Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 83 (30.7.1929)
- Date
- 1929-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Srife 4 atB srwm Nr. 83 * TTSmOTliPO _ nujynwuirr i-znunawoNGRE^ Eröffnungssitzung Von unserem T.-N.-Sondcrberichterstatter. Zürich, 28. Juli. Das Züricher Stadttheater ist belagert. Es herrscht )errHches .Wetter und eine unübersehbare Menschenmenge, die gerne Einlaß haben möchte, versammelt sich. Einheimische und Fremde, Sonntagsausflttgler und Kongreßgäste bevölkern den Kai, die Autos können sich kaum einen Weg bahnen. Es gibt 1650 Plätze, mehr aiber als 5000 Einlaßbegehrende. Die Ordner haben eine schwere Aufgabe zu bewältigen. Die blauweiße Fahne am Gebäude des Stadttheaters dient als .Wegweiser in den gastlichen Straßen der Stadt. * Der Saal ist überfüllt. Warmes Licht Überflutet den Saal. Festliche Kleidung verleiht dem herrlichen Bilde den Rahmen. Eine zum Greifen kondensierte Energie füllt den Raum. Man sieht wohlbekannte Köpfe, markante Gesichter. Auf der Bühne ist der Raum für das Aktionskomitee, prominente Gäste und Presseberichterstatter reserviert. Im Hintergrund ein großes Herzl- Büd. Allmählich beruhigen sich die brausenden Wogen der Erwartung, die Stunde der Eröffnung naht. Weihevoll, wie der Sabbatheingang bei einem gläubigen Juden, wird die Stimmung, sie gilt dem Erwecker der In dem jüdischen Volke schlummernden Kräfte — ■Theodor Herzl. Unter brausendem Beifall schreiten Weizmann und Sokolow vom .Tribüneneingang auf ihre Plätze. Blitzlichter Wenden das Publikum. Die Versammlung erhebt sieb. Bald mahnen die traditionellen drei Hammersetriäge zurr Ruhe. .Weizmann spricht. «Unsere ersten Worte gelten dem Schöpfer des Zionistenkongresses, Theodor Heral, der vor 25 Jahren von uns gegangen ist.» Die Worte Weizmanns werden leise gesprochen, verraten Uebermüdimg, doch bald klingen sie kräftiger in den Saal. Er spricht von der Bedeutung des Kongresses, insbesondere des gegenwärtigen, der ein neues Organ, die Jewish Agency, zu schaffen hat. Dieses neue organisatorische Gebilde ist der Beweis, daß wir noch nicht am Ziele sind. Unser Weg ist vor uns, wir sehen ihn. Jede Neuerung braucht Zeit, die Bildung der erweiterten Jewish Agency begann vor sechs Jahren!5 «Wir Zionisten — sagt Weizmann — sind die zentripetale Kraft für die jüdischen Energien der ganzen Welt Jetzt steht vor uns der Weg offen, um die Botschaft des Zionismus in jede jüdische Hütte zu tragen.» Weizmann stellt dann die Besserung der Lage in Palästina fest und zollt .Worte der Anerkennung dem Jüdischen Siedler, dem jüdischen Arbeiter und dem jüdischen Lehrer in Palästina, die die Scholle, die jüdische Arbeit und die hebräische Sprache erobern. Weizmann begrffßt den Vertreter des Schweizer ßundesrates, Herrn Streuli, den britischen Gesandten Minister Wüiam Rüssel, die Vertreter des Völkerbundes, wie auch die Gesandten Deutschlands, der .Tschechoslowakei, Polens, Hollands, Rumäniens, Jugoslawiens, Kanadas, etc. SbkWovr ergreift das Wort zu einer Rede, die dem Andenken Herais gewidmet ist. Ef spricht hebräisch. Seine Rede wird in deutscher und englischer Uebersetzung unter den Anwesenden verteilt * Mit stürmischem Beifall wind die Begrüßungsrede des Vertreters des Schweizer Bundesrates, Herrn Rudolf Streuli, aufgenommen. Er findet warme Worte, um dem Kongreß das Gelingen seiner Beratungen zu wünschen. Er, wie auch der nach ihm sprechende Vertreter der Stadt Zürich, drücken ihre besondere Freude darüber aus, daß der Kongreß in der Schweiz tagt und widmen ehrende Worte dem Andenken Theodor Herzls, der in einer materialistischen Zeit das Wunder der Idee und des Optimismus im jüdischen Volke erweckte und ein leuchtendes Beispiel für die ganze Kulturmenschheit wurde. * Dann spricht, mit frenetischem Beifall empfangen, der britische Gesandte in Bern, William Rüssel. Nach ihm Exzellenz Albert Dufour-Feronce, stellvertretender Generalsekretär des Völkerbundes. Bisher bestätigte Kongreßmandate Zürich, 26. Juli. (J. T. A.) Das Kongreßgericht hat bisher die folgenden Mandate definitiv bestätigt: Aegypten'1 Mandat (Einheitsliste); Argentinien 2 (ein allg. Zionist, ein Poale Zion-; Belgien 1 (allg. Zionist); Bessaraben B (1 allg. Zionist, 1 Hitachduth, 1 Poale Zion); Brasilien 1 (allg. Zionist); Bulgarien 2 (1 allg., 1 Poale Zion); Kanada 13 (11 allg., 1 Hitachduth, 1 Poale Zion; Chile 1 (allg.); Deutschland 9 (3 allg., 1 Hitachduth, 2 Poale Zion, 3 Misrachi); England 9 (6 allg., 2 Misrachi, 1 Revisionist); Griechenland 1 (allg.); Holland 1 (allg.); Italien 1 (allg.); Jugoslawien 4 Olt f&bnndt DABEI- 0. HBRHBN-HOBEHflDS des Ul. - * 2» ist Jigill A UI.9 LandstraOa JP V IV tl) HauptatraBa 93 (allg.); Lettland 2 (1 Hitachduth, 1 Revisionist); Litauen 5 (1 allg., 1 Hitachduth, 1 Poale Zion, 1 Misrachi, 1 Revisionist); Ostgalizien 15 (6 allg., 6 Hitachduth,'3 Misrachi); Schweiz 1 (Misrachi); Tunis 1 (Revisionist); Straßburg- Luxemburg-Marokko 1 (allg.); Wilna-Danzig- Skandlnavi.en 1 (Poale Zion); Ungarn 2 (allg.). Zusammentritt des Zionistischen Aktionskomitees Zürich, 26. Juli. (J. T. A.) Das Aktionskomitee der Zionistischen Weltorganisation trat heute in Zürich unter dem Vorsitz von Dr. Leo Motzkin zu seiner letzten Tagung vor dem Zionistenkongreß zusammen. Zur Behandlung stehen ein Protest der Zionisten Ostgaliziens gegen den von dem Zionistenkongreß Polens gehandhabten Wahlmodus bei der Wahl von nichtzionistischen Mitgliedern für den Council der Jewish Agency, ferner die Frage der Wahl des Kongreßpräsidiums, die Palästina- Budgetvorlage sowie die Geld- und Siedlungsforderungen russischer Zionisten, die sich auf Vorkriegsleistungen stützen. Die Vertreter der jüdischen kommunistischen Zeitungen nicht zur Pressetribüne zu gelassen Zürich, 25. Juli. (J. T. A.) Das Bureau de« XVL Zionistenkongresses hat den Berichterstattern der jüdischen kommunistischen Zeitungen „Eines“ in Moskau, „Roter Stern“ in Charkow und „Freiheit“ in New York, die sich um die Zulassung zur Pressetribüne bewarben* die Ausstellung von Pressekarten verweigert* weil die Vertreter der jüdischen kommunistischen Haltungen, dfa seinerzeit dem XV. Zionistenkongreß in Basel beigewohnt haben, den Kongreß in ihren Zeitungen beschimpft und persönliche Beleidigungen gegen einzelne zionistische Führer und Kongreßteilnehmer ausgesprochen haben; die Nichtzulassung der kommunistischen Pressevertreter geschieht auch aus dei» Grunde, weil die Jewsekzia (Jüdische Sektion der kommunistischen Partei) niemals irgendeine Toleranz gegenüber Vertretern von zionistischen oder national jüdischen Zeitungen und Körperschaften geübt hat. Die zukünftige Exekutive Die Arbeiterparteien gegen Dr. Sacher. Zürich, 28. Juli. (J. T. A.) Die Konferenzen zwischen einzelnen Gruppen und Fraktionen dauern fort In Angelegenheit der Schaffung einer KongreÖmajorität entstehen verschiedenartige Kombinationen. Die allgemeinen Zionisten verhandeln mit den Flügeln, um eine Majorität im Zentrum zu schaffen. Zürich, 28. Juli. (J. T. A.) Gleichzeitig mit den interfraktionellen Konferenzen werden hier die Beratungen der Arbeitergruppierungen fortgesetzt. Es herrscht die Gewißheit, daß die Arbeiterparteien kl einer Front auftreten werden, um das bisherige Finanzsystem des Harry Sacher zu bekämpfen. Sie wollen dieses System stürzen und den Sacher höchstens in der politischen Leitung der Londoner Exekutive dulden. Die Vertreter der Palästina-Arbeiter treten in Fühlung mit den Delegationen der amerikanischen Zionisten, Sie wünschen es, daß die Initiative bei der Konstituierung der neuen Exekutive von Amerika ergriffen werde. In die eventuelle Exekutive sollen die mehr fortschrittlichen allgemeinen Zionisten, mit Ausnahme der Misrachi, eintreten. Anderseits ventiliert man die Möglichkeit der Schaffung einer Majorität der allgemeinen Zionisten und der Misrachi. Alle diese Beratungen sind noch immer im Stadium der unverbindlichen Vorkonferenzen. Die Situation wird sich erst in den ersten Kongreßtagen klären. Zürich, 28. Juli. (J. T. A.) ln den Kreisen der Delegierten wird der Hoffnung Ausdmiok gegeben, daß es zu einer Verständigung kommen wird. Man hofft auf einen ruhigen Verlauf des Kongresses. Ueberraschungen werden nur seitens der Revisionisten erwartet. Kundgebung der Schomrc Schabbos in Zürich Zürich, 29. Juli. Hier findet aus Anlaß des 16. Zionistenkongresses und der übrigen zu dieser Zeit stattfindenden Tagungen eine Kundgebung des Weltverbandes der Schomre Schabbos statt. In ihr werden der Vorsitzende des Weltverbandes, Herr Dozent . Dr. S. Grünberg, und andere führende Persönlichkeiten der Bewegung das Wort ergreifen. Zürich, die Stadt des XVI. Zionistenkongresses. Zürich, die Stadt des XVI. Zionistenkongresses, rückt unwrflkütfMch in den Mittelpunkt des Interesses der gesamten Judianheit. Es ist dahier von Wichtigkeit, a-uoh einiges über diese Stadt und insbesondere deren jüdische Einwohner zu sagen. Wie aus dien historischen Dokumenten bervorgieht, besetzten sich die ersten jüdischen Siedler in dieser Stadt noch um diie Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Dies geschah nur vereinzelt, da diesfaezügtäch große Hindernisse und Einsehräinkungsen poHtiäaher und religiöser Art die Seßtoaftmacbung ekrer größeren Anzahl von Juden unmöglich machte. Erst uim die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erlangten die Juden die volle Gleichberechtigung. Um diese Zeit strömten vor allem in die Stadt Zürich die Bewohner der nahe liegenden Dörfer ein. Dies beweisen diie Familiennamen Guggenbeifm, Wifcr, iBotag, welche offenkundig aius anderen Ländern in che schweizerischen Ebenen eimw änderten. Insbesondere waren 'es die Juden aus Westdeutschland, Baden und in zweiter Linie aius Elsaß, die in größerer Zahl sich in der Schweiz ansäßlg machten. Zu diesen gesellten, sich in den neunziger Jahren- Einwanderer aus dem Osten, die aus Ga- ÜEJien, Polen .infolge wirtschaftlicher Depression und aus Rußland infolgje der Pogrome vorwiegend die Schweiz e§s Zufluchtsstätte erwählten. Auch der Krieg brachte <rine große Anzahl von Flüchtlingen nach Zürich-, die jedoch nach: dem Friedens Schluß teilweise die Rückwanderung angetreten haben. Sowohl dfte OstötS auch die Westjuden bekleiden häet Ättttter und .nehmen eine gewichtige soziale Stel-; 1bog jefaj AHmätrifch kämmt m auch au einer uodtständigen Verschmelzung der Ost* und Westjuden, so daß der in anderen Ländern vorhandene Antagonismus zwischen Ost- und Westjuderr hier kaum zum Vorschein kommt. Auch die Taufepidemiie tritt hier nur vereinzelt auf, da sogar diiie erbein gesessenen Juden von einer Mischehe und Taufe nicht berührt wiendien. Eine genaue Statistik über dfite Zahl .der Juden' ln Zürich fehlte bisher. Erst in den letzten Jahren ließ die jüdische Gemeinde zu Evidienzzwecken auf Grund der Volkszählung Im Jahre, 1920, eine genaue Statistik aniegen, die jedoch bisher näaht abgeschlossen ist, Laut vorliegenden Ergebnissen . lebten fon Jahre 1920 in Zürich unter dien 207.161 Einwohnern 6704 Juden, d. J. 3.2 Prozent. Von diesen waren 45 Prozent Schweizer Bürger und 55 Proz. fremde Staatsangehörige. Dieses Verhältnis änderte sich' wesentlich ln den letzten Jahren, da sich viele ausländische Juden um die Schweizer Bürgerschaft bemüht haben. Hiebei stießen sie jedoch auf große Schwierigkeiten seitens der Behörden, da insbesondere im Jahre 1920 die Stadtverwaltung Zürich ian gesetzlichen Wege diiie Annahme der Staatsbürgerschaft seitens der Ostjuden von deren Seßhaftigkeit in der Dauer von ftlrufziehn Jahren abhängig machte, wogegen bei den anderen nur eine Seßhaftigkeit von zehn Jahren 'genügte. Die Schweizer begründeten diese Maßregel mit der Notwendigkeit der Anpassung an die Landessittan und die im Lande herrschendem Dialekte. Es soll nicht geleugnet werden, daß auch in der Schweiz ein Antisemitismus herrscht, jedoch ist er ganz anders geartet und fehlt ihm jodle direkte rassenfeindfliche Spitze. Die Italiener z. B* werden dicht anders behandelt wie die Juden. Zu beiden VoHcsstümmren beziehen sich dne Schweizer mit einer zwischen Ueberhebung. Die Züricher Juden sind' in drei Gemeinden organisiert. Die größte ist die mraoi^sohe Kultii»gemeinde, 1 | welche in ihrer Mehrheit liberal ist, jedoch auch den religiösen Bedürfnissen der Juden in vollstem Maße Rechnung trägt. Sie hat z. B. den orthodoxen Juden einen Tempel ohne Orgel zur Verfügung gestellt. Die zweite Kuituisgemeinde ist die sogenannte israelitische Religiomsgeimidinschaft, die sich von der Hauptgemeimde unter dem Einfluß der Trennungsortbodoxie abgesondert hat. Die Ostjuden sind zumeist in der Agudas Achim organisiert, doch besitzen sie außerdem eine ganze Reihe Retbausveredne und Klausen. Jede Gemeinde hat 'ihren eigenen Friedhof. Selbstverständlich winkt sich diese Zersplitterung km jüdischen Leben ungünstig aus und ist eine der größten Hiindemiese für die Verbreitung des zionistischen Gedankens. In Zürich befindet sich das Zentralkomitee des Schweizer zionistischen Verbandes unter der Leitung von Heinrich; Reichenbauch, der zugleich' Vorstand des schweizerischen Nationalfands ist. Es gibt hier vier zionistische Vereine: diie zionistische Ortsgruppe, der zionistische Klub, der Misrachi, ein unlängst ins Leben gerufener Frauenverein, Auch die zionistische Jugend ist in ekligen Gruppen zusammengefaßt Es unterliegt keinem Zweifel, daß der bevorstehende Kongreß in Zürich auch auf das zlonisttedhe Leben der schweizerischen Organisation beifruchtend wirken wird und man muß hervorheben, daß die Züricher Zionisten alle Vorkehrungen getroffen "haben, tun der zionistischen Idee in der Schweizer Judenheät die größtmögliche Popularität zu verschaffen. Uebendles haben die organisierten Zionisten Zürichs dich geschlossen dem zionistischen Kongreßbureau Jur Verfügung gestellt, Die Züricher Zionisten bemühen rieh auch, den Kongreß delegierten wie auch den Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestatten