Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 87 (15.8.1929)
- Date
- 1929-08-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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DTE STIMME Nr. ift 9me* richten, bitte Aber, eu bedenken, daß die Exekutive weniger frei sei als der Kongreß, weil sie von §inem bedeutenden Organe des Kongresse« den Auftrag erhalten hatte, Verhandlungen zu führen. Wenn man in Verhandlungen zu einem gemeinsamen Beschlüsse komme, so fühle man sich durch ihn gebunden. Die Exekutive hat dieselben Gründe, die hier angeführt wurden, mit allem Eifer, verteidigt und ist mit manchen durchgedrungen und mit anderen nicht. Nach einer, Debatte wird der Schlüssel über die Zuteilung von Sitzen im Council der Jewish Agency angenommen. Berichterstatter Dr. Halpern begründet hierauf die Hauptresolution der Kommission, worin die Exekutive ermächtigt wird, im Namen der Zionistischen Organisation eine Vereinbarung auf der Grundlage des Verfassungsentwurfes zu treffen, vorausgesetzt, daß sie ihr Bestes versucht, um die Abänderungsbeschlüsse sicherzustellen sowie daß eine Majorität der zionistischen Mitglieder des Council dem endgültigen Wortlaut dieser Konstitution zustimmt. Ferner verliest er zwei weitere Resolutionen, eine, worin die Exekutive der erweiterten Agency ersucht wind, den Gebrauch der hebräischen Sprache im Geschäftsgang der Agency weitgehendst sicherzustellen, und eine zweite deklaratorische, wonach der Kongreß erklärt, daß er in der Erweiterung der Jewish Agency einen neuen Schritt auf dem Wege zur Schaffung einer nationalen jüdischen Heimstätte in Erez Israel sieht und die zionistische Exekutive auffordert, systematisch dafür zu wirken, daß die Basis der Agency verbreitert werde und diese zu einem organischen Ganzen werde, das den gesamten Willen des geeinigten jüdischen Volkes zum Ausdruck bringt. Diese zweite Resolution wird, da in der Debatte von B e r 1 Docker (Poale Zion) behauptet wird, sie sei von der politischen Kommission, in deren Namen sie Mer. vorgebraoht werde, noch nicht behandelt worden, an diese überwiesen. Im Namen des Arbeiterflügels, der die beiden Arbeitergruppen umfaßt, gibt Ben Gur;ion eine Erklärung ab, worin er den Kongreß amffordert, nicht an die Beschlußfassung über die Hauptresolution heranzutreten, bevor er nicht volle Sicherheit besitze, daß die zionistische Exekutive, die dieses Abkommen zu verwirklichen hat, wirklich durch diesen Kongreß gewählt wird. Es besteht nämliqh die Gefahr, daß der Kongreß auseinandergehe, ohne eine Exekutive gewählt zu haben und dies wäre die« eesroal besonders schwerwiegend, weil es der letzte Kongreß sei, an ddm die Jewish Agency eich noch voll in den Händen der Zionistischen Organisation befände. Die Arbeiterparteien würden daher, wenn man sie zwinge, jetzt schon für die gesamte Konstitution und die Ermächtigung der Exekutive zu stimmen, an der Abstimmung nicht teilnehmen können, und sie ersuchen den Kongreß aus diesem Grunde, die entscheidende Abstimmung zu verschieben, bis Sicherheit besteht, daß dieser Kongreß die nächste Exekutive wählen wird. Arlosoroff erklärt, die Fraktion der Hitachduth könne sich der Erklärung von Ben Gurion nicht anschließen. Berichterstatter Dr. Halpern legt im Zusammenhang mit der Konstitution eine Resolution vor, worin der Kongreß die Exekutive auffordert, dafür zu sorgen, daß in den Bereich der Tätigkeit der erweiterten Jewish Agency in Erez Israel die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse eingeschlossen wird. Diese Resolution, wird nach längerer Diskussion, in der ihre geschäftsmäßige Behandlung bestritten wird, und in die der Vorsitzende des Kongreßgerichtes Dr. Grone mann eingreift, mit 158 gegen 12 Stimmen angenommen. Stürmische Debatten über die Vorschläge der Schulkommission (Eigenbericht der «Stimme».) Zürich, 11. August. Die’Vorschläge der Schulkommission riefen eine scharfe Debatte hervor, insbesondere die Frage, ob Lehrer der palästinensischen Schulen aus religiösen Gründen ohne Zustimmung des Erziehungsdepartement der zionistischen Exekutive gekündigt werden können. Bezeichnenderweise stimmen dabei die Linken mit dem Misrachi überein. Mit 130 gegen 104 Stimmen wurden die Aenderungen zu den Vorschlägen der Erziehungskommission, welche die Linke und der Misrachi eingebracht haben, abgelehnt. Die Kongreßmehrheit sprach sich fiir die Vorschläge de* Frau Szold gegen die Anträge des Misrachi aus. Die Allgemeinen Zionisten, die Radikalen und die Revisionisten stimmten für die Anträge der Frau Szold. Die Freitagsitzung des Kongresses zu Ende Ein schwerer Konflikt wegen der Kompetenzen des Kongresses. (Eigenbericht der «Stimme».)1 Zürich, 10. August. Die Plenarsitzung von Freitag endete abends nach einem schweren Konflikt zwischen dem Präsidium des Kongresses, dem Permanenzausschuß und der Exekutive wegen der Kompetenzen des Kongresses. Der Konflikt entstand infolge des Ersuchens Dr. Weizmanns die Resolutionen der Kolonisationskommission nicht durch das Plenum des Kongresses behandeln zu lassen, sondern an das Aktionskomitee weiterzuleiten. Dr. Weizmann begründete seine Bitte damit, daß das Aktionskomitee in der Lage sein wird, in einer ruhigeren Atmosphäre sachlich die Resolutionen zu behandeln. Dagegen sprach sich <Jas Kongreßpräsidium und ein Teil des Permanenzausschusses aus. Der Kongreß faßte trotzdem den Beschluß über alle diese Resolutionen in der Nachtsitzung von Samstag abzustimmen. Hingegen beschloß der Kongreß, dem Aktionskomitee die Bereinigung der Frage des einheitlichen Schekels zu überlassen. Die letzte Nachtsitzung von Samstag (Eigenbericht der «Stimme».) Zürich, 11. August, nachts. Die letzte Abendsitzung des zionistischen Kongresses fand im Züricher Stadttheater unter größter Spannung des dicht gefüllten Saales statt. Die Sitzung begann jedoch mit einer trockenen Behandlung der nichterledigten Kongreßresolutionen. Unter den Anträgen ist besonders hervorzuheben, die Abschaffung des Stimmrechtes auf demKongresse für dieseAktionskomiteemitgliedor, die kein Delegiertenmandat haben werden. Spät abends begann der Kongreß mit der Behandlung der Agrarresolutionen. Vorsitzender Mozkin begrüßt die Mitglieder der Agency, die als Gäste an der Sitzung teilnehmen. Zwischen denselben befinden sich Salorii Asch, Leo Blum, Grusenberg, Schiplakow und andere. Die Begrüßung Mozkins rief eine stürmische Kundgebung des Kongresses für die anwesenden Gäste hervor. Die Vorschläge der Agrarkommission wurden en bloc angenommen. Eine Million Pfund fiir den gNationalfond (Eigenbericht der «Stimme».)' Zürich, 9. August. Unter stürmischer fymdgebung wurde im Plenum des Kongresses der Vorschlag des jüdischen Nationalfonds angenommen, eine Sammlung einer Million Pfund für die neuen Bodenerwerbungen des Nationalfonds einzuleiten. Der Kongreß forderte alle Zionisten auf, sich mit der größten Aktivität an dieser Aktion zu beteiligen. Der Kongreß trat dann an die Abstimmung über die Budgetvorschläge heran. Leidenschaftliche Debatten wegen des Wahlstatuts (Eigenbericht der «Stimme».) Z ü r i c h, 9. August. Die heutige Nachmittagssitzung fand bereits in einem neuen Saale, in der «Tonhalle», statt. Es wurde die Debatte über die Resolutionen der Organisationskommission fortgesetzt. Insbesondere leidenschaftlich wurde über den Antrag debattiert, das Wahlrecht zum Kongreß an den Besitz von Schekalin in den letzten zwei Jahren zu binden. Gegen den letzten Antrag traten heftig die Misrachi-Redner auf. Politischer Bericht des Dr. Ringel (Eigenbericht der «Stimme».) Zürich, 11. August. Dr. Ringel erstattete im Morgengrauen den Bericht der politischen Kommission. Als der Referent die Forderungen aufznzfihlen begann, die die Mandatarmacht der Zionistischen Organisation gegenüber nicht erfüllt hat, erhob sich der ganze Kongreß. Ausführlich wurde auch die Frage der Klagemauer behandelt. Schließlich hob Dr. Ringel die Verfolgungen in einzelnen Ländern hervor, wobei er Insbesondere die Lage der jüdischen Bevölkerung in Tunis und Sowjetrußland unterstrich. Zur Erklärung der Union deutsch-österr. Juden*) Das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich ersucht ans um Aufnahme folgender MitteiÜui«; zw Vermeidung etwaiger Mißverständnisse. Da es der Oeffientlichkeit nicht genau bekannt ist, welche Art Körperschaft die Jewish Agency ist, die soeben gebildet wurde und die ihre erste Tagung in Zürich abgehalten hat, teilen wir zur Aufklärung folgendes mit: In dem Palästina-Mandatstext heißt es in § 4: «•Eine angemessene (appropriated-jüdische Vertretung) Jewish Agency soll als öffentliche Körperschaft anerkannt werden für die Aufgabe, der Verwaltung Palästinas in solchen wirtschaftlichen, sozialen und anderen Angelegenheiten Rat und Mitarbeit zu gewähren, die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte und die Interessen der jüdischen Bevölkerung in Palästina betreffen.» Es geht daraus klar hervor, daß die Jewish Agency ein Instrument zum Aufbau eines jüdischen nationalen Heims in Palästina ist, dessen Errichtung durch den Mandatar (England) und den Völkerbund garantiert ist. Es handelt sich also um eine weltpolitische und nicht um eine philantropische Angelegenheit. Die Zionistische Organisation, die als Jewish Agency funktionierte, hat nach langjährigen Verhandlungen mit den Repräsentanten der nichtzionistischen Juden diese Körperschaft erweitert. Sie besteht jetzt je zur Hälfte aus Zionisten und Nichtzionlsten. Selbstverständlich bedingt der Eintritt in die Jewish Agency eine Bejahung ihrer Funktion beim Aufbau des jüdisch tBSfläcirfafen Helms In Palästina mitzuhelfen, und die Uebemahme der Mitverantwortung dafür. Die Frage der event. Auflösung der Jewish Agency (Eigenbericht der «Stimme».) Zürich, 8. August. In Ergänzung zum Berichte über die Annahme der Agency-Verfassung wäre noch hervorzuheben, daß der Artikel über Frage der Auflösung der Agency mit 115 gegen 84 Stimmen angenommen wurde. Dieser Paragraph sieht vor, daß die eventuelle Auflösung durch einen Beschluß des Agency-Plenums mit einer Zweidrittelmarjorität angenommen werden kann. Die Opposition verlangte statt zwei Drittel nur die Hälfte. Während der ganzen Zeit der Abstimmung über die Agency-Verfassung war der Saal überfüllt und das Publikum harrte bis zum letzten Moment aus. Zwischen den Zeilen Die Internationale des Protestjudentums Sie, die Union deutschösterreichischer Juden, auch. Sie ist auch dabei. Beim Protestieren. «Um Mißverständnissen vorzubeugen...»; «... schärfste Verwahrung...»; «... lehnen nationale Politik entschieden ab...» etc. Der Protest ist behutsamer, als der, mit dem sich zwei ungarische Mauschel ausgezeichnet haben. Dem österreichischen Temperament entsprechend: milder. Die ungarischen Juden protestieren auf Sicht, die Unionisten auf Ziel. Aber der Protest <tfiir den Fall, daß» ist da. Mit einer Drohung: «wir werden dann unsere Vertretung zurückziehen.» ln Zürich beraten größte jüdische Männer, ln Zürich werden gewichtige Worte gesprochen. In Zürich wird am neuen, großartigen Kapitel der jüdischen Geschichte gearbeitet, ln Zürich wird die Vereinigung, die Konsolidierung des Judentums unter der palästinensischen Fahne gefeiert. Aus Zürich kommt eine Botschaft, kommt ein Licht, kommt Hoffnung und Glaube. Die Union der deutschösterreichischen Juden hört das altes nicht, sieht das alles nicht. Sie hat taube Ohren und blinde Augen: den Triumphgesang der Rer naissance hört sie nicht, das werdende Wunder sieht sie nicht. Dafür hat sie ein vermodertes Programm und eine lebendige Angst. Die Angst, daß die Agency vielleicht — «c/scher tomer doch» — als eine jüdische politische Institution hingestellt werden könnte. Macht eigentlich nichts. Auch der grünste Baum kann einzelne tote Zweige haben. Es würde auch ohne die Union gehen. Wie es ohne den Bund und ohne die Aguda geht. Aber ein Vorschlag soll da gemacht und eine Frage gestellt werden: Warum organisiert Ihr Euch nicht? Ihr, die gtelcfigesinnten Glaubensgenossen der ganzen Weit — wii dem Bund bis zur Union? Ihr habt doch ein Programm: die Bekämpfung des nationalen Judentums. Ihr habt ein Ziel: das Geknechtet-Werden-Wollen. Ihr habt einen Glauben: den Unglauben. Warum entsteht nicht endtlch die Organisation des jüdischen Unglaubens, der Ironie und der Angst? Wie lange sollen wir noch auf die internationale des Protestjudentums warten? Sem. *) Die Union der deutschösterreicblsche'n Jaden veröffentlicht eine Erklärung, in der sie sich gegen den Versuch, die Agency als Jüdische politische Institution hlnzustellen, verwahrt.