Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 88 (22.8.1929)
- Date
- 1929-08-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 88 DIE STIMME Ein mahnendes Wort (Zur Frage des hebräischen Unterrichtes in Wien.) Das Erziehungsproblem, insbesondere das der jüdischen Erziehung, also das schwierigste aller Probleme, ist schon oft von berufener und fachmännischer Seite erörtert und besprochen worden. Immer wieder wurden Wege und Methoden gesucht und vorgeschlagen. Man hätte annehmen können, daß dadurch der Erfolg ein viel befriedigenderer sein sollte. Leider zeigt sich gerade das Gegenteil. Erkennt man aber diese Tatsache, dann kommt man zu der verzweifelten Notwendigkeit, das ganze Er* ziehungswesen in Wien als bankerott zu erklären. Denn überschaut man die Entwicklung der letzten Jahre, so wird auch der kurzsichtigste Be* obachter eine geradezu erschreckende Entfremdung der heranwachsenden jungen Menschen vom Judentum in religiöser, nationaler und ethischer Beziehung feststellen. Die Auflösung schreitet sichtlich von Tag zu Tag vorwärts, die Assimilation greift um sich und die Am-Horazuth hat schon ihre Grenze überschritten. Reicht unsere Erziehungskraft nicht mehr aus, haben wir unsere Aufgabe nicht ernst genug aufgefaßt oder sind unsere Methoden nicht mehr gut? Wo liegt der Grund? Und ist die Lage so verzweifelt, müssen wir, die hebräischen Lehrer, die alleinigen Träger der jüdischen Erziehung, uns nicht die Frage stellen ob unsere Erziehungsarbeit noch überhaupt einen Sinn hat? Wer trägt also die Schuld? Die jüdischen Eltern, die Organisationen, oder gar die hebräischen Lehrer? Der Wahrheit die Ehre. Ein Teil dieser Schuld trifft die hebräischen Lehrer, denn sie vor allem hätten die Pflicht, diese Frage ins Auge zu fassen und für ihre Lösung zu sorgen. Ihre Aufgabe wäre es gewesen, die reine jüdische Erziehung zu propagieren, für die Auflebung der hebräischen Sprache, für die Verbreitung des hebräischen Buches im großen Maßstabe zu arbeiten, die hebräisch Sprechenden zu organisieren und zu vereinen und auf diese Weise die jüdische Umgebung zu schaffen. Diesen ganzen Komplex von Arbeiten, überließen sie aber den jüdischen Organisationen, welche weder Zeit noch Verständnis für solche Arbeiten hatten und so rächt sich die Sünde der Väter an den Kindern. Bei-dieser Gelegenheit ist es aber auch notwendig,' einmal der jüdischen Oefferttlichkeit vom Leidensweg des hebräischen Lehrers^ einiges zu sagen. Nirgends, in keinem Ort, und sei es im kleinsten und verworfensten Städtchen Galiziens, ist der hebräische Lehrer von der jüdischen Oeffentlichkeit so verlassen und auf sich allein angewiesen wie hier in Wien. Keine Unterstützung, sei es materieller oder geistiger Natur, ist dem hebräischen Lehrer von irgend einer jüdischen Gemeinschaft, in all den Jahren seiner Arbeit zugekommen. Hiezu kommt noch der Kampf gegen die unberufenen und unbefugten Elemente, die mangels einer anderen Beschäftigung., hebräischen Unterricht erteilen und dadurch den Berufslehrer in seiner Arbeit stören und sein Dasein beschwerlicher machen. Und nicht zuletzt, die «glänzende» Aussicht seiner Zukunft, indem er täglich um sein Brot besorgt sein muß, weil er auf Gnade und Ungnade der Eltern angewiesen und von der Laune seines Brotgebers abhängig ist. Unter solchen Verhältnissen kann man wahrlich kein Idealist sein. Dies alles mildert wohl das Verschulden der hebräischen Lehrer, entschuldigt sie aber nicht. Den anderen, wohl den größeren Teil der Schuld tragen die jüdischen Organisationen und nicht zuletzt die jüdischen Eltern. Allein nicht anzuklagen ist meine Absicht, sondern zu mahnen. Insbesondere gilt diese Mahnung den hebräischen Lehrern. Es ist von Grund auf falsch, wenn der hebräische Lehrer in seiner Bescheidenheit glaubt, seine Pflicht erfüllt zu haben, indem er seinem Zögljng jüdisches Wissen und jüdischen Geist einimpft, bei allen anderen öffentlichen Angelegenheiten jedoch, abseits oder gar im Hintergrund zu stehen hat, ln diesem Falle ist diese Bescheidenheit nicht am richtigen Platze. Ueberall, wo es öffentliche jüdische Arbeit gibt, muß der hebräische Lehrer seinen Mann stellen. Keine Frage in Erziehungsangelegenheiten darf beraten werden, ohne daß der hebräische Lehrer befragt und angehört werde. Zu diesem Zweck aber müssen die Lehrer ein vollkommenes und zielbewußtes Arbeitsprogramm haben und nur dann köm:~a sje die Öeffentlichkeit retten und von ihr in jeder Hinsicht Untenstützung fordern. Und nur in diesem Sinne soll dieser Mahnruf verstanden werden: Auf zur Arbeit, es ist höchste Zeit! J- Herzberg. Die Berliner Mendelssohn-Feier wird durch Rundfunk übertragen Berlin, 14. August. (J. T. A.) Die Berliner Feier findet am 8. September in der Singakademie statt. Es sprechen ReiehsminiMer Scvering und Oberbürgermeister Dr. Boß. Die 1 hier soll durch Rundfunk ver- Robert Stricker — 50 Jahre alt In unserer raschlebigen Zeit ist nun auch Stricker 50 Jahre alt geworden. Eine Kampfnatur — arbeitete er seit seinen jungen Jahren stets und mit Erfolg zum Schutze der Ehre und der Interessen unseres Volkes. Sein Herzensgebiet war der Kampf um unsere Rechte in der Galuth. Er verwendete seine Feder im Kampfe gegen die jüdische Untreue ebenso scharf und schneidig wie gegen unsere äußeren Feinde. Er besaß auch den Mut, gegen die Gebrechen im eigenen Lager aufzutreten. ( Er erinnerte uns zu einer Zeit, da wir alle unsere Kräfte für die Aufbringung der Mittel für den Aufbau unseres Landes verwendeten, an den ideologischen Charakter unserer Bewegung. Er war lange Zeit der Führer der zionistischen Bewegung in Oesterreich. Seit einiger Zeit hat eres vorgezogen, ein Führer einer geschlossenen Gruppe in unserer Bewegung zu sein. Wir wünschen ihm,, daß er die Kraft gewinne, zur Heerstraße der Gesamtbewegung zurückzufinden, wie die Besten seiner Gruppe außerhalb Oesterreichs. Tagung der Exekutive 01s Kongresses zum Schutze der jüdischen Minderheiten (Eigenbericht der „Stimme“.) Zürich, 18. August. Die Exekutive des Rates zum Schutze der Rechte der jüdischen Minderheiten hielt am 16. August in der Tonhalle zu Zürich eine Sitzung ab, an der der. Präsident der Exekutive Leo Motzkin, der Präsident des Rates Nahum Sokolow, die Vizepräsidenten des Rates Abg. j. Grünbaum und Dr.' Stephen S. Wise sowie der Vertreter des Rates beim Völkerbund Zwi Aberson, der Ratssekretär Sinder, das Mitglied des Pariser Bureaus Efrojkin, ferner das Mitglied des Rates Dr. Emil Margulies für die Tschechoslowakei, Dr. Alfred Klee aus Berlin, Floren.tin und Recanati aüä Saloniki, Dr. Silberschein aus Lemberg, Dr. N. M. Gerber aus Wien, Dr. Helmann aus Riga, Dizengoff, Doktor Mossinson und M, M. Ussisehkin aus Palästina und ein Vertreter aus-Rußland, teilnahmen. Die Exekutive befaßte sich mit'den budgetären und organisatorischen Fragen. Nach eingehenden Beratungen bevollmächtigte die Versammlung die Herren Motzkin und Efrojkin zur Weiterführung der Geschäfte, in Verbindung, mit dem Pariser Advisory Committee, das in seiner bisherigen Zusammensetzung bestätigt Wurde. Einstimmig wurde beschlossen, daß die Genfer Expositur im Interesse der Vereinheitlichung der Arbeit als Unterabteilung der Pariser Zentralstellen zu gelten habe. Pr. Stephen S. Wise gab die Erklärung ah, daß, der American Jewish Congreß als ein Zweig des Rates zum Schutze der jüdischen Minderheitenrechte in Zukunft die Organisation moralisch uihd materiell stärker unterstützen und überhaupt der nationalen Arbeit in den Diaspora-Ländern erhöhte Aufmerksamkeit schenken werde. u. Präsident Motzkin wurde beauftragt, an dem Ende August stattfindenden Minderheitenkongreß teilzunehmen. Im Jahre 1930 wird der Council zu einer Konferenz zusammentreten. In der Nachmittagssitzung behandelte der Rat zum Schutze cter Rechte der jüdischen Minderheiten die Lage der Juden in Litauen, Rumänien, Griechenland und Rußland. Die Exekutive sandte an den litauischen Ministerpräsidenten Woldemaras das folgende Telegramm, das von Leo Motzkin, Nahuin Sokolow und Dr. Stephen S. Wise unterzeichnet wurde: „Mit Schmerz und Bestürzung Haben wir von den antijüdischen Exzessen in Litauen Kenntnis genommen, Wir sind fest davon überzeugt, daß Sie als der Schöpfer des Manifestes über die jüdische Autonomie in Litauen alle wirksamen Mittel anwenden werden, um ein Regime der Sicherheit und Gerechtigkeit zu befestigen und der jüdischen Bevölkerung, die mit allen Kräften an der Schaffung des litauischen Staates mitgearbeitet hat, die Entwicklung eines normalen Lebens zu ermöglichen.“ Hinsichtlich der Neuorganisation der jüdischen Gemeinden in Rumänien beschloß die Exekutive, Schritte w unternehmen, um zu erreichen, daß die Einheit der Gemeinden erhalten bleibe. Ferner erwogen die Exekutive und die der Sitzung beiwohnenden Mitglieder des Rates die Ergreifung von Maßnahmen, um der antisemitischen Stimmung in Griechenland, insbesondere Saloniki, durch entsprechende Aufklärungsarbeit entgegenzuwirken. 1 In ausführlicher Weiset wurden die Verhältnisse in Rußland besprochen. Die Versammlung beschloß, in New York und in Paris je ein Komitee zu gründen, die sich dauern mit der Aufgabe zu befassen haben werden, gegen die Verfolgung der jüdischen Religion, der hebräischen Sprache und der Zionisten in Rußland in geeigneter Weise Stellung zu nehmen. Tagung des Keren Hajessod-Direktofiums in Berlin London, 18. August. (J. T. A.) Direktor Oskar Wassermann, der bekanntlich vom Administrative Committee der Jewish Agency zum Direktor des Keren Hajessod als Repräsentant des nichtzionistischen Teiles des Jewish Agency gewählt worden ist, wird für anfangs September eine Tagung des Direktorenausschusses des Keren Hajessod nach Berlin einberuferi. Die Tagung, der auf Einladung von Herrn Direktor Wassermann verschiedene nichtzionistische Mitglieder der Jewish Agency beiwohnen werden, wird sich u. a. mit der Frage der schnellen Anpassung der Keren Hajessod-Arbeit an die durch Erweiterung der Jewish Agency geschaffene neue Lage, die neue große Möglichkeiten für die Keren Hajessod-Arbeit eröffnet, befäs* sen. Der schweizerische Bumlespräsident und dei Zionismus Zürich, 15. August. (J. T. A.) Der schweizerische Bundespräsident, Dr. Robert Haab, hat in einer Unterredung mit dem Vertreter der Jüdischen Pressezentrale Zür;ch seine Sympathie für die Bestrebungen der zionistischen Bewegung ausgedrückt und damit den Wunsch verbunden, daß die Arbeit des XVI. Zionistenkongresses und der Jewish Agency von Erfolg gekrönt sein möge. Baron Rothschild an die Jewish Agency (Eigenbericht der „Stimme“.) Zürich, 16. August. In der Schlußsitzung des Council der Jewish Agency am Mittwoch nachmittags, nach der Wahl des Präsidiums und des Aoministrar tive Committee verlas Louis Marshall die folgende Depesche von Baron Rothschild: „Tief ergriffen durch Ihr Telegramm danke aufrichtig Ihnen sowie hervorragenden Mitgliedern Counciltagung, die mitnnterzeichnet. — Bin glücklich, daß mich dem großen Werke Erez Israels widmen durfte, welchem Schaffung der Agency mit Gottes Hilfe volle Entfaltung und glückliche Zukunft sichern wird. — Mit lebhaftem Gefühl von Stolz und Dankbarkeit nehme ich Ehrenpräsidium an. Edinond de Rothschild.“ Adolf BöHm in das Direktorium des Jüdischen N. F. berufen In der Sitzung des A. C. in Zürich wurde das Mitglied des österr. Landeskomirees, Adolf Böhm, in das Direktorium des J. N. F. neben Colonel Kisli und Struck neu gewählt. Diese Berufung eines der hervorragendsten Theoretiker des Zionismus und besten Palästina- Kenners in die oberste Leitung des National-Fonds wird ailseits mit größter Genugtuung begrüßt. Zwischen den Zeilen ,Friede, Friede den Fernen und den Nahen“ Bei der Unterzeichnung des Agency-Vertrages hat Weizmann diese Worte gesprochen. Ein hebräischer Gruß, der ganzen Welt anläßlich der Bildung des alljüdischen Weltparlaments gesendet. Friede — Schalom. Gibt es noch eine Sprache in der man sich so begrüßt? Noch ein Volk auf Erden, das mehr als das jüdische den Frieden liebt? Ein tragisches Schicksal: gerade diesem Volke ist es nicht gegeben, in Frieden zu leben. Andere sorgen dafür, daß Kampf und Haß geschürt und gezüchtet werden, daß wir zur Abwehr schreiten müssen. Von Kowno bis — ja, bis Jerusalem. Von der Vorstadt Slabaden bis zur Klagemauer. Ueöerfälle -rfierausforderungen — Verwundete und last not least — offizielle Lügenberichte. Waldemaras und der Jerusalemer Mufti. Litauen und Palästina, ln der Schweiz, in Zürich ruft Weiz* mann mit bebender, prophetischer Stimme in die Weit hinaus: Friede den Fernen und den Nahen . . .» Und es ist gut, daß wir auch stolze, junge, zu allem entschlossene Kämpfer haben. Denn wir brauchen Propheten, aber auch eine Avantgarde; .Führer, aber auch eine Selbstschutzorganisation; Weizmann und die Brith Trunpeldor. Denn wir sind ein friedliebendes, aber a-‘h ein stölzes Volk.