Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 83 (30.7.1929)
- Date
- 1929-07-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6 DTE STIMME Nr. 88 Bevor Sie reisen - infolge niemer Beulen spofiDiUfO! kommen Sie zu uns! Badeanzüge, FrottlermSntel, Pyjamas, Damen-, WflronhftlfS Herren- und Klnder-Wäsohe, Strumpf- und Strickwaren etc» En gros - en detail Bariilfaril Bergmann l*t RABINSTIIO 3 (Eoke Selten$tettengasse( Presseschau Stimmen zum Kongreß und zum Council Wien, 30. Juli. Am Vorabend des Kongresses beschäftigt sich die gesamte jüdische Presse, ohne Rücksicht auf Parteischattierung und Sprache, in der sie erscheint, mit dem Problem: Kongreß und GouacH. Der Wendepunkt in der Geschichte des Zionismus findet ein lebhaftes publizistisches Echo in der ganzen Welt. Im allgemeinen herrscht in Palästina, wie auch in allen Ländern der Zerstreuung, eine optimistische, zuversichtliche Stimmung, wie es die von uns zitierten Pressestimmen beweisen. In der Prager «S e 1 b s t w e h r» lesen wir: «Uns erscheint der gewiß sehr wesentliche Unterschied, der trotz der definitorischen Schwierigkeiten zwischen zionistischen und nichtzionistischen Mitgliedern der Jewrsh-Agency besteht, sich mit Hilfe dessen, was wir oben über den Kongreß gesagt haben, folgendermaßen fassen zu lassen: Der Zionist hat eine Geschichte, der Nichtzionist keine. Darin liegt alles. Geschichte haben, heißt: einen ausgeprägten Charakter haben. Geschichte haben, heißt verpflichtet sein. Geschichte haben, heißt schöpferisches Material haben. Und das Bewußtsein von all dem formt Geist und Leben, und vor allem den Willen zur Tat und zum Opfer. Wer keine Geschichte hat, hat noch alle Möglichkeiten. Aber sie sind vage und schwankend. Der Zionist ist ein beschriebenes Blatt, er hat Tradition, aber er ist auch gebunden und hat eine bestimmte Marschroute. Der Nichtzionlst ist ein unbeschriebenes Blatt. Es kann noch alles darauf geschrieben werden, aber — es kann auch leer bleiben.» «. . . Sollen Kongreß und Council den Erwartungen entsprechen, welohe der Palästina-Aufbau und heute die ganze Welt an sie stellen, dann darf wohl dieses Bewußtsein den Kongreß und den Zionismus nie verlassen, aber es darf ihnen nicht den Anlaß zur Ueberhebung geben und dadurch das Verhältnis der beiden Palästinapartner trüben. Im Gegenteil, das Bewußtsein unseres Wertes als Zionisten, legt uns die Pflicht auf, die ungeheure wahrhaft historische Chance, die sich dem Palästinaaufbau und vor allem dem ganzen jüdischen Volk durch die Möglichkeit der Zusammenarbeit der geschichtlichen Zionisten mit den geschichtslosen Zionisten bietet, auszunützen. Dann werden sie Urheber und Schöpfer eines neuen geschichtlichen Bewußtseins werden, welches Zionisten und Pailästinafreunde vereint.» Das «Jüdische Echo» (München) schreibt: «Von diesem Kongreß muß ein Zusammenschluß der zionistischen Reihen zu einem neuen nationalen Vorstoß ausgehen. Wie ernsthaft die Exekutive gerade die Behandlung dieser Gegenstände vorbereitet hat zeigt der Umstand, daß neben einem Referat des Mitglieds der Exekutive, Professor Selig Brodetsky, über «Die Aufgaben der Zionistischen Organistation in der Zukunft» auch eines von Izchak Grünbaum, der doch seit langem im politischen Gegensatz zur Exekutive steht, über «Aufgaben und Organisation der hebräischen Kulturarbeit in der Galuth» auf der Tagesordnung des Kongresses angesetzt ist. Was nun auch Grünbaum vorschlagen mag: es ist ein glücklicher Gedanke der Exekutive, gerade ihn diesen Gegenstand behandeln zu lassen; einmal weil Grünbaum seit langem seine ganze Kraft der zionistischen Kulturarbeit und Tagespolitik in der Galuth widmet und deshalb sicher viel Positives zu sagen haben wird, dann aber auch, weil sie damit eigt, daß mit dem XVI. Kongreß tatsächlich eine jeue Periode der zionistischen Arbeit beginnen soll, die, durch innerzionistisches Verständnis und innerzionistische Einigung ausgezeichnet die Verwirk- /Tchung der zionistischen Idee verbürgt.» Die «Kölner Jüdische Wochenschrift» bespricht das Arbeitsprogramm des Kongresses und schreibt unter anderem: «Das Verhältnis zu den Arabern, die stärkere Heranziehung des jüdischen Arbeiters zu den Regierungsarbeiten, Ausbau des Kwuzah und Moschawsystems, Kodifizierung des palästinensischen Rechts, (eine Angelegenheit von besonderer Bedeutung 1) und viele andere Fragen werden die berufenen Vertreter der Zionisten der Welt zu behandeln und zu lösen, oder mindestens einer Lösung näherzubringen haben. Man sieht, daß das Arbeitsprogramm des 16. Zionistenkongresses sowohl im Umfang als auch in der Tiefe außerordentlich ist. Wir hoffen und wünschen, daß dem Werke dieser Männer der glückliche Erfolg beschieden sein wird. Es geht um die Zukunft unseres Landes und unseres Volkes!» Das Verhältnis zwischen der Exekutive und der Arbeiterorganisation im Zusammenhang mit Kongreßtmd Jewish Agency-Problemen bildet den Gegenstand Mer Erwägungen der Berliner «Jüdischen Rundrehau*: «Das Verhältnis zwischen der Exekutive und der Arbeiterorganisation ist leider ein äußerst gespanntes geblieben. Die Arbeiterorganisation ist der Meinung, daß alles Wesentliche in dieser Kongreßperiode von ihr geleistet wurde und die Exekutive nur gestört hat; während die Exekutive, ohne die positiven Seiten der von der Arbeiterschaft ausgehenden Initiative zu würdigen, die Forderungen der Arbeiterorganisation durchwegs für einem bloß agitatorischen Bedürfnis entsprungen hält, mit den ernsten Grundsätzen einer verantwortlichen Finanzpolitik nicht in Einklang zu bringen. Es scheint uns eine Hauptaufgabe des Kongresses zu sein, diese psychologische Situation des gegenseitigen Mißtrauens, die im Verlauf der beiden Jahre auch noch mit allerhand Affekten belastet wurde, abzubauen. Eine Zusammenarbeit von Palästina-Exekutive und Arbeiterschaft ist ein unerläßliches Erfordernis unserer Palästinaarbeit, und sie müßte auch für die Zukunft wieder gesichert werden, ob sie nun in der Zusammensetzung der Exekutive einen formellen Ausdruck findet oder nicht. Die Konzentration aller zionistischen Kräfte, die Schaffung einer auf eine breite Mehrheit gestützten Leitung ist eine Forderung, die beinahe von allen Gruppen vertreten wird; soweit wir sehen, sind nur die polnische Gruppe Eth Liwnoth und die Amerikaner in diesem Punkt zurückhaltender. In Deutschland zum Beispiel sind bei den Kongreßwahlen sämtliche Parteien für eine Koalitions-Exekutive eingetreten. Vielleicht ist unter der Oberfläche der öffentlichen Diskussion der Gegensatz gar nicht so erheblich, wenn erst der wirkliche Wille zu einer nationalen Einigung bestünde. Aber Koalition ist ein politisches und kein admini- Prof. Senquin ’ft. Resepfe. u. Ulet&iuijit Verlagsexpedition: M. Fritz Sußmann, Wien, 1„ Tel U 24-4-43 Salstorgasse 7 Tel 1/24 4-0 stratives Prinzip, und die Schwierigkeit, einen großen Verwaltungsapparat, wie ihn nun einmal die Arbeit der Palästina-Exekutive darstellt, kraft eines politischen Prinzips zu regieren, bleibt bestehen, wer immer in der Leitung sitzen mag. Der Kongreß wird daher einen Weg finden müssen, um die reine Wirtschaftsverwaltung von der politisch zusammengesetzten Leitung abzulösen. Einen Weg hierzu zeigt der seit Jahren von Dr. Ruppin vertretene Plan eines selbständigen Kolonisationsinstitutes, für dessen Durchführung vielleicht auch der Moment der Agency-Erweiterung günstig ist.» Im Kapai Jedioth» (Tel-Awiw) schreibt der Führer der palästinensischen Arbeiter,, Bin Gurion: «Wir werden am zionistischen Kongreß eine klare Stellung einnehmen: Wenn die Bedingungen bezüglich der Aufstellung der Jewish Agency, die durch den Kongreß und durch das Aktionskomitee bestätigt worden sind, nicht gesichert werden, werden wir gegen die Agency mit derselben Kraft und Energie kämpfen, mit der wir seinerzeit den Plan der Expertenkommission bekämpft haben. Wir haben aber keine Angst vor einem Provisorium. Wir wollen nicht, daß der Plan der Jewish Agency zunichte gemacht wird. Kein größeres Unglück für den Zionismus ist denkbar, als die Auflösung der Agency. Wir gehen zu.m Kongreß mit dem heißen Streben an der inneren Struktur der Agency zu arbeiten, bis sie zu einer vollständigen und demokratischen Vertretung des ganzen jündisohen Volkes geworden ist.» In dem Krakauer «N o w y 0 z i e n n i k» schreibt Dr. W. Berkelhammer Über Kongreß und Jewish Agency: «Wir sind tief überzeugt, daß die Idee der Erweiterung der Jewish Agency begründet ist in dem Geiste und den Intentionen des Schöpfers des politischen Zionismus, Theodor Herzl. Sollte es aber nicht der Fall sein, sollten unsere Freunde vom revisionistischen und radikalzionistischen Lager, die das Entgegengesetzte behaupten, Recht haben, dann bedeutet auch in diesem Falle die Erweiterung der Jewish Agency eine unbedingte Notwendigkeit des jetzigen Stadiums der Entwicklung des zionistischen Gedankens und der zionistischen Bewegung. , . , . . , Gleichzeitig wird aber der XVI. Kongreß altes tun müssen, um die zionistische Organisation zu stärken. Gerade angesichts der erweiterten Jewish Agency muß die zionistische Organisation kräftiger werden. Wenn sich verschiedene Strömungen innerhalb der zionistischen Weltorganisation bekämpfen — ist es eine normale Erscheinung. Dennoch sind nicht alle Formen, in denen sich dieser Kampf abspielt, gesund und normal. Diesbezüglich muß eine radikale Besserung eintreten. Möglich wird sie nur dann sein, wenn guter Wille und opferbereiter zionistischer Patriotismus bei allen Gruppen vorherrschen werden.» w. Kongreßstimmung in Zürich (Eigenbericht der «Stimme».) Die letzten Tage vor dem Kongreß bilden für das Kongreßbureau den Höhepunkt seiner Tätigkeit. Die Arbeitszeit wird nicht mehr von Pausen unterbrochen, bis tief in die Nacht wird gearbeitet, um am anderen Morgen in aller Frühe wieder zu beginnen. Die Scharen Neuankommender müssen untergebracht, die Konferenzen vorbereitet, die gewaltige Post erledigt, Delegierte, Gäste, Presse zufriedengestellt werden. Seit Sonntag ist der Empfangsraum in den Hauptbahnhof verlegt worden, wo die Zimmer zugewiesen und die ersten Auskünfte erteilt werden. Dort feiert man auch das erste Wiedersehen^ und manch einer vergißt die «schreckliche Hitze», wenn er die Kollegen von früdas gemeinsame Ideal bereit sieht. Die ersten Delegierten sind Sonntags angekommen, unter ihnen Miß Szold, Stephen Wise und Ussischkin, der von der ganzen jüdischen Jugend ins Hotel begleitet wurde. Den ersten offiziellen Hammcrschlag führte Fräulein Mechner, damit die Eröffnung der Wizo-Konferenz ankündigend. Die Nationalfondskonferenz begann am Montag sofort mit ihrer Arbeit. Ussischkin verdankte im voraus alle Begrüßungsreden, ohne sie anzuhören, und setzte sofort mit einem weit ausholenden Referat ein. Am Dienstag hat der Nationälfonds mit der Debatte begonnen, besonders hitzig ging es um die Frage der Privatinitiative in Palästina, die von einer Seite als Unglück, von der anderen als der momentan einzig mögliche Weg zur raschen jüdischen Besetzung des Landes bezeichnet wird. — Jeden Tag treffen neue Delegierte ein, die Exekutive findet sich langsam aus allen Weltteilen zusammen, neue Gesichtspunkte werden in die Debatte geworfen, so daß man halbtäglich neue Situationsberichte schreiben könnte. Das Korigreßdeutsch wird zugunsten des Hebräischen dauernd zurückgedrängt, man hört außerdem sehr viel Englisch. Auch das Kongiwßgericht hat die Tätigkeit bereits aufgenommen, der Vorsitzende Dr. Sammy Gronemann scheint, da man ihn öfters in den Couloirs, sieht, am «Tohuwabohu» des Kongreßbetriebes große Freude zu haben. Jeden Tag beginnen neue Konferenzen; Presseempfänge sind angesagt. Vor dem Gebäude «Zur Kaufleuten» herrscht große Bewegung, Auf die Tagung des Wizo folgt sogleich diejenige des Keren Kajemeth und es giot scheinbar nicht wenige, die sich die Gelegenheit nicht wollen entgehen lassen, dieser wichtigen Tagung beizuwohnen oder interessante Eindrücke zu sammeln. Der Eingang zum neuen Saal ist sehr einladend. Von allen Seiten blinken schmeichelnd große Spiegel dem Eintretenden entgegen. Alles ist auf die gemütliche Note abgestellt. Das merkt man besonders im geschmackvoll eingerichteten Vestibül mit der modernen Garderobe, neben der die Stände für Kongreßkarten und Bücher den besonderen Ton angeben. Der intime Saal mit indirektem Licht wirkt sehr stimmungsvoll. Allmählich füllt sich der Raum mit den Delegierten und Gästen. Gegen 9 Uhr betritt das Präsidium mit Ussischkin an der Spitze die Bühne. Ussischkin begrüßt die Versammelten mit einer kurzen hebräischen Ansprache, in der er auf den besonderen Moment dieser Tagung und suf die neu auftauchenden Probleme hinweist. In dieser Tagung sollen die Direktiven für den Kongreß ausgearbeitet werden. «Wir wollen keine pathetischen Phrasen machen, sondern mit der größtmöglichsten Sachlichkeit die Fragen unserer Bodenpolitik in der Zukunft erörtern.» Diesem Streben nach Sachlichkeit war es offenbar zuzuschreiben, daß Ussischkin ganz leise und nüchtern seine Ausführungen darbot und den Vorschlag machte, auf die offiziellen Begrüßungen zu verzichten. Von den Wiener Zionisten erschien hier eine ziemlich bedeutende Anzahl von Gästen. Der Delegierte der allgemeinen Zionisten Oesterreichs, Doktor Friedmann waltet bereits als Kongreßrichter seit einigen Tagen seines Amtes. Dr, N. M. Gelber leitet das Sekretariatsbureau des Kongresses. Ueberdies sind zur Unterstützung der Bureauarbeiten des Kongresses vom zionistischen Landeskomitee Oesterreichs Fräulein Hayek und Fräulein Braunstein beordert worden. Enthusiastisch geradezu gestaltete sich der Empfang der Wiener Jugend, die unter Leitung des «Erez Jisrae!» in Wien am Züricher Bahnhof offiziell begrüßt wurde. Alles wartet fieberhaft auf die FtrAffnung^/tzuo/f am Sonntag.