Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 85 (6.8.1929)
- Date
- 1929-08-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3053805-3053837--1185-3056518- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
'A tffi 86 Ml WIMMS Randbemerkungen zur Generaldebatte Von Df. CM» Tartakower (Zürich). Die Generaldebatte ist zu Ende. Man darf ruhig behaupten, die Rede, die wirklich auf der Höhe stand, war die des Dr. Arlosoroff. der namens der «Hitachduth» das Wort nach «ern ersten Redner, dem Raw Meier Berlin, ergriff. Seine Rede zeichnete sich vor altem durch außerordentliche Selbstdisziplin aus. Es stand ihm eine Stunde zur Verfügung —, daß diese nicht überschritten werde, dafür sorgt Präsident Motzkfn. Im Gegensatz zu den den sonstigen Rednern der Opposition — denn zur Palästina-Exekutive Sacher steht die Hitacbduth in «schwerer» Opposition — begann er damit, daß er ehrlich das Gute, das Positive dieser Exekutive anerkannte: nämlich die von ihr gemachten Ersparnisse. Er wies jedoch nach, daß diese Ersparnisse problematisch erscheinen, wenn die Exekutive auf der anderen Seite neue, große Verpflichtungen einging. Er schnitt da« Problem der Zionistenverfolgungen in Rußland mit aller Schärfe an und meinte, es müsse etwas von unserer Seite geschehen, obwohl er sich darüber klar war, daß z. B. die Labour-Party bei ihren jetzigen Verhandlungen mit der Sowjetregierung steh vornehmlich von den englischen Interessen werde leiten lassen. Er trat mit aller Energie gegen den Versuch der Revisionisten auf, auf eigene Faust in England zionistische Politik zu machen. Er sagte — und hatte dabei fast da« ganze Haus auf seiner Seite —, «die Revisionisten bemühen sich, uns alle zu HerzI zurückzuführen und als ersten Schritt erwägen sie den Austritt aus dieser von HerzI geschaffenen Organisation — ist das im Geiste Herzls?! . . Er erklärte mit aller Entschiedenheit, er würde mit derselben Intensität gegen die Linke auftreten, wenn sie es versuchen würde, auf eigene Faust zionistische Politik zu machen. Diese tue solches nicht, sondern bemühe sich, in gesinnungsverwandten Kreisen über unsere Bewegung aufzuklären, Sympathien zu gewinnen. Hingegen sei die Unterhaltung der diplomatischen Beziehungen zur Mandatarmacht ein ausschließliches Vorrecht der Exekutive, In Arlosoroff fand die Einheit der Organisation ihren ergebensten Verteidiger: war er es, der beim vergangenen Kongreß für die Bildung der freiwilligen ,Territorialverbände eintrat, so brach er diesmal eine Lanze für den Zwangsverband. Er erklärte mit aller Feierlichkeit, daß er eine Gruppe vertrete, die sehr stark gewachsen sei, lehne Streiflichter aus Zürich Wdzmatui spricht. »Die Propheten, die da glaubten, daß der Gang des Kongresses geradlinig ohne Erschütterungen, folglich auch monoton, verlaufen wird, haben nicht recht behalten. Warum denn auch-? Weil angeblich die Jewish Agency den Kongreß seiner Souveränität beraubt? Der aufmerksame Zuhörer sieht steh auf einmal in den brodelnden Kessel der überschäumenden Temperamente und Kamptfw.orte versetzt, Das Schiachtwort nicht das Schfagwort heißt: Jewish Agency. Weismann hat bis zur Stunde nur zweimal in den Plenarsitzungen des Kongresses das Wort ergriffen. Bei der Eröffnung das erstemal und da streifte er nur die Frage der Jewish Agency, grundsätzlich nicht programmatisch. Er sprach vom neuen Organ, das den Weg finden wird in jede jüdische Hütte. Diese ganze Rede von Weszmann wirkte in ihrer Schlichtheit und wie immer durch eine eigenartige plastische Sprache. Der Staatsmann, auf dessen Worte nicht nur die Kongreßgäste lauschten, sondern auch die Vertreter der un/zäWigen Regieruntgien und der englischen Gesandten an der Spitze. Und Weksmann liest seine Rede aus dem Konzepte. Ein feine«, kaum enstandenes und schon verschwundene« Lächeln huscht über das Gesicht des Vertreters der Mandatarmacht. Ist er zufrieden? Wenn ja, daarrt weiß er, daß Weiamann alles sagt und es so darstellt, daß er mit der Form zufrieden sein kann, aber in der Sache selbst kein Grund zur Zufriedenheit vorhanden ist. Gespannt hören alte zu, denn der verantwortungsvolle Träger der zionistischen Politik spricht. Seine Worte sind sonst feierlich-gemessen, gewogen, gesiegelt und gezeichnet. Und man wartet, bis Weiamann zum zweitenmal da« Wort ergreifen wird. Allzu viele Angriffe sind auf dfi-e Exekutive unterrramroen worden, und man weiß: Weizmann wird in die Generaldebatte eingreifen. Und der Moment kam, als UssiscMcm seine Rade schloß. Ussischkin, begrüßt und irejufoelt vom Kongresse, als die Verkörperung der Erlösung des jüdischen Bodens in Erez Israel, griff Weizmann kl geschickter Weise an. Er sprach offen, sieUeichft allzu sehr offenherzig und meinte, daß alles jVas Jabotinsfci nur übet die politische Lage in Palästina kagfe die Majestät der Juden in Erez Israel unterhcfieeibeo würde« t {WefeUMMI ergriff da* Wort und, wir wollen es te£ war auf den Höhe. Die bekannte, abes aber entschiedenst ab, Vertreter einer Interessentengruppe oder eioer Klasse Zu ttta. Die Hitachduth fühle steh Mir das Schicksal der Bewegung in vollem Maße verantwortlich, jetzt noch mehr als früher. Bezüglich der Jewish-Agency fand er Worte, die wirklich da« Wesen der Sache trafen: er trat gegen die Opposition auf, die ihre Schwäche darin offenbare, daß sie in Ermanglung lebensvoller Argumente »ich auf juristische Feinheiten elnlasse. Die Jewish-Agency sei ein historischer Prozeß, der da« Gesamtjudentum für die historische Aufgabe der Verwirklichung des Zionismus gewinnen witt, ja muß. Mit Juristerei Ist ein solches Problem nicht zu lösen, sondern im leben selbst . . . und in aufopfernder Arbeit werde der gangbare Weg für da« jüdische Volk gefunden werden, der es befähigt, seiner Aufgabe gerecht zu werden. Aus der Rede Arlosoroff? sprach der Geist des Hapoel Hazair, jener Arbeitergruppe, die die einzige Arbettergruppe im jüdischen Volke ist, die sich das Gesetz ihres leben« au« . den Lebensnotwendigkeiten von Volk und Land hole und nur diesem Gesetze dienen will. Auf zwei Pfeilern ist es aufgebaut: Der Realität des jüdischen Volkslebens in Erez Israel und in der Galuth und dem unerschütterlichen Glauben an die unverdorbenen Urkräfte unseres Vojkes. Daher die offene Selbstkritik und die Ehjitehkeit dem Gegner gegenüber. Jabotinski, der Vertreter der Opposition, bemühte steh, zu zeigen, wie schlecht unsere Exekutive arbeite und daß nur sie an den vielen Mißerfolgen politischer Natur schuld sei. Er konnte nicht überzeugen, er erhielt vrej Beifall von seinen Anhängern, aber nirgends verspürte ich einen Hauch von überzeugender Wahrheit. Es waren leider nur Worte, oft starke Worte, aber die konnten niemand klarmachen, daß die vielen negativen Tatsachen, die Jabotmski angeführt hatte, nur auf die schlechte Politik Weizmanns.zurückgeführt werden könnten. Ussischkin hat in seiner Rede ein großes, wahres Wort ausgesprochen: Wir sind noch sehr schwach und das größte Verbrechen ist Schwäche. Weder Weizmann noch diezionistisch« Bewegung kann wa« dafür, daß wir 15 Millionen Juden außer* halb Palästinas haben, in Erez Israel aber bjoß 160,000 gegenüber 600,000 Albern, Diese Ungleichheit kann r <J.i k.a l ynd in erster Linie nur durch anfbauende Arbeit, durch unaufhörliches Stärken unserer Position im Lande selbst ausgeglichen werden. .. gehackte Aussprache der dtozelnen Worte, die Weizmann als Redner Charakterisiert, gab seiner Ansprache die Schärfe einer blanken . Schneide. Es sprach zum Kongreß Weizmann, der von seinem wandernden Volke zum Obenkommißsär von Erez Israel eingesetzt wurde, in einer Zeit, da noch das entscheidende Wort in Erez Israel der Oberkommissär von Palästina spricht. Auf den offizieilen Postmarken ist noch neben dem Worte Palästina die Bezeichnung Erez Israel, in Abkürzungen und Klammern zu lesen. Und Weiamann fragt Ussischkin: «Wozu drängen Sie mich durch die Angriffe in die Notwendigkeit, die englische Regierung zu verteidigen? Ich will den Kongreß nicht beruhigen, nur die Tatsachen angeben.» Man merkte, wre schwer es Weizmann war, seine Aufregung zu meistern, und doch* nicht viel zu sagen. Lci- •denschafMidr und dabei stets das richtige Wort findend, konnte steh Weizmann seiner Angreifer entledigen: Ussischkin, Grünbaum und Stephen Wise. Man kann ja die Rede Weizmanns nachfesan, aber man muß sie gehört haben, mm zu begreifen» daß, mag man wie man will, über die Frage der Jewish Agency denken, Weizmann die Gesamtheit der jüdischen Frage beherrscht und in geheimen Beziehungen der internationalen Politik sich auekennt. Weizmanns kiuge, herzliche und stolze Rede waren «in ganzer Erfolg. Es war schon Mitternacht, als nach dieser Rede ein Sturm der Begeisterung den Führer ümbrauste. Er sprach nur ein« halbe Stunde — keine Neuigkeiten und keine Angriffe — man spürte jedoch: ein Hauch der Ewigkeit umweht diese Persönlichkeit .... Dr, T. Nussenölatt. Romantiker, Die Redender oppositionellen Führer waren voll dramatischer Spannung, klangen romantisch. Es schien manchmal: Jabotinski wird dem Kongreß den. Weg verrammeln, er wird sich auf die Schwelle legen und wird die. Zionisten in (den Saal nicht hineinlassen, wo die Nichitzionisten warten. Vom Schmerz waren die Reden Grünbaums und Jabotlnskis durchdrungen. Sie sprachen von jungen Jahren, von der Freihcittfbotschaft des Zionismus, vom Enthusiasmus und vom Schwünge. Und jetzt muß die Romantik der Bewegung, das stolze Bewußtsein, daß das palästinensische Werk ein Eigentum des zionistischen Idealismus sei, einer neuen Ongamsationsform Platz machen. Eines haben sie vergeben:, wir schließen einen Vertrag nicht mit den Feinden de» Zrontemus, sondern mit Menschen, die mit uns mltarbeiten wollen. Und daran vergißt nicht die Majorität des Kongresses, Diesen Standpunkt wtrat auch Weizmann in stiftet Antwort. .Wir können Gott danken, daß wir diesen Führer halten, der (Be geschichtliche Mittton nicht nur kennt, soodtrn in jedem Schlag seines Herzens fühlt, die ihm ah SchUach-Zibbtif aufgetragen ist Er läßt sich von «einer Linie nicht abdrängen, weil er tief davon überzeugt ist, daß es die richtige Linie ist. So oft ich Um sehe oder höre, stets habe ich da« Geführt, hier stehe ein Mann, der, wie Hcrzl, von seiner Aufgabe voll und ganz ergriffen ist, nichts anderes in seinem Leben kennt, ate den Dienst für unser Volk; dessen Herz eki unaufhörlicher Brand ist, das ihn nicht ruhen und rasten läßt und ihn ständig vorwärts treibt. Vor mir stand auch in der Generaldebatte kein Leader, der mit Mätzchen aller Art arbeitet, um seine Gegner niederzuringen, sondern ein echter Führer, der eine geschichtliche Mission zu erfüllen hat. Und da« ist das Geheimnis seines Erfolges: Weizmann überragt alle seine Mitarbeiter und Gegner dank seiner Intuition und Fähigkeiten, aber auch durch das Verantwortlichkeitsgefühl für das jüdische Schicksal, das zu seinem persönlichen Schicksal geworden tet Und darum stimmt es einem so tief traurig, daß man das Große, das er schafft, durch Kleinigkeiten, Parteihader und Persönlich-Menschliches zu verkleinern sucht. Die Labour-Party hält unbedingt an derBalfour- Deklaration fest Z ü r i c h, 4. August. (Jta.)’ Die politische Kommission führte heute eine Diskussion auf Grund des Berichtes des Professors Brodewski durch. Derselbe teilte der Kommission mit, daß der neue Kolonialminister Sydney Webt in offizieller Form die zionistische Exekutive verständigte, daß die Labour-Regierung nach wie vor an der Baifour-Deklaration festhalte und mit voller Sympathie die Fortschritte des Aufbauwerkes zwecks Schaffung des jüdischen Nationalheims in Palästina verfolge, Um die neue Exekutive Zürich, 2. August. (J. T. A.) Wie wir erfahren, bemüht sich Präsident Weizmann, daß Sacher in der Jerusalemer Exekutive auch für den Fall einer Koalitionsexekutive verbleiben soll. Diesbezüglich werden Verhandlungen gepflogen mit den linken und rechten Gruppen. Weiamann war nicht anwesend, zur Zeit, al« die Vertreter der Opposition sprachen. Nach der Rede Jalbotinsfkis trat er für eine Welle in den Saart. Der Kongreß bereitete ihm eine spontane Ovation eine Antwort auf den Applau« der Galerie m Ehren Jabotlnskis. Weizmann lächelte: vielleicht dachte er an eine andere, neuzeltliiichere Romantik, die vor allem eines kennt und würdigt: die Realität und die Ziffer. J. Appenszlartc. Sokolow und Motzkin als Vorsitzende des Kongresse«, Zum Vorsitzenden des Kongresses wurde Sokolow gewählt. Seine Autorität hat schon öfter die aufbrausenden Wogen der Leidenschaft beruhigt. Sokolows Stellvertreter Ist der joviale, objektive,- außergewöhnlich von sich zufriedene Motzkin. Aber auoh wir sind von ihm zufrieden. Alles kann er erklären, erläutern, sehr genau, wie Kindern, und wenn es nötig ist, gelingt es ihm leicht, mit einem Witz ‘einen allzu Stürmischen zu besänftigen. Wenn aber der Strom besonders reißend ud tief wird, dann steht Sokolow selbst auf, setzt sich auf den Präsidentenstuhl und alle warten ... Wie wird er den Ausweg finden? Keine Sorge: er findet Ihn bestimmt. Auf seinem unbeweglichen, olympisch-ruhigen Gesicht soll einen ein-geritzt zu sein die Worte: «Nichts Neues auf Erden.» In guten Augen blitzt ein verständnisvolles Lächeln auf — die dramatlache Situation verliert momentan an ihrer Spannung. Gewöhnlich beginnt er mit irgendeiner Anekdote und all« lauschen ihm zu, wte kleine Kinder dem Großpapa, dann klingt plötzlich seine Stimme lauter, er schiägt einen klugen Kampromißweg vor, da« gewöhnlich die Angelegenheit vertagt . .. Und nachdem sich das Meer beruhigt hat, übernimmt wieder Motzkin den Vorsitz. Wir haben zwei Speaker., die sich glänzend ergänzen. Dr. S. Schwarzbart. «Wenn es auch bei den Zionisten nicht üblich ist...» Nach der Pragrammrede hielt Weizmann eine kurze Ansprache, in der er seinen Mitarbeitern, den Mitgliedern der Exekutive für die Miühe der letzten zwei Jahre und für die Vertretung zur Zeit seiner Krankheit herzlich dankte. Die Aussprache beendete er mit einer Wendung: «Wenn es auch bei den Zionisten nicht Üblich ist zu danken . . .» Diese Worte wirkten unangenehm, beschämend. Im Saale wurde es ganz still. Man verstand den Vorwurf, Tags darauf erschien beim Präsidenten Weizmann eine Delegation der Vertreter aller Fraktionen, auch der Opposition, um ihm die Freude, wegen seiner Genesung auszudrücken und ihm für( seine Tätigkeit *•* danken.