Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 82 (25.7.1929)
- Date
- 1929-07-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 83 Sette 9 DB£ STIMME Organisationsprobleme Von Dr. Oskar Karbach. (Z*ur Enquete der Zionistischen Exekutive. Sie he I. Teil, Nr. 81.) II. Die hochbedeutsame Frage des Zusammenarbeitens in der Jewish Agency und das künftige Verhältnis der Zionistischen Organisation zu und in dieser Körperschaft überhaupt, erscheinen heute erst in ihren Konturen; wir sehen noch nicht klar genug, um scharf umirissene Regulative ausarbeiten zu können. Teilweise wird diese Ansicht von den Einsendern unverhohlen ausgedrückt. Zur Beamtenfrage wird viel Treffendes über Ausbildung, Vorrückung, Entlohnung, Pensionierung der Beamten geäußert — gerade hier aber fällt leider die oft allzu geringe realpolitische Fundierung der Anregungen auf, insbesondere mit Bezug auf die materiellen Erfordernisse dieser Reformen. Fest steht, daß man heute ohne ein geeignetes Beamtenkorps das zionistische Werk nicht mehr fortzuführen vermag und daß den entsprechend qualifizierten Bewerben die zionistische Karriers durch eine angemessene rechtliche, organisatorische, finanzielle und gesellschaftliche Gegenleistung erstrebenswert gemacht werden muß. Beachtenswert erscheint die Anregung, alle Anstellungsverträge direkt mit der Zentrale, nicht mit Untergruppen abschließen zu lassen, um dem Bewerber das Gefühl der Unabhängigkeit von lokalen Veränderungen geben zu können. Ohne einschneidende Reformen wird die Bereitstellung eines geeigneten Nachwuchses für das Beamtenkorps und auch für diejenigen leitenden Stellen der zionistischen Demokratie, die infolge der damit verbundenen Arbeitsfülle nur im Hauptberuf versehen werden können, sehr in Frage gestellt, soferne es nicht gelingt, entsprechende Fonds' für ihre Dotierung bereitzustellen. Sehr richtig werden von einigen Einsendern die psychischen Hemmungen hervorgehoben, die viele Zionisten gerade dieses Problem mit Mißtrauen betrachten lassen. Die Ergebnisse der Propagandaenquete gehören nicht in den Rahmen dieses Aufsatzes, dqr sich nur. mit organisatorischen Fragen befassen will; nichtsdestoweniger besitzt der Zionismus, ja darüber hinaus, die Judenfrage, ein viez zu einheitliches Gepräge, als daß nicht der Wunsch nach Erweiterung der zionistischen Anhängerschaft auch in organisatorischen. Maßnahmen sich ausdrücken würde. Hier heißt es, sich mit zwei Auffassungen auseinanderzusetzen, von welchen eine als zu pessimistisch, die andere als zu optimistisch bezeichnet werden muß. Allzu pessimistisch werden die Aussichten nach einer raschen und bedeutenden Erweiterung der zionistisch gesinnten Massen beurteilt — eine Auffassung, die mit ziemlicher Deutlichkeit, wenn auch nur indirekt, aus einer Summe von Antworten gefolgert werden kann, wrährend es anderseits eine verhängnisvolle Selbsttäuschung zu bedeuten scheint, daß der gegenwärtige zionistische Stamm auch ohne baldige Belebung und Erneuerung des gesamten zionistischen Lebens noch auf Jahre hinaus erhalten werden kann. Diese Meinung, die an mehreren Stellen deutlich geäußert wird, das Bewußtsein „abwarten zu können scheint bedauerlicherweise gegenüber den nivellierenden Einflüssen der Araerikanisierung unseres Tempos, der rücksichtslosen Kämpfe unseres Wirtschaftslebens allzu rosig: wir müssen diese starken Gegenkräfte, die bezeichnenderweise gar keine richtige Einschätzung ihrer zersetzenden Wirkung auf unsere Bewegung finden, weit mehr in unser Kalkül einsetzen, als dies bisher, auch in dieser Enquete der Fall gewesen ist. Deutlich dokumentiert sich diese Auffassung auch in den zahlreichen Aeußerungen, welche die sogenannte Landespolitik betreffen und dieser nahezu durchwegs ziemlich unfreundlich gegenüberstehen. Wohl fehlt es nicht an »Stimmen, die in ernsten Worten das Ende der Existenz eines national fühlenden oder doch noch umstimmbaren Galuthjudentums in naher Zukunft Vorhersagen, falls nicht gerade seiner Erhaltung besonderes Augenmerk zugewandt wird: doch es überwiegen die Meinungen, die aus technischen und taktischen Gründen eine Ausschaltung der Landespolitik erstreben, ohne sich viel den Kopf zu zerbrechen, wer deren Erbe antroten soll. Daß in dieser Frage die einzelnen jüdischen Siedhmgsländer gesondert betrachtet werden müssen, ist klar: gerade für die wichtigsten jüdischen Zentren gilt jedoch sicher der Satz, daß unbeschadet aller zweifelsohne vorhandenen Schwierigkeiten, die durch die Landespoldtik der zionistischen Arbeit im engeren Sinne zugefügt sein mögen, e*ne .Auf teilung der beiden Hauptfunktionmi tie-a modernen jüdischen Lebens unter mehrere Faktoren zumindest sehr bedenkliche Folgen haben kann, seine Liquidierung der Landespolitik dort, wo sie bisher bestand, aber zu einer Katastrophe führen muß, da schon theoretisch ein Nebeneinander von zionistischer und außer jüdischer Einstellung in vielen Ländern undenkbar scheint und in der Praxis als Rezept für unsere zionistischen Massen bestimmt undurchführbar ist. Daß die Aufstellung möglichst großer Kadres von Zionisten, die im Sinne der heute gültigen Auffassung verläßliche und brauchbare „Arbeiter“ sind, eine dringende Notwendigkeit bedeutet, daMiber kann in diesem Augenblick keine Meinungsverschiedenheit bestehen. Eine ander© Frage ist es aber, auf welche Weise diejenigen zahlreichen Juden, die mit unserer Bewegung sympathisieren, ohne für sie arbeiten zu können (zum Beispiel aus beruflichen Gründen) durch innigere Bande mit dem Zionismus verknüpft werden könnten, als es eine sporadische finanzielle Beatragsleistung allein ist. Auch dem Gesinnungszionisten einen Platz im Renaissanceplän ednzuräumen, ist ein Problem der Stunde, das zweifelohne auch auf organisatorischem Gebiete Maßregeln erfordert. Verschiedene Vorschläge werden gemacht, um ein innigeres Zusammenwirken derjenigen Zionisten herbeizuführen, die an der zionistischen Arbeit interessiert und imstande sind, sich ihr zu widmen: wir dürfen aber niemals daran vergessen, daß durch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation großer jüdischer Massen von Vornherein ffir diese das große Arbeitsprogramm zu weitgesteckt sein In letzter Zeit erschienen kurze Auszüge über die Hamburger Konferenz, die das Wesentliche der Tagung brachten. Es war aber unmöglich, den Geist des Zusammenseins und der Verhandlungen daraus zu erkennen, den man selbst erfaßt und erlebt haben muß. Ich will versuchen das schwer wiederzuigebende, die Atmosphäre des Zusammengehörigkeitsgefühls, der gemeinsamen Arbeitsfreude und des gemeinsamen Erlebens darzustellen, indem ich die Persönlichkeiten der führenden Frauen der verschiedenen Länder lebendig zu machen versuche. — Ein wunderbares Gefühl vereinigte sie alle; so verschieden die Länder sind, aus denen sie kamen; so verschieden der Lebensweg ist, Alter, Erfahrung und Wissen ~ sie alle sind mit vollem Bewußtsein Jüdinnen und wollen dem Judentum und damit der Menschheit ihr Bestes, jede in ihrer Art, bringen. Warum wurde dieser Kongreß einberufen und was bezweckte er? Er wollte die jüdischen Frauen der Welt zu gemeinsamer Arbeit aufruferi und in einem großen Bund zusammenfassen. Zu einem Bund, der alle gemeinsamen Interessen def Frauen verfechten will, indem er ihnen den Platz erwerben und erhalten hilft, den sie für ihre Arbeit in Familie Gemeinde, Staat und Welt brauchen, um ihre Mission erfüllen zu können. — Die Mission zu helfen, zu bessern, äufzubauen und sich gegenseitig zu verstehen. Wer hat diesen großen Gedanken gefühlt, erfaßt, und bis zum glücklichen Ende gebracht? Rebekka Kohut, die Mutter der Konferenz, wie sie genannt wurde; eine wahrhaft mütterliche Frau, der die Güte und Klugheit auf dem Gesicht steht. Sie stammt aus einem Geschlecht von Rabbinern; Vater, Mann und Sohn waren und sind Rabbiner und in ihr lebt die beste Uetoerlieferung des Judentums. Sie appelliert vor allem an das Herz und an das Gefühl''der Frauen und die große Liebe ist es, die ihr die Arbeit langer Jahre gelingen läßt. Neben ihr steht Estella Sternberger, die Sekretärin des Council of Jewish Women. Ihre Beredsamkeit hämmert sich mit mächtigen Worten in das Gedächtnis; sie erzählt von den Werken, die die amerikanische Frau geschaffen hat, und wirbt für die große Idee der Zusammengehörigkeit und des Friedens. Wo sie erscheint, wird sie siegen durch ihre ebenso tatkräftige als liebenswürdige Persönlichkeit. Von den Amerikanerinnen ist es noch Mrs. Irma Lindheimer, die ihr Wissen und Können der zionistischen Arbeit widmet, von der Hadassa spricht, die zu gründende Jewish Agency erörtert und warm empfiehlt. — Die neue Welt «Amerika» sprach zu uns dufch ihre bedeutenden Vertreterinnen; Europa stellte ihnen ihre besten Kräfte zur Seite. — Aus Hamburg selbst Sidonie Werner, die l.riterin des israel. humanitären Frauenve.üio seit wird: trotzdem dürfen wir natürlich auf sie nicht verzichten. Wenn zum Beispiel Doktor Knopf in einem Expose zwecks Unifizierung der Landesverbände sogar die Ausschaltung der kulturellen Aufgaben aus dem Wirkungskreis der »Spitzenorganisationen verlangt, so darf man, wie bei der Frage der Landespolitik, nicht daran vergessen, daß in sehr vielen Fällen diese Aufgaben dann überhaupt keinen Sachwalter finden werden. Die bisherigen Ergebnisse der Enquete besitzen zweifelsohne großen Wert, wenn sie auch naturgemäß keine Zauberrezepte bergen, die mit einem »Schlage die Situation vollkommen verändern könnten. Es wäre dringend zu wünschen, daß jeder Zionist, der zu den Problemen der Organisation und Propaganda, auf welche diese Enquete beschränkt ist, etwas zu sagen hat, seine Meinung hiezu fristgemäß äußern würde; denn es ist sicher, daß sie so bald nicht wiederholt werden wird und die Verhältnisse, unter welchen w^r arbeiten und leben, ändern sich fortwährend und in entschiedener Weise. Es muß alles gesagt werden, was erwähnenswert ist, wenn wir den Blick ins Innere unserer Bewegung richten: besitzen wir auf Grund dieser Enquete dann einen Ueberblick über diese Materie, dann dürfte es angezeigt sein, durch eine politische Enquete auch die uns umgebenden Verhältnisse, die wirkenden Kräfte der Zeit in ihrem Einfluß auf unsere Bewegung genau kennen zu lernen, um einmal Klarheit zu schaffen über die Grenzen unseres moralischen und materiellen Einflusses und über die realpolitisch gegebenen Möglichkeiten, verändernd, reformierend in das zeitgenössische jüdische Leben einzugreifen: so werden wir, zu einer Rationalisierung unserer Arbeit und zu Methoden gelangen, die uns gestatten werden, aus den zionistischen Anstrengungen auf dem ganzen Erdball jeweils ein Maximum an Erfolg herauszuholen. 1908. Sie hiat vor 25 Jahren mit Fri. Pappenheim den deutschen Frauenbund gegründet, der alle deutschen jüdischen Frauen umfaßt. Sie ist die reinste Verkörperung der aus der Wohl tätigkeitsarbeit zur Sozialarbeiterin gewordenen großen Helferin. Ihrer Tatkraft war es mit zu verdanken, daß die große Vorarbeit für die Konferenz sich so reibungslos a'bgewickelt hat. Bei der Begrüßung im Uhlenborster Fährhaus fand sie aufrüttelnde Worte für alle Anwesenden. Die heutige erste Vorsitzende des deutschen jüdischen Frauenbundes, Bettina Brenner, Leipzig, versteht es mit dem Typus der anziehenden Weltdame, Kraft und Geist der Führerin zu verbinden; ihr diplomatisches Geschick bringt es fertig, Klippen zu umschiffen, ehe sie eigentlich in Sicht sind. Von Breslau kam die zweite Vorsitzende, Paula Ollendorf, auf zartem Körper ein durchgeistigter Feuerkopf; bei ihr scheint aliles Erlebnis zu werden. Sie beherrscht die deutsche Sprache wie ein Instrument und es ist ihr ein leichtes, englische Reden sofort in bestem Deutsch wiederzugeben. Frau Ernestine Eschelfoacher ist die jüdische Prophetin der Versammlung; ihre Gläubigkeit könnte Berge versetzen und ihr Herz umfaßt alle. Die Alten und Jungen freuen sich ihrer Reden* die treffend und warmfühlend sind. Sie möchte überall helfen und wirbt für die große Friedensidee der Menschheit. Ottilie Schönwald aus Bochum hielt ihr Referat über die Wahl der Frauen in die jüdischen Gemeinden. Sie sprach formvollendete, packende und durchgearbeitete Worte; wir werden die Freude haben, die Rede im Druck zu erhalten. Diese deutschen Frauen stehen auf ganz festem Boden. Sie verlangen nur, was sie durch lange Erfahrung und Arbeit als richtig erkannt haben. Es würde zu weit führen, jede einzelne zu erwähnen; der Süden und Norden brachten typische Vertreterinnen. Neu waren für uns Schweizerinnen die Sozialbeanitinnen, welche viele Fragen mit dem Verständnis des begründeten Wissens neben der praktischen Erfahrung beleuchteten. Vor allem war es Siddi Wronsky, die aus dem reichen Schatz ihrer Erfahrung statistische Daten über die Gefahren für das jüdische Volkstum durch die rückläufige Geburtene;-'Wicklung gab. Hanna Kaminski, die Sekretärin des deutschen Frauenbundes, waltete mit Delikatesse und Grade ihres Amtes, die Rednerinuen auf das vorgeschriebene Maß zu beschränken. In Berlin hielt sie ein Referat, das mit flammender Begeisterung einen Ausblick auf die Zukunft der jüdischen Frauenarbeit gab und für die Jugend mehr Recht auf Mitarbeit verlangte. Oesterreichs glänzendste Vertreterin ist wohl Anita Müller-Cohn. Von Frau Koluit wurde sie die Mary Pickford Europas genannt und ihre golden tongue gerühmt. Ja, sie ist golden, diese Zunge, die für so viel Begeisterung »rod Wissen den richtigen Ausdruck findet und die Menschen Typen aus dem internationalen jüdischen Frauen bundkongreß in Hamburg Von Sophie Abraham