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Die Stimme · 1929-08-09 · Heft 86 (9.8.1929) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 86 (9.8.1929)
Date
1929-08-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 BBUggjg, Nr.98 * weisend zu sein vermag für eine geänderte Gegen-* w*rti der ist mit einem Wort ein — Romantiker. Romantik pflegt aber im Leben der Völker eint Bf* gleiterseheinung erschlaffender Energie zu sein, »Itkt auf- und vorwärtsdrängenden Lebens! Es bleibt die dritte Tatsache: die Entstehung der starken Fraktionen inner, halb der Organisation. Freilich in Base! anno 97 gab es kleine Fraktionen. Aber es gab auch noch — kein Palästina! Nur sentimentale Vergangenheitsschwärmer können in der Gliederung unserer Volksvertretung nach weltanschaulichen oder ständischen Gesichtspunkten Anzeichen des Verfalls sehen, anstatt gerade darin das Wunder bereits vollzogener Volkswerdung anzustaunen, die nun einmal eine derartige Gliederung mit in sich schließt! Freilich muß ein höheres Ganzes über den Teilen stehen und die Idee über dem Parteigetriebe. Wir haben aber bisher im großen und ganzen keinen Grund gehabt zur Klage, daß dies nicht der Fall wäre. Hoffen wir, daß dieses Gefühl der Verantwortlichkeit dem Ganzen gegenüber, wie es namentlich die palästinensischen Arbeiter bis jetzt noch immer bekundet haben, in der Zukunft nicht schwinden, sondern womöglich sich noch verstärken wird. Und hoffen wir gleichzeitig, daß jene Kreise, denen diese ganze Neugestaltung des rarteigefüges fremdartig und gefährlich erscheint, sich doch eines besseren werden belehren lassen und daß sie sich in die Gegebenheiten der Gegenwart fügen werden, anstatt einer nun einmal entschwundenen Vergangenheit Tränen nachzuweinen ... * Dies sind in großen Zügen die Probleme unserer Bewegung und — da der Kongreß dieselben spiegelt — des XVI. Kongresses. Der Kongreß ist bis jetzt auf ansehnlichem Niveau gestanden und hat eine ziemlich bedeutende politische Reife der aus aller Welt herbeigeströmten Delegierten an den Tag gelegt. Das. beweist, daß Theodor Herzls Saat auf fruchtbaren Boden gefallen ist; daß die Erziehung des Volkes zu selbständigem politischen Tun und Denken ziemlich \weit vorgeschritten ist. Wenn man sich demgegenüber das jämmerliche Bild in Erinnerung ruft, weiches die Judenheit vor Herzls Erscheinen dargestellt hat, dann ist dies wahrlich eine gewaltige, in diesem Umfang und in einem verhältnißmäßig so kurzen Zeitabschnitt sonst noch nie dagewesene Erscheinung. Aber der Prozeß ist noch lange nicht beendet; ja, in gewissem Sinne tritt er erst jetzt in sein entscheidende^ Stadium. Denn, hat die erste Periode des Zionismus der Sammlung der Volkskräfte im Zeichen der großen Vergangenheit gegolten, so gilt die nun einbrechende, neue Periode der Auswertung jener Energien für eine schöpferische Gestaltung der G e g e n w a r t. Gegenwart gestalten aber erheischt vor allem: Sinn für die Tatsachen des Lebens. So ist es denn das wichtigste Gebot der Stunde, diesen Wirklichkeitssinn innerhalb der zionistischen Reihen zu wecken und zu stärken. Mit rührseliger Verherrlichung der guten alten Zeit kommt man da nicht vorwärts! Nicht der Kongreß, sondern das unerbittlich harte Leben ist es, das über jede weichliche Romantik glatt zur Tagesordnung übergeht,., Dr. S. Horowltz. Die ungarischen Protestjuden (Eigenbericht der «Stimme».) Budapest, 3. August. Dl« Reichstagsabgcordneten Paul S a n d o r und Geza Dcsl veröffentlichen in den Blättern im Namen des ungarischen Judentums eine Erklärung, in der sie im Zusammenhang mit dem in Zürich tagenden Zionistenkoogreß gegen die Einstellung der in- und ausländischen Presse protestieren, ais ob die neue jüdische politische Organisation Jewish Agency das Parlament aller Juden darstelle, in dem sich auch das ungarische Judentum offiziell vertreten ließe. Wir würden, heißt es in der Erklärung, die mit Blut, Schweiß und ungeheuren Opfern erlangte Position des ungarischen Judentums gefährdet erachten, wenn sich unsere Glaubensgenossenschaft an einer internationalen Organisation beteiligen würde, die nicht auf konfessioneller, sondern auf politischer Grundlage beruht. Wir gehören verschiedenen Parteien des ungarischen Abgeordnetenhauses an, kennen aber keine. Scheidewand in dem Belange, daß wir unser Vaterland und unsere Nation begeistert lieben. Die legitimen Vertreter unserer Konfession haben niemand ermächtigt, in ihrem Namen an dem internationalen Kongreß in Zürich teilzunehmen. Die Teilnehmer an dem erwähnten internationalen Kongreß von seiten Ungarns können dort nur als Privatleute teMnehmen und vertreten nicht unsere Konfession, Wir Ungarn jüdischen Glaubens sind nicht bloß Gesetz, sondern auch unserem Gefühle nach Igjfefche Redete fordernde und gleiche Pflichten erfüllende Mitglieder, des ungarischen Staates und der un- [gacfscheit Nation. Wir verwahren uns dagegen, daß jxnea, «ei es wer. immer, unsere Konfession zur Natiojjtafitse verzerre. Das gemeinsame Interesse unseres | UogatfetfRn Vateifanxfe's und des Glaubens unserer MK gMefen «ns,, dies zu vegeiinden und daifür zu Grünbaum» Referat über die Aufgaben und die Organisation der hebräischen Kulturarbeit in der Gaiuth Der Redner schickt voraus, daß er nicht kn Namen der Exekutive, sondern auf ehjen Vorschlag des Verbandes der Tarbuthverflfiigungtn hin spreohe. Ijwjter in Zeiten des Niederganges kl der Bewegung und der Enttäuschung in den Hoffnungen auf Erez Israel, habe sich im Zionismus die Erkenntnis durch gesetzt, daß neben der reinen kolonisatorischen Tätigkeit die Kultur gepflegt werden müsse. So war et, als die Hoffnungen der ersten Chowcwe Zion zunichte wurden und Acnad Haam die Vorbereitung der Geister forderte. Mit der politischen zionistischen Bewegung habe man die kulturelle Arbeit wieder vergessen, und es sei ein Streit in bezug auf die Kulturarbeit entstanden, bis man sich beim Kongreß in Wien über eine gemeinsame Tätigkeit einigte. Heute halte man wieder nicht viel von großen Hoffnungen und komme immer mehr zur Ueberzcugung, daß die zionistische Organisation die jüdische Generation geistig vonbereiten muß. Durch die Uebergabe der zionistischen Hauptarbeit, nämlich der Vorbereitung der politischen Bedingungen für den Aufbau an eine neue Körperschaft wird ein leerer Raum in der zionistischen Organisation geschaffen, der nur mit der kulturellen Arbeit ausgefüllt werden kann. Seit dem Wiener Kongreß, an dem man glaubte, die Kulturarbeit ln der Gaiuth den einzelnen zionistischen Landesorganisationen überlassen zu können, haben sich, die Verhältnisse stark geändert. Rußland und Oesterreich sind in viele neue Staaten aufgefeilt und Rumänien und, Polen haben neue Gebiete erworben, in denen früher die russische Kultur herrschte. Gezwungen, die russische Sprache aufzugeben und sich einer neuen Sprache und einer neuen Kultur anzupassen, wählten die Juden dieser Länder das Hebräische, »um Teil auch das Jiddische. Und da die Regierungen der kleinen Völker, um die Juden von der russischen Kultur abzülenken, die hebräische Kulturbewegung unterstützten, , konnten hebräische Schulen errichtet werden. In Rußland selbst sei die historische Tätigkeit für die hebräische Sprache von Zlatopolsky, Frau Persitz, Naiditsch u. a. durch die bolschewistische Umwälzung fast vollständig vernichtet worden, trotzdem bestehe aber kein Zweifel, daß in Rußland unter den schwersten .Bedingungen eine neue hebräisch-nationale Kultur;eschaffen wird. Als ein weiteres Moment fährt Gfüqbaum'die heute allgemeine Erkenntnis an, daß die.Renaissance der hebräischen Sprache und Kultur ohne Kontakt mit Erez Israel unmöglich ist. Das zionistische Ideal, einen nicht duldenden, sondern kämpfenden VoHjuden zu schaffen, hat eine hebräische Kulturarbeit und zahlreiche hebräische. Schulen entstehen lassen, ’ in denen der neue Typus des jüdischen Mandchen erzogen werden soll, Der Kampf um diese umfassende Erziehung der jungen jüdischen Generation sei aber schwer, weil wir von den Regierungen der verschiedenen Länder fordern müssen, daß die hebräische Sprache .nicht nur als Zusatz .zur herrschenden, sondern als aUgenj**rtc Lebensgrundlage gelehrt werden soll. Und nur dann wir dein endgültiger Erfolg erzielt werden, wenn wir uns nicht auf fremden Bedürfnissen angepaßte Dekrete, sondern auf die. rein hebräische Basis stützen werden, d. L auf hebräische Sprache, hebräische Kultur, Chaluziuth und Erez JisrseL Aus dfe&n Gründen hält Grünbaumdie Zeit für gekommen, dem Kongreß die Errichtung eines besonderen Departements für die hebräische Kulturarbeit in der Gaiuth innerhalb der Zionistischen Exekutive, sowie die Schaffung eines besonderen Fonds für die Kulturarbeit in der Gaiuth vom* - schießen. Die Erziehungsarbeit erfordert viel Geld, da in den hebräischen Schulen' ln der Gaiuth über 50.000 Kinder erzogen werden und der Joint seine Subvention für die hebräische Kulturarbeit iiwmer mehr verringert. Ein solcher Fonds bedeutet keine Konkurrenz für die großen zionistischen Fonds, da .diese nur dann, auf die Dauer Erfolg haben können, wenn das Kräftereservoir der Gaiuth durch die Erziehungsarbeit gestärkt wird. Durch die Annahme seiner Vorschläge werde die hebräische Kulturarbeit in der Gaiuth zu einer starken Grundlage für den Aufbau der hebräischen Kultur in unserer Heimat Erez Jsrad weiden. Die Kulturdebatte W o 1 f s b e r g (Misrachl). Die orthodoxen Juden sehen bei aller Liebe zur hebräischen Sprache, ohne die eine Kulturarbeit nicht möglich ist, in Ihr doch nicht das Wesentliche der jüdischen Kultur, und ebensowenig kann die Wissenschaft den Schwerpunkt der nationalen Renaissance finden* Es gelte vielmehr, die verschütteten Kulturwerte, die.dk Sonderstellung des jüdischen Volkes begründeten, aufzudecken. Kein einziges Volk weise eine solche Geisteskontinuität vor allem in der Religion auf wie das jüdische, und ein großer TeH des jüdischen Volkes habe ini der Tradition die ihm wesensgemäße Lebensform gefunden. Der Redner hält es für einen bedäuertkhen Irrtum der atigemeineu Zionkten, daß sie nur dem trlebnishafkn verpflichtende Kraft zuschrelben und nicht auch dem institutionellen, dessen Preisgabe die Existenz des Volkes unmittelbar bedroht. Der Zionismus müsse sich im re in nationalem Interesse für diejenige Philosophie entscheiden, die die Existenz des jüdischen Volkes maximal sichert, Der Reichtum des alten jüdischen Lebens habe die moderne hebräische Kultur befruchtet und die hebräische Sprache würde sich schneller durchgeaetzt haben, wenn im jüdischen Hause die religiöse. Tradition zum mindesten bn objektiven Sinne gehaltert würde. Die Tradition sei der Weg zur Repatriierung, und diese wiederum werde die Tradition neu beleben. Da jeder Fortschritt aber nur von der Vollendung ausgehen kann, so treten die orthodoxen Zionisten für dia üng»- broehene Fortsetzung der großen jüdischen Tradition mit allem ihrem Reichtum ein. Gegenüber den praktischen Vorschlägen von Grünbaum äußert der Redner das Bedenken, ein besonderer Kulturfonds könne in vielen Ländern Unruhe schaffen und die anderen Fonds schädigen, Jabot ln sky (Revisionisten) glaubt an die Möglichkeit der Schaffung eines hebräischen Milieus in der Gaiuth. Ihre Verwirklichung hänge aber nicht von der Masse, sondern von einzelnen Persönlichkeiten, die die hebräische Sprache pflegen ab und vor allem vpn der hebräischen Mutter. Der Redner unterstützt die Vorschläge Grünbaums und schlägt darüber hinaus die Bildung eines Bundes der hebräisch Sprechenden in der ganzen Welt vor. Eine große Rolle werde auch der Universität in Jerusalem zu kommen, wenn sie zu einer wirklichen, hob raschen Universität ausgefeaut wird. Die Aufgabe der Zionistischen Organisation sei es, die hebräischen Schulen in der Gaiuth, denen sie zu großem Danke verpflichtet sei, z‘u hebräischen Vollschulen aüszugestalten. Je hu da (Rußland) begrüßt den Kongreß im Namen der Zionisten Sowjetrußlands. Er schildert, wie die hebräischen Lehrer, nachdem die Schriftsteller und' Redner das Land haben verlassen müssen, trotz der Hetze der Jew&ektiom ihre Erziehungstätigkeit in Sowjetrußland in der Hoffnung auf bessere Zeiten illegal forfführt. Wenn die hebräische'Sprache auch offiziell in heuchlerischer Weise nicht verboten sei,, so wird sie doch praktisch durch eine Atmosphäre des Hasses und der Hetze unterdrückt. Wer hebräisch lehrt, wird des Klerikalismus und der Konterrevolution beschuldigt und auf administrativem Wege, ohne öffentliche Verhandlung, in die Verbannung geschickt. Weder Beschwerden an die Behörden, für die man Gefängnisstrafen’riskiert, noch ein Appell an Maxim. Gorki kn vergangenen Jahre konnten hier Abhilfe schaffen. Trotzdem aber setzen die hebräischen Lehrer „in Ruß** (and unter den quälendsten Bedingungen Ihre heb irische Kulturarbeit fort. Die zionistische Bewegung ln Rußland lebt. Der Redner appelliert an den Kongreß, das furchtbare Schweigen der Zionisten aufzugeben und den russischen Zionisten moralische und politische HUfe zu bringen, damit diese wissen, daß sie in ihrem Kampfe nicht allein stehen. ,,; Vorsitzender U s s i s c h k in spricht .. den russischen Zionisten die Grüße und die Anerkennung des; Kongresses aus. Die Zionisten hoffen, daß ihre russischen Brüder bald in voller Freiheit mit ihnen iW^deö; Zusammenarbeiten können. Gordon (Hitachduth) bestreitet, daß sloH die! Jugend tum größten Teil im zionistischen Lager be-1 findet. Die jüdische Intelligenz und die jüdische Masse' assimilieren sich, obgleich kn öffentlichen Leben imsneiT wieder das nationale Moment hervorgehoben wird. Unf; dieser Gefahr zu begegnen, müsse die Jugend ernsthaft | vorbereitet werden, Land und Volk auf dem Wege de« Chaluziuth aufzubauen. Die hebräische Sprache allein! genüge nicht, sondern es müsse die Tendenz auf Erez Israel und den Zionismus hinzukommen. Er schließt; sich den Vorschlägen von Grünbaum an, damit übet den politischen Aufgaben die geistige Arbeit nicht vet-: gessen werde. Zlatopolsky (allgemeine Zionistein)' «toWWett, wie sich die hebräische Sprache durch hartnäckige Arbeit allmählich) als nationale Sprache durchgeaetzt und auch die Schulen erobert habe, wie sie aber heute diesen Weg wieder verläßt, und man Kompromisse ehtzugehen bereit ist, indem man an zweisprachige Schulen denkt. Dem Misrachl wirft der Redner vor, daß er über den Fraktionskäimpten die lebendigen Probleme vergesse und vor allem nichts tue, um die Jeschlwoth m der Gaiuth dem Einfluß der Agudah zu entreißen und an sich zu ziehen. Er appelliert an alle Zionisten, sich in der großen Epoche der Jewish Agency zur Stärkung der hebräischen Bewegung zusammenzuschließen.

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