Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 85 (6.8.1929)
- Date
- 1929-08-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 85 DIE STIMME Seite 8 Weizmanns Antwort Zürich,!. August. In der Nachtsitzung zum 1. August hielt Doktor Weizmanri seine dritte große Rede auf dem Kongreß. Ich werde beschuldigt, sagte er, versucht zu haben, den Kongreß zu beruhigen. Ich habe nicht eine einzige Tatsache über die politische Lage in Palästina verschwiegen. Ich habe nur gesagt, daß auf gewissen Gebieten Teilfortschritte gemacht worden sind. Ich habe gleichzeitig gesagt, daß auf anderen sehr wichtigen Gebieten wenig erreicht worden ist. Es ist sehr populär, in diesem Milieu die Regierung anzugreifen. Ich habe weder die Regierung verteidigt noch angegriffen, nur Tatsachen festgestellt. Es ist ein langer und schwerer Weg, ein Ringen im Stillen. Jeder Schritt nach vorwärts nujß hart erkämpft werden. Unsere Stellung der Regierung gegenüber hängt von zwei Dingen ab: von unserer Kraft und vom öffentlichen Gewissen der Welt. Unsere Entscheidung allein gilt nicht. Die Welt aber wird die englische Regierung milder beurteilen, als wir es tun. Die Welt wird sagen, vielleicht hätte die Regierung hie und da anders handeln können, aber im großen und ganzen war sie gezwungen, so zu handeln, es sind eiserne Tatsachen, eiserne Realitäten, über die man nicht mit einer Phrase und nicht mit einem Angriff auf die arme Exekutive hinweggehen kann. Es ist sehr einfach, uns auch für die Sünden der Regierung verantwortlich zli machen. Gewiß geschieht uns Unrecht, und solange wir schwach bleiben, werden wir Unrecht erleiden müssen. Aber es geschieht uns unter England weniger Unrecht, als uns unter anderen Mandatarmächten geschehen wäre. Das ist nicht Beruhigung, das ist Feststellung. Ich weiß, daß ich jede Stunde meines Lebens wachen muß, und ich bin genau so ungeduldig wie Sie; aber man muß Geduld lernen. Das ist eine schwere Schule. Wir müssen mit unseren ' Methoden arbeiten und bekommen als Resultat , vielleicht wenig, aber es ist das einzig mögliche. Wenn sich in diesem Hause einer findet, der wirklich neue und rationelle Methoden hat, so bin ich sicher, er würde einstimmig gewählt werden. Er hätte sicherlich meine Stimme. Aber der Mensch ist nicht da. Es gibt nur eine Methode: Mehr arbeiten, immer neue Positionen ln Palästina erwerben, noch eine Kolonie, noch eine Schule, mehr Kredit; Ich beiße die Lippen zusammen und Ich gehe weiter an die schwere tägliche Arbeit, in der Hoffnung, daß es denen, die nach ttns kommen werden, möglich sein wird, die Sache leichter zu führen. Mit großer Aufmerksamkeit folgte ich der Rede Arlosoroffs, der die Frage Rußlands aufgerollt hat. Es ist da wenig zu machen. Es. ist vielleicht gar nichts zu machen. Wir haben es mit einem Land zu tun, das auf die öffentliche Meinung der Welt pfeift. Es hat sich von der zivilisierten Welt abgeschlossen, weil es glaubt, viel zivilisierter als die Welt zu sein. Wir können keinen Druck ausüben. Wir sind empört und erregt, wir fassen eine Resolution, in der wir unser Gewissen befriedigen, aber dadurch wird-nicht einem einzigen Zionisten in Rußland leichter.. Wir haben versucht, eine Verbindung zu schaffen, versucht, Brücken zu schlagen, — alles umsonst —. Das einzige, was wir tun konnten, war: aus dieser Hölle soviele herauszuretten als möglich war. Wir haben so viele Menschen herübergebracht, als wir nach unseren Kräften konnten. Stephen Wise fuhr nach Washington, wo ihm irgend jemand etwas sagte, er kam nach London, sprach mit Staatsmännern und erklärte auf allen Volksversammlungen: ich habe das gesagt!. Dadurch wurde kein Mensch aus Rußland gerettet. Es ist in dieser Beziehung leider Gottes schlimmer als in der zaristischen Welt, Die zaristische Regierung brauchte Anleihen und war empfindlich gegenüber der öffentlichen Meinung. Die Sowjetregierung braucht keine Anleihe und kümmert sich nicht um die öffentliche Meinung. Viele unserer russischen Freunde haben uns geraten, mit Proklamationen aufzuhören. Ich weiß nicht, ob diese Recht haben oder nicht. Aber hat sich Dr. Wise vergewissert, daß die Exekutive nichts tut, bevor er zur englischen Regireung gegangen ist? Er hätte doch, da ich nicht in London war, die Exekutive zuerst fragen sollen, die Exekutive, die vom Kongreß gewählt wurde, Nun noch einige Worte zur Agency: Auch diese Bewegung ist wie jede andere aus einem Negativen und aus einem Positiven entstanden. Wir Zionisten leiden an Inzucht, wir sind eine Minorität im Judentum. Wir haben wohl Großes erreicht, aber wenn wir in diesem Tempo weiter gehen, werden wir den Bau Palästinas auch für unsere Generation nicht ausreichend weiter führen. Das langsame Tempo birgt hunderttausend Gefahren. Das andere Moment war die Intuition, daß dieses Palästina-Werk schließlich und endlich in die Seelen alter Juden dringen wird. Und ich glaube, daß es schon heute viele nichtzionistische Juden gibt, die Palästina empfind»! und dafür arbeiten, vielleicht mit größerem Eifer als Zionisten. (Rufe sehr richtig 1) Dazu kommt: Palästina ist nicht uns allein gegeben worden, sondern ganz Israel So hätte «ich denn der Kongreß zu der Höhe zu erheben ich hoffe, er wird es tun — aus dieser Agency eine Kenesseth Israel zu machen (Beifall), ein mächtiges Instrument, das wir mit unserem Geiste beleben, daß aus ihm große Dinge entstehen. Morgen wird die Agency als zentrale Kraft im Judentum dastehen, weil eben Palästina diese Wirkung auf das Judentum hat. Die Balfour-Deklaration kam zu einer Zeit, wo das Judentum zerschlagen war. Für mich war die Balfour-Deklaration kein Geschenk, sondern eine Forderung. Ein zerschlagenes Judentum stand vor dieser Forderung. Man nahm das Joch der Arbeiter auf sich, jahrein jahraus, tagein tagaus. Dazu Kongreßbuchhandlung DR. HEINRICH GLANZ Wien, VIII., Langegaeee Nr. 38, Tel. B.42-9-12 Wien 1925, Basel 1927» Zürich 1929, Kongreßgebäude BMtoltonfcn werden prompt auegefOhrL brauchte man Menschen, Geld, Wunder. Es geschah ein Wunder: es kamen die Menschen. Wir müssen durch alle Winkel des Ghetto gehen, um jenen, die wir in die Schützengräben der Arbeit geschickt haben, die Möglichkeit zu geben, weiter zu arbeiten. Sollen wir weiter warten, bis bessere Tage kommen, die wir nicht erleben werden? Dies zu sagen, braucht es mehr Mut, als ein paar englische Beamte anzugreifen. Werden Sie sich zu dem gebotenen Niveau erheben, dann wird aus der Agency eine Kenesseth Israel werden. Werden Sie es nicht tun, dann werde i c h S i e anklagen vor der jüdischen Geschichte und vor dem jüdischen Gott, daß eine große Zeit eine kleine Generation gefunden hat. (Langandauernder Beifall, alle erheben sich). Die Erwiderung der Exekutive Sacher wendet sich gegen den Vorwurf, die Exekutive und insbesondere er seien, den Forderungen der jüdischen Bevölkerung gegenüber verständnislos geblieben. Vielmehr habe die Exekutive nie gezögert, die Arbeit und die Opfer der arbeitenden Bevölkerung anzuerkennen. Die Linke solle aus der in ihrem Namen von Kazenelson abgegebenen Erklärung, die Exekutive sei zur Führung der Geschäfte unfähig die Konsequenzen ziehen. Ebenso lehne er den gleichen Vorwurf Jabotinskys ab, nachdem ihm erst gestern von Revisionisten ein Portefeuille in einem revisionistischen Kabinett angeboten worden sei. Die Arbeiterführer sprechen zur Tribüne oft ander«, als sie es in seinem Arbeitszimmer in Pain größter Auswahl und erprobten Qualitäten im ßummiwarenlious .Alpha' nur Wisn L, Adlsrgasse 8 lästina getan hätten. Die Palästina-Exekutive habe das Vertrauen der jüdischen Bevölkerung zu gewinnen gesucht. Ihr politischer Einfluß in Palästina sei in den letzten Jahren gestiegen, und sie habe auch Anteil an der neuen Einwanderung. Die finanzielle Lage der Exekutive habe sich gebessert.- Wenn sie aber kein Geld hat oder keines gibt, so werfe man ihr vor, sie sei geistlos. Die Schuld der Exekutive sei in den letzten zwei Jahren um 145.000 Pfund verringert worden; Viele Forcierungen habe die Exekutive abgelehnt, weil sie auf der alten Methode beruhten, die annahm, je mehr man aus* gebe, um so mehr werde man einnehmen, Die Besserung der Lage in Palästina sei auch zürn Teil der Exekutive zu verdanken, obwohl diese von einer Minderheit gewählt und von Anfang an gegen sie agitiert worden sei. Die» Frage, der Infiat-Böden in Chederah wolle er hier nicht berühren, um die Interessen der jüdischen Siedler nicht zu schädigen. Dem Direktorium des K. K. L. wirft Sacher vor, es sei nach Parteiinteressen zusammengesetzt und diene diesen, In den Beziehungen zwischen Exekutive und K. K. L. müßten der Kongreß oder die Exekutive das letzte Wort haben, während heute das K. K. L.- Direktorium die Exekutive als eine außenstehende Körperschaft betrachte, Nur der Kongreß könne darüber entscheiden, wer in die Exekutive^ hineinpasse und wer nicht. Die Opposition habe ihre Regierungsfähigkeit noch nicht bewiesen. Die Exekutive habe die Annahme des Planes durchgesetzt, wonach die Schuld von Tel Aviv an die Regierung unr 74.000 Pfund und an die Exekutive um 30.000 Pfund reduziert und die Rückzahlung der Restschuld auf 10 Jahre verteilt wird. In seiner Amtstätigkeit sei er, so schließt Sacher, zu einem wärmen Befürworter der Jewish Agency geworden. Er warne aber den Kongreß, Bedingungen aufzustellen, die ihre Verwirklichung unmöglich machen würden. S o k o 1 o w verliest den Text einer Erklärung zu deu Vorfällen bei Kotei Hamaarawi (wir berichten darüber an anderer Stelle. Anm. der Redaktion), Die Versammlung stimmt ihr durch Erheben von den Sesseln zu. Prof. Brodet«ky lehnt die Auslegung seines Referates dahin, als seien die Ostjuden durch die Pogrome zu Zionisten geworden, als mißverstanden ab und verteidigte sich gegen den Vorwurf Kazenelisons, er bevorzuge die Zionisten der englisch sprechenden Länder. Ebenso sei die Auffassung Ussischkins, es gäbe in der zionistischen Mitte keine Jugend, unzutreffend. Der aus unbekannter Quelle stammenden Behauptung Großmanns, die Exekutive habe das engliisohe Parlament nicht aufzuklären versucht, werde er in der politischen Kommission antworten, Die Revisionisten könnten keinen Beweis für diese Beschuldigung erbringen, Auch ihm sei vor einigen Jahren ein Portefeuille in einem revisionistischen Kabinett angeboten worden, Er hält den Revisionisten vor, daß sie kein eigenes Programm hätten vorlegen können, wie man es von einer regierungsfähigen Opposition verlangen müsse. 90 Prozent des Kongresses unterstützen die Politik Weizmanns und der Exekutive, Er bedauere, daß die Revisionisten nicht in die Agency eintreten, um dort ihren Standpunkt zu vertreten. Präs. Sokolow pflichtet Jabotinsky darin bei, daß der Schekelzahler die Basis unserer Demokratie sei. Dann müsse man aber auch dem Steuerzahler von heute demokratische Rechte gewähren. Auch wenn unsere Sache eine rein idealistische sei, seien wir dennoch gezwungen, immer .wieder von Geld zu sprechen. Es falle von Jahr zu Jahr schwerer, in Amerika wie in den anderen Ländern die notwendigen Mittel, die doch die Basis unserer ganzen Tätigkeit sind aufzubringen. Seine Parole lautet: Wiederaufbau der Zionistischen Organisation, von ihrer Liquidation könne nicht gesprochen werden, da sie sich keinem zionistischen Problem entzogen habe. Die Tatsache, daß die anderen mit uns eine Verbindung eingehen, beweise, daß sie die Zionistische Organisation für lebensvoll halten. Von der Liquidation der Zionistischen Organisation zu sprechen, wo man doch morgen eine neue zionistische Propaganda entfalten müsse, sei Defaitismus. Unsere entscheidende Aufgabe hat zu sein, der moralischen Müdigkeit des jüdischen Volkes entgegenzuwirken und die Zahl der Schekelzahler zu erhöhen. Bernhard Baron, der große Phllantrop, gestorben London, 2. August. (J? T. A.) Am Morgen des 2. August 1-st .nach kurzer Krankheit Herr Bernhard Baron, der große jüdische Pfoilantrop im -Alter von 78 Jabrem verstorben. Bernhard Baron war 1850 in Rostow/Don geboren. Er arbeitete später in Amerika als Zigarettenarb:’ter in der gleichen Werkstatt mit dem späteren Führer der. amerikanischen Gewerkschaften Saimuel Gornpers. Er erfand eine Zigarettenfabrikationsmaschine und erwart)' später die große englische Zigarettenfabrik Carreras Ltd, Einer der reichsten Männer Englands geworden, blieb er dem Arbeitenstande treu. Enge Freundschaft verband ihn mit den Führern der englischen Arbeiterschaft, Maodomtld und Henderson. Seine Berufung ins Herrenhaus wurde erwartet. Er wendete R‘* senbeträge der allgemeinen und der Jüdischen Fürsorge, zu. und leistete auch namhafte Spenden für Keren Hajessod. Seine Zuwendungen belaufen sich auf weit mehr als , eine Million Pfund.