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Die Stimme · 1929-07-25 · Heft 82 (25.7.1929) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 82 (25.7.1929)
Date
1929-07-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 82 Das junge Erez Israel Es schein! ein wenig paradox, vom «jungen Erez israeb zu sprechen, im Gegensatz zu dem «alten». Und es ist auch so: Erez Israel, der neue Jischuw, er ist ja dadurch gekennzeichnet, daß er jung ist, im Geiste jung, in der Tat jung, im Ziele jung. Und der 40jährige Siedler aus Nahalal, der mit sich das Erlebnis von 1905 mitbrachte, er ist so jung, wie keiner. Seine Augen glühen, wenn er im Tanze mit 16- und 17jährigen seinen harten Körper im Kreise dreht. Und der feste Blick des Chawers aus Daganiah, es ist nicht der Blick eines Vierzigers, der er aber ist. Und die Unerschütterlichkeit und Selbstverständlichkeit, mit der der ernste, schon ein wenig angegraute Chawers aus Ejn-Charod von der Zeit spricht, in der Erez Israel von aller Welt abgeschlossen war (es war das die Zeit des Krieges) und trotzdem gehofft und geglaubt hat — sie alle, wenn sie jetzt zu uns kommen, in die Länder der Galuth, sie wurden von Neuem zu «Chaluzim», die für unsere Sache neue Menschen gewannen, neue Menschen mit einem neuen Glauben erfüllten. Unsere «Chaluzim», wenn sie ins Land kommen, werden «Poalim» — Arbeiter. Und diese Poalim, die zu uns kommen, werden Chaluzim. Aber gerade sie bewegte immer eine Frage: Was wird mit der nächsten Generation, mit der, die im Lande geboren wurde — wird sie im Lande bleiben, wird sie in den Lebensformen ihrer Väter verharren, an ihnen weiterbauen? Werden nicht diese jungen Menschen, wie die Söhne der ersten Kolonisten, nach Paris und Berlin gehen, nach Europa zurück? Wer konnte darauf antworten, solange diese jungen Menschen noch nicht 18 und 20 Jahre alt geworden sind? Aber wir bekamen diese Antwort. Und wie alles, was aus Erez Israel kommt, waren es nicht irgendwelche Erklärungen und Deklarationen, sondern Taten, Wirklichkeit. An dem großen Wiener Jugendtreffen, das Mitte Juli stattfand, nahmen auch mehr als 30 junge Chawerim aus Erez Israel teiL Stämmige, schwarzbraune Körper, leuchtende Augen, sprühend vor Leben und Lebendigkeit, so marschierten sie über die Wiener Ringstraße, an 50.000 jungen Menschen aus allen Ländern Europas vorbei, an Hunderttausenden begeisterter Wiener vorüber, die Spalier standen. In freudi- ■ gen Zurufen grüßten die Tausende die 30 jungen Menschen aus dem jungen Erez Israel und da und dort löste sich spontan Beifallsklatschen und Rufe: «Es lebe das junge arbeitende Erez Israel», «Es lebe die jüdische Jugend». «Jüdische Jugend, wir grüßen euch», Tief ein Massenchor, nachdem ein Chawer des Tel - 'Aviver «Chel» in hebräischer Sprache das Jugendtreffen begrüßt hat. Und auf der roten weichen Seide glänzten hell die silbernen hebräischen Buchstaben ihrer Fahne. Von diesen 30 Menschen.sind beinahe zwei Drittel in Palästina geboren, können sich beinahe zwei Drittel kaum mehr anders als Hebräisch verständigen. Und als sie über die Wiener Ringstraße marschierten, grüßten sie nach rechts und links im Chore «Schaloml», «Schaloml». Und die ‘ anderen lernten es schnell. Schaloml» riefen Jungens und Mädels aus Berlin und Frankfurt. «Schaloml» hörte man auch da und dort von denen, die im Spalier standen. Nach Art der Orientalen hatten sie weiße Tücher mit bunten Streifen um den Kopf gebunden und ihnen voran wurde eine Standarte getragen, die in bunten. Farben das Wort «Palästina» trug, und ein Bild: ein junger Mensch, mit harten Armen und festem Willen im kantig-scharfen Gesicht, stemmt einen Pflug in die schwarze Erdscholle. Im Hintergründe das Wahrzeichen des Ostens: eine Palme. So haben unsere jungen Chawerim, das junge- Erez Israel, bloß dadurch, daß sie da waren, so viel vermittelt, einer Welt, die noch gar nicht lange von uns nichts wußte, von uns nichts wissen wollte. Mit einem Gefühl des Stolzes gingen wir hinter' ihnen. Stolz und Selbstbewußtsein sprach aus ihren Bewegungen, aus den Bewegungen derer, die, uns vorangingen — die uns vorangehen. Stolz und selbstbewußt sangen sie ihre Lieder ■ und warfen dabei die Arme in die Höhe, rhythmisch und schön. Wir wußten und fühlten: das, was in Erez Israel geschaffen und verwirklicht wird und wovon diese jungen Menschen so lebendige Kunde brachten, ist etwas Neues und Eigenartiges und dabei doch etwas so Ursprüngliches — Jüdisches. Und im Anblick dieser jungen Menschen wußten und fühlten wir aber auch: Unerschütterlich und ungebrochen ist die Kraft der Arbeiterschaft in Erez Israel. Arbeitslosigkeit und Krise sind an ihr vorübergegangen, der geeinte und zielbewußte Wille hat sie überwunden and besiegt. Und so bekamen wir neue Impulse für unsere Arbert hier. Wie gerne wollten wir diesen Menschen, diesem neuen Typus von Chaluzim sagen können: ein großes Heer von Jungens und Mädels wartet darauf, mit euch zusammen in unserem neuen alten Lande zu arbeiten und zu kämpfen, mitzubauen und mitzuschaffen am großen Werke der Wiedererneuerung unseres Volkes. Wir hoffen, daß im Zeichen der Anwesenheit dieser herrlichen Menschen auch die Chaluzbewegung in Oesterreich günstig sich fortentwickeln, neue Menschen erfassen und unserem gemeinsamen Ziele zufiihren wird* Allerdings — das muß auch bei dieser Gelegenheit wiederholt werden —müssen sich alle Kreise des österreichischen Zionismus mehr um den «Hechaluz» kümmern, als es bisher der Fall war. J a a k o w Singer* Die Juden in Sowjet-Rußland Es ist seit langem bereits kein Geheimnis mehr, daß die Lage der Juden in Sowjetrüßland eine überaus traurige ist. Die Verfolgungen, denen sie unterworfen sind, erinnern geradezu an die Zeiten der spanischen Inquisition. Dessenungeachtet hat die außerhalb Rußlands lebende Judenheit diesen traurigen Zuständen ihrer russischen Brüder, viel zu wenig Beachtung geschenkt. Die marktschreierischen Berichte der diversen Sowjetpresseagenturen mit ihren bezahlten jüdischen Exponenten haben dazu beigetragen, die Lage der Juden in Rußland mit allzu großem Optimismus zu beurteilen. Um nun die außerhalb Rußlands lebende Judenheit über die wirkliche Lage ihrer Brüder zu informieren, wurde letztens der bekannte Führer der russichen Judenheit, Ing. Rabinowicz, hach Europa delegiert. Ing. Rabinowicz, der vor kurzem nach Palästina gekommeni ist, hat in zwei großen Versammlung in Tel-Aviv und Jerusalem einem geradezu schauderhaften Bericht über . die wirklichen Zustände der Juden in Sowjetrußland erstattet. Seinem Berichte entnehmen wir, daß die Lage der Juden in Rußland unter dem Sowjetregime weitaus schlimmer und trauriger ist, als in den Zeiten des härtesten Zarismus. Auf Grund eines sehr zahlreichen, auf Dokumente fußenden Tatsachenmaterials schildert Ing. Rabinowicz die rechtlose Lage der Juden, von denen 50 Prozent, das ist lYz Millionen, Juden außerhalb des Gesetzes als sogenannte «Lischentze» gestellt worden sind. «Lisclientze» sind solche Personen, die ihrer bürgerlichen, ja selbst menschlichen Rechte beraubt sind. Selbst im zaristischen Rußland wurden in den seltensten Fällen, einzelne Einwohner mit «lischenie praw» (Stellung außerhalb des Gesetzes) bestraft. In Sowjetrußland dagegen wurden 1% 'Millionen Juden außerhalb des Gesetzes gestellt, weil sie Händler, Kaufleute, gewesen sind oder derartige Berufe ausgeübt haben.5 Den «Lischentzes» ist jedwede Arbeitsmöglichkeit genommen. Sie sind von allen Institutionen, ja selbst von dem Lebensmittelbezug, von der Inanspruchnahme von Spitälern, Heilanstalten, Schulen für ihre Kinder ausgeschlossen. Ihnen sind alle Fabriken und sonstige Arbeitsstätten verschlossen. “Sie werden auch nicht zu schwerer sogenannter «schwarzer Arbeit» zugelassen. Nicht besser ist. die Lage'jener Juden, die als «Proletarier» anerkannt werden und als solche vollberechtigte Bürger der Sowjetrepublik sind. In den letzten drei Jahren wurden fast sämtliche ' jüdischen Beamten entfernt, so daß heute eine sehr geringfügige Anzahl von Juden in Staats- und Parteiämtern beschäftigt ist. In den letzten Monaten werden in den Fabriken und Sowj et Werkstätten jüdische Arbeiter massen hä ft ohne j e d w e de B e g r ü n d u n g entlassen. Staatliche Kreditinstitute verweigern jüdischen Kolonisten die Erteilung von Krediten mit der Ausrede, daß sie .ihren Geldbedarf bei den ausländischen Juden decken mögen. Geradezu unmenschliche Leiden müssen die Juden auf religiösem, nationalem und kulturellem Gebiete erdulden. Jüdische Schulen, Synagogen, Bibliotheken werden erbarmungslos geschlossen und konfisziert. Wehe einem Juden, wenn bei ihm ein Schekel,; eine Nationalfondsbüchse oder ein hebräisches Buch gefunden wird — lebenslänglicher Ker-. ker oder Verbannung nach Sibirien sind dann Strafen, die auf der Tagesordnung stehen. Mit einem Worte — die heutige Lage der Juden in Sowjetrußland ist in politischer, sozialkultureller und wirtschaftlicher Hinsicht weitaus schlimmer als zu den Zeiten;des Zarismus. Ein von den Sowjetbehörden mit allen Finessen vorbereiteter wirtschaftlicher und kultureller Pogrom soll eben das russische Judentum zugrunde richte n.' Ing. Rabinowicz beabsichtigt die außerhalb Rußlands lebende Judenheit auf diese Situation aufmerksam zu machen, um durch eine gemeinsame Aktion aller jüdischen Organisationen und Gemeinden gegen diesen Vernichtungskampf der 3 Millionen Seelen "zählenden russischen Judenschaft entsprechende Maßnahmen treffen zu können. Eingesendet Die Zionistische Arbeiterpartei Hitacbduth in Wien ersucht uns um die Feststellung, daß der von uns in der letzten Nummer gebrachte Bericht über die Kongreßwahlen keinen offiziellen Charakter trägt. Auf. Grund der mit der Poale Zion getroffenen Vereinbarung fällt das. dritte Wiener Mandat der Liste des «Arbeitenden Erez Jisrael» der Hitachduth zu, und zwar wird das Mandat Gorschan Chanoch aus Palästina ausüben. Die kooperative Gesellschaft für landwirtschaftliche Arbeiten „Jachin“ in Erez Israel Im Oktober 1926 wurde von der Arbeiterorganisation eine kooperative Gesellschaft für landwirtschaftliche Arbeiten unter dem Namen Jachin*) mit Bewilligung der palästinensischen Regierung begründet. Die Gesellschaft Jachin ist eine autonome Institution der Organisation jüdischer landwirtschaftlicher Arbeiter. Schon während ihres kaum zweijährigen Bestandes hat die Gesellschaft Jachin den Beweis erbracht, daß sie in der Lage ist, großzügige Arbeiten auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Arbeitervermittilung und sonstiger landwirtschaftlicher Tätigkeitsgebiete durchzuführen. Der. genannten Gesellschaft ist es auch gelungen, für ihre Aufgaben einen wertvollen Kreis tüchtiger, fachmännisch ausgebildeter Menschen zu gewinnen. Angesichts des Umstandes, daß die jüdischen Arbeiter in der Landwirtschaft ein unsicheres Dasein führten, sah sich die Organisation der landwirtschaftlichen Arbeiter gezwungen, die genannte kooperative ins Leben zu rufen, um auf diese Weise durch Arbeitsvermittlung, Regelung der Lohn-verhältnisse und Versorgung der jüdischen Landwirte mit jüdischen Arbeitskräften den in der Landwirtschaft tätigen Arbeitern halbwegs sichere Dasei-nstoedingungen zu verschaffen. Vor allem hat sich die Kooperative Jachin bemüht, mit den Plantagenbesitzern in Verbindung zu treten, um für sie nicht nur Arbeitskräfte zu verschaffen, sondern ihnen auch bei Pflanzungen, bei der Auswahl des. Bodens und bei sonstigen Plantagenarbeiten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die Kooperative erhält mit den Plantagenbesitzern einen regen Verkehr,-der es ihr ermöglicht, die Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu regeln. Plantagenbesitzer, die über keine fachmännischen Kenntnisse verfügen, müssen sich daher an diese Kooperative wenden, die ihnen den erforderlichen Arbeitsplan sowie die hiezu nötigen fachmännisch * ausgebildeten Arbeitskräfte zur Verfügung stellt. Von besonderem Vorteil ist dies für, jene Plantagenbesitzer, die außerhalb Palästinas domizilieren und daher nicht in der Lage sind, persönlich, ihre Plantagen zu bebauen und zu verwalten. Der Jachin umfaßt ln seinem Arbeitsprogramm nicht nur die Arbeitsvermittlung allein, sondern führt alle Arbeiten durch, die mit Pflanzungen, Vorbereitung des Bck dens, des’Materials, Auswahl der Pflanzenund Bäume, Bebauung u. dgl. verbunden sind,- und ist bemüht, die ihnen übergebenen Plantagen wirtschaftlich am besten auszuwerten, so daß hievon vorwiegend dem Arbeitnehmer''wirtschafti'iche Vorteile zuikommcn. . So ist die Kooperative .Jachin heute die einzige Anstalt in Palästina, für praktische und fachmännische Informationen in allen Angelegenheiten der Plantagenbewirtschaftung und sonstiger Pflanzungsarbeilen. Sie vollfüihrt auch mit Unterstützung der landwirtschaftlichen Versuchsstation Bodenexpertisen. Eine nicht mindere. Bedeutung hat diese Kooperative für den Arbeitnehmer. Mit der letzten Alijahm, mit der eine größere Anzahl von Immigranten ins Land gekommen ist, ist man zur Erkenntnis gekommen, daß die Pläntageniwirtschaft eine überaus wichtige Rolle im palästinensischen Wirtschaftsleben spielen und einen weitaus größeren Nutzen ab werfen. kann, als die übrige Landwirtschaftr Vor allem ist sie für Immigranten, die nicht mehr jung sind und mit Familien ins Land kommen, sich für schwere physische Arbeit nicht mehr eignen; überaus günstig. Es. ist daher klar, daß der Plantagenwirtschaft in der' nächsten Wanderungsbeiwegung nach Palästina eine sehr große Bedeutung zukommen wird. Aus diesem Grunde hat die Kooperative Jachin einen ganzen Stab von Mitarbeitern, diie mit der Ausarbeitung von Arbeits- und Wirtschäftsplänen unter Anpassung der örtlichen Verhältnisse und des in Betracht kommenden Menschenmaterials beschäftigt sind. Schon heute wenden sich viele Juden der Diasporah an die Kooperative mit Anfragen und Angeboten wegen Ankaufs von Parzellen, die sie dann für Pläntagenzweoke verwenden wollen. Wohl kann sich die Kooperative mit dem Einkauf von Parzellen nicht beschäftigen, sie ist aber bereit, bei der Auswahl des Bodens mitzutun und auf diese Weise ihre Tätigkeit mit dem in Betracht kommenden Bodeneinkaufsamt zu koordinieren, wobei sie jedoch besonderen Wert darauf legt, daß der Boden nicht für Spekulationszwecke erworben werden soll. Durch diese Tätigkeit ist die Kooperative in der Lage, in die Plantagenwirtsohaften Ordnung hineinzubrlngen und voreilige, dem eigentlichen Zwecke der Plantagenwirtschaft nicht dienliche Bodenkäufe zu verbindeMi. Sie ist auch bemüht, im Interesse der nationalen Wirtschaft Böden, die für andere landwirtschaftliche Bebauungszweoke geeignet sind, auf: keinen Fall für Plantagenzwecke zu verwenden, wodurch sie auf dem Gebiete einer rationellen Wirtschaftstätigkeit in unserer Kolonisation Bedeutendes zu leisten vermag. *) Bezeichnung für eine Stützsäule im alten Tempel io Jerusalem. eooiHMwoooeeoeafHMmoeooeeeoeooaeeaeoeat Unverlangte Manuskripte, denen kein Rückporto beiliegt, weiden nicht zurückgesendet«

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