Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1929-08-02 · Heft 84 (2.8.1929) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 84 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3053805-3053836--1178-3056510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Se*fe6 DIE STIMME Nh 84 Die Generaldebatte Reden von Berlin, Arlossorow, Jabotinsky, GrOnbannt, Stephen Wise u. a. (Eigenbericht der «Stimme».), Z Ü rieh, 31. Juli, Nach den Referaten von Ruppin, Weizmann, Rosenblüch und Grodetzky begann die Generaldebatte. Sie stand im allgemeinen auf einem sehr hohen Niveau und war stellenweise sehr stürmisch. Als erster spricht M e i r Berlin im Namen der Misrachi. Er betont die Notwendigkeit eines höheren Nationalismus in Palästina. Dieser höhere Nationalismus ist die wahre Religiosität, die jüdische Heiligkeit, von der alles, was wir m Lande tun, durchdrungen sein muß. Die Wirtschaft allein kann Erez Israel nicht aufbauen. Wahrhaft jüdische Erziehung tut not. D r. Arlossorow, der zweite Redner in der Generaldebatte, verurteilt vom Standpunkte seiner Gruppe die «Politik der starken Hand», welche zu Schaden der Arbeiterschaft von der Exekutive im Lande geführt wurde. Die Exekutive befindet sich deshalb auf dem Kongreß in einer schweren Vertrauenskrise. Der Redner glaubt an die Jewish Agency, weil er weiß: die Lebensmacht der jüdischen Arbeit in Erez Israel wird alle durchdringen, die am Aufbau Palästinas aktiv teilnehmen wollen. Er spricht sich für die Geschlossenheit der zionistischen Organisation in allen Ländern aus. Kaplansky (Poale Zion) hält die finanzielle Situation der Zionistischen Organisation nicht für befriedigend, da die Verminderung des Defizites der Palästinaregierung nur durch eine Erhöhung der Verpflichtungen des Keren Hajessods erzielt worden sei. Er erklärt, daß die Krisis der Arbeitslosigkeit in Palästina, von der Arbeiterschaft im Kampfe gegen die Exekutive und die Regierung liquidiert worden sei und wirft der Exekutive vor, sie habe sich der Landflucht der jüdischen Arbeiter gegenüber passiv verhalten und die Kontrakte mit den Siedlern nicht durchgeführt, ferner, daß sie den Plan der Survey-Commission in der ursprünglichen Form, die den Zionismus seines sozialen Gehaltes beraubt hätte, als Basis für ihre Tätigkeit habe annehmen wollen. Den bisherigen Modus der Agencywahlen betrachtet die Arbeiterschaft lediglich als einen Uebergang zur demokratischen Vertretung der jüdischen Massen im Aufbau Palästinas. Der Redner billigt Dr. Weizimann zu, in seiner Programmrede Verständnis für die Not Erez Jisraels an den Tag gelegt zu haben, glaubt aber, daß Dr. Weizmann sich eben dadurch ln Gegensatz zu seinen eigenen Mitarbeitern stelle. Von der zur Regierung gelangten englischen Labour Party erwarte die palästinensische Arbeiterschtfit eine neue ökonomische Politik in Palästina, vor allem die vermehrte Beschäftigung jüdischer Arbeiter in öffentlichen Unternehmungen, bessere Lohnbedingungen, unpart eiische Verteil ungder'Kronländereien und eine gerechtere Steuerpolitik. Abraham Gold'berg (Allgemeine Zionisten) tritt fair die Privatinitiative in Palästina neben der Landwirtschaft und für die Förderung der Industrie ein. Obwohl er das Programm der palästinensischen Arbeiterschaft gutheiße, lehne er Kolonisationscxperimente in Palästina ab. Redner kritisiert, daß man in den Juden Amerikas Immer nur die Geldgeber sehe und auch im materiellen Interesse der Sache nicht mit den jüdischen Kulturwerten, vor allem der hebräischen Sprache und der Jugendarbeit, zu Ihnen komme. Präsident Motzkin teilt mit, daß die Permanenzkommission folgende Resolutionskommission bestellt habe: Vorsitzender dies Kongreßgerichtes: Grcxnemann» Kongreßanwalt Dr. Barth, Vertreter des Kon-greßanwaltes Dr. Siegfried Moses, Hartglas«, Michael, Stone, Dr. Glückson, Süderbusch, Berl Kazenelson. Jabotiski (Revisionisten) untersucht die zionistischen Grundbegriffe, wobei er insbesondere das jüdische Nationalheim mit der Schaffung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina mit einer überwiegend jüdischen Mehrheit identifiziert. Die Lage in Palästina kennzeichnet er durch das bis heute ungeahndete brutale Eingreifen der palästinensischen Verwaltung bei den Vorfällen an der Klageimauer am Jom Kippur, sowie durch efen krassen Rechtsbruch gegenüber den jüdischen Kolonisten von Chederah in der Frage der Infiat-fööden. Die Verwaltung Palästinas gereiche England nicht zur Ehre. Er polemisiert gegen die zionistische Exekutive, die wieder einmal die Lage in Palästina als befriedigend bezeichne, weshalb natürlicherweise auch von der neuen Regierung in England keine Aenderung der Palästina-Politik zu erwarten' sei. Zur Frage der Jewish Agency bemerkt Jabotinski, der erwartete Gofdsegen sei ausgebUetoön, obwohl die Jewish Agency bereits als eine feststehende Tatsache bezeichnet werde. Die Exekutive habe die Agency- Beschiüsse des XIV. Kongresses, betreffend demokratische Wahlen, Ausschluß der Stimmrechtskumulation, sowie da« dreijährige Provisorium nicht ausgeführt. Den Schekel, der jedem Juden, ob arm oder reich, das gleiche Mitbesfimmungsrecht am Schicksal des jüdischen Volkes gewährte, werde durch die Erweiterung der Jewish Agency seinen moralischen Wert verlieren. Redner wirft der Exekutive vor, den Kongreß durch die Einberufung des Councils der Jewish Agency auf den 11, August vor ein präzedenzloses fait accompli gestellt zu haben, um ihm die Freiheit der Entscheidungen zu nehmen. Seine Partei lehne den Eintritt in die Jewish Agency ab, vor deren großen Gefahren er den Kongreß nochmals warne. S u p r a s k i (E r e z J i s r a e I) kritisiert die Ehiwanderungserschwerungen durch die Mandatsregierung, sowie das mangelnde Verständnis auch der Exekutive in dieser Frage. Insbesondere wendet er sich gegen die Ausweisungspolttik des Immigrationsdepartements der Palästina-Regierung. Die Protestbewegung des Jischuw, der sich auch die Exekutive angeschlossen habe, habe bereits Erfolge gezeitigt Die viel geschmähte 4. Alijah habe auch viel Gutes gebracht, so vor allem die rasche Entwicklung von Tel-Aviv, die Industrie müsse ebenfalls gegen Schwierigkeiten von seiten der Regierung kämpfen. Pflicht der Exekutive sei es, zu den Einwanderern, sowie den nach Palästina strebenden Massen ein herzlicheres Verhältnis zu unterhalten. Grün bäum (Radikaler) bezeichnet es als eine ungewollte Ironie, daß der Kongreß, der das Erbe Herzls liquidiere, in seinem Zeichen stehe. Die unglückliche Losung, daß wir nicht warten können, habe zur Verbindung mit Menschen geführt, die an das jüdische Volk nicht glauben. Weder Rothschild noch Marshall seien die Führer des jüdischen Volkes, sondern nur diejenigen, die das jüdische Volk selbst durch sein Vertrauen zur Leitung berufe. Die Zionistische Organisation gebe alles auf, was sie an Stoßkraft und revolutionärem Willen besitze, darüber hinaus führe das Kompromiß mit den Nichtzionisten zu einer Verleugnung auch der nationalen jüdischen Politik im Galuth. Redner wendet sich gegen die Fiktionen von nichtzionistischen Agency-Vertretungen, die beim ersten Zusammenstoß mit der Wirklichkeit auseinanderfallen werden, sowie gegen das unsinnige fifty fifty-Prinzip. Die Hauptverantwortung für die Erweiterung der Jewish Agency schiebt er der zionistischen Linken zu, die dem Plane zugestimmt habe, obwohl sie nicht unter dem Drucke gestanden sei wie Weizmann und die zionistische Leitung. Wenn der Kongreß noch etwas retten woTTe, so müsse er beschließen, daß die Jewish Agency durch den Beschluß der Zionistischen Organisation und nicht nur durch ein qualifiziertes Mehr der Agency aufgelöst werden könne, sowie, daß die Beschlüsse des Kongresses für die zionistischen Agency-Mitglieder verbindlich sein sollen, da der Kongreß sonst zu einer bloßen Vorbesprechungsinstanz herabsinken werde. Z 1 o t n i k (allgemeine Zionisten) berichtet über den schlechten Eindruck, den die Konkurrenzierung zwischen Keren Kajemeth und Keren Hajessod in Kanada, wo für beide intensiv gearbeitec werde, gemacht habe. Was die Jewish Agency betrifft, so könne der Kongreß dazu beitragen, das Prestige der Zionistischen Organisation zu steigern und sie zum Kern der Jewish Agency zu machen. Er fordert eine Revision des Wahlsystems zum Kongreß, da die allgemeinen Zionisten nicht ihrer Stärke entsprechend vertreten seien. In Palästina müsse an die Stelle der Parteierziehung die Volkserziehung als die Vorbedingung für twRlüwungem I. loh habe gegen Herrn Dr. Oskar Rosemifleld in eDnein Artikel der «Stimme» vom 11. Juli 1929 schwere Angriffe persönlicher Natur gerichtet. Ich stiebe fest, daß diese Angriffe zrur Gänze unbegründet sind und bitte Herrn' Dr. Osikar Rosien/feld von meinem aufrichtigen Bed'auem überzeugt zu sein. Elbiemsü bedauere ich dile iw der. Nummer vom 25, Ju'lS' gebrauchte Wendung von einer «böswilligen Verleumdung». Wien, am 29. Juli 1929. M. Groß, 0. In Abwehr 'eines gegen mach in der «Stimme» vom 11. Juli 1929 gerichteten Angriffes halbe ich gegen Herrn Chefredakteur Josef Zhnmermann (M. Groß) in der «Neuen Welt» vom 19. Juli 1929 An würfe persönlicher Natur erhoben. loh erkläre hiemit, daß diese Anwürfe auf unsachlichen und unrichtigen Informationen beruht haben und ziehe sie als unbegründet loyalerweise mit Bedauern zurück. Wien, 29. JuW 1929. Dr. Osikar Roöemfeld, Wie wir erfahren, hat auch das Landeskomiteie Herrn Dr. Rosenfeld sein Bedauern! 'über die gegen Ihn vorgeforaehten Anwürfe durch eiime entsprechende Erklärung zum Ausdruck gebracht. Anm. & Red. eine einheitliche jüdische Gemeinschaft treten, und ferner müßten dort für jüdische Massensiedlung größere Bodenflächen bereitgestellt werden. Morris M. (Allgemeine Zionisten), vermißt in der Rede Jabotiski« konstruktive Gedanken, Nur ein stärkeres Palästina könne die politische Lage bessern. Er gratuliert Weizmann, daß es ihm gelungen sei, die Juden Englands zum Palästinaaufbau heranzuziehen und betont die Notwendigkeit, daß die fraktionellen Kämpfe dem inneren Frieden innerhalb der Zionistischen Organisation weichen müßten. B1 u m e n f e 1 d (Allgemeine Zionisten) verteidigt die allgemeinen Zionisten gegen den Vorwurf der Flügelparteien, daß sie allein den Zionismus repräsentieren wollen. Alle Gruppen seien des inneren Kampfes müde geworden, und es müßten überall starke Landes- und nicht nur Dachverbände geschaffen werden, die alle Zionisten zu einer Einheit zusammenfassen. Redner verteidigt die Politik der Exekutive, die das Mögliche erreicht habe, besonders auch der Palästina-Exekutive, die von allen Gruppen der palästinensischen Bevölkerung bekämpft worden sei. Die allgemeinen Zionisten treten heute für eine Koalitionsexekutive ein, da die Zionisten sich auf eine gemeinsame Aktion einigen müssen. Jedes Mitglied einer solchen Exekutive müsse nach sachlicher Eignung gewählt werden und dürfe nur der Gesamtheit und nicht seiner Partei verantwortlich sein. Redner polemisiert gegen Jabotinsiki, der sich zu seiner Freude heute zur Demokratie bekannt habe, als Demokrat aber keine Politik außerhalb dieser Demokratie treiben dürfe. Die Jewish Agency bedeute kein Geschäft, sondern eine große Chance für die zionistische Organisation, die immer die Einheit der Juden angestrebt habe. Die Judenheit in verschiedenen Ländern sei noch nicht erobert, die Erweiterung der Jewish Agency sei aber schon heute notwendig, da Palästina eine längere Stagnation nicht ertragen könne. Bernhard (Allgemeine Zionisten) hält das Verhältnis zur Mandatarmacht noch nicht für befriedigend. Die Exekutive müsse die Mandatarmacht auf die Stimmung des jüdischen Volkes hinweisen. In den Reihen der Zionistischen Organisation seien Einheit und straffere Disziplin erforderlich. Besondere Aufmerksamkeit sei der Erziehungsarbeit zu schenken. In Rumänien bestünden zwischen Keren Hajessod und Keren Kajemeth keine Gegensätze, vielmehr helfen sich diese beiden Institutionen gegenseitig. D r. O 1 s v a n g e r (Allgemeiner Zionist), vermißt in den Referaten Berichte darüber, wie sich die Zionistische Organisation mit der Erziehungsarbeit in der Gaiuth beschäftigen solle. Die Wege der Erziehungsarbeit müßten geändert werden. Die Erziehung der Jugend gehe nicht nur den Misrachi an» sondern sei die Sache aller zionistischen Gruppen. Die Erziehung der jüdischen Jugend müsse gleichzeitig in Palästina und in der Galuth planmäßig durchgeführt werden. Dr. Schwarzbart (Allgemeine Ziom-Cs t e n) führt aus, daß die letzte Exekutive wieder angefangen habe, sich mit der Jugendarbeit zu beschäftigen Durch die Verkleinerung der inneren Schulden habe sie ferner die Vorbedingungen für eine Anleihe geschaffen. Ihre Organisationsenquete habe neue Methoden gebracht. Das Verdienst Sachers werde dadurch nicht verkleinert, daß er nrcht die Mittel wähle, die ihm. populär machen. Die Jewish Agency biete der Zionistischen Organisation eine große Chance. Sie wäre aber nicht notwendig geworden, wenn die Zionisten mehr für den Keren Hajessod geleistet hätten. Jabotinsky und Gnünbaum dürfe man nicht leicht abtun, daraus ihnen das jüdische Gewissen gesprochen habe. Dr. Reich (Allgemeine Zionisten) sieht in dier Jewish Agency die Fortsetzung der Herzischen Ideen, von den Juden nicht nur Geld zu bekommen, sondern auch ihre Herzen zu gewinnen. Die Zustimmung der Arbeiterschaft zur Erweiterung der Jewish Agency beweise deren Verantwortungsbewußisein. Mit der Zeit werde sich die Jewish Agency zu einer demokratischen Institution entwickeln^ wie ja auch der Zionistenkongreß nichtvon Anfang an demokratisch gewesen seL Die Agency werde ermöglichen, im Namen der gesamten Judenheit für den Keren Hajessod zu agitieren. Für das Provisorium m kämpfen, halte er für eine Naivität. Die Fitigelparteien, deren Verdienste er zu würdigen wisse, hätten sich, so fährt der Redner fort, nur unter dem Schutze der allgemeinen Zionisten entwickeln können. Die Exekutive müsse einheitlich über das Budget beschließen können und dürfe nicht von den Budgetforderungen der einzelnen Parteien abhängig sein. Stephen Wise (Allgemeine Z»o n^. s t e n) führt aus, die englische Regierung fördere nicht im geringsten die jüdische Aufbauarbeit in Palästina und behandle die Zionistische Organisation, wie dte ungesühnte Verletzung der heiligsten jüdischen Gefühle am Kotei Maiaravi beweise, mit Geringschätzung. Dies komme daher, daß wir nicht darauf dringen» nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.