Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1929-08-22 · Heft 88 (22.8.1929) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 88 (22.8.1929)
Date
1929-08-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3053805-3053840--1212-3056548
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Griffe A CKlw f ME STIMME Nr. Die Generaldebatte im Council der Jewish Agency Die Sitzung von Montag, den 12. August, nachmittags. — Redner: Schmarjaliu Lewin, Ariosorolf, KuriTilumenfeld, Ussischkin, Nah um Gold mann, Oskar Wassermann, Ren Gurion, Remes, Daiches, Lewis, Hermann Struck. — Weizmanns Schlußwort. ln der Sitzung des Council am Montag nachmittags, in der die Hauptaussprache weitergeführt wurde, kamen in der Hauptsache Palästinenser und Zionisten za Worte. Schmarjahu Lewin führte aus: Wir dürfen unser Instrument, den Keren Hajessod, nicht aufgeben. Sie, die Nichtzionisten, sind von denselben Momenten getrieben, die uns vor 40 Jahren zu Palästina führten. Sie sind heute dieselben guten und treuen Anhänger der Pasläs-tina-klee. Nach 10 oder 15 Jahren werden wir .vielleicht den Keren Hajessod nicht mehr brauchen. Die 'Arbeit wind leichter werden, weil wir neue Energien bekommen haben. A r 1 o s o r o f h Ich spreche hier im Namen der Cbaäuzim und Chaluzoth. Sie sollen wissen, daß das arbeitende Palästina sich entschlossen hinter die Pol.- tik der Erweiterung der Jewish Agency gestellt hat. Wir achten nicht der Gefahren dieser Versammlung, denn wk glauben an die Macht des jüdischen Pioniers und seine Arbeitsenergien. Die Grundsätze, für die wir stehen, sind nicht einfach ausgeklügelte Doktrinen. In 25 Jahren der Erfahrung hat der jüdische Arbeiter diese Grundsätze auf den Feldern und Bergen Palästinas iim Kampfe um die palästinensische Erde aufgestellt. Wenn wir heute mit der Idee des nationalen Bodenbesitzes kommen, so geschieht das nicht um einer Theorie wißen, sondern ans der Erkenntnis, daß jede Bodenspekulation die wahre Grundlage untergräbt, die der jüdischen Arbeit Ohne jüdische Arbeit ist das Wort von der HeknStäite ein leeres Wort. Es gibt in den Grenzen des Palästina, an das wir denken, weite Bodenflächen, die Sir geschlossene Ansiedlung in Betracht kommen, in welchen Dorf an Dorf, Siedlung an Siedlung eaigereiht werden kann, wenn wir nur die Mittel und die weitausschauende Politik haben werden, um sie uns zu sichern. Die von Lee K. Frankel vorgesdriagene neue Korporation kann zu einem wichtigsten Instrument werden, wenn sie eingegliedert wird in den ganzen Wirtschafteplan der Jewish Agency. Kurt Blumenfeld: Eis gibt keine Möglichkeit der Erneuerung des Judentums in den Ländern der Diaspora, — eine solche Möglichkeit gibt es nur im freien Erez Israel. Begrüßenswert ist, wenn man nun eine große Korporation schaffen will, wenn man heute von großen finanziellen Unternehmungen spricht. Erez Israel ist ein Land, das durch Arbeit erobert wird, ein Land, in dem wir Funktionen zu erfüllen haben, die sonst überall der Staat erfüllt. Man verlangt überall Wirtschaftlichkeit und weiß ganz genau, daß Wirtschaftlichkeit nicht identisch zu sein braucht mit Rentabilität, daß es im Sinne einer guten Volkswirtschaft und eines gesunden Volkslebens auch notwendig ist, Streiflichter aus Zürich Die jüdische Agentur Wite ist es eigentlich geschehen, daß sie adle hier versammelt sind — auf der riesigen Estrade der Züricher Tonhalle? Diese Harmonie im Judentum? Bei einem Tisch sitzt der Führer der englischen Liberalen und gewesene High Commissioner.Palästinas, Sir Samuel, mit dem Direktor der mächtigsten deutschen Bank, Oscar Wassermann^ Lord Melchett mit Sokoiow; Weizmann mit Leon Blum, dem Präsidenten der sozialistischen Organisation Frankreichs; der genialste Gelehrte unserer Zeit Einstein (:,der größte aller lebenden Menschen“ — sagte Blum) mit Felix Warburg, dem amerikanischen Börsenkönig, der den Regierungen großer Staaten Anleihen erteilt; Rabbiner L;pschütz mit Asch; der palästinensische Rabbiner Usiel — in Schwarz und Lila — mit Louis Marshall, dem Präsidenten des J. D. C., dem Diktator der Meinung von Milionen und dem berühmten Anwalt? Wie kommt es, daß der dunkelfarbige Jemen! te Glouska neben dem Führer der Warschauer Assimilantcn sitzt? Orthodoxe, Intellektuelle, ein Franzose, in dem noch ein jüdischer Funke lebt, ein Großfinancier, der einzige Ungetaufte seiner Familie — sie alle beisammen? Die Versammlung scheint unwahrscheinlich, unglaubhaft zu sein. Ist es nicht ein Traum: Der Saal überfüllt — ein Gebet — alle stehen auf und beten in tiefer, mystischer Ergriffenheit um die Erlösung aus der Galuth, um den Aufbau der Heimat...? Etwas Uebernatürlichee liegt in der Kraft, die die Elite des Judentums hergebracht hat, die Führer der Literatur und Kunst, die Herren der Börse, des Handels und der Industrie, die Besitzer großer Reichtümer, die proletarischen Intellektuellen, Juden aus dem Ghetto und aus den weitesten Periphe- Investitionen zu machen, um ganze Teile der Wirtschaft lebendig zu erhalten. Als oberste kontrollierende und regelnde Instanz steht die Jewish Agency da Üb das palästinensische Leben. Zehntausende stehen bereit, nach Erez Israel zu gehen, um Bürger dieses Landes zu werden. Wir müssen es diesen Menschen möglich machen, hier die Basis ihres Lebens zu finden. Wir kommen auch als Fordernde in die Agency. Auch Sie haben das Recht, von uns zu fordern, daß wir für diese Arbeit alles tun. Aber wir haben das Recht zu fordern, daß Sie die gesamte Verantwortung nicht nur kn Versammlungen tragen, sondern im Leben, sozusagen jeden Tag. Wir stehen vor unendlichen Aufgaben, wir stellen heute nur ein Minimalprogramm auf. Wir wollen eine Kampfgenossenschaft für schwere Zeiten, in denen die Gemeinsamkeit am besten zum Ausdrude kommt. Wir wollen ein Leben in Freiheit ra Palästina schalten und den Beginn der voHen Verwirklichung des von Ihnen akzeptierten Baseler Programms. M. M. Ussischkin macht einige Bemerkungen zu. den Referaten und gibt der Zufriedenheit Ausdruck über die Stellungnahme von Frankel und Warburg zu der Frage des Bodens. Wir haben bloß 6 Prozent des Mandatsgebietes erworben. Wenn wir aber das kulturfähige Land in Betracht ziehen, so haben wir 16 Prozent des Landes, ln Beisan hat die Regierung den Arabern mehr gegeben als sie brauchen; die Araber spekulieren mit dem Boden. Das ist ungerecht. Die Jewish Agency muß den ersten Schritt tun, um diese Politik zu ändern. Die unehrliche Spekulation muß aufhören, wenn wir bauen wollen. Dr. Nahum Goldmann erklärt kh Namen der Radikalen, daß diese ihre Bedenken gegen die Agency-Politik nicht fallen lassen, aber sich entschlossen haben, mit voller Loyalität und Vertrauen mßzuaibeiten. Wir hoffen, daß die B.n.twiSQklung auch die nichtzionistischen5^Delegationendieses Councils auf den Weg der jüdischen Voiksbewegung iihd großer demojkratischer Prinzipien führen wird, daß ein Tag kom-; men wird, wo man nicht mehr von Fifty-Fifty spi icht, sondern wo <üe Juden aller Länder ihre Repräsentanten für diese Tribüne und diese große Bewegung zum Aufbau von Erez Israel wählen werden. Wir werden eintreten für die Gedanken eines souveränen jüdischen Gemeinwesens in Palästina und für bessere soziale Ordnung. Oskar Wassermann führte ungefähr aus: Erez Israel ist aus einer Idee Wirklichkeit geworden. Man hat uns aber Erez Israel gegeben ohne Erez. Jetzt müssen wir Erez (Boden) schaffen. rien der Assimilation. *. Diese Kraft strömt aus einem Worte, einer Beschwörung: Palästina! Und vielleicht ist es das einzige, das die hier Versammelten bindet Palästina! Was hat sonst Gemeinsames der bescheidene,' geniale, unverstandene Einstein mit dem massiven Lord Melchett dem König der britischen chemischen Industrie? Und doch haben diese beiden Juden ein Ziel, eine'gemeinsame Sache, von der sie beide durchglüht sind. Das Wesen der großen und einfachen Konzeption der Erweiterung der Jewish Agency liegt darin eben, daß Palästina — geschichtliche Tradition, Erinnerungen, Sentimente, Aufbauheroismus, Zukunftsperspektiven. — das stärkste innere Bindeglied für das verstreute Judentum bildet. Man mag es aussprechen wie man will: „Paleetajn“ — klingt es bei Marshall, „Palestin“ bei Blum — immer ist es doch Erez Israel. Israels Land, das Land der Zukunft, das Heim für alle Juden, ohne Rücksicht darauf, wie und wo sie leben * Und die Vereinigung ist ao kräftig, daß wir das Trennende vergessen. Alle, die wir hier versammelt sind — wir sind bezaubert. Es scheint, daß auch die Gegner der Konzeption der Erweiterung geblendet sind. Man kann dem Zauber nicht widerstehen, auch wenn man seine Zweifel hat. Ein Beben zittert in den Nerven. Vorsicht, Behutsamkeit — Worte werden gewogen, Ueber* treibungen vermieden. Weizmann bändigt den Enthusiasmus. Sokolow fürchtet sich, den heutigen Tag historisch zu nennen. Und doch scheint es gar keinem Zweifel zu unterliegen; wir erleben heute einen wirklich hietoriseben Tag. Eine neue Epoche beginnt. * In den Reden herrscht diplomatische Behutsamkeit, nicht Enthusiasmus vor. Verbalnoten der Teile des Judentums, die bisher uneinig waren; Noten von großer Bedeutung — Ussischkin hat tausendmal Recht, wenn er sagt, daß es die Aufgabe der Jewish Agency sei, mit alten Kräften und Mitteln dafür einzutreten, daß Erez Israel das notwendige Land bekommt. Reichliche Mittel sind bereitgestellt. Nicht eine Schwächung des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth wollen wir, sondern eine Stärkung. Bodenpolitik ist Vorbedingung. Bodemkäute von Privaten in Palästina können außerordenH; ii verdienstvoll sein, aber eine Tat des Judentum? ist nur der Erwerb von Boden für das Judentum. Und hier muß Spekulation ausgesrhaltet ".erden Wir können nur von der Landwirt.'ehe.f! aus üiibauen. Daher will ich den Wunsch ausspaclien, daß von allen Seiten und nach allen Kräften der Keren Hajessod und der Keren Kajemeth von uns gefördert werden. Diese müssen die einzigen Fonds der Jewish Agency sein. Der Hauptteil ihrer Tätigkeit ist die Bereitstellung des Landes, seine Nutzbarmachung, seine Urbarmachung und seine Besiedlung. Ben Gurion: Wir jüdischen Arbeiter haben beschlossen, diesen Council zu unterstützen. Wir sind weg von der Epoche des Kongreßzionismus, wir sind in einen Zionismus der Verwirklichung eingetreten. Unser Endziel ist nicht nur der jüdische Staat ki Erez Israel, sondern der jüdische sozialistische Staat in Erez Israel. Wk wissen aber, daß dies ein Land für das ganze jüdische Volk ist. Das, was wir durchführen, entquillt der großen historischen Net des jüdischen Volkes. Der Aufbau geht vor sich als eine historische Notwendigkeit des jüdischen Lebens, des jüdischen Geistes,'der jüdischen Zukunft. Zutreffend hat es Herr Osikar Wassermann formuliert: Erez Israel ist nicht Objekt, sondern-Subjekt unserer Arbeit. Der Redner geht, sodann im einzelnen auf die wirtschaftlichen Fragen ein. Dr. Liepman (Sachverständiger der Joint Survey-Commission) führte aus: Das Eigentum an palästinensischem Boden sollte auf die Dauer Hn Eigentum des Jüdischen Nationalfonds bleiben. Wirtschaftler and Soziologen anerkennen, daß der Boden ein-natürliches Produktionsmittel ist und sein Bearbeiter das Recht hat, so lange darauf zu wohnen, als er die Fruchtbarkeit des Landes erhält und es zum Nutzen der Gesamtheit verwendet. Der in Palästina vorhandene Boden umfaßt rund 25 Millionen Dunam Land, wovon etwa 10 Prozent 'bewässerbar sein dürften. In der Küstenebene und im Emek sind zwei Wirtscbaiftstypen zu berücksichtig gen, bewässerte.und'.unbewässerte .V^irtsch’aft, wobei der erste Typus insbesondere durch Citrüspflanzungen,. Orangen, Gemüse usw. repräsentiert wird. Großer Wert ist auch dem lebenden Inventar zuzumessen,, wte es die Exekutive heute bereits tut' Vor allem muß die Rinderrasse in Palästina verbessert werden. In bezug auf den Bodenkauf darf man über der Küstenebene Im Emek das Hügelland nicht vergessen, das für die Entwicklung von Waldungen und damit auch für . die auf chemischen Prozessen beruhenden Industrien von großer Bedeutung ist. Das Hügelland sollte Regierungsboden bleiben, aufgeforstet und der Bevölkerung,' insbesondere der jüdischen, langfristig verpachtet werden. Remes verteidigt das Recht des jüdischen Volkes auf den noch freien Boden Palästinas. Von der Bodendie Trockenheit des Tones unterstreicht die Gewichtigkeit der Erklärungen. Einsteins Ansprache klingt wie eine mathematische Formel. Kein Schatten der Rhetorik. Absolute Objektivität. Doch desto stärker ihre Wirkung. „Das, was unmöglich schien, ist zur Wirklichkeit geworden, wenn auch die Politiker es nicht vorausgesehen haben.“ Die Relativitätstheorie fand noch eine Bekräftigung im Zionismus, 2Ö00 Menschen erheben sich von ihren Plätzen, um dem größten aller Menschen, wie sich ‘Blum ausdrückte, Ovationen darzubringen. Nicht alle verstehen die Einsteinsche Theorie, aber alle wissen: sein Genie ist mehr wert, als die Millionen Melchetts und die Bank Warburgs. Louis Märshall, der Tribun des amerikanischen Judentums reißt das Publikum hin: mit seiner Energie, der Kraft seiner Argumente, seiner mächtigen Stimme. Seiner Meinung nach muß der Aufbau Palästinas businesslike sein. Ohne Sentimönte. Wille und Tat. Business — ruft Marshall' und trommelt mit der Faust am Rednerpult. Warburg spricht geschickt, gewandt* wie ein Diplomat. Lächelt rätselhaft. Wassermann -7 bescheiden, sachlich, solid. Zürn Schluß — eine hebräische Sentenz. Als ob er sagen \yolJto: „Hört Ihr? - Ein Bankdirektor hat doch etwas, was die Grenzen des Budgets überschrei tot: eine jüdische Seele.“ Weizmann nimmt die Huldigungon dor Mächtigen ruhig entgegen. In . irgendeinen Punkt verschaut, hält, er die Versammlung fest im Rahmen des Zeremoniellen. Sokolow hobt die Hände, fleht um Poesie, um eine Legende. Dann geben alle auseinander. In verschieb dene Richtungen. Marshall fährt, mit den Millionären zum Dinner ins Luxushotel „Baur au Lac“ — die Chaluzim begeben sich in die billigen Garküchen. Es gibt viele Unterschiede und eine große, gemeinsame Sache. J. A.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.