Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 82 (25.7.1929)
- Date
- 1929-07-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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tflE STIMME Seit« f Nr. Von Redaktcar M. Groß, der sich gegenwärtig auf Urlaub befindet, erhalten wir nachstehende Zuschrift: Herr Dr. Oskar ilosenfeld hat in der letzten Nummer der „Neuen Welt“ eine Reihe von böswilligen Verleumdungen gegen mich vorgebracht. Ich habe gegen den genannten Herrn das Parteigericht der Zionistischen Landesorganisation angerufen. Sollte sich Dr. Rosenfeld dem Parteigerichte nicht stellen, werde ich gegen ihn die Strafanzeige wegen Verleumdung erstatten. M. Groß. # Während der Beurlaubung des Redakteurs M. Groß, hat das Mitglied des Landeskomitees Dr. Z. F. Finkeistein die redaktionelle Leitung der „Stimme“ übernommen. den Auftrag an das jüdische Volk, an. die Zionisten gibt, seine Reste nach Erz Israel zu überführen, so sehe ich darin einen starken Richtwillen sowie einer ungewöhnlichen Antrieb für uns zu Anstrengung und Opfer, um seine Vision, die Vision von siebzig Geschlechtern Wirklichkeit werden zu lassen. Nehmet uns also diesen Stachel nicht, diese Willenspei tsche, bevor wir auch nur einen halbwegs entsprechenden Teil seines allgemeinen Testaments vollstreokt haben, das Testament der Generationen! Baut man ein Haus, so legt man die Fundamente, stellt die Wände auf und zimmert das Gebälk des Daches — dann steckt inan obenan einen Zweig und ein Fähnlein auf: schaut, da sind die Grundlagen und da das Gerippe, wenn auch das Gebäude noch weit ist von Fertigsedn und Vollendung. Bei uns aber dient das Symbol nicht dazu das Sein zu symbolisieren, sondern eszu vertreten. Wozu die tiefschwere Mühe und die Langwierigkeit-Langweiligkeit eines Haushaltes, wenn wir schön am Anfang des Anfangs mit Emphase und Festlärm die Fahne hochziehen können! (loh berühre mit Absicht die äußeren Gründe nicht, die ebenso genügten, uns jetzt von der Ueberführung abzuhalten). Wir, sogenannte bewahrte Zionisten, die wir uns in Bezug auf Herzl als.Beispiel dafür bewährt haben, wie man einen, großen Mensohen verehren aber seine großen Ideen klein, machen kann; wir, die wir durch unsere Fehler und;den Mangel an Opferbereitschaft bewirkt haben, daß vom Palas t e , seiner.. Hoffnuag nach: dreiunddreißig Jahren nur hie und da im Lande einige Pfeiler eingerammt sind scheuen wir uns, sc h o n jetzt die Ruhe seiner Gebeine zu stören! Und wenn wir ihm. schon heute ein Denkmal setzen wollten, das die Folgen unseres tatsächlichen Verhaltens zu ihm symbolisieren sollte, so entspräche doch nur eine Form diesem Gedanken: ein Riesenherz, das gebrochen ist. — Abgesehen davon, daß ich Sinn und Notwendigkeit steinerner oder erzener Denkmäler für jüdische große Persönlichkeiten grundsätzlich verneine. Für überall und besonders für Palästina.. Denkmal, Fahnenweihe, Ausrückung und dergleichen Firlefanz der Unvernunft-Kategorie „Parade“ — wer in. Kultureuropa hat dazu heute noch auch nur eine Spur inneren, aufrichtigen Verhältnisses? Wir Juden haben immer unsere Größen auf andere, seelisch-geistigere Art verewigt, verehrt und gefeiert, und die Masse unseres Volkes kannte seine Großen sicherlich besser und hatte zu ihnen ein tieferes Verhältnis als die breiten Schichten anderer Völker zu ihren Größen. Jetzt aber bemühen wir uns, in unserem sich erneuernden nationalen Leben die Gewänder anzulegen, die die Anderen bereits abzulegen beginnen! Und dies nicht nur auf dem-Gebiete der Parade.:- Ruhte Herzl, dieser Adler, auf den Höhen des Karmel®, während unsere heutige Kleinheit (in der persönlichen wie in der sachlichen Bedeutung dieses Wortes) vor ihm auegebreitet wäre — so müßten wir doch unser Qesioht verhüllen, daß unser Blick dem seinen nicht begegne, - Jerusalem. Abraham Schwadron. Beginn der 8. Weltkonferenz des Verbandes Poale Zion Berlin, 19. Juli. (J. T. A.) Am Donnerstag, den 18. Juli, 10 Uhr abends, wurde im Haoksohen Saal zu Berlin die 8. Welitkonferemz eröffnet. Inn Namen des Verbaudßfbwreaus begrüßte S. Kapiansky die Delegierten, die aus Palästina, Amerika und aus fast allen Ländern Europas zu den Beratungen sich eingefunden haben. Unsere Herzen, sagte er, sind den Genossen in den Ländern der Sowjetunion zugewendet, die heute fehlen und deren Mund stumm bleiben muß. Kapiansky gab einen Rückblick auf die Entwicklung der Poale Zian-Bewegung seit ihrem Entstehen- und sagte, diese Tagung sei eine Jubiiiäumstagung. Vor 25 Jahren, im Jahre 1904, wurden die ersten großen Landesorganisationen d*r Poale Zion in Rußland, Oesterreich, Amerika usw. begründet, Im gleichen Jahre begann auch schon die Einwanderung jüdischer Arbeiter nach Palästina, die man als die Zweite Alijah bezeichnet Seit ihrem Bestehen hat sioh also die Poale- Zion-Bewegung als die Trägerin der zionistischen Verwiftolich'Uin.g erwiesen. Naoh mannigfachen Krwefl schritt die Bewegung in der letzten Zeit zu einer Konsolidierung und inneren Stärkung. Dies drückt sieh in zweierlei aus: erstens in großen Erfolgen bei Wahlen zu Vertretungen von Gemeinden und Institutionen und bei den Wahlen zum XVI. Zionistenkongreß, bei denen 25.000 bis 30.000 Stimmen auf die Listen der Poale Zion abgegeben wurden; zweitens ra der vollzogenen Bildung eines Palästinaloomitees der führenden Persönlichkeiten der sozialistischen Internationale. In der Sitzung vom Freitag, den 19. Juli, vormittags, wurde ein Präsidium gewählt, dem Kapiansky, Ontschik (Amerika), Brudny (Litauen), Remez (Palästina) und Tiger (Polen) angehören. In das Sekretariat wurden gewählt: Gingöid, Dr. Friedmann, Berditsöhewski. Das Ergebnis der Kultuswahlen in Czornowitz Czernowitz, 16, Juli. (J. T. A.) In Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, die eine der größten jüdischen Gemeinden Osteuropas beherbergt, sind am vergangenen Sonntag zutn erstenmal seit dem Kriege allgemeine Wahlen,ln den Vorstand der jüdischen Gemeinde diurchgeführt worden. Es waren 50 Mandate zu vergeben, um die sich-zehn Parteien bewarben. Es entfielen auf die Liste der von Senator Dr. Mayer Ebner geführten Einheitspartei, 1537 Stimmen, auf die des einstigen KuLtuspräsidenten Dr. Straucher 1207, auf die des sozialistischen «Bund» 9Ö6, auf die Liste Greif 607, auf die der Orthodoxen 49Ö, auf die des Kultusreferenten Lazarowic 645 Stimmen. Der Wahltkommissär hat die Listen Dr. Strauchers, der Orthodoxen und drei andere Listen wegen' Formfehler annulliert. Die fünfzig PqqkJ&vqum Vtrlagstxpedibion: JVC. Tritt &L U244-0 Saiastorgasu Wien, J„ ZU. Uu+13 Mandate wurden wie folgt Verteilt: Einheitspartei 20, Bund 13, Lazarowic 9, Greif 7 Mandate, Mefsch ein Mandat. Es verlautet, daß die Partei Dr. Strauchers, die auf mindestens 10 Mandate Anspruch erhobt, den Spruch des WaWMflomimtesäfls atrfechten wird. Sokolow an die Zionisten Amerikas Aus der Abschiedsrede Sokolow« auf ddr 32. Convention der Zionistischen Organisation Amerikas. . Sokolow ist soeben von seiner Amerikareise zurückgekehrt Er hat während der vier Monate seiner dortigen Anwesenheit eine große Zahl von Städten besucht, in unzähligen Versammlungen gesprochen, unaufhörlich Interesse und materielle Teilnahme am Aufbau Palästinas gefordert. Es ist leider unmöglich, im Laufe des Arbeitsjahres über alle diese kleinen und größeren Begebenheiten ausführlich zu berichten, doch soll hier nochmals summarisch diese große, von der ganzen zionistischen Welt hoch bewertete Leistung erwähnt werden. Vor seiner Abreise nahm Sokolow noch an der 32» Convention der amerikanischen Zionisten teil; Wir geben nachstehend einen Teil der Ansprache wieder, die er bei dieser Gelegenheit gehalten hat. In diesem Augenblick des Abschiedes möchte ich ihnen ein herzlichstes Schalom Zurufenl Dies war mein vierter Besuch ihres großen Landes, und er befriedigte mich in hohem Maße. Das Willkommen, dos Sie mir jederzeit entboten, war von aufrichtigstem und freundschaftlichstem Charakter. Nicht weniger als die früheren Besuche war auch dieser von Erfolg gekrönt Während der vier Monate meiner Fahrt durch das Land gewährten Sie mir allerorts Ihre traditionelle Gastfreundschaft, ihre Empfänge waren eine Ehrung für unsere große Sache. So halte ich es fiir meine angenehme Pflicht, Ihnen, bevor ich diese Küste verlasse, meine tiefe Dankbarkeit auszusprechen. Sie alle arbeiten im Geiste wunderbarer Harmonie zusammen, um unsere gemeinsame Aufgabe zu einer erfolgreichen und begeisternden zu gestalten, loh bin sicher, daß diese Kampagne zum Wiederaufbau von Zion beitragen wird. Sie wird auch Ihr eigenes Leben bereichern und großen erzieherischen Wert haben. Ich sehe in meinem eigenen. Besuch und in dem anderer jüdischer Repräsentanten aus Europa ein wirksames Mittel, um zwischen europäischen und amerikanischen Juden noch mehr brüderliche Beziehungen herzustellen, und ich spreche die Hoffnung aus, daß die Fortsetzung solcher Besuche das jüdische Volk auf beiden Seiten noch fester ln einem Gefühl der Solidarität zusammenschmieden wird, Welches unentbehrlich ist für die Verwirklichung des jüdischen Ideals von Gerechtigkeit und Frieden, wie es seinen besonderen Ausdruck im Aufbau des jüdischen Nationalheims findet. Es war für mich eine große Freude zu sehen, daß eine tiefwurzelnde seelische und geistige Wandlung das Wesen der großen jüdischen Gemeinschaft der Neuen Welt durchdrungen hat. In der Vergangenheit hatten sie noch schwere wirtschaftliche Aufgaben vor sich. Heute aber gibt es in großem Ausmaß«: Sinn für geistige Bestrebungen. Ich war glücklich, neue Synagogen, Tempel, jüdische Klubhäuser, Unterrichls- und Wohlfahrtseinrichtungen bewundern zu können. Sie bilden keine Gesellschaft, deren physische und geistige Energien nur dem materiellen Luxus gewidmet sind. Dieser Materialismus ist nur an der Oberfläche; das Seelische ist das Wesentliche. Wenn Zion stärker und weiter geliebt und geehrt wird als jemals in unserer Geschichte, so beweist dies, daß der Zionismus ein großes Ziel und eit: großes Werk ist. Die erste Bedingung des Gelingens ist, daß wir eines Sinnes in unserem eigenen Hause seien. Eine neue Zeit beginnt mit der Erweiterung der Jcwish Agency. Erez-Israei ist Synonym und Verkörperung jüdischer Fähigkeit zu produktiver Arbeit und das Zentrum des jüdischen Genius geworden. Doch zu wenig ist im Vergleiche zur Größe des Ideals geleistet worden. Was wir bisher vollendet haben, ist, so bewundernswert es auch sei, doch nur zurzeit ein Mikrokosmos. Es ist eine große Freude, das in Palästina Erreichte zu sehen. Es ist bereits physisch, moralisch, geistig und wirtschaftlich verwandelt worden. Das Geheimnis seiner Wiederbelebung ist . nicht physische Kraft oder Geist der Technik, sondern die Seele des Volkes. Der neue Geist hat aus der Arbeit ein heiliges Streben gemacht. In Palästina ist Arbeit ein religiöser Dienst. Doch wurde erst ein hoffnungsvoller Anfang gemacht. Von ihrer Mitarbeit, sowohl finanziell wie geistig, hängt der weitere Fortschritt ab. «Die Judenheit der Weit erwartet von Ihnen, daß Sie einen wachsenden Anteil am Wiederaufbau Palästinas nehmen, und nicht nur mit Ihrem Oelde, sondern auch mit Ihrer Energie und Initiative. Man weiß, daß der wesentliche Grund, weshalb die Amerikaner in solch unglaublichem Tempo vorwärtsgekommen sind, in ihrer Anerkennung des Prinzips zu suchen ist, daß man beim Aufbau eines Landes die Routine zu verlassen hat. Das größte Denkmal ihrer industriellen und wirtschaftlichen Höhe ist der riesige Abfallhaufen aufgegebener Praktiken und Methoden, die einst «normal» waren, doch heutzutage nutzlose Altertumsreliquien sind. Herzl’s «Altneuland» soll eine Kombination des schönen Alten mit dem landwirtschaftlich und industriell Modernen sein. Das Alte» i*st ein Teil unseres Selbst; doch «Neuland» erfordert Unternehmungsgeist und Mut, den Mut, der durch die Erfahrung gelenkt wird. Es ist besser, einen falschen Schritt nach vorwärts zu tun und sich mutig wieder aufzurichten, als stets das Rechte zu tun, und auf der Stelle stehen zu bleiben. Doch ist es nicht einmal nötig, einen falschen Schritt zu tun. Der Weg für einen sicheren Fortschritt ist geebnet Ein wunderbares Werk wurde begonnen. Doch zuerst müssen Keren Hajessod und Keren Kajemeth das Fundament legen, Icfroin sicher, daß Sie Ihre Pflicht erfüllen und das Vertrauen von Millionen Juden in wachsendem Maße reohtfertigen werden. In diesem Vertrauen verlasse ich die Küsten Ihres. Landes. Möge Gott die kommenden Tage der aanerikanischen Judenheit mit der Herrlichkeit Zions segnen! Dr. Max Adler und der Aufbau Palästinas Dr. Max Adler, einer der angesehensten und geistreichsten Theoretiker des Marxismus, hatte mit den 30 jungen Palästinensern, die in diesen Tagen in Wien weilten, eine interne Besprechung, in der er sieh von den Siedlung«- und Lebensformen der palästinensischen Arbeiterschaft, den verschiedenen Institutionen der Histadrut haowdim, sowie über allgemeine Fragen d-es Zionismus berichten ließ. Er sagte dann zum Schluß: Das, was in Palästina geschieht, stellt etwas Neuartiges dar und könnte für den sozialistischen Aufbau der ganzen Welt richtunggebend sein. Da«, was er über Palästina hier gehört habe, eröffnet ihm ganz neue Gesichtspunkte. AU das sei noch viel zu wenig bekannt, besonders in Oesterreich. Man müsse auch in nichtjüdischen Kreisen mehr davon erzählen, in Versammlungen und Büchern. Sehr gerne würde er Palästina selbst sehen wollen. Er wünsche unserem .Werke den größten Erfolg. Das Rosenbloom-Haus der Universität New York. Das Kuratorium der Hebräischen Universität zu Jerusalem wird in seiner in Zürich vom 18. bis 23. August stattfind-enden Sitzung einen endgültigen Entschluß über den Bauplan betreffend das Rosenbloom-Gedächtnishaus des Instituts für jmldstische Studien an der Universität zu fassen haben. Sol Rosenbloom, der im November 1925 verstarb, hat bekanntlich ln seinem Testament eine Summe von 500.000 Dollar für Einrichtung eines Hauses für da« judaistische Institut der Hebräiisohen Universität bestimmt. Schon zu seinen Lebzeiten hatte er dem Institut für seine Forschungsarbeiten 250.000 Doibr zur Verfügung gestellt. Im Anschluß an die Sitzung des Universitätskuratoriums wird in Zürich eine Beratung de« Rosenbloom-Gedächtni&komitees stattfinden.