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Die Stimme · 1929-07-25 · Heft 82 (25.7.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 82 (25.7.1929)
Date
1929-07-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Nr. 88 Seite i Herzl Von Dr. Marek Scherlag , Magisches, Mystisches ging von Herzls Per* sönlichkeit ans, Geheimnis und Rätsel umritter* ten diesen großen, schönen, offenen Menschen. Da lest in meinem Herzen, schien er uns zuzurufen, folget mir nach! Aber Tiefen waren darin, daß wir zu taumeln wähnten, ehe wir fie zu ermessen wagten. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut, dieser Leitsatz stand gleichsam auf seiner Stirn. Darum trauten wir uns an ihn heran. Er zog uns aber auch magnetisch an, Am liebsten hätte er uns alle um eich gesehen, alle, jung und alt, arm und reich, da« ganze Volk. Gewaltig war sein Optimismus, da er sich die Erhebung der Juden wie ein Naturereignis erträumte und vorstellte. Gott schuf die Menschen nach «einem Ebenbilde, das Götlliche im genialen Menschen mutet sich ungewöhnliche Kräfte zu. Und schließlich wirkt das Großartige und Erhabene beispielgebend. Mit Bewunderung allein ist Herzl« Wirkung nicht erklärt. Seines Aeußeren ungewöhnliche Vorzüge, das erlesene Physische dieses fürstlichen Mannes hat wohl mehr als Eindruck gemacht, aber es fragt sich, ob es genügt hätte, uns hinzureißen, zu begeistern, zu fesseln, wenn nicht das Seelische . in Herzl noch erlesener, edler, hehrer und schöner gewesen wäre. Daß er ein Mensch war mit menschlichen Eigenschaften, vielleicht auch mit Fehlern, verschlug uns nichtfl die wir ihn liebten. Und nun bin ich bei dem eigentlichen Kern der Sache. Er weckte Liebe, weil er Liebe hatte und axisstrahlte. Könnt ihr euch einen Begriff davon machen, wie sehr wir ihn liebten? Jung waren wir wohl und begeisterungsfähig — aber ihn liebten doch auch Greise. Wieviele gab es in jenen Jahren seiner ersten Taten, die sich auf seinen Ruf buchstäblich geopfert hätten für ihn, für die heilige Sache des Volkes! Und warum? Weil wir fühlten: an ihm ist alles echt, echt seine Liebe zur Judenheit, echt sein Stolz auf die Abstammung, echt die Entschlossenheit, dem Volke zu helfen, die Judennot zu beenden, echt der Glaube an seine Mission und an die Zukunft und an die Menschheit. Er forderte viel, am meisten von sich’ selbst, er opferte seiner Idee alles, sich selbst, sein persönliches Glück, sein Leben. Wohl uns, daß wir Einen hatten, zu dem wir emporblicken, nach dem wir uns richten konnten, auf den wir stolz waren, auf den wir schworen, glaubten und reohneten. Wie ein Fels im Meere stand er vor uns. Und wenn die Welt auch wankte, er bleibt fest. Er braucht nur zu winken, und Massen folgen ihm ... Tritt er vor die Herrscher dieser Erde hin, und er erreicht, was er will, was er erreichen muß. Verlangt er doch nichts für sich, obwohl er die Könige überstrahlt, sondern nur für sein altes, armes und doch so junges, reiches Volk ein Minimum an Lebensmöglichkeit, ein Maximum an Erneuerung, Sein Ziel war groß: alles oder nichts. Erst mit der Zeit wurde er bescheidener. Aber sich selbst, seinem Ideal, ist er nie untreu geworden. Er konnte sich nur schwer entschließen, Kompromisse zu schließen. Aber die blauweiße Fahne hielt er hoch, daß sie rein und -makellos über dem Lande seiner Träume schwebte. Rein und makellos waren seine Hände. So selbstlos mochten nur unsere Propheten sein. Wir wissen nun, wieviel Prophetisches in unserem Herzl war und daß es keine Uebertreibung war, wenn wir ihn Held und Heros nannten. Nicht erst Carhyles Buch, nein, schon Herzls Ersche;nung lehrte uns wahre Heldenverehrung. Und ließ er sich einmal zu uns herab, so erfüllte uns seine Güte mit Glück. Wir sahen ihn eigentlich nie im Staube wandeln. Immer auf Adlerschwingen, auf Höhengipfel, restlos, groß, niramermüd, glühend, hoffnungsreich. Simsons Kraft muteten wir ihm zu, Eliahs Schwung und Mosis Macht und Ausdauer. Daß er sich aufrieb, ahnten nur wenige. Kurz war sein Leben, aber auegefüllt. Es war keine Ueberhebung, wenn er an Baron Hirsch eine Andeutung über Napoleon machte. Wie sein Leben einen Sinn, einen über den Tag hinau8reichonden Wert hatte, so scheint mir auch sein Tod, der so jäh und früh hereinhraoh, einen Sinn zu haben. Herzl sollte vor Fehlern bewahrt bleiben. Vielleicht hätte er, der auf Wilhelm baute, im Weltkrieg sich zu sehr gegen die Sieger gewendet und Englands Gunst verscherzt. Das Land der Verhe’ßung durfte er nur flüchtig sehen. Aber er starb mit dem Glauben an den Judeuataat, Nicht nur seinen Leichnam Ballten wir hinübevtr&gen ~ sondern auch seinen Geist. PIE STOWE ■ Große Theodor H@rzl*Feier in London AftfpfttiSün von Lord Meieheft, Sir Herbert San»#, Stephen, S. Wlte ttnd Nattttm Sokolow. Am Abend des 18. Juli veranstalteten die Londoner Zionisten und PaWUtma-Frewule eine Theodor-Herzl- Gedächfcnisfeter aus Aida9 der 25. Wiederkehr des Sterbetages des Schöpfers der modernen zionistischen Bewegung. Es war dte eindrucksvollste Londoner Veranstaltung seit der Feier der Bailour-DeMaratian. Den Vorsitz führte Lord Melchett, Präsident der englischen zionistischen Föderation, der itt seiner Eröffnungsansprache ein Bild der Persönlichkeit Herzls umriß, seine großen staatsflÄiwrische« Fähigkeiten charakterisierte und darauf hm wies, wie die Persönlichkeit dieses großen Führers sich in der Entwicklung der zionistischen Bewegung seit der Schaffung des Basier Programm* bl* auf den heutigen Tag «»prägt. Der frühzeitige Tod eines Führers von solchen Qualitäten war «in schwerer Schlag für die Bewegung und für das Judentum. Ais zweiter Redner sprach — von der Versammlung stürmisch begrüßt — SteHeibert Samuel, der «rate Otoerkonwntesar von Palästina, kh weiß, sagte er, ln der modernen Ge&ohichte niohts Erhebenderes und Begeisternderes als das Leben Theodor Herzls und als die neue Entwickkng in Palästina; die einen Triumph der großen Idee Herzte bedeutet. Theodor Herzl war ein Mann, der tief in die Zukunft blicken und eine Entwicklung voraussehen konnte. Was würde er vor 25 Jahren gesagt haben, wenn er vorauageseheh hätte, daß Palästina im Verlauf einer einzigen Generation zu einer offen tßcb-rechtlich gesicherten jüdischen Heimstätte werden wird und daß große Industriezentren um Lande entstanden sind, daß die Juden in Palästina zwölf Millionen Pftmd investiert haben und daß die hebräische Kultur wieder erwacht ist. Hätte doch Herzl die Verwifklk>htu% «einer Träume noch selbst erlebt! Und das alles ist ja nur ein Anfang jener Anstrengungen und Opfer, die das jüdische Volk dem Aufbau Palästinas weiht. Finanzidlla Opfer sind nicht aMes. Viel schwerer wiegen (fie Opfer der Arbeit, die der' Jude dem Lande bringt Finanziere Opfer sind vielleicht leichter zu tragen als (fie Opfer, die die Jungen Juden in den traurigen Tagen der arabischen Angriffe gebracht haben. Es sollen -heute auch der Naanen .Tru-mpeld-ors und die Namen seiner Genossen in Ehren genannt werden. Sir Herbert Samuel sprach mit Worten höchsten Lobes von der Ergebenheit, dem Idealismus und dem Kampf des jüdischen Arbeiters,,der die Zivilisation Palästinas zur Blüte bringt. Es gibt eine Richtung im Zionismus, fuhr Sir Herbert Samuel fort, die will, daß Palästina das Siebente Dominion des britischen Reiches wird. Ohne auf die Vorteile und Nachteile dieser Idee vom jüdischen, vorn britischen und vom internationalen Standpunkt eirrzugehen, möchte ich den Anhängern dieser Idee sagen, daß es heute auch ihre Aufgabe sei, in Gemeinschaft mit uns an dem Aulbau einer starken Jewish Agency, die aße Parteien und Richtungen im Judentum einschEeßt, mitzuwjrken. Dr. Weizmami hat Weitblick gezeigt, als er alle Teile des Judentums emgeladen hat, sich im Zeichen des Aufbauwerkes in Palästina zu vereinigen und als.er die Hälfte der Sitze im Council der Jewish Agency jenen Kreisen zugestanden hat, die in ihrer Mehrheit bisher wenig für das Pafästinawcrk getan haben. Dr. Stephen S. Wise schilderte Theodor Herzl als den Wundermann, der schlummernde Kräfte weckt und verborgene Energien zur Auslösung bringt Er hat dem Jüdischen Volke gezeigt, wie ca sich selbst sein Heim schaffen soll. Als Ich, sagte Wtee, am Vorabend der Verkündung der Balfour-Deklaration zusammen mit Branders den Tert der Deklaration vom Präsidenten Wilson empfing, war-ich tief ergriffen von diesem englischen Akt. Nichtsdestoweniger möchte ich sagen, daß unbeschadet unseres Vertrauens zu England wir stets über die Jüdischen Interessen m Palästina gegenüber, der Mandatarmacht wachen müssen. Es wurde ein Telegramm vom Dr, Weizmann, Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, verlesen, in welchem Weidmann bedauert, der Gedächtnisfeier für Theodor Herzl fernbieiben zu müssen, ES folgte die Verlesung einer Kundgebung von Nathan Straus, dem berühmten amerikanisch-jüdischen Philanthropen, der Her# den neuzeitMchen Propheten in Israel nennt, der den Mut hatte, dem jüdischen Volk die Augen zu öffnen und es zu inspirieren, an die Lösung seines Problems leranzugehen und da* Land Israel wieder aufzubauen. Herzl* Vision erhält gerade Jetsart die volle Glorie, indem Palästina von unserem Volke mit HiWe Großbritanniens ale Mandatarmacht aufgebaut wird und das gesamte jüdische Vodik durch die erweiterte Jewish Agency an diesem Werke teHniwmt. Den Abschluß des Abends bildete eine Ansprache Nahuan Sokolow«, der den Lebensweg Theodor Herzls zeichnete ttnd schilderte, wie Her# In der Zeit der Dreyfus-Affäre und der neuen Welle des Antisemittsmus zu seinem Judentum zurfickfand, aus diesem Zurttokfinden die großen Konsequenzen zog und zur Verkündung der Idee des modernen. Zionismus schritt. Sir Herbert Stint!*! »prtckt im UnterbAn« über Palä«tiua-Problchxo. — Der Schatzkajnzler über die Afllcihemöglichkeit Palästinas London, 18. Juli. (J. T. A.) Bei der zweiten Lesung des Gesetzes über die Entwicklung der Kolonien im englischen Unterhaus ergriff Sir Herbert Samuel das Wort, um dagegen Beschwerde zu führe«* daß in dem Gesetzentwurf betreffend Ergänzung des Palästina» und Ostafrika-Anteiheakte Palästina völlig Übergangen wird. Es ist ausdrücklich vorgesehen, daß der Regierung von Ostafrika Erleichterungen bei Aufnahme von Anleihen gewährt werden sollen; es fehle ihm das Vafttlndnte dafür, daß nicht auch Palästina «Oiche Erleichterungen zediert werden. Sir Herbert Samuel gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Regierung Vorsorge treffen wird, daß sich die Gesetzesändemng auch auf Palästina beziehe. Die AnlelheproWeme der Mandatsfände r■ verdienen, die besondere Aufmerksamkeit der Regierung. Im Mandatssystem ist vorgesehen, daß die Gebiete der Klasse A, zu denen Palästina gehört, soweit entwickelt werden sollen, daß sie zu eitler späteren Zeit sich selbst regierende Gemeinwesen werden können. Wollten diese Gebiete Anleihen, rückzahlbar in 40, 50 oder 60 Jahren a-ufiegen, so würde kein Mensch, der Geld zu investieren bat* unter solchen Bedingungen Kapital vorschießen. Denn er würde sich fragen, wie lange das betreffende Land noch unter britischer Administration verbleibt. Deshalb sind die Mandatsgebiete der Ktette A bei Aufnahme von Anleihen in einer ungünstigeren Lage als die Kronkolonien, in denen das Regierungssystem einen mehr oder weniger stabilen Charakter trägt. Es ist daher notwendig, daß die englische Regierung Garantie Übernimmt. Es sei gut, daß die Regierung im Akt von 1929 eine solche Garantie übernommen hat und er hoffe, daß in der neuen Vorlage die von ihm gemachten Vorschläge berücksichtigt werden. Palästina ist ein Land, das in geschichtlicher Hinsicht alt ist, aber an der Schwelte moderner Entwicklung steht. Palästina, vom Kriege stark in Mitleidenschaft gezogen, ist dennooh das einzige Land, das der britischen Kasse Rückzahlung für Anleihen au« der früherem Zeit, und zwar für Eisenbahnbauten usiw, leistet. Sir Herbert Samuel lenkte die Aufmerksamkeit der Regierung darauf, wie wünschenswert es wäre, den Bau einer Eisenbahn von Haifa zur syrischen Grenze und deren Verbindung mit der Eisenbahn-, die die syrischem Behörden von Beirut bauern, zu erwägen. Als ich Oberkomimissär m Palästina war, führte ich Uber dieses Projekt Unterhaltungen mit der französischen Kommission; diese nahm damals das Projekt sehr günstig auf. Die Verwirklichung dieses Planes wäre von großem Vorteil für die palästinensischen Eisenbahnen, weil dann ein direkter Transitverkehr zwischen Aegypten und Syrien über Palästina geschaffen wäre und der Handelsverkehr zwischen Syrien und Palästina sich besser entwickeln könnte. Durch diese Eisenbafonverbindumg würden die palästinensischen Eisenbahnen Anschluß an diejenigen Kleinasiens erhalten, und so würde das letzte fehlende Glied einer direkten Eisenbahnverbindung Calais—Konstantinopel—Kairo mit der einzigen Unterbrechung am Kreuze des Bosporus eingesetzt werden. Der Kanzler des Herzogtums Lancaster Sir Öswald Mdsley führte in der Erwiderung auf die Ausführungei! Sir Herbert Samuels aus, der Grund, warum Palästina m der Klausel 4 des Gesetzentwurfes nicht besonders erwähnt ist, ist der, daß Palästina in einer anderen Klausel de» Gesetzentwurfes in günstiger Weise berücksichtigt ist, dte besagt, daß die Mandatsländer Anleihen' gemäß dem Colonial Stocks Act aufnehmen können, eine Vergünstigung, die sich auf KoloniaHändeß nicht bezieht. Colonel Wedgwood will auf dem Zionistenkon* greß die Idee de« „Siebenten Dominion“ propagieren t o n d o n, 18. Juli. (J. T. A.) Colonel Josiah Wedgwood, Mitglied des Unterhauses und einflußreiches Mitglied, der regierenden Arbeiterpartei, erklärt, daß et dem XVI. Zionistenkongreß ln Zürich als Gast beiwohnen und die Gelegenheit wahrnehmen werde, für die Idee der Umwandlung des Mandatelandes Palästina in das Siebente Dominion des’ British Empire zu wirken, ln einem Auifeatz im «Manchester Guardian» teilt Wedgwood mit, es gelte vor allem, das englische Volk davon zu überzeugen, wie wichtig es für das britische Reich sei, Palästina als ein sich selbst regierendes Dominion innerhalb der Grenzen des Reiches anzuerkennen. Es gelt aber auch* die amerikanischen Juden, die die Geldgeber sind, von der Wichtigkeit dieser Idee zu überzeugen. Eine Schwierigkeit besteht darin, daß die Zionistische Exekutive ln dieser Angelegenheit Unparteilichkeit ülben muß. Wir müssen jetzt darauf bedacht sein, freundschaftliche Beziehungen m Palästina herzustellen. Wen« wir noch zwanzig Jahre warten, bis wie uns vergegenwärtigen, daß eine Zusammenarbeit »wischen Palästina und England für beide Teile eine Notwendigkeit ist, so werden wir dort dieselbe Kampfstimmung vorfinden, wie sie heute in Indien und Aegypten gegen uns besteht.

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