Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1929-07-25 · Heft 82 (25.7.1929) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 82 (25.7.1929)
Date
1929-07-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053805-3053834--1156-3056486
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Safte 6 PCS 8TPtHE Nr. 88 Ein Brief Theodor Herzls aus dem fahre 1883*) Heinrich Kana, mein lieber Freund! Ich will nur annohmen, daß die Kanzleibeschäftigung von morgen nicht die Finte von heute ist, und in diesem Sinn tut es mir leid, daß Du nicht herauskommst. Ich werde also den Joseph R. Ehrlich allein anhören. Es wird hoffentlich kein Privatissimum sein. Da füllt mir ein, daß ich Dir wenigstens über „Cato der Webte“ schreiben kann. Ich werde diesen Brief also erst morgen abschicken. Du kommst also Dienstag abends heraus. Wir haben über diesen Punkt nichts‘weiter zu reden, bei meinem Zorn. Für Mittwoch kannst Du Boverum herauebesteilen, wenn Du Lust dazu hast. Für diesen Fall kannst Du ihn in meinem Namen einladen.. Ferner (ein sehr wicht*gee Ferner!) mußt Du mir, wenn irgend möglich, die Exnerschen Institutionen und Geschichte des römischen Rechts, sowie einen r. Zivilprozeß. herausbringen. Ob Du den gemeinen Weg des Diebstahls, selbst ior qualifizierter Art, oder den noch gemeineren des Bittleihens (precarium) einschlagen willst, ist mir total Wurscht. Wenn Du bei dieser Gelegenheit auch ein deutsches Privatrecht (Siegel) auf eine unauffälligere Art .(ciam) mitgehen lassen könntest, so würdest Du in meiner Achtung noch um ein Bedeutendes ßteigen. Schreibe Dir diese Desiderien hinter die Ohren, wenn die Feuchtigkeit des genannten Ortes Aufschreibungen zuläßt. — Russo hat mir auf sehr eleganten old Style paper mitgeteilt, daß er keine Schriften besitze; Deine Versuche, vi, clam oder precario müssen sich daher gegen andere Opfer wenden. Noch ferner mußt Du mir den Gefallen tun, aber vergiß es gewiß nicht, an die Wr. ganz Gemeine Ztg. eine TJrgenz zu richten. Nun ruhen die Hoffnungen schon die längste Zeit mit unseren Manuskripten in den öden Schreibzimmern der Redaktion! Auf den Tag ist es jetzt ein Jahr, daß die Brunner herausgebrunzt wurden. Die Schlösser in Spanien, an denen ich seither so fleißig gebaut hatte und mit altdeutschen Herrenzimmern, mit veneiranischen Betten und schwarzen Atlaspölstern möbliert hatte, gehen schon dem Zerfall entgegen. Es ist höchste Zeit, daß sie gestützt oder demoliert werden, diese chateaux en Eepagne. — Freilich wird in einem Monat auch noch höchste Zeit sein. Aber tu mir den Gefallen. 13. August. Das Ehrlichsche Lustspiel war. grandios; so grandios eben eine nicht wirklich dichterische, sondern nur spekulative (im philosophischen Sinne des Wortes spekulative) Phantasie es erzeugen kann. Wir reden noch darüber. — Deine Wurzbachiade habe ich mit Vergnügen erhalten, mit geminderterem gelesen. Vier enggeschriebene Seiten (nebenbei: Du mußt leserlicher zu schreiben Dich gewöhnen; denn selbst die Freundschaft entziffert Deine Briefe mit schwerer Mühe —• die Teilnahmslosigkeit dürfte sie liegen lassen) vier enggeschriebene Seiten, und bloß von diesem Esel darin die Rede. Ich verstehe Dein ironisches Behagen sehr gut, aber Wurzbach ist viel zu klein für die Entrüstung und Du bist einmal wieder tief drin in Deinem alten Fehler: mit Kanonen auf lächerliche kleine Spatzen zu schießen. Such© Dir für Deine Geschoß© Wälle und Schanzen auf — größere Objekte, mit einem Wort, als der Esel von Wurzbach es ist. Ueber den lacht man einen Augenblick, erheitert sich momentan an seinem blöden Gewäsch, aber man schreibt . keine großen Feuilletons über ihn, die sich als Briefe geberden. Sind aber gar nicht so interessant, wie man in dem lustigen Augenblick der ersten Durchlesung des Wurzbacbsohen Artikels meinte. Die Hälfte oder der vierte Teil, von Heinrich Kana handelnd — von seinen Zielen, Arbeiten, Gedanken, Gefühlen, selbst von seinen Enttäuschungen, die ich ihm freilich gern ersparen möchte, wenn es in meiner Macht wäre, eine halbe, breitbeschrlöbene Seite hätte mich mit diesem Inhalt mehr erfreut, als vir Seiten Wurzbaoh, die so leer sind, wie sie sich für voll ausgebcTi. Und wer nicht schon früher Dich kannte, dem würdest Du mit Deiner Wurzbachiade gar nichts sagen. So groß der Kunstkritiker der W. G. Z. in seiner Eigen- *) Der gegenständliche Brief wird der -»Stimme» zum Hrstabdruck von Sv. T. Nussenblatt zur Verfügung gestellt. Heinrich Kana war ein Jugendfreund Theodor Herzls, der nach literarischen Mißerfolgen in Berlin einen Selbstmord beging. Diese Petton findet sich in «Altneuland» als «Löwiagt/» in* dichterischer Verklärung. (Anm. der Redaktion.) schalt als Esel dasteht, so gering ist er als Objekt eines satirischen Artikels. Lasse Dich von der Tatsache durchdringen, daß die Wurzbachs ein zahlreiches Geschlecht sind; daß sie große Aemter und Würden einnehmen und vielleicht noch weniger geistreich sind, als Alfred der Große; daß sie Bücher schreiben, Staaten lenken, Kriege führen, und dann schreibe gegen sie! Erweitere m. a. W., Deine Kenntnis der Dummköpfe, d. i. Deine Kenntnis der Welt und dann schreibe gegen sie. — So aber ist es, als wärest Du entschlossen, eine große Familie zu bekämpfen und brächtest den Vorsatz zur Ausführung, indem Du den kleinsten Jungen bei den Ohren rissest. Und er spürt es nicht einmal. Morgen, Dienstag, erwarte ich Dich mit aller Sicherheit! Ich drücke Dir in dieser freundlichen Erwartung die Hand und bin Dein alter Theodor. nm Festitis (Eine Diagnose*) Könnte durch Feierlichkeiten ein Land aufgebaut und durch Festlichkeiten ein Volk erneuert werden — beim Himmel! Der Judenataat wäre längst schon eine blühende Realität. Wie der Sabbath unseren frommen Ahnen der Mittelpunkt der Woche war und ihre übrigen Tage nur seine Satelliten, so scheinen mir oft die fünfundzwanzig, fünfzig Jahre des Bestandes einer Institution, des Wirkens eines Mannes der Oeffpntlicbkeit und dergleichen nur dazu zu dienen, die Freude des „Anläßlich...“ zu ermöglichen. Die 720 Tage und Nächte des Jahres reichen nicht, um all die diversen „Abende“ und „... Tage“ zu placieren, aber unsere Seele ist so weit, daß der Schwall all dieser Festlichkeiten ihr nicht zuviel wird: im Privathaus und im Verein, in der Schule wie im Amt, in der Holzbaracke und im Volkshaus, Jung und Alt, von Jerusalem bis Dan und von Boston bis Dallesowka. Und einerlei, ob es zum Beispiel den, Geburtstag eines großen Menschen gilt oder s&nem Todestag oder der Ueberführung seiner Asche; wichtig ist, daß es ein Vorbereitungskomitee gibt und ein Programm und eine Parade und die Ansprachen fließen wie die Wässer des Jordan — und wir haben eine Tat getan! Aber das innere, meist unbewußte Motiv der Feierlichkeit ist nicht der oder das Gefeierte, sondern unser Bedürfnis nach kostenloser „innerer Erhebung“ —- „Aus Anlaß der.. Seit den Anfängen des Zionismus sehen wir bei den meisten seiner Anhänger das Bestreben, sich ihre Aufgabe allzu leicht zijt machen. Sie verkleinern Sinn und Wesen ihrer Mission nach allen Richtungen hin und stellen sich die Verwirklichung ihres Ideals möglichst leicht vor. Nicht weil sie eich, behüte! in dessen Probleme vertieft und sie nicht schwer lösbar befunden haben, sondern um zu vermeiden, daß von ihnen selbst die großen Anstrengungen und Opfer gefordert werden, die den gewaltigen Aufgaben des wahrhaft vollen und umfassenden Zionismus entsprächen. Dieser Quelle entspringen, bewußt und unbewußt, die Anschauungen von allerhand „Zentren** in Palästina, mit denen keine wirkliche Heimkehr der Mehrheit des jüdischen Volkes verbunden ist — Anschauungen, welche die zionistische Bewegung all ihres konkreten Wertes für die Millionen unseres Volkes und deren faktischen Erlösung berauben. Auch die Zuversicht und die Hoffnung dienen bei uns jetzt nicht als positive Faktoren, welche die Arbeit fördern und die Energie und den Opferwillen stärken; sondern im Gegenteil: sie sind negative Momente, hemmende. „Unser fester Glaube an den, völligen Sieg unseres hiligen Ideals“, wie - die Phrase lautet, schwächt heute die Willenskraft des durchschnittlichen Zionisten, schläft er ihn ein und dient ihm als angenehmer Traum-Wunscherfüller, der sein Bedürfnis nach kostenloser „Erhebung“ leioht befriedigt. Wir sind arm und klein, ohne Taten und ohne Willen zur Tat, aber stark ist in uns der Wunsch nach Dekoration ünd nach Prunkgerede. Nicht aus Lebensfreude kommt die Feier* lichkeit, sondern a h deren S t e 11 e. Lang und langweilig ist der Alltag, grau sind die Wochen der Arbeit — wir müssen Wellenschlägen. Fehlt uns auch das Meer. — Schaum können wir dennoch quirlen. Nicht fühlen wir uns verpflichtet, unserer Mühle Korn zhzufUhren, aber gerade darum lassen wir sie klappern. Wir arrangieren eine Art organische Ein- *) Wie verlautet, beabsichtigen einige Delegierte, die Frage der sofortigen Uebcrfühnjng (ierCiebeme Herzls nach Erez-Israel auf dem bevorstehenden Kongreß aufs Tapet zu bringen und es heißt Immer wieder: Palästina fordere dringend die baldige Ueberführung, Es dürfte daher von Interesse sein, eine Stimme aus Palästin azu hören, die sic hin entschiedener Weise und aus einer allgemeinen Betrachtung heraus gegen die Ueberführung in nächster Zelt wendet. Es sei nlnztigefügt, daß wir mit den Ausführungen des geistreichen Verfassers der «Predigt eines Fanatikers}» nicht ganz iihereinatimmen. (Anm. der Redaktlöh.) heit: Feierlichkeit, Feierrede, der Gefeierte; es ist da gleichsam nur eine Arbeitsteilung und jedem von unssoheints, aucher habe in einem gewissen Sinn Teil an der Größe des Gefeierten. — Während wir uns nur allzu oft schämen müßten, dem großen Menschen nicht die Möglichkeit gegeben zu haben, auch nur einen Teil seines Könnens zu verwirklichen. Und manchmal waren wir ein Hemmklotz an seinen Füßen. Und es gab Große, die wir getötet haben, gerade als Freunde, als Anhänger. Es gibt spezifische Judenkrankheiten, deren Sitz meist der Magen und die Nerven sind, und es gibt spezifische Krankhe'ten der Zionisten, deren Wesen die Phthisis des Willens ist, — eine der bedenklichsten unter ihnen ist die Festitis. Wahrlich, lange schon haben wir kein ordentliches Fest gefeiert, das der Größe unserer Weltorganisation entspräche. Seit dreiundeinhalb Iahren ist hier keine einzige Universität eröffnet, seit drei Jahren hierher keine einzige Fahne gebracht worden und die Stille macht starr, die Ruhe tötet die „Begeisterung der Massen“. Seit jeher fordert die Masse „Panem et circenses“, Brot und Spektakel. Das Brot dem Volke zu geben beeilen sich jene nicht, die den Schlüssel dazu besitzen, dagegen erinnert man sich leicht des Bedürfnisses nach Schaustücken. Jetzt also hat uns der Zionismus einen Prunk zu bereiten, wie ihn auch unsere an Festlichkeiten so Überreiche Gesinnungsgenossenschaft noch nicht gesehen hat; Herzls irdische Reste sollen nach Palästina überführt werden und wir lesen in der Zeitung: „Haifa fordert die Gebeine Herzls... es hat sich bereits ein Komitee gebildet, daß eine groß© Volksversammlung... und auch wegen des Denkmals, das seinem Ruhm...“. Ebenso soll der Kongreß über diese dringende Angelegenheit beraten: es gibt viele bewährte Gesinnungsgenossen, die nicht warten können. Außerdem gibt es ja einen ausdrücklichen Kongreßbeschluß usw. und unsere nachlässige Exekutive in London, die bis heute noch keine Zeit gefunden. hat, eine allgemeine, ständige Festivitäten-Abteilung einzurichten, wird endlich gezwungen werden, aus ihrem Schlummer zu erwachen. Allerdings gibt es noch ändere Kongreßbeschlüsse, die nicht ausgeführt worden sind. Der zwölfte Kongreß z. B. hat wörtlich beschlossen: „Der ZionjtetenJcongreß erklärt die Erfüllung der M a a s s © r forderung des Keren Hajessod für die obligatorische Pflicht jede® Zionisten“. Es gibt auch gewisse Beschlüsse betreffs der hebräischen Sprache, besonders mit Bezug auf die zionistischen Beamten, Aemter u. dgl. Aber es wäre wahrlich ganz unlogisch, nur darum einen Beschluß nicht auszufübren, weil man zehn andere und wichtigere auch nicht ausgeführt hat. Besonders wenn dieser Beschluß der am leichtesten zu realisierend« und der glanzvollste unter allen ist. Freilich ist es geboten und notwendig, daß Herzls Gebeine im Lande seines prophetischen Traumes ruhen — und sie werden da ruhen. Die Frage ist nur, wann sie zu überführen sind? Ob erst nachdem wir durch Opfer und Anstrengung zumindest einen bedeutenden Teil seines gedanklichen Testaments erfüllt haben werden, oder schon jetzt, wö wir vorerst nur Setzlinge ln den Boden der Heimat gepflanzt haben, woraus freilich in der Zukunft ganz, ganz Großes erwachsen soll, die aber vorläufig noch sehr winzig sind im Vergleich mit dem, was )vir noch zu schaffen Jmben (wenn auch sehr groß im Vergleiche mit der Null, bei der wir begonnen und in Berücksichtigung der ungeheuren Schwierigkeiten). Herzls Haupt- und Integraltestainent ist der Judenstaat (oder die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte oder das nationale Hedm, um hier die Streitpunkte nicht zu berühren). Und da es in diesem Testament auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.