Hilfsbereitschaft auf jedem Gebiete zu1 üibetbrüoken und so zur Verwirklichung des höchsten Menschheitsideals, der Volkerversöhnung beizutragen. Schon bei der Eröffnung der Konferenz konnte man die nationale Gleichberechtigung äußerlich feststellen: neben anderen Flaggen wurde die Wau-weiße Fahne gehißt; neben 'den Spitzen der Behörden der Stadt ICrem® sah manbei der Eröffnungsfeier den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Herrn Auspitz undden Obmann der Zionistischen Ortsgruppe, Herrn Norbert Sachs. Ueber den Empfang der jüdischen- Delegation durch die Kremser jüdische Gemeinde haben wir beireite berichtet. Mit Fragender-jüdischen Studentenschaft -beschäftigte sich die erste und zweite Kommissionder Konferenz. In der ersten» 'Kommission wurde ein Bericht erstattet über die traurige materielle Lage von dreitausend ausländischen, jüdischen Studenten, die aus verschiedenem Gründen -gezwungen waren, nach Paris teuMkonnnen, um dort zu studieren. Den Vorschlag der Kommission, die I. S. S. möge jüdischen Studenten in Paris Stipendien, Darlehen, freie ärztliche Hilfe, freie ■Mafrizerteir und andere ähnliche Hilfe gewähren, nahm 'das Plenum einstimmig an. Es wrurde beschlossen, diese Hülfe nach einer Verständigung mit der jüdischen Student emverefnigung Ln Paris1 und der «Union Nationale de France» zu leisten. Dieselbe Kommission hat auch .über das internationale Studenten-sanatorium in Leysin beraten, das auch für lungenikran-ke j-üdischs Studenten von Bedeutung ist. Im der zweiten Kommission verhandelte man über die Frage, ob d-ie Arbeit, die in der Konferenz in Bierviüe bei Paris (vom 30. Dezember 1928 bis 2. Jänner 1929) angefangen wurde, von der I. S. S. auch fortgesetzt werde. Wie bekannt, kamen damals zum erstenmal jüdische mit nichtjüdi'schen Studenten aus verschiedenen. Ländern zusammen, und berieten, welche Mittel und Wege nötig wiär.en, um den Hochschiulantiseomitismus zu beseitigen. Fast alle Redner sprachen sich für die Fortsetzung der Arbeit aus, gante besonders .trat der schwedische -und bulgarische Delegierte gegen den Antisemitismus a*f, den sie aufs s-chär-fote verurteilten. Der Schwede hob die Bedeutung der Juden für Literatur und Wissenschaft hervor, der Bulgare betonte ganz besonders die Tapferkeit und Vaterlandsliebe der Juden 'Bulgariens. Nach langer, eingehender Debatte wurde beschlossen«, die in Btervi'lte begonnene 'Arbeit fortausetoen und die künftige Konferenz, die spätestens -zu Ostern 1930 stattfimd-en soll, besonders gut vorzubereiten. Es sollen wissenschaftliche Arbeiten, ,die diese Fragen behandeln, sowohl von Juden als .Nichtjuden rechtzeitig übermittelt werden, wie auch Referenten von jüdischer und nichtjüdischer Seite, wenn möglich-junge -Hochschullehrer, eingelacten werden. Weiters soll d-te I. S. S. in. antisemitischen Universitätszeptren anregen, daß ilnoffiteieWe Kommissionen von Juden und Nichtjudm berufen werden. Obige Beschlüsse der «weiten .Komission wurden vom Plenum eiaistifmmig angenommen. Im Budgefrvoramschlag für das nächste Jahr wurde für die Hilfe der jüdischen Styrileintan im Pari« u<md die Fortsetzung der, Arbeit von BJenvÄle der Betrag von 1500 Dollar eingesetzt. Die jüdische Studentenschaft gibt gerne der Hoffnung Ausdruck, daß das auf der Tagung in» Krems gezeigte Wohlwollen sich Ln Zukuraft tatsächlich verwhkäöchen wird und sie möchte den Tag sehen, an dem ekle internatianale Studeot-enkonferente keine Gründe haben wird, «teh mit jüdischen Fragen zu befassen. In diesem Stone richtete in der letztem Sitzung der jüdische Delegierte A. Teich an die Konferenz eine Ansprache, die mit -lebhaftem Applaus ausgenommen wurde. Za erwähnen istjmoch, daß die jüdische Delegation DIE SUMME In Krems an des Zionistenkongreß in Zürich eifi Begrüßungstelegramm sendete, An dem sie den Kongreß ersuchte, mft Rücksicht auf die jüdischen Studentenemigranten der Förderung der hebräischen Hochschulen in Palästina besonderes Augenmerk m schenken. Der Weltverband der jüdischen Studentenschaft auf dem Kongreß der (C. I. E.) Confederation Internationale des Etudiants) in Budapest. Als Vertreter des Weltverbandes der jüdischen Studentenschaft erschienen zum Kongreß der Confederation internationale des Etudiants die Herren Dr. Eduard Pachtmann und Alexander Teich und wurden in der Vollsitzung des Kongresses vom Präsidenten A. G. Bagnall (England) in einer herzlichen Ansprache begrüßt. Im Namen der jüdischen Studentenschaft dankte Dr. Pachtmann für die Einladung,. schilderte in kurzen .Worten die Lage der jüdischen Studenten und wünschte dem Kongreß, der die Aufgabe hat die Interessen der Studentenschaft der ganzen Welt zu wahren, den besten Erfolg in seine Beratungen. Großer Beifall, gespendet von Vertretern aller Nationen, folgte seinen Worten. Die genannten Vertreter benutzten ihre Anwesenheit in Budapest, um mit der dortigen jüdischen Studentenschaft Fühlung zu nehmen und deren Lage zu studieren. Außerdem hielten sie Aus-sprachen mit den Delegierten vieler anderen Nationen. Das litauische Regierungsorgan verzeiht großmütig den Teilnehmern an den Pogromen Die geschlagenen Juden waren zwar unschuldig, aber die Schläger waren «nationale Arbeiter». — Die Antwort der «Ydischen Stimme». K o v/ n o, 15. August. (J. T. A.) Die Kownoer Tageszeitung «Ydische Stirne» ist aus Zensurrücksichten erst heute in der Lage, auf die Pogrome in den litauischen Vorstädten Slabadan und Sancain zurückkominen, nachdem das Regierungsorgan «Lietuwas Akias» nun zugibt, daß Pogrome stattgefunden haben, aber sie zu beschönigen suchte Das Regierungsorgan erzählt, daß. in Sancain die Kommunisten am 1. August, versucht haben, zu «demonstrieren», daß sie aber von den «nationalen Arbeitern» arg zugerichtet wurden. Die «Ydische Stirne» bemerkt dazu, daß die Einwohner von Sancain genau zugesehen haben, welche «Arbeiter» geschlagen haben und welche «Kommunisten» geschlagen wurden. Es genügt zu erwähnen, daß einer der Geschlagenen der 70jährige Synagogendiener Jalewezki, und der «Arbeiter», der ihn geschlagen hat, der Polizist Nr. 104 war. Nur ein Fall unter vielen... «Lietuwas Aidas» schreibt weiter, der Durchfall der Kommunisten in Sancain hätte einen unangenehmen Epilog in Slabadan gehabt, wo ganz und gar unschuldige jüdische Bürger zu leiden hatten. Die «national gesinnten Arbeiter» haben sich gesagt, wo ganz und gar unschuldige jüdische Bürger zu leiden hatten. Die «national gesinnten Arbeiter» haben sich gesagt, daß die Mehrheit der kommunistischen Agitatoren jüdischer Nationalität seien, folglich müßten es die Juden ausbaden. So ist es zu erklären, daß nicht nur die kommunistischen Führer, sondern auch eine ganze Reihe Bürger jüdischer Nationalität, die wahrscheinlich gar keine Beziehung zum Kommunismus haben, Jeiden mußten. Es ist schon einmal so: wenn zwei sich schlagen, leidet der dritte. «Ydische Stime» schreibt dazu: «Lietuwas. Aidas» gibt also zu, daß «national gesinnte Arbeiter» Juden geschlagen haben, Da diese Patrioten aber die «gute Absicht» gehabt haben, Kommunisten zu schlagen, so verzeiht es ihnen der Offiziosus «großmütig». Wir Juden könnten dem Offiziosus für eine solche Offenherzigkeit dankbar sein, denn sie klärt die Situation. Hätte man uns einetl Tag früher ge. sagt, daß der Offiziosus die Pogromleute von Slobodka für ehrliche Patrioten hält, wir hätten es nicht geglaubt, denn wir nahmen an, daß diese Huligans Störer der Ordnung und Feinde Litauens sind, indem ihr Tun für den litauischen Staat nicht weniger gefährlich sei als für seine jüdischen Bürger. Wir hätten erwartet, daß der Offiziosus als erster solche Taten, die den guten Namen Litauens schänden, verdammen würde. Sein Artikel aber beweist uns, daß wir in einem großen Irrtum befangen waren. Wenn aber der Officiosus glaubt, daß er der Sache aus dem Wege gehen kann, wenn er die ganze Angelegenheit als eine kleine «Unannehmlichkeit» hinstellt, so befindet er sich im Irrtum. Wir kennen diese Weise noch aus den Zeiten des Zarismus; wo man ähnliche Taten durch den «Volkszorn gegen die jüdischen Revolutionäre» offiziell zu rechtfertigen suchte. Gegenüber der Mitteilung der «Lietuwas Aidas», daß seitens der Juden keine Klagen eingereicht wurden, stellt «Ydische Stime» fest, daß bei Gericht Anklagen von einigen Dutzend geschlagener und verletzter Juden eingereicht worden sind. N*. Ein «SÖndenbock» ffir die Litauischen Pogrome Kowno, 15. August. (J. T. A.) Der Jta-Vertreter erfährt aus autoritativer Quelle, daß der Direktor des Bürgerschutz-Departements, Staschkevitz, aus seinem Amte beseitigt werden wird. In politischen Kreisen sieht man hierin eine falsche Geste der litauischen Regierung, die gegenüber dem Auslande einen «Sündenbock» für die Pogrome braucht. In Wirklichkeit ist Staschkevitz alles andere als ein Judenfeind. Am 1. August kehrte er von seinem Urlaub zurück, die Pogrome waren in seiner Abwesenheit organisiert worden. Pogrompanik auch in Rußland Moskau, 15, August. (J. T. A.) Die jtidisene Bevölkerung des Städtchens Korosten, Gouv. Wolhynien, stand mehrere Stunden lang unter dem beispiellosen Terror einer organisierten antisemitischen Bahnarbeitergruppe, die sich am Bahnhof formierte und einen Sturm gegen die jüdischen Häuser unternahm. Die schnell geschlossenen Läden und Haustore wurden aufgebrochen, die Einwohner mörderisch geschlagen, die Warenbestände der jüdischen Handwerker, zerrissen und verschleppt. Die Zahlenmäßig kleine Ortspolizei konnte nur einige wenige der Schuldigen ,feststeilen und verhaften. In Kasatin, Gouv. Kiew, erklärte ein Redner in einer Versammlung der Bahnarbeiter: „Wir pflegten früher Juden zu schlagen, wir werden dies weiter tun!“ Auf der Haltestelle Rostonojewo überfiel eine Gruppe Bahnarbeiter unter den Rufen: „Schlagt d*e Juden!“ die jüdischen Sommerfrischler und mißhandelten sie schwer. Jüdische Frauen und ein. kleines Kind sind unter den Verletzten. In Saratow führen die Bahnarbeiter eine hemmungslose antisemitische Propaganda gegen die wenigen jüdischen Arbeiter, die dort beschäftigt sind, um d:ese zum freiwilligen Verlassen ihrer Posten zu veranlassen. Ein jüdischer Vorarbeiter wird durch antisemitische Genossen verstümmelt Moskau, 15. August. (J. T. A.) Ungeheures Aufsehen erregt in Moskau eine bestialische Tat, die in der größten Moskauer staatlichen Textilfabrik (früher Besitz von Emil Zindel) verübt wurde. Der jüdische Arbeiter Aron Malinowski wurde vor kurzem zum Vorarbeiter befördert. -Die antisemitisch gesinnten Arbeiter führten seither eine scharfe Hetze gegen Malinowski, die sich noch steigerte, als bekannt wurde, daß die von Malinowski geleitete Abteilung 490 Webstücke, aber die übrigen Abteilungen nur je 450 Webstücke täglich lieferten. Als nun Malinowski gestern morgens in die Fabrik kam und seine Maschine in Betrieb setzte, verunglückte er so, daß er den rechten Arm verlor. Die Untersuchung stellte fest, daß Malinowskis Gehilfe, der russische Arbeiter Nikolajew, auf Anstiftung der Antisemiten die Maschine so gestellt hatte, daß Malinowski verunglücken mußte. Das Gespenst des Ritualmordes in der polnischen Mittelschule (Eigenbericht der „Stimme“.) Warschau, 16. August. Der jüdische Parlamentsklub übermittelte dem Unterrichtsminister ein Memorandum, in welchem darauf hingewiesen wird, daß das Staatsgymnasium in Tarnobrzeg in seinem offiziellen Bericht für das Schuljahr 1927/28, der in Buchform erschien, einen Artikel von Prof. Michael Marczak abgedruckt hat, in welchem der jüdische Ritualmord als geschichtlich erwiesen hingestellt wird. Dabei stützt sich der Verfasser nur auf die Niederschrift alter Volkslegenden in gewissen Kirchenbüchern. In diesen Legenden ist auch die Rede davon, daß die Juden die heilige Hostie stehlen, um sie zu entweihen. Der jüdische Parlamentsklub ersucht den Unterrichtsminister, den Verfasser des Hetzartikels und die Direktion des Staatsgymnasiums, die diesen Artikel zum Druck befördert hat, zur Verantwortung zu ziehen, damit die Schuljugend darüber aufgeklärt wird, daß die Legende vom Ritualmord von der zivilisierten Welt mit Verachtung zurückgewiesen wird. Palästinensische arabische Studcnvcukonferonz für ein unabhängiges Palästina innerhalb eines arabischen Staatenbundes Jerusalem, 18. August. (J. T. A.) Die soeben in Jaffa abgehaltene Konferenz arabischer Studenten ganz Palästinas richtete einen Appell an die Araber Palästinas, mit vereinten Kräften dafQr einzutreten, daß Palästina zu einem unabhängigen Staat innerhalb eines arabischen Staatenbandes gemacht werde. Die Regierung wird aufgefordert, Palästina ein Parlament zu geben. Die Konferenz beschloß ferner, einen Kampf gegen arabische Grundstückhändler zu führen, die palästinensischen Boden an Juden verkaufen.

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