Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 87 (15.8.1929)
- Date
- 1929-08-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr.m A«ater 2» konkurrieren, dessen sttödand of tük sehr niedrig ist. In den nächsten Jahren dürfte auch die städtische Kolonisation, d, h. die Anregung der Privatinitiative kt Industrie und Handel einen großen Aufschwung nehmen, aber auch Wer müsse, und er sage dies besonders seinen nichtzionistischen Freunden, mit den natürlichen Gegebenheiten gerechnet werden. Es Ist, wie er bereits einmal gesagt habe, nicht unsere Schuld, daß durch Palästina nicht der Nil fließt. Aber Palästina kann eine Brücke werden, auf der Handelsbeziehungen nach allen Seiten der Welt angeknüpft werden. Und eine starke jüdische Gemeinschaft wird fn diesem Verkehr eine große Rolle spielen. Der Hafenbau in Haifa und das neue zum Teil bereits fertiggestellte Elektrizitätswerk bedeuten die Eröffnung dieser neuen Entwicklung des Landes. Es ist aber notwendig, einen Organismus zu schaffen, der sich um alle diese Dinge kümmert, da ein gesundes Verhältnis wohl erst dann entstehen wird, wenn mindestens 25—30 Prozent der Bevölkerung der Landwirtschaft angehören und der Rest allen anderen Gebieten. Für den Anfang dürfte es möglich sein, entsprechend der Berechnung der Survey-Commission jährlich tausend Familien, d. s. 4000—5000 Seelen auf dem Lande anzusiedeln. Mit den anderen Einwandererkategorien zusammen käme man zu einer Immigration von 15.000—20.000 Seelen jährlich, also von 100.000 in den nächsten fünf Jahren. Für die Ansiedlung von 1000 Familien jährlich würde ein Budget von 700.000 Pfund genügen, da für eine Familie ungefähr 600—700 Pfund notwendig sind, ein Teil der Mittel aber aus eigenen Mitteln fließen würde. Lee K. Fränkel (Mitglied der Survey-Commission) gibt einige Erläuterungen zum vorliegenden Bericht der Survey-Commrssion. Die arabische Bevölkerung wachse trotz der jüdischen Einwanderung viel stärker als cfie jüdische. Nur ein Zehntel von Palästina sei jüdisches Land, neues Land müsse zu hohen Preisen gekauft werden. Einem Import von 25 Millionen sieht ein Export von nur 6 Millionen gegenüber. Bei intensiver Förderung der Industrie können Produkte fabriziert werden, die einen Gewinn abwerfen. Auch die Orange sei als eine Art Industrie zu betrachten, aus der, wenn man sie richtig durch«!öhre, jährlich 50 vielleicht sogar 100 Millionen Dollar erzielt werden können. Aber nur 9 Prozent der Orangen-Pflanzungcn sind ln Händen der Juden. Das Tote Meer muß noch gründlich untersucht «retten, da es flach Ansicht von Experte! such Oe! enthält. Auch der Touristenverkehr ließe sieh noch sehr heben. Es ist aber notwendig, daß man ein Programm auf viele Jahre im voraus festlegt. Es muß eine Wirtschaftsorganisation, ein kapitalistisches Unternehmen außerhalb jeder Philosophie gegründet werden. Jetzt, wo die Jewieh Agency gebildet ist, müssen wir in viel größeren Ziffern denken als der von der Commission aufgestellten 1 Million Pfund pro Jahr, Die alten Finanzinstitute müssen entweder zusammengefaßt oder ein neues Finanzinstitut gegründet werden.: Bereit haben sich zwei Männer bereits erklärt, in ein solches Institut, das vielleicht 10—15 Millionen Pfund erfordern wird, je 500.000 Dollar zu Investieren: Lord Melchett und Felix Warburg. Felix Warburg (Mitglied der Stirvey-Commission) führt aus, es hänge vom Vertrauen, das durch die neue Verbindung von Zionisten und Nichtzionisten in der Welt gewonnen wird, ab, wie weit das Programm von Dr. Weizmann ausgeführt werden kann. Vor allem sei es notwendig, Landkäufe rascher durchzuführen, weiter das Problem der Kleinindustrie zu lösen. Die Industriellen müssen helfen und tun es bereits zum Teil schon, wie die Palestine Economic Corporation beweist. Die Industrie wird weiter wachsen, wenn sie konsequent auf geschäftlicher Basis entwickelt wird. Wichtig ist ferner, die Arbeiterschaft auf das Land zu ziehen und sie dort festzuhalten, indem man ihr das Leben möglichst anziehend gestaltet. Der Arbeiter, der im eigenen Hause lebt und dessen Familie mitwirtsohaften kann, wird lernen, ökonomisch zu handeln, er wird Land erwerben und auch Großgrundbesitzer werden können. Unser Budget wird zum großen Teil davon abhängen, ob eine größere Beteiligung der Regierung an denjenigen Arbeiten erreicht wird, die sie normalerweise auf sich nehmen sollte. Im Gesundheitswesen wie in der Erziehung müsse die Regierung den verschiedenen Bevölkerungsteilen Palästinas gleichmäßige Zuschüsse zukommen lassen. Unsere Aufgabe wird es dann sein, diese Beträge so zu ergänzen, daß die jüdischen Institutionen die besten -und schönsten sein werden. Das finanzielle Institut, von dem Fränkel gesprochen habe, müsse wie alle geschäftlichen Unternehmungen geleitet werden, d. h. ohne großen Apparat mit einem kleinen Aufsichtsrat, der den Aktionären verantwortlich sein wird. Unser Ziel muß nun sein, alle Arbeiten, zu denen wir imstande sind, durchzüführen, möglichst alle Arbeiter auf dem Lande und in der Industrie zn beschäftigen und möglichst viel Ländereien zu erwerben. Oberrabbfner Ißw erklärt, zwei Abgeordnete in Ungarn hätten behauptet, daß er hier nur aJs Person erscheine, aber nicht die ungarischen Juden vertrete. Demgegenüber stelle er fest, daß er im ungarischen Parlament zusammen mit Dr. Reich die ungarischen Juden und bei dieser Versammlung den ungarischen Verein Pro Palästina vertrete. Er halte es für ein Zeichen naiver Verblendung, wenn man es nrit dem ungarischen Patriotismus für unvereinbar erkläre, sich um die Angelegenheiten des Gesamtjudentums zu kümmern. Die Agency sei dazu berufen, alle Schattierungen des zeitgenössischen Judentums widerzuspiegeln und sie gleichzeitig zu einer neuen Einheit zu verschmelzen. Beratungen der Nichtzionisten mit der zionistischen Exekutive (Eigenbericht der «Stimme».) Z ü ri ch, 10. August. Die nichtzionistischen Führer, welche zur konstituierenden Agency-Sitzung gekommen sind, hielten heute mit der zionistischen Exekutive und mit den Vorsitzenden der einzelnen Kongreßkommissionen eine Beratung ab. Es wurden die Aenderungen der einzelnen Bestimmungen in dem Verfassungsentwurf der jüdischen Agency, die vom Kongreß angenommen wurden, besprochen. Aufklärungen erteilten hiebei Harry Sacher, Kish, Dr. Georg Halpern und Neiditsch. Die Nichtzionisten geben ihre Zustimmung zu den Aenderungen des Verfassungsentwurfes der Agency (Eigenbericht der «Stimme».) » Zürich, 10. August Wie hier -versichert wird, haben die Nichtzionisten ihre Zustimmung zu den Aenderungen erteilt, die der Kongreß in den Bestimmungen des Verfaosungsentwurfes der Agency vorgenommen hat. Felix Warburg empfängt die zionistischen Mitglieder der Agency (Eigenbericht der «Stimme».) Zürich, 11. August. Felix Warburg ordnete einen Empfang zu Ehren der zionistischen Mitglieder der Agency an. Der Empfang wird in einem der vornehmsten jüdischen Restaurants Zürichs stattfinden. - Streiflichter aus Zürich In der schlaflosen Nacht Zwei Uhr nach Mitternacht war es —- da nahte das Finale heran: die letzte Abstimmung über den Jewish Ageney-Vertrag, die letzte und endgültige Bevollmächtigung für die Exekutive, damit sie die Agencybedingungen mit Nichtzionisten unterzeichne. Der Morgen graute schon fast, als die letzten Kämpfe stattfanden. Oppositionelle Parteien, strengten sich noch immer an, um zu retten, was zu retten war, einzelne Agencygegner kämpften um die Formulierung dieser oder jener Bestimmung in den Satzungen, im vollen Bewußtsein, daß man nichts mehr ändern kann. Mit erschöpften Kräften gaben sie sich Mühe, um wenigstens einige Minuten zu. gewinnen und die Ankunft der Schioksaisstunde, zu verzögern. Die Parteien lasen ihre Deklarationen vor, gaben, ihr credo kund, proklamierten die Motive, warum sie für oder gegen die Erweiterung der Agency stimmen werden — das sechsjährige Drama, das sich in der zionistischen Organisation abspielte, näherte sich seinem Abschluß. Der Stadttheatersaal ist überfüllt. Galerie und Parkett vollbesetzt. Fraktionen haben Boten ausgesendet, um einzelne, zufällig fehlende Delegierte zu holen. Die Exekutive nahm ihren Platz beim Präsidial tisch ein. Weizmann in der Mitte, mit dem Gesicht der Tribüne zugewendet. Die Tribüne dicht besetzt. Der ernste Motzkin, mit dem Hammer in der Hand, führt den Vorsitz. Er ist sicher und ganz ruhig. Er präsidiert nicht — wahrhaftig, irgendeine heilige Handlung nimmt er vor. Und endlich naht die letzte aufregende Szene: Man stimmt ab über den Punkt, der die zioniatteche Fifty verpflidhtet, im Council zu erwirken, daß die zionistische Hälfte der Exekutive immer vom Kongreß gewählt werden soll. In dieser Form fällt der Antrag durch. Grünbaum springt von seinem Platz auf, läuft Ln der Richtung der Barriere, bleibt gegenüber Weizmann stehen und fragt laut, fast schreiend: Um ihn heiTScbt ein Stillschweigen. Aller Augen sind auf Weizmann geheftet. Weizmann macht eine Bewegung mit der Hand — ein Zeichen, daß er antworten will, steht auf und erklärt mit leiser Stimme, in der man die bebende Aufregung spürt: „Ich verstand die Abstimmung so, daß dde Exekutive alles tun wird, um die Wahl der zionistischen Exekutive durch den Kongreß zu sichern. Sollte das aber mißlingen, werde ich zur zionistischen Fifty im Council kommen, werde sie mit der Lage bekannt machen und werde ihr auch sagen, wie ich stimmen werde...“ Jemand schreit auf: „Das ist keine Antwort.! Ein Führer muß hier sagen, was er tun wird.“ Auch Grünbaum weicht nicht von seinem Platz vor der Barriere und schreit weiter: „Wir wollen jetzt Wiesen, wie Sie... In Ihrer Hand ist das Schicksal... Auf Sie verlassen wir uns...“ Großmann unterbricht ihn: „Wer verläßt sich? Wer verläßt sich auf Weizmann? Was erzählen Sie da?“ Grünbaum wartet auf. Weizmann« zweite Antwort. Weizmann schüttelt den Kopf; er wird nichts mehr sagen. Da hört man wieder Grtinbaums Ausruf: „Der Kongreß hat eich selbst aufgeg^ben.“ Niemand stört ihn. Niemand protest* ert. Auf den Sitzen der Linken und der Hechten ist Buhe. Als ob man stillschweigend anerkennen würde, daß der Opposition wenigstens das Hecht zukommt, im letzten Moment sich auszusohreien, sich das Herz auszuschütten. Viel Zeit ist ohnehin nicht mehr geblieben: Motzkin steht auf und verkündet: „Wir werden jetzt die namentliche Abstimmung vornehmen.“ Eine Bewegung geht durch den Saal. „Wenn man Ehren Namen aufrufen wird, sagen Sie: „Ja“ oder, „nein“, „kejn“ oder „lo“, „yee“ oder „no“.... Zuerst fragt er die Exekutive. „Yes“ ~ sagt Sacher laut. „Ja“ — antwortet ganz leise, kaum lühbar Miß Szold. „Fei weil“ „Fedwel!“ Er meldet sich nicht. Ist er nicht im Saal anwesend? Nein, er ist nioht anwesend. Viele Delegierte fehlen, über 40, Manche haben schon Zürich verlassen und manche wollten vielleicht abetehtilch hei der Abstimmung abwesend aetek „Ussischkin!“ Ussisobkin ist auch abwesend. . „Ussischkin schläft“ — hört man eine ironische Bemerkung. Es ist nämlich schon früher aufgefallen, daß Ussischkin bei der Abstimmung nicht erschienen ist. Köpfe wenden sich nach allen Seiten. Man sucht diesen,- man sucht jenen. Kurze Sätze fallen, die ein Gelächter hervorrufen. Und die, die „nein“ gesagt haben: Das erste „nein“ fällt mächtig vom Munde Stephen Wises. Die Opposition applaudiert. Aber die „Nein“-Sager sind spärlich. „Lo“ — antwortet Grünbäum. „Lo“ — antwortet Solowejtschik. „No“ — antwortet englisch De Haas. Zuerst folgt jedem „nein“ ein Beifall. Dann gewöhnt man s’cn auch daran und man reagiert nicht mehr. Bis wieder was Neues kommt: „loh enthalte mich der Abstimmung!“ Das ist Idelsohn. Der einzige von den Poale- Zion und Zionisten-Sozialisten, der sich nioht entschließen konnte, „ja“ zu sagen. Solcher. Stimmenenthaltungen waren drei. Außer Idelsohn Arnstein von den allgemeinen Zionisten und Miß Fryman aus Kanada. Die Liste ist bald zu Ende. Zum Schluß kommen die aus der Weltliste gewählten Revisionisten. Eine Reihe von: „Nein, nein, nein...“ Nahum Goldmann meldet sich. „Man hat mich ausgelassen!“ Sein „Nein!“ gesellt sich den Übrigen 29. „Nein“. Hunderte von Bleistifte arbeiten fieberhaft — man rechnet, man addiert. Man hat keine Geduld, um zu warten, bis von der Tribüne offiziell das Resultat verkündet wird. Und nach einigen Minuten kennt man es. Ein „Nein“-Sager schreit: „Es war in der Nacht vom 9. Augustl“ Aber sowohl die Opposition, wie auch diejenigen, die „Ja“ gesagt haben, verhalten sich sonst ruhig. Es herrscht keine besondere Freude, auch irgendeine Aufregung des Protestes tet nicht spürbar. Die Revisionisten haben einzelweis© den Saal verlassen. Delegierte stehen auf. Die Sitzung ist zu Ende. Man glaubte zuerst, daß Weizmann ©ine Schlußrede halten, wird. EüS •hat sie nicht gehalten, Ee ist ruhig, viel ruhiger, als man sich das Finale des sechsjährigen, erbitterten Kampfes um die Agency vorgestellt katte. J, K. .