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Die Stimme · 1929-08-02 · Heft 84 (2.8.1929) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 84 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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4 Nr. 8t wsr * TTO" Referat Prof. Brodetzky über die Aufgaben der Zionistischen Organisation (EigetibejAcht der «Stimme».) Nachtrag zur Eröffnungssitzung des Kongresses Ueber die Eröffnung des Kongresses erhalfen wir noch nachstehende weitere Schilderung: Die erste Sitzung war dem Gedenken an Theodor HerzI gewidmet. Die Eröffnungsizeremoni«, die gegen fünf Uhr nachmittags im Züricher Stadttheater begann, gestaltete sich dann auch, dem ernsten Anlaß entsprechend, einfach und würdevoll Saal und Tribünen waren von Delegierten und Gästen überfüllt Allein aus Palästina hatten sich außer den Delegierten etwa 400 Gäste evrogefunden, die in einem Sonderschiiff Palästina verlassen haben. Außer den Hunderten Delegierten aus alten Teilen der Welt wohnte der Eröffnungssitzung eine sehr große Zahl prominenter Gäste bei, die zum Teil von weither gekommen waren, um dem Kongreß beiwohnen zu können. Die Tribüne war mit viel Grün geschmückt; in der Mitte das schwarzumrahmte Bild Theodor Herzls. In der ersten Reihe der Tribüne hatten Präsident Dr. Weizmann, Nahum Sokolow und die Mitglieder der Weitexekutive sowie der Palästina-Exekutive Platz genommen. In der zweiten Reihe hinten saßen die Mitglieder des Präsidiums des Keren Kajemeth mit M. M. Ussischikin und des Keren Hajessod mit Dr. A. Hantke, die Mitglieder des Aktionskomitees mit Präsident Motzk'm und die höheren zionistischen Beamten. Weiter hinten saßen in mehreren Reihen die Vertreter der Presse. Es hatten sich Hunderte Pressevertreter zur Teilnahme angemeldet, unter ihnen Vertreter der größten Zeitungen und Presseagenturen. Als Dr. Weizmann auf der Kongreß tribüne erschien, wurde er mit einer rauschenden Ovation empfangen, die mehrere Minuten andauerte. Die Ovationen wiederholen sich beim Erscheinen der anderen Führer der Bewegung. Dr. Weizmanns Eröffnungsansprache wurde mit atemloser Stille aufgenommen. Seine Theodor Herzl gewidmeten Gedenkworte, die er in bewegtem Ton vorbrachte, machten tiefen Eindruck. Das große Interesse galt jenen Stellen in seiner Rede, in denen er die besonderen Aufgaben des Kongresses, die Zusammenarbeit mit der Jewisth Agency und die Zukunft der Zionistischen Organisation nach Einrichtung der Agency umriß. Ais er endete, erscholl wiederum min Uten langer Beifall. Es erhob sich nun der Präsident der Weltexekutive Nahum Sokolow, den jahrelange intime Freundschaft mit Theodor Herzl verband, um die Gedenkrede auf den vor 25 Jahren verstorbenen Führer zu halten. Seine Rede trug den Titel: «Theodor Herzl und die Zionistische Organisation.» Die mit poetischem Schwung in einem farbigen Hebräisch vorgetragene Ansprache, in der Sokolow verschiedene Bibelstellen variierte und auf Herzl anwairdte, hielt dre Zuhörer im Bann. Als er schloß, herrschte tiefe Ergriffenheit im Saale. Bll nfenull SBHEH- 0. HERHEH-MODEHflUS des 1H. srliu 11 l I. IHN G, Zürich, 30. Juli. Prof. Brodetzky hob einleitend hervor, daß für die Zionistische Organisation durch die Erweiterung der Jewish Agency ganz neue Aufgaben erwachsen. Es unterliegt keinem. Zweifel, daß sich die Zionistische Organisation und die Agency gegenseitig beeinflussen werden. Der Referent schlägt die Schaffung eines Propagandabureaus vor, das aus vier Abteilungen bestehen soll: Eine für diesen Teil des jüdischen Volkes, welches unter dem Einfluß der hebräischen und jüdischen Kultur steht, ferner für die Juden im deutschen, englischen und spairtoifschen Ktriturkreis. Prof. Brodetzky steift mit Bedauern fest, daß man die zwei letzten Gebiete bisher vernachlässigt hat. Palästina muß zutn Zentrum werden, von dem jede zionistische Propaganda, ohne Rücksicht auf die Sprache und Gebiet, ausgehen soll. Schließlich behandelt Prof. Brodetzky die Frage der Vereinheitlichung der Zionistischen Organisation und Stä-hkung der Disziplin, welche Probleme zu den wichtigsten der nächsten Zeit gehören. Zu diesem Zwecke soll auch der Territorialverband in jedem Lande als obligatorisch eingeführt werden. Die Weltkonferenz der „Hitachduth“ Dr. Chaiffl Tartakower (Zürioh). Donnerstag, den 25. Jali abends eröffnete Josef S p r i n t a k die Konferenz. Dies geschah in der formlosesten Weise, denn man trat sofort ln raedias res. Sprintak gab einen Ueberbllok über den Stand der Hitachduthbewegung und erklärte, daß man, trotz des augenfälligen Wachstums derselben, nicht zufrieden sein könne: es sei noch nicht gelungen, jene Einheitsfront zwischen der zionistischen Jugend des Golus und dem arbeitenden Jlschuw herzustellen, wie sie den Schöpfern der Bewegung vorschwebte. Die Hitachduth sei nicht geschaffen worden, um zu den bereits bestehenden zionistischen Parteien noch eine neue hinzuzufügen, sondern um die zionistische Bewegung so zu erneuern, daß das echte zionistische Ziel, die Schaffung eines produktiv lebenden Volkes in Erez Israel und in der Galuth erreicht werde. Eine Tatsache aber sei mit außerordentlicher Genugtuung zu verzeichnen: die Entstehung und die wunderbare Entwicklung der Gordonia-Jugendbewegung. Hier sei eine Bc weguaig in Entwicklung begriffen, die an den Geist und die Traditionen des Hapoel Hasair und A. 0. Go’rdons anknüpft und sie ehrlich fortsetzt. Ueber die Verhältnisse in Amerika referierte Dr. Arlosoroff. In einer ungemein fesselnden Art entwarf er ein anschauliches Bild über den Stand des Judentums dieses Landes. Er konstatierte, daß der durch die Emigration eingeleitete Prozeß der Beeinflussung des amerikanischen Judentums jetzt, da diese Emigration eingestellt sei, zum Abschluß gelangt sei. In gewissem Sinne stellen die verschiedenen jüdischen Gruppen erstarrte Denkmäler des jüdischen Museums von Amerika dar. Adle diese Gruppen befinden sich im Zustande der Erstarrung imd% des Unterganges. Die jüdische Arbeiterbewegung, die jiddische Literaturbewegung, alle sind sie dem Untergange geweiht, wenigstens in ihren heutigen Formen. Neue jüdische Kräfte seien in der englisch erzogenen Jugend ln der Entstehung begriffen, auf die alle jüdische Renatesancebewegiutigen zu konzentrieren sind. Es gebe zirka 40.000 jüdische Studenten in den Vereinigten Staaten. Unter diesen gebe es zirka 5000, die heute-schon einer Beeinflussung in zionistischem Sinne fähig sind. Es müßte ein eigenes englisches Organ hlefür geschaffen werden. — Aber einerseits habe die zionistische Organisation Amerikas biefür nicht das Verständnis, anderseits fehlen der Hitachduth hiezu die Mittel. Amerika sei daher ein ungemein wichtiges Problem, dem sich die Bewegung mit allem Ernste wird zuwenden müssen. Sodann referierte Ghawcr Chanoch aus Palästina über die nächste Arbeit der Hitachduth. Er forderte: 1. ) Die Intensivierung der Parteiarbeit, wie sie mustergültig in Galizien geleistet wurde. Er fordert ein Parteiorgan in hebräischer Sprache. 2. ) Die Stärkulng der zioitlstische« Organisation durch Schaffung des Territorialverbandes an allen Orten. 3. ) Die hebräische Kulturarbeit in Form einer vertieften hebräischen Volksarbeit. Die hebräische Bewegung sei gewachsen und sei die Zeit gekommen, sie in eine konkrete Organisationsform zu gießen. Die politische Arbeit müsse auf der Organisierung der hebräischen Kräfte basiert werden. _ rT t . . . 4. ) Konstruktive soziale Arbeit. Die Hauptaufgabe sei die Zi o n i s i e r u n g der jüdischen Arbeiter. Auf das Referat Chanoch folgte das Elles er Kaplans über die «Vereinigung der beiden palästinensischen A rib e ite r pa r tele n». Nach der Meinung des Referenten schwebte dem Schöpfer der Hitachduth in Prag die Schaffung einer einheitlichen Organisation aller sozialistisch-zionistischen Elemente im Zionismus vor. Hiefür sei jetzt die Zeit reif geworden. Der «Hapoel Hasair» müsse aufhören eine intime Gruppe zu bilden, sondern eine weitverzweigte Arbeitspartei, Diese müsse auch im Interesse des Zionismus Anschluß an die sozialistische Internationale finden. Referent führt eine Acußerung des Führers der Achduth-Haawoda, Ben- Gurion an: Im Zionismus iühle er sich nicht lOOprozenüg als Zionist, da er mit gegnerischen Gruppen Kämpfe ausfechten müsse. Hingegen fühle er sich als lOOprozenügen Zionisten innerhalb der Arbeiternationale, wo er lediglich die jüdischen Interessen zu vertreten habe. . Sodann setzte die Debatte über die Vereinigungsfragc ein. Sie wurde für Palästina von allen Rednern als ein fait accompil angesehen, aber die Stellung zu diesem Problem war absolut nicht einheitlich. Der Referent Chanoch hob in seinem Referate hervor, daß in bezug auf die Galuth der Vereinigung ein faktisches längeres Zusammenarbeiten voräusgehen müsse. Dies sei ja auch in Palästina der Fall gewesen. Ging doch dem «Ichua» ein jahrelanges Zusammenarbeiten in der Hitachduth voraus, Gegen den Icbud, auch in Palästina, traten Männer auf, die seit vielen Jahren dem Hapoel Hasair angchören Wir nennen in erster Linie den Chawr Zaslawski, einen der mustergültigsten Siedler in Nahalai. Zwi-Lufa, ein iangjährgies Mitglied, das auf dem Gebiete der Pflanzungen sehr große Erfahrungen besitzt, Twersky, den gewesenen Finanzreferenten m Tel-Avrv. Es ist sehr interessant, daß auch Oh. Werlinsky, der aus Sowjet-Rußland nach Erez Israel kam, gegen den «Ichu/d» war. , , Diese alten Kämpfer des Hapoel Hasair können sich mit dem Gedanken nicht aussöhnen, daß der Hapoel Hasair, der erst -die originale jüdisch-zionistische Anbeiterbewegung geschaffen hat, jetzt verschwinden soll. Es sind jedoch nicht bloß Gründe der Tradition, die bei ihnen mitspielen, sondern die tiefe Ucberzcugung, daß der Hapoel Hasair sich lediglich von den wahren, tiefen Interessen des jüdischen Volkes leiten ließ, den eigenen Gesetzen folgte, und sich niemals solche von außen aufdrängen ließ. Für den Ichud sprach mit tiefster Ueberzeugung Josef Baraz, ebenfalls ein Veteran der Arbeiterbewegung, ein wahrhaft Prominenter in Daganiah. Die Debatte stand auf einem außergewöhnlich hoben Niveau. Die Meinungen wurden mit einem Emst und Verantwortungsgefühl vorgetrageu, die unserer Sache wahrlich Ehre bringt. Dabei ging alles formlos vor sich, nicht wie boi großen Debatten auf großen Tagungen: Intim, würdevoll, echt, frei von jedem Sprechen zum Fenster hinaus. Mau darf es ruhig sagen: Der Hajpoel Hasair offenbarte Hinter den Kulissen des Kongresses (Eigenbericht der «Stimme») Im Sitz der Exekutive. Die Mitglieder der zionistischen Exekutive wohnen Im Grand-Hotel, auf einem hohen Berg, aus welchem man einen herrlichen Ausblick auf Zürich und die Schweizer Alpen hat. Es wohnen dort Weizmann, Sokolow mit seiner Familie, Sacher, Vlsh, Frau Henriette Svold, Rosenblüth und Prof. Brodetzky. Oft werden im Hotel die Sitzungen der Exekutive abgehalten, welche bis m die späte Nacht dauern. Weizmann und Sokolow verbleiben während der Kongreßpausen in ihren Appartements; oft dagegen begegnet man Herrn Sacher, dessen Person allgemeines Interesse erweckt. Es werden Gerüchte in Umlauf gesetzt, wonach Sacher aus Palästina nach London über siedeln wird, wo er die politische Arbeit der Exekutive leiten wird. Sacher selbst äußerte sich dagegen, daß er an das Verlassen Palästinas rocht denkt. Allgemeines Interesse erweckt die grauhaarige Frau Henriette Svold, deren Arbeit in 'der Exekutive bei allen Gruppen Anerkennung findet. Bari. Brodetzky und Felix Rosenblüth konferieren shmdeotero?; ntU den Fraktionsführern, und Colonel Vteb empfängt die Repräsentanten der Regierungen^ (SfeAfotn Kongresse als Gäste beiwohnen. jjlRjjfrdfocb der Ucbtvtiedfamg ins Stadttheater. jPKongreß fcefctte heute an den Schauplatz seiner EweraamrofaM« zusücfc, in das Stadttheater. Die Ueber Siedlung geht natürlich nicht reibungslos vor sich; der Umtausch der numerierten Eintrittskarten Ist eine umständliche Sache. Dennoch atmen die Kongreßteilnehmer in dem weiten, würdigen Sitzungssaal sichtlich auf. In anstrengender. Nachtarbeit ist das Notwendigste vorgekehrt worden. Präsidium und die übrige Koiigreßleitung haben auf der Bühne Platz genommen; seitlich, gegen das Proszenium, ist ein Rednerpult errichtet worden. Präsidialtisch und Redner platz sind mit Mikrophonen versehen, die vermutlich die Uebertragung der Reden in das Kongreßhaus zur «Kaufleuten» besorgen. Die Presse hat nunmehr auf der Bühne, in den Logen und auf der Parkettes trade geeignete Arbeitsplätze erhalten. . Das Organisationskomitee ist durch einen unerwarteten Zuzug von Interessenten Überrascht worden. Es sind nach vorsichtiger Schätzung 2500 bis 3000 Fremde in Zürich, die dfe Verhandlungen verfolgen wollen. Aus Amerika sind 250 statt der angemetdeten 100, aus Palästina 300 statt 150 Kongreßteilnehmer eingetroffen. Daher das Gedränge in dem von Anfang an schon aufs knappste bemessenen Kaufleutensaal. Das Stadttheater weist bereits eine starke Besetzung auf, namentlich In den RflngSn; einzig im hintern Parkett gibt es noch Lücken.: Df, Rttppfei. In den Wandetgängeu des Stadttheaters wird! die Frage lebhaft erörtert, ob Df. R.tippln ln die neue Exekutive eintreten wird. Diese Frage Ist deswegen von großer Bedeutung, wen mit der Erweiterung der Agency des Schwetpmjfct der Arbeit ine Kofonfeationsamt verlegt werden soll, dem bekanntlich Dr. Ruppin bis zum XV. Kongreß vorgestanden bat. Manche behaupten nun, Dr. Ruppin, der sich auch der Sympathien der amerikanischen Kreise erfreue, sei bereit, das verarrtwor tu ngs volle Amt wieder zu übernehmen. Andere hinwiederum, die Dr. Ruppin nahestehen, wollen wissen, daß er nur dann bereit wäre, das Amt zu übernehmen, falls ein gesondertes Departement für Ansiedlung, mit einem besonderen, autonom zu verwaltenden Fonds ausgestattet, gegründet werden würde, dessen ausschließliche Aufgabe die Siedfungstätigkeit wäre; die Leitung eines derartigen Departements wäre er dann gerne bereit zu übernehmen. Im Caf6 Neumann. Das Caf6 Neumann ist der «Salon» des Kongresses, Dort sind alle Prominenten zu finden, der ganze intellektuelle Stk) des Weltjudentums: POptiker, Gelehrte, Schriftsteller, Künstler. Durch die Drehtüre kommen immer neue Gäste herein, aus allen Ländern, aus der ganzen Wett. Gespräche, Begrüßungen, berühmte Namen, bekannte Gesichter. Plötzlich eine Bewegung bei den Tischen: — Rowina l Rowina! How so you so? Rowlna’, Schalom! Zdrastwujtle Rowina! Com me nt ca va, Rowina! Hailoh, Rowina! Und sie, die geniale hebräische Schauspielerin, bleich und schlank, geht federnden Schrittes durch den Saal, nähert sich dem JournaUsterrtisch und fragt sofort — ohne Einleitungen —, was für Kongreßneulgkeiten es gibt. Man sieht es Ihr an: sie fühlt sich hier am Kongreß wie in Ihrer Heimat, ’m der Heimat de« jüdischen. Kunst Diese Heimat das ist der Zionferoofe

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