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Die Stimme · 1929-08-15 · Heft 87 (15.8.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 87 (15.8.1929)
Date
1929-08-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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S*He » IME STIMME tk.tn Der 5. Ab W i e n, den 14. August. (f) Zweitausend Jahre jüdischer Zerrissenheit und dreißig Jahre zionistischen Einheitsstrebens ballten sich in der Züricher Tonhalle zu einem Ereignis von geschichtlicher Bedeutsamkeit zusammen. Das Bewußtsein beginnender Schicksalsgemeinschaft verband schon bei dem ersten feierlichen Auftritt eine Welt Weizmanns und Marshalls, Einsteins und Leo Blums. «Wir stehen Schulter an Schulter mit den Zionisten, geleitet durch das gleiche Ideal der Pflichtt — dieser von sittlichem Ernst erzitternde Ausspruch eines greisen, die Realitäten des Lebens kühl abwägenden Führers der Heimgefundenen, klingt beinahe wie ein Bekenntnis einer Epoche. Gewiß — es sind nur Worte, die an diesem denkwürdigen Abend des 5. Ab von Trägern glanzvollster Namen, über die das moderne Judentum verfügt, gesprochen wurden. Die professionellen Nörgler und Neunmalweisen von Zion mögen auch in diesem Belange Recht haben. Aber wer hinter dem Schein der flüchtigen Begebenheiten des Alltags die tieferen Zusammenhänge eines ewigen Lebensrhythmus herauszuspüren vermag, hinter den Worten Verantwortungsvoller ein zuckendes Gewissen einer Epoche zu vernehmen gewohnt ist, dem werden diese Reden eines Marshall und Einstein, eines Asch und Warburg einen weiteren Meilenstein bedeuten auf dem Wege zur Verknüpfung auseinandergerissener Teile des modernen Judentums und Verbindung an das Höchste eines in die Urheimat zurückstrebenden Volkes. Vor dreißig Jahren rollte Herzl mit einer genialen Konzeption eines Dichters die jüdische Front auf, nach dreißig Jahren vermochte die staatsmännische Zauberkunst eines Weizmann dieser Aufrollung gewichtige Stützpunkte von Erez Jisrael bis nach dem entferntesten Westen zu schaffen. Wir, die wir mit unerschütterlichem Glauben an dem Fluten jüdischen Seins in der Richtung steten Weiterbauens und Vervollkommnung im Sinne' der höchsten Menschheitsideale festhalten, wägen heute kühl und ohne Ueberschwang die Folgen dieses Tages ab. Es mag so mancher Rückschlag und so manche Enttäuschung der vielleicht allzuhoch gespannten Erwartungen bevorstehen. Was vor zehn Jahren ein Märchen wäre, kann nicht auf einmal volle, lebensstrotzende Wirklichkeit werden. Der G1 a u b e ist ’s, jedoch, der da wundervollste Märchen eines um die Freiheit ringenden Volkes zur schöpferischen Realität heranreifen läßt, der Glaube ist’s, der überall die unendliche Mühsal des Aufbauwerkes mit seinen ehernen Gesetzen der Wirtschaftlichkeit auch jene Irrenden zum nationalen Judentum heranzuziehen begintt, die das Träumen in der Diaspora verlernten und in Zion die überwältigendste Realität des letzten Jahrhunderts erblicken. Ist es nur die Macht des Geldes, die uns zu dieser Schicksalsgemeinschaft drängt? Wer in kleinlicher Kalkulationssucht vor allem das Materielle herauszuspüren gewohnt ist, wird gewiß auch hier auf seine Rechnung kommen. Wer jedoch klaren Blickes die Ursachen mit den Folgen nicht verwechselt, der wird in der Erweiterung der jüdischen Einheitsfront in der ganzen Welt über das Materielle das Moralische höherstellen und das eherne Gesetz folgerichtiger Entwicklung seit Herzls Judenstaat, über die Balfour- Deklaration, San Remo, die Universität in Jerusalem, und die vierte und letzte Alijah. Es gibt kein Zurück in der Geschichte, wenn es auch allzuoft Rückschläge gibt. Die Feinde von vorgestern verwandelten sich in stumme Beobachter und die stummen Beobachter von gestern akzeptieren bedingungslos die Balfour-Deklaration und verbinden sich mit uns als Schicksals¬ und Weggenossen. Das zionistische Problem rückt allmählich ins Zentrum der alljüdischen Welt und außerhalb dieser wird es nur Abfall und Schlamm geben, der am Wege der Diaspora der Verwesung anheimfallen muß. Das ganze Judentum wird zionistisch werden — oder es wird verschwinden! Dieser Ausspruch Nordaus entspricht der Totalität jüdischen Daseins und dem Sinn seiner Geschichte. Wie die Haskala in Deutschland nur ein Vorläufer der ***** Brennpunkt jüdischen Daseins führenden russischen Haskala und diese zur' Chowewe-Zion-Bewegung führen mußte und nicht umgekehrt, so kann es vom Zionismus keinen Auflösungsprozeß mehr zur Assimilation sondern nur eine im Wesen der natürlichen Entwicklung liegende Rflckbewegung von der Assimilation zu den lebensbejahenden Werten des Zionismus geben. Gemeinsames Streben wird gemeinsames Sehnen und gemeinsames Sehnen wird die heute noch 50 prozentigen 2um vollen Bekenntnis bekehren. Der 5. Ab dieses Jahres wird zum geschichtlichen Gedenktag auf dem Wege nach Zion. Eröffnungssitzung des Councils der Jewish Agency Eine Versammlung großer Juden. — Begrüßungsansprachen von Vertretern der schweizerischen Regierung, des Völkerbundes und der schweizerischen Judenheit. — Absprachen von Weizmann, Rabbi Lifszyz, Rabbi Uziel, Herbert Samuel, Louis Marshall, Albert Einstein, Lord Melchett, Leon: Blum, d*Avigdor Doldsmid, Oskar Wassermann, Felix M. Warburg, Schalom Asch und Nahum Sokolow (Von unserem Sonderberichterstatter.) Zürich, 11. August Am Sonntag, den 11. August, 3 Uhr nachmittags, trat in der Tonhalle zu Zürich der Counoil der Jewish Agency zu seiner ersten Tagung zusammen; Außer den zionistischen und nichtziönistischen Mitgliedern des Council der Agency Tratten sich mehr als 2000 Gäste aue allen Ländern zu der Eröffnungssitzung eingefunden. Der große Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Spannung unter den Anwesenden war groß. Bei allen herrschte das Gefühl vor, daß man einem historisch-denkwürdigen Akt beiwohnt, da zum ersten Mal in der neueren jüdischen Gesch-ichte eine, so große Zahl bedeutender Juden sich auf einem Platz züsam men findet, um Über die Schicksalsfrage des Judentums zu beraten. Professor Albert Einstein, Lord Melchett, Dr. Weizmann, Louis Marshall, Felix M. Warburg, Sir Herbert Samuel, Direktor Oskar Wassermann und Schalom Asch .wurden bei ihrem Erscheinen auf der Estrade mit rauschenden Ovationen begrüßt. Ais Dr. Weizmann die drei symbolischen Hammerschläge vollzog, legte sich der Lärm sofort und es trat eine fast atemlose Stille ein. Weizmann begann seine Eröffnungsansprache hebräisch* setzte sie englisch fort und trug den Haiüpttetl seiner Ausführungen in deutscher Sprache vor. \ Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Dr. Weizmann eröffnet, zuerst in hebräischer Sprache, die Tagung und begrüßt, im;Namen der Zionistischen Organisation die Freunde, die von Nah uftd Fern gekommen sind, um an der konstituierenden Sitzung des Councils der erweiterten Jewish. Agency teilzunehmen. Der Aufbau Palästinas, so führt Dr. Weizmann aus, ist nicht das Monopol irgend eines Teiles der Jugend, sondern das' gemeinsame Vorrecht und die gemeinsame Verpflichtung der jüdischen Gesamtheit Mit dem heutigen Tag wird die Verantwortung in die Hände der erweiterten Agency gelegt in der sich die Vertreter der Judenheit fast aller Länder zusammenfinden. Die erste Epoche des Palästinaaufbaues, aus der der Name Edmond de Rothschild hervorragt, ist abgeschlossen. Aus kleinen Anfängen ist eine jüdische Bevölkerung mit selbständiger wirtschaftlicher und sozialer Struktur mit dem Anfänge einer nationalen Kultur, dessen .Ausdruck die wieder belebte hebräsche Sprache ist, entstanden. Durch die politischen Ereignisse, vor allem das Palästinamandat und durch den materiellen. Zusammenbruch des osteuropäischen Judentums sowie die Einwanderungssperre nach den überseeischen Ländern haben sich die Verhältnisse jedoch grundlegend geändert, und Palästina ist von selbst zur zentralen jüdischen Aufgabe geworden, als ein Land, das nach der Ansicht der Zionisten die Möglichkeiten bietet für die Gründung und Sicherung jüdischer Existenzen in großem Umfange und zugleich für die Entstehung einer eigenen jüdischen Kultur und eines jüdischen Heimatgefühles, da« auch für die Juden in den anderen Ländern einen ideellen Wert bedeutet. Die Zionistische Organwation hat die erforderlichen politischen Schritte getan, um die Anerkennung des jüdischen Rechtes auf eine Heimstätte in Palästina durch die Völker zu erhalten. Die Balfour-Deklafation richte sich an die gesamte Judenheit, und es Ist daher nur folgerichtig, wenn wir nunmehr an die jüdischen Gemeinden der Welt herangetreten ’ sind, um die Kräfte des Gesamtjudentums für das Aufbauwerk zu mobilisieren. Die Liebe und zähe Hingabe der jüdischen Einwanderer reichen zur Lösung der Aufgabe nicht aus, wenn nicht auch wirtschaftliche Erfahrung, technische Fähigkeiten und bestimmte Machtmittel hinzukommen. Als Vorbereitung für die künftige Tätigkeit der Jewish Agency sollte daher der Bericht der Joint Palestine Survey-Commission dienen, der eine umfassende Untersuchung der politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten und Notwendigkeiten Palästinas empfiehlt. Naoh manchen Rückschlägen steht' Palästina heute am Beginn einer verheißungsvollen Epoche, und es Wird «ine Aufgabe der Jewish Agency sein, Mittel und Wege zu finden, um die Möglichkeiten für eine jüdische Einwanderung, für die Vergrößerung der Bodetvfläahen und die Fundierung wirtschaftlicher Positionen m schaffen. 1 Als Hauptaufgabe der Tagung bezeichnet Doktor Weizmann, eine Verfassung für die künftige Jewish Agency, die die Funktionen des Artikels 4 des Mandates zu erfüllen haben wird,' zu beschließen. Auf Grund des vorbereitenden Entwurfes, der vom Zionlsten-Kongrcß mit einigen kleinen Aenderungen angenommen wurde, dürfte eine Einigung leicht erzielt werden. Das gegenseitige Vertrauen und die gemeinsame praktische Arbeit an einer allen teuren Sache wird, so hoffe er, die heute noch vorhandenen Verschiedenheiten überwinden und den Ausgangspunkt für eine neue große Einheit, die auf gemeinsamer Verantwortung und gemeinsamer Liebe zum Judentum beruht, bilden. In diesem Sinne glaube er, daß der heutige Tag, der 5. Ab 5689, als historischer Tag in den Annalen der jüdischen Geschichte verzeichnet bleiben werde. Minister D i n i c h e r t vom eidgenössischen politischen Departement entbietet der Tagung die Willkommensgrüße der Schweizerischen Bundes- und Kantonalbehörden sowie ihre Wünsche zum Gelingen der Jewish Agency. Mister Frees von der Mandatssektion des Völkerbundes begrüßt die Tagung im Namen des Völkerbundes und erklärt Im Aufträge des Generalsekretärs de« Völkerbundes, dieser hoffe, daß der jetzt unternommene Schritt, um die Jewish Agency auf eine breir tere .Basis zu steilem sich günstig auf, die Verwirklichung der im Mandatfestgelegten Ziele auswirkeu werde. Dreyfus-Brödsky heißt die Tagung im Namen des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes sowie der israelitischen Kultusgemeinde Zürich willkommen und teilt mit, daß auch der Schweizerische Israelische Gemeindebund als Interessenvertreter der Schweizer Judenheit mit großer Mehrheit beschlossen habe, an der Jewish Agency teilzunehmen. ,. Rabbi Llpszyc begrüßt, daß die.Aufbauarbeit im Heiligen Lande nunmehr Sache des gesamten jüdischen Volkes werden solle und drückt seine Hoffnung aus, daß durch die Agency auch denjenigen jüdischen Volksteilen der Weg zum Anschluß geebnet werde, die in unserer Mitte heute noch fehlen, weil sie aus religiösen Gründen ihren Drang naoh Erez Jisrael noch unterdrücken zu müssen glauben. Rabbi Uziel überbringt in feierlichen Worten die Grüße der Knesseth Jsrael in Erez Jisrael, die sich freue zu sehen, wie auch die Knesseth Jisrael der Galuth sich bildet. Sir Herbert Samuel weist darauf hin, daß sich heute zum ersten Male seit Tausenden von Jahren Vertreter des gesamten Judentums, geeint durch das Land, zur Erreichung gemeinsamer Zwecke zusammenfinden. Er würdigte die großen politischen, wirtschaftlichen und administrativen Verdienste der Zionistischen Organisation und spricht seine Ansicht dahin aus, daß diese ihre Sonderexistenz auch weiterhin nicht auf geben, sondern ihre eigene ursprüngliche Kraft entwickeln werde, am die entscheidende Begeisterung der Massen des jüdischen Volkes zu wecken. Es war von der Zionistischen Organisation richtig, daß sie mit staatsmännlschem Weitblick die Sitze im Council der Jewish Agency denen anbot, die mitarbeiten wollen. Aber es ist auch richtig, daß sie die Präsidentschaft der Jewish Agency behält, zumal ihr Führer Dr. Weizmann die Achtung und das Vertrauen der Großmächte und der ganzen Welt genieße., Sir Herbert Samuel dankt auch den amerikanischen. Juden, die so viel für den Aufbau Palästina« getan haben und besonders auch Lord Balfour, der unsere Sache zu der «einigen gemacht habe, sowie Lord Melchett, dem Vorsiteenden der Palestlne Joint Survey-Commission, Die Aussichten für die Zukunft Palästinas sind günstig, die wirtschaft- Idhe Depression vorüber, und die . Anfänge einer neuen üdlschen Kultur auf der Grundlage der. hebräischen Spräche bereit« vorhanden, Politisch Ist die Situation n Palästina schwieriger, aber keineswegs ungünstiger. Die jüdische Palästinasache, so versichert Samuel, werde in Großbritannien die Förderung jeder Regierung und jeder Partei finden, Er hoffe, daß die JevrisK Agency, die unter den Augen der Geschichte arbeite, alle äußeren und besonders auch inneren Schwierigkeiten überwinden und das gemeinsame Werk zum Er- | folg führen werde.

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