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Die Stimme · 1929-08-22 · Heft 88 (22.8.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 88 (22.8.1929)
Date
1929-08-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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ftSeBe ME 3TMME Das Finale Wien, 21. August. (f)'Treten wir wirklich in das Stadium eines „Wettjudentums“ ein, wie es Ussischkin von der Züricher Tribüne prophezeite? Nach der Chi bat Zion der Herzische Zionismus und als letztes Stadium — Klal Jisrael. Der Weg ist neu, wenn auch die Begriffe alt sind und in der logischen Entwicklungsfolge des nationalen Gedankens gelegen. Doch schon zu Beginn zischen auf die Miß töne des historischen Schuttwerkes. Gegen den feierlichen Verbindungsakt der Zionistischen Organisation als Trägerin des ewigen Judentumgedankens mit einzelnen Judenheiten aus aller, Herren Länder, erhoben sich sogleioh die ungarischen Mauschel und die österreichischen Unionjuden. Wir protestieren! Furcht, Sklaventum und Hypertrophie eines minderwertigen und daher stets hinausposaunten Lokalpatriotismus werden wohl noch lange den jüdischen Locarno-Vertrag von Zürich umwittern. Allzu tief fraß sich die Anomalie des Galutlebens in die Niederungen und Spitzen eines verstreuten Volkes, um durch noch so machtvolle Gestaltung der Geschicke, die von Zürich ausgeht, umgemodelt zu werden. Die Aufräumung mit dem Schutt der Geschichte beginnt erst und diese schwere, unverdrossene Erziehungsarbeit der bisher Unbekehrten wird zur geschichtlichen Mission der zionistischen Bewegung. Die Realität Palästinas und die nie versiegende Begeisterung der Pioniere des Erneuerungsgedankens der Zionisten in der Galut, müssen zum Brennpunkt werden, der auch auf die verdorrten und verdorrenden Judenteile erlösend wirken wird. Oesterreich und Ungarn bilden längst keine Einheit mehr. Der österreichisch-ungarische Judenzopf von hüben und drüben schleppt noch immer gemeinsame Schleifen um das sterbende Mauscheltum. Im Reiche der Schatten dauert scheinbar die Gemeinsamkeit ewiglich ... * Es war ein schweres Ringen um die Verfassung der erweiterten Agency, das nächtelang im Plenum und lvnter den Kulissen des Kongresses geführt wurde. Mit einer beinahe konvulsivischen Hartnäckigkeit haderte man um jede Bestimmung und diese uferlosen Plänkeleien in den letzten Sitzungen des Kongresses drohten das Gesamtbild einer Volkstribüne, die der Kongreß war und verbleiben muß, herabzuzerren und zu verwischen. Als ob Paragraph e allein einen Schutzwall bilden könnten gegen das flutende Leben. Sogar der Schulchan Aruch vermochte wohl eine eherne Mauer religiöser Gebote um das Galutjudentum zu ziehen, aber die Religiosität mußte vom Leben und der Lehre kommen und wo die Quelle des Glaubens versiegte, da nützte auch er nichts. Wir glauben an den geschichtlichen Zwang der Entwicklung und wir glauben an den aufrichtigen Erneuerungswillen der Judentiimer, die in Zürich vertreten waren. Daß dieser Glaube berechtigt ist, bewies diese Tagung. Mit einem Schlage fielen die Schranken vieler Jahrhunderte ab und mit einem Schlage sprachen Warljurg, Marshall, Fränkel und Wassermann, als wenn sie unsichtbar uns schon seit Herzl mitschöpfend und mitkämpfend begleitet hätten. Das Zauberwort Palästina riß mit einemmal alle Schranken und beinahe wechselten wir die Rollen für diese Tagung; an Begeisterung für Zion, an Volksliebe und stolzem Selbethebewußtsein übertrumpften uns so manche von drüben, die noch von der Gedankenblässe ewiger Kritiker und ewiger Zweifler nicht angekränkelt sind. Die jüdische Geschichte kennt so manche Wunder und ein Bekehrter gilt bekanntlich in unserer Lehre oft mehr als ein Zaddik. * Allenfalls bringen sie uns moderne Sachlichkeit. Die Systematik des Denkens, die Präzision der Planaufstellung, die Konzeptionen auf weite Sicht und dabei nüchtern und ohne jedes Beiwerk groß tuender Theorien, wirkten bei der Tagung der Agency beinahe erlösend und erfrischend. Wir sind ein Volk — ein Volk! Dieses Wort Herzls wurde allzu oft ins parteimäßige Gezänke umgekehrt. Wir redeten uferlos gegeneinander, ttberströraten von Parteitheorien und Parteiallüren, verlernten beinahe das universale Denken in Kategorien der Geschichte und der Entwicklung und sprachen nur, protestierten, haderten mit uns und mit der ganzen Welt, voll innerer Unruhe und voll zehrender Unzufriedenheit. Die Agency-Reden kamen beinahe aus einer fremden Welt. Realitäten des Lebens lassen sich eben im Zeitalter des Radios und der Zeppeline nicht allein mit Beteuerungen und Wachträumen bezwingen. Wir sind als 8taatahildendes Volk unter den denkbar schwierigsten Bedingungen mit der Balfour-Deklaration ans Werk getreten und dürfen nicht eine Weile uns an TrugschUkaerR von Theorien auf¬ JSÜ-L halten. Nur die Technik, gepaart mit Idealis* mns ewigen Vorwärtsstrebens, nur Sachlichkeit, die unabhängig ist Vom Opportunismus momentaner Schlagworte, nur amerikanische Arbeitsmethode, gepaart mit zionistischer Aufopferungsfähigkeit werden sich in einer vergrößerten Einwanderung, in der Konsolidierung der, Finanzen und der Erringung unverrückbarer Machtpositionen in Palästina auswirken. Und dies ist ja letzten Ende« entscheidend! Die Ansprachen in der ersten Sitzung der Jewish Agency % Weltmanns Eröffnungsrede, Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Professor Chalm Weizmann eröffnete dl« konstituierende Versammlung des Council der Jewish Agency für Palästina am Sonntag, den 11. August, 3% Uhr nachmittags, mit der folgenden Ansprache; Meine Damen u-nd HerrenI S«hr geehrte Versammlung) Wenn mir heute die große Ehre zuteil wurde, namens der Zionistischen Organisation diese Versammlung zu begrüßen, so bin Ich mir bewußt, daß es ein großer historischer Moment Ist, den wir jetzt gemeinsam durchleben. Die Zionistische Organisation, anerkannt durch Artikel 4 des Palästina-Mandates des Völkerbundes als jewish Agency zur Zusammenarbeit mit der Regierung Palästinas in allen das jüdische nationale Herrn betreffenden Angelegenheiten, hat Sie, die Vertreter der Judenheiten fast aller Länder, in denen Juden wohnen, eingeladen, und Sie haben auf Grund der vorangegangenen Unterhandlungen dieser Einladung Folge geleistet, um ein neues Instrument zur Durchführung des Werkes zu schaffen, für das die Zionistische Organisation als Jewish Agency bisher allein die Verantwortung vor der Welt getragen hat. Diese Versammlung soll sich als der Council der Jewish Agency für Palästina konstituieren und in Ihre Hände soll hinfort die Verantwortung für alle die Obliegenheiten der Agency gelegt werden. Geehrte Versammlung! Am 2. November 1917 hat Sr. Britischen Majestät Regierung durch Mr. Balfour, damals Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, eine Erklärung erlassen, die wir als Balfour-Deklaration kennen (verliest die Balfour-Deklaration). Nach dem Kriege wurde für die Verwaltung von Ländern, die nach Anschauung der in der Friedenskonferenz vereinigten Mächte zur Selbstverwaltung nicht reif waren, oder in denen große internationale Aufgaben zu lösen waren, eine neue staatsrechtliche Form geschaffen, das Mandatssystem, dessen Idee auf den großen amerikanischen Staatsmann, Woodrow Wilson, zurückgeht. Indem dieses System auch auf Palästina und auf die Gründung des jüdischen Nation-alheimes Anwendung fand, wurde diese jüdische Sache mit der Gemeinschaft aller Völker verbunden. Der Britischen Regierung wurde durch einen Beschluß des Rates des Völkerbundes das Mandat über Palästina übertragen mit der Maßgabe, daß die Mandatarmaaht für die Verwirklichung der Balfour-Deklaration verantwortlich sein soll. Geehrte Versammlung! Die Epoche, an deren Abschluß wir jetzt stehen, umfaßt einen Zeitraum von beinahe 50 Jahren. In dieser Zeit ist aus Kleinen Anfängen eine jüdische Bevölkerung mit eigenartiger wirtschaftlicher und sozialer Struktur, mit den Anfängen einer eigenen nationalen Kultur, deren Werkzeug die wiederbeiebte hebräische Sprache ist, entstanden. ln der Zeit der Verfolgungen und Bedrückungen im zaristischen Rußland gingen die ersten Pioniere dieses neuen jüdischen Lebens nach Palästina, getrieben von uralten Hoffnungen und Träumen, die durch Jahrtausende in der jüdischen Seele geschlummert hatten, die mit unerschütterlichem Glauben an alten heiligen Verheißungen festh-ieiten. Die Idee einer Wiederansiedlung von Juden in Palästina, wo sie nach Jahrhunderten der Ruhelosigkeit und des Lebens in einer rauhen Fremde zur Ruhe kommen und an die Kontinuität der eigenen Tradition wlederanknüpfen können, wirkte zündend auf weite Kreise der Judenhelt. Als die ersten Kolonisten in Ihrem Kampf um die materiell« Existenz in einem völlig rückständigen Lande ln Not geraten waren, fanden sich in der. ganzen Welt jüdische Menschen, die die Pflicht erkannten, den Pionieren ln Palästina beizuspringen. Allen voran ist hier der Name des großen Juden und Menschen zu nennen, dem das jüdische Palästina Unendliches verdankt und dam wir von dieser Tribüne heute unteren Qruß entbieten: Baron Edmond de Rothschild. ln einem späteren Zeitabschnitt fand dann die Zlonssehn8ucht des jüdisohen Volkes ihren Ausdruck und ihre Gestalt In der Zionistischen Organisation, Wir Zionisten haben stets mit der Besiedlung Palästinas die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des jüdischen Volkstum« verbunden, die Hoffnung auf etne neue Jüdische Produktivität, die die Welt und die Mcnschfoeitskultur durch eigene Schöpfungen bereichern und so die Stellung des Judentums ln der Welt grundsätzlich verändern könnte. Unser Ideal war die Vision eines neuen Volkes, das aus der Enge des Ghettos und von der ewigen Furcht vor Mißverständnissen und Mißdeutungen befreit, sein eigenes Leben auf der eigenen Scholle lebt, ein Volk aufrechter Menschen, mit dem Bewußtsein eines großen historischen Erbes, das verbunden ist mit dem Boden des Landes Palästina. Meine Damen und Herren! Wir stehen heute vor Tatsachen, deren zwingender Gewalt sich niemand entziehen kann, und vor deren Ansturm alle Meinungsverschiedenheiten, alle im Laufe der Zeit entstandenen Partelgegensfltze im Judentum klein erscheinen. Ich will nur zwei dieser Tatsachenkomplexe hier hervorheben. Der eine ist gegeben durch das Palästina- Mandat und die Erwartungen, die die ganze Welt an die jüdische Aufbauarbeit in Palästina knüpft. Der andere, vielleicht noch bedeutungsvollere Tatsachenkomplex ist die Aenderung der jüdischen Welt nach dem Kriege, charakterisiert durch den materiellen Zusammenbruch des osteuropäischen Judentums, das bis 1914 das kulturelle Kräftereservoir des ganzen Judentums gewesen war, und durch die Ein-wanderungssperre in den überseeischen Ländern, die einer der gewaltigsten Erscheinungen des jüdischen Lebens des letzten halben Jahrhunderts, der Auswanderung großer jüdischer Massen, vor allem in die Vereinigten Staaten von Amerika, mit einem Mal ein Ende gesetzt hat. Durch diese Tatsachen erscheint Palästina heute in einem ganz anderen Lichte. Es bietet sich von selbst als die zentrale jüdische Aufgabe dar. Wir glauben, daß in Palästina Möglichkeiten gegeben sind, für die Schaffung eines jüdischen Lebens im großen Umfang, für die Gründung iuid Sicherung jüdischer Existenzen und zugleich für das Entstehen einer eigenartigen jüdischen Kultur, eines jüdischen Heimatgefühls, das auch für diejenigen Juden, die in anderen Ländern leben und deren uneingeschränkte Gleichberechtigung als Bürger dieser Länder unser aller gemeinsame Voraussetzung ist, einen ideellen Wert bedeutet. Geehrte Versammlung! Die erste Zeit der tastenden Versuche in Palästina liegt bereits hinter uns. Viele der hier Versammelten kennen das Land und die jüdische Arbeit dort aus eigener Anschauung. Sie wissen, mit welcher Liebe und Hingabe die jüdischen Menschen, die als Einwanderer ins Land gekommen sind, dort arbeiten, wie zäh sie an der einmal begonnenen Arbeit festhalten und v/elch stolzes Gefühl sie beseelt, der Vortrupp einer neuen jüdischen Gemeinschaft zu sein. Es ist aber selbstverständlich, daß die Lösung unserer Aufgabe nicht nur eine Sache des guten Willens ist, sondern auch der wirtschaftlichen Erfahrung und der technischen Fähigkeiten. Wir haben eine eingehende Kritik und umfassende Untersuchung der politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten und Notwendigkeiten Palästinas in dem Bericht der Joint Palestinä Survey-Commis-sion, die auf gemeinsames Ersuchen von Mr. Marshall und mir einen Bericht über Palästina erstattet' hat, der als Vorbereitung für die künftige Tätigkeit der Jewish Agency dienen sollte. Wir stellen nach manchen Rückschlägen heute in Palästina am Beginn einer verheißungsvollen Epoche und wir betrachten es als eine Aufgabe der Jewish Agency, Mittel und Wege zu finden, um die Möglichkeiten für eine jüdische Einwanderung und Ansiedlung voll auszunützen. Wir werden Im Laufe unserer Verhandlungen1 Gelegenheit hsben, auf die Einzelheiten dieser Pläne einzugehen und wir werden verschiedene Vorschläge diskutieren. Wir glauben, daß im gegenwärtigen Moment die Notwendigkeit besteht, die Jüdische Bodenfläche zu vergrößern und für den jüdischen Arbeiter solch« Lebensbedlngungen zu schaffen, die eine Fortsetzung der Einwanderung auch mittelloser Elemente sichern. Meine Damen und Herren! Diese Versammlung hat eine eigenartige Zusammensetzung. Sie besteht zu 50 Prozent aus Delegierten verschiedener jüdischer Gruppen, die «iaht der Zionistischen Organisation angehören, jedoch gewillt sind, künftig an den Funktionen der Jewish Agency, gemäß Artikel 4 des Mandates, teilzunehmen, und zu 50 Prozent aus Delegierten der Zionistischen Organisation, Unsere Hauptaufgabe ist es, hier ein« Verfassung für die künftige Jewish Agency zu beschließen. Ein Entwurf wurde vorbereitet, an dessen Ausarbeitung außer der Zionistischen Organisation vor allem die hier anwesenden Führer de* ame-

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