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Die Stimme · 1929-08-15 · Heft 87 (15.8.1929) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 87 (15.8.1929)
Date
1929-08-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Kr. 87 DIE STIMME. Leiter 8 Die historischen Kongreßtage (Von unserem Dr. J. ^‘Sonderberichterstatter.) Die Exekutive. Eine Nachricht überholt die zweite und die Situationen wechseln. Permanenz- und politische Kommissionen tagen ununterbrochen und die Regierung ist noch nicht gebildet. Der arg umstrittene Mann Sacher weicht nicht von seinem Posten und ist für keine Konzessionen zu haben. Misrachi und Allgemeine geben nach, aber die Linke läßt ihren Standpunkt nicht fallen. Revisionisten und Radikale sehen in Sacher die starke Hand und werden hier keine Opposition machen. Die Exekutive hat sich auch wenig bemüht, den menschlich nahen Kontakt zwischen Publikum und Bühne herzustellen, sie sitzt würdig in der ersten Reihe an der Rampe und bleibt oft kalt und unnahbar. Sie schuf oft eine starke Barriere und erschwert mitunter auch ihren Anhängern ein energisches Eingreifen in ihrem Sinne. Wir sind ein werdender Staat, haben aber leider schon allzu früh Allüren einer Macht angenommen ... Der eine und zweite Delegierte findet auch warme Worte für sie, sie habe als erste den Begriff der persönlichen Verantwortung geschaffen, sie kenne nur eiserne Gesetze der Wirtschaft, habe kein Verständnis für Phantasie, hingegen nur für gesunde Realitäten; sie sei mit einem Worte die erste Exekutive, welche eine geordnete und moderne Verwaltung in Palästina eingeführt hat, und keine Parteiexekutive, die Parteieinflüssen zugänglich wäre. Im Saale spürt man trotzdem keine Wärme für diese Exekutive als Ganzheit, es fehlt der intimere, menschlichere Kontakt zwischen ihr und den Delegierten. Auch Prof. W eizmann bemühte sich wenig, die Sympathien des Kongresses zu gewinnen. Diesmal ist seine berühmte Nachtverteidigungsrede ausgeblieben, er selbst bleibt leider wenig im Kongreß, weil er großer Schonung bedarf. Diese Situation wird von seinen Gegnern stark ausgenützt. Die großen Rhetoriker benehmen sich zumal brutal gegen ihn und auch die Hinterkulissenpolitik gibt ihm viel zu schaffen. Er beherrscht aber nach wie vor den Kongreß und seine Worte, ruhig, klug und gelassen gesprochen, wirken wie immer auf den Kongreß, der nicht nach Sensationen hascht, sondern sich als Lenker der Geschicke des jüdi-, sehen Volkes betrachtet. Weizmann ist und bleibt der große Politiker, der jedes Wort genau abwägt, die Größe des Kongresses und seiner Verantwortung kennt, von den heiligen Pflichten, die dieser historische Moment ihm auferlegt, nicht eine Weile abgeht und der weiß, die Stärke unserer Idee sei noch nie von einem politischen Kalkül abhängig gewesen. * Die Nachtsitzung. Sie war von historischer Bedeutung für das gesamte Judentum; Die zionistische Bewegung überschwemmte die zionistische Organisation und riß das ganze jüdische Volk zum Aufbau des Judenstaates mit. Die Nachtsitzung vom 8. auf den 9. August hat die neue Epoche in der jüdischen Geschichte eröffnet. Der Theatersaal war dicht besetzt. Die Kommissionen arbeiten noch fieberhaft, Delegierte und Gäste warten ungeduldig. Plötzlich ertönen im Saale hebräische Lieder und zum erstenmal wird die wunderbare Harmonie im Kongreß hergestellt. Es verschwinden die klaffenden Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen. Jemeniten und Misrachisten, Arbeiter und Revisionisten, Allgemeine und Radikale, sie alle vereinigt das hebräische Lied, das in Erez geboren würde. Der Kongreßmarschall Motzkin erscheint und die letzten hebräischen Klänge verstummen. Dr. Barth ist noch immer mit seinem Bericht der Organisationskpmmission nicht fertig und führt wegen der Eingliederung der Jewish Agency in den Rahmen der zionistischen Organisation einen harten Kampf. Es ist nicht so einfach, „Fremdheiten“ ohne Widerspruch aufzunehmen, wobei mau so stark eiii A u f g e h e n befürchtet, wenn schon vor dem Eingehen es kein Zurück mehr gibt.. Endlich einigt sich der Kongreß darauf, daß zu allen Fragen, die sich auf Abänderung der Verfassung der erweiterten Jewish Agency beziehen, die zionistische Delegation an Beschlüsse des Kongresses gebunden ist, die mit Zweidrittelmajorität angenommen werden müssen. Der Kongreß überträgt jedoch dasReoht der Bindung auf die zionistische Vertretung des Councils und die zionistischen Mitglieder des Administative Committee nur für die mit dem Schluß dieses Kongresses beginnende Periode bis zum Beginn des nächsten Kongresses. Dr. Barth entledigt~sich hervorragend der schweren Materie der Örganisationskommission und Dr. Ha Ipern besorgt die zweite Lesung der zum Yerfaseungsentwnrf gehörenden Resolutionen der Jewish Agency. Es folgten temperamentvolle Deklarationen der Fräktionsvertreter. Jede Erklärung löst Beifallskundgebungen bei ihren Anhängern aus, woran sich die Galerie stark beteiligt. Erst um halb 3 Uhr nachts wird zur namentlichen Abstimmung über die Resolution geschritten, die die Exekutive ermächtigt, mit den Nichtzionisten den Vertrag abzuschließen. Es herrscht lautlose Stille. Der Aufgerufene sagt in einer der vier Sprachen — hebräisch, jiddisch, deutsch, englisch — Ja oder Nein. Einige verlassen den Saal, vier enthalten sich der Abstimmung. Man versuchte eine Ugandastimmung hereinzubringen und man spürte im Saale, es geht etwas verlören... Aber die 231 Delegierten vergaßen nicht, daß in diesem Moment ein Datum geboren wird, das in der jüdischen Geschichte eine neue Aera eröffnet, daß die Jewish Agency das Weltjudentum vereinigt und daß die größten Männer des jüdischen Volkes aus aller Herfen Länder der Welt am 11. August 1929 Zusammenkommen und nur ein Ziel vor Augen haben, den Aufbau unseres Landes und unseres Volkes! Dieser eine starke Gedanke mußte diesem Scheidewegkongresse den Stempel einer vereinten, wiedergefundenen Judenheit verleihen!... ♦ Die Radikalen'. Die ideologische Krisis in unserer Bewegung läßt sich ertragen. . b _ ' ..mmmmmmmmarntmearnBrnaBtHB Zürich, 10. August. Ueber den Verlauf und den Abschluß der Spezialberatung über Jewish Agency, die zur Annahme der Resolution Über die Agency und der Agencyverfassung geführt hat, ist noch ergänzend mitzuteilen: Dr. H a 1 p e r n, der die Anträge der Agencykömmission begründete, führt aus: Wir waren keinen Augenblick darüber?m Zweifel, daß seit Abfassung des Baseler Programms den Zionistenkongreß kein Dokument beschäftigt hat, welches in einer solchen Weise Berufung einlegt, die zukünftigen Formeln und Aufgaben unserer ganzen Tätigkeit zu beeinflussen. Alle Mitglieder der Kommission haben in diesem E OTWflME ”” JH H H^rV'WFaral* 1 BASS schöne Stimmen, Blattsänger, sucht Polnischer Tempel, dauernd, gut honoriert Verantwortungsgefühl gearbeitet, um em Instrument zu schaffen, das möglichst gut, möglichst stark sein sollte für unsere zukünftige Arbeit. Eine wesentliche moralische Erläuterung für die Kommission war die Ueberzeugung, daß alle diejenigen, die jetzt der Jewish Agency beitreten, dies tun auf Grund des feierlichen Bekenntnisses zur Art, wie wir unsere Arbeit in Palästina, wie wir das Nationalheim, wie wir die Balfour-Deklaration, wie wir die historische Verknüpfung des jüdischen Volkes in Erez Israel vertreten. Als Erster ergriff das Wort in der Spezialaussprache Morris Rothenberg (Amerika), der sioh bekanntlich um das Zustandekommen der Einigung zwischen Zionisten und Nichtzionisten in Amerika große Verdienste erworben hat. Er weist die Behauptung, daß die Konstitution der Agency eine Verletzung zionistischer Grundsätze darstelle, als grundlos zurück. Der erste Absatz der Konstitution der Agency zitiert den Text der Balfour-Deklaration, der zweite Absatz bezieht sich auf das Mandat und die historische Verknüpfung des jüdischen Volkes mit Palästina, der dritte Ab« satz zitiert ausdrücklich den Artikel 4 des Mandates über die Anerkennung einer Jewish Agenoy, die zur Aufgabe hat, hei der Schaffung de« Jüdischen Nationalheims mitzuwirken. Wenn Sie die Präambel mit ihrem besonderen Hinweis auf die vom Völkerbund anerkannte Schaffung eines Jüdischen Nationalheimes zu* /Ol # j Kopand badeaneiall Lsiusmsöaa ftampibad Wien, 9., Glzuiutg. IS ™ *”****•"*+' tohphon k 18-1*0 im Dies bewiesen die Radikalen, indem eie ihren Eintritt in die Jewish Agency erklärten. Die ganze zionistische Bewegung ist eine stete Aufeinanderfolge von ideologischen Krisen, die aber, stets von der Macht unserer revolutionierenden Idee gelöst werden. Der Kongreß hat es angenehm empfunden, als der Vertreter der radikalen Gruppe, wohl in einer ziemlich langwierigen und mit bekannten „ideologischen Grundfesten“ versehenen Deklaration die Mitarbeit beim Aufbau Palästinas in der Jewish Agency zusagte. Fast wollte es scheinen, daß diese Gruppe den Weg von unüberlegten Abenteuern gehen wird, aber es siegte auch diesmal bei Zionisten die Pflicht der Disziplin und Loyalität. Wo besteht nun jetzt dieser große Unterschied zwischen ihnen und uns? Warum noch immer „ihr“ und „wir“? Welcher Zionist, der in der Jewish Agency sitzt, will nicht das Primat der, zionistischen Ideologie haben und welcher Zionist wird dort die Verwässerung unserer Idee zulassen? Besteht wirklich bei den Radikalen so sehr die Furcht vor Marshall oder Warburg und glauben die Radikalen wirklich so wenig an die Macht unserer Idee oder zittern sie jetzt weniger vor den „Nichtzionisten“ und mehr vor den eigenen „Zionisten“? Zürich, 9. August 1929. sammen mit der Darstellung der Aufgaben de®, Agency lesen, so haben Sie eine Formel, die, mü mich ganz milde auszudrücken, eine frappante! Ähnlichkeit mit dem' Baseler Programm aufweist. ' « S t r i c k er (Radikale) wirft dem Kongreß vor, er schlage den entgegengesetzten Weg ein wie Herzl und unterwerfe sich nicht großen; Geistern, sondern Leuten, die nur reich sind.; Auf diese Weise zerstöre der Kongreß das Werk’ Herzls. Der Redner bittet den Vorsitzenden, vor der Abstimmung das Herzl-Bild von der, Tribüne; zu entfernen. (Pfuirufe.) Licht heim (Revisionisten) behauptet* daß die Nachteile des ■ Agencyprojektes seine Vorteile weitaus überwiegen und stellt die Frage, warum man denn nicht eine gemeinsame Organisation geschaffen, sondern das verhängnisvolle fifty fifty-Prinzip eingeführt habe. Diesem zuliebe sei man im Begriff, die politischen Methoden des Zionismus aufzugeben, die aus der Idee des Kongresses, des Schekels und der, Selbstverantwortung des jüdischen Volkes, das sich diesen Kongreß geschaffen habe, herausgewachsen sind. Die große Gefahr der Agenoy liege darin, daß die nichtzionistischen Partner, der Linie des geringsten Widerstandes folgen und nicht mit uns gehen werden, wenn wir vor einer eisernen Mauer in Palästina stehen. Die Revisionisten halten nach wie vor an der Idee des Judenstaates sowie der Souveränität des Kongresses fest. Rabbi B r o d (Misrachi) erklärt, sein® Partei habe in der Agencykommission beantragt, in der Verfassung, wo von der Pflege len hebräischen Sprache und der jüdischen Kultur,; die Rede sei, ninzuzufügen, daß für die religio-* sen Bedürfnisse Sorge getragen werden muß. : Die Spezialdebatte über die Jewish Agency (Eigenbericht der „Stimme“.)

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