Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 81 (18.7.1929)
- Date
- 1929-07-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr/81 nit Mmiffe UU 31 lliH5> Seite 9 Zionistische Mädchenarbeit (Kontinentalbund zion. Mädchenvereinigungen) Von Dr. Henriette Rappaport. träger der Zukunft ist die Jugend. Daher ist jede Gemeinschaft darauf bedacht, ihre Jugend in dem Sinne zu bilden, der sie dazu befähigt, diese Gemeinschaft fortzuführen. Das jüdische Volk will daher die jüdische Jugend so erziehen, daß es in ihr weiterlebe. Die junge Generation von heute unterliegt aber vielen Einflüssen, die sie der jüdischen Gemeinschaft entfremden. Diese jüdische Jugend mit jüdischem Inhalt und jüdischem Willen zu erfüllen, ist Aufgabe und Wunsch der jüdischen Gemeinschaft. — Trägerin der jüdischen Familie ist die jüdische Frau. Daher ist es Aufgabe der Gemeinschaft, das jüdische Mädchen von heute zur jüdischen Frau von morgen zu erziehen, ihr den Inhalt des Judentums und den Willen zum Judentum zu geben. — Um ihr Ziel zu erreichen, braucht die Gemeinschaft Organe, die ihre tiefere Absicht in die Tat umsetzen, durch Kleinarbeit im kleinen Kreise. Solche Organe sind die verschiedenen jüdischen Organisationen, die Jugendbünde und Schulen. Der Kontinentalbund zionistischer Mädchenvereinigungen hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, das jüdische Mädchen zu erfassen und zu erziehen, insbesondere jenes Mädchen, das etwas abseits von der jüdischen Gemeinschaft steht, dem die Gefahr des Unterganges droht, dem der ernste Wille und das ernste Ziel fehlt. Vor allem gilt es, das jüdische Bewußtsein zu wecken. Wir müssen also da* jüdische Mädchen in die jüdische Gemeinschaft stellen, daß es einen Kreis gleichgesinnter Menschen um sich weiß, dessen Glied es ist. Die Gemeinschaft junger jüdischer Mädchen schafft der Kontinentalbund. Innerhalb dieser Gemeinschaft bringt er jüdische Werte, Liebe zur jüdischen Vergangenheit und jüdischen Zukunft, Kenntnis der Geschichte unseres Volkes, seiner Literatur und Sprache, seiner Sitten und Gebräuche, seiner alten Traditionen, und Kenntnis vom Renaissancewillen des Volkes, von seinem Lande, seiner Arbeit, seinen Zielen, seinen Idealen und der zionistischen Organisation, die diese Ideale zu verwirklichen sucht. Um diese Kenntnis zu vermitteln, werden Kurse abgehalten, Vorträge angehört, Referate gebracht und Aussprachen über aktuelle jüdische und menschliche Fragen, die dem jungen Mädchen nahe gehen, angebahnt. Und die Mädchen lernen ihren Interessenkreis mit dem neuen Palästina zu erfüllen, für Palästina zu arbeiten, wenn auch nicht in Palästina. Aber nicht nur Ernst gibt der Kontinentalbund der Jugend, sondern auch Heiterkeit und Jugendfreude, Frohsinn und Liebe zur Natur. Es werden gesellige Zusammenkünfte veranstaltet, Ausflüge und Wanderungen, die die Jugend fühlen lassen, daß sie jung ist. Solche und ähnliche Programmpunkte werden auch in anderen Jugendorganisationen durchgeführt. Aber was den Kontinentalbund eine Sondenstellung einnehmen läßt, ist die Tatsache, daß er ausschließlich Mädchen vereinigt, daß er es den Mädchen ermöglicht, diese Werte in einer Atmosphäre und unter Voraussetzungen in sich aufzunehmen, die ihrem Wesen entsprechen. Denn es handelt sich ja nicht nur darum, in speziell jüdischem oder zionistischem Sinne zu wirken, sondern den ganzen Menschen zu erfassen und ihn gerade als Juden und Zionisten menschlich zu erziehen und zu erhöhen. Dieses Ziel kann aber nur eben dort erreicht werden, wo eine gewisse Homogenität des Menschenmaterials vorliegt, wo die Bedeutung der Aufgaben gleichermaßen für alle Geltung hat. Und hier, wo es unser Ziel ist, die jüdische Frau zu erziehen, ergibt sich die Notwendigkeit, das jüdische Mädchen als solches zu erfassen und ihm seine Mission vor Augen zu führen.. Der Kontinentalbund zionsitischer Mädchenvereinigungen, der bis zum Vorjahr unter der Führung von Frau Edith Lachmann (Breslau) stand, wird gegenwärtig von einem dreigliedrigen Exekutivkomitee, das seinen Sitz in Wien hat, geleitet. Er zählt zirka dreißig Gruppen in verschiedenen Städten Oesterreichs, der Tschechoslowakei, Rumäniens und Deutschlands, Schweiz und Ungarn. Gegenwärtig werden auch Verhandlungen mit einigen Gruppen der Schweiz und Bulgariens geführt. Die Gruppen arbeiten dem Programm des Bundes entsprechend (dessen Leitung in Wien ihren Sitz hat). Durch brieflichen Verkehr, Rundschreiben, Tätigkeitsberichte und Zusendung von Arbeitsmaterial wird der lebendige Kontakt zwischen der Leitung und den Gruppen aufrecht erhalten. Besonders wichtig für eine wirkliche innere Annäherung der Mädchen untereinander und die Verständigung über verschiedene Fragen sind die Bundestage, die jedes Jahr abgehalten werden und an denen die Vertreterinnen sämtlicher Gruppen teilnehmen. Der vierte Bundestag des Kontinentalbundes findet vom | 18. bis 22. Juli 1929 in Wien statt. Anschließend ( daran wird eine Bundesreise der Teilnehmerinnen dieser Tagung zum Zionistenkongreß in Zürich unternommen. Die Wiener Leitung des Kontinentalbundes hofft, daß diese Mitteilungen das Interesse der Gesinnungsgenossen erwecken werden und ist gerne bereit, alle diesbezüglichen Auskünfte über betreffende Anfragen zu erteilen. Adresse der Wiener Leitung des Kontinentalbundes zionistischer Mädchenvereinigungen: Frau Marie Pollak, Wien, II., Praterstraße 66/30. Die Jahresversammlung des Rates van Hias-Ica-Emigdirekt in Paris Paris, 11. Juli (J. T. A.). In Paris wurde in diesen Tagen die Jahresversammlung des Rates von Hias-Jca- Emigdirekt (HJCEM) unter dem Vorsitz von Dr. Oskar Cohn abgehalten. Es nahmen an den Beratungen teil die Herren A. Benjr i und Dr. James Bernstein von HIAS in New York, justizrat Dr. Blau-Frankfurt a. M., der Vizepräsident der JGA Leonard L. Cohen und d’Avigdor Goldsmid aus London, Direktor Joachimsohn- Berlin, Gribeschok-Riga, Prof. Dr. Mittwoch-Berlin, Leo Motzkin-Pa-ris, Geh.-Rat Dr. J. Stern-Berlin, Dr. M. Krainin-Paris, Latzki-Bertholdi-Riga, Doktor Edouard Oungre-Paris, S. Reinach-Paris, AL Schalit- Wilna. Als Gäste nahmen an der Sitzung teil Dr. Alfred Klee-Berlin, Dr. Louis Oungre-Paris, Dr. Silberschein- Lemberg. Der Vorsitzende gab ein Resume des ausführlichen Berichtes der Direktion über die Tätigkeit von Hias- Jca-Emigdirekt für die Zeit vom 1. April 1927 bis 31. Dezember 1928. Nach dem Ergebnis dieser zwei Jahre zu urteilen, hat sich die jüdische Auswanderung auf jährlich 35.000 bis 40.000 Personen stabilisiert. Ungeachtet dieser Verminderung der jüdischen Auswanderung im Vergleich zu früheren Jahren wird der Emigrantenschutz immer schwieriger, der Umfang der Arbeit wird immer größer. Im Hinblick auf die bestehenden Einwanderungsbeschr ä nkungen in den europäischen Ländern geht der ganze Strom der Auswanderer nach Uebersee. Dieser Zustand drückte sich in der Arbeit von Hias-Jca-Emigdirekt in folgenden Ziffern aus: Im Jahre 1927 haben sich rund 40.000, im Jahre 1928 mehr als 53.000 Auswanderer an die Komitees von HICEiM in den Auswanderungsländem gewandt. Die HICEM-Komitees gewährten juridische und konsolarische Hilfe in 10.975 Fällen i. J. 1927 und in 19.816 Fällen i. J. 1928. Die Zahl jener Einwanderer, die die Hilfe der Komitees in Argentinien, Brasilien, Uruguay, Kanada, als in jenen Ländern, in denen HICEM eine intensivere Tätigkeit entwickelt, in Anspruch genommen haben, betrug i. J. 1Q27 : 6453, im Jahre 1928: 10.831. Die Zahl der Einwanderer, die in diesen vier Ländern durch die Arbeitsbüros von HICEM Arbeit zugewiesen erhalten haben, betrug 1927: 1888, 1928 : 4367. Im Jahre 1928 haben 2444 Einwanderer in Argentinien und Kanada ihre Einwanderungszertifikate durch die Komitees von HICEM erhalten. Eine große Zahl Emigranten nahm auch materielle Hilfe in Form von Darlehen und Vorschuß auf Reisekosten in Anspruch. Die Gesamtsumme dieser Darlehen betrug 1927 über 45.000 Dollar, 1928 über 100.000 Dollar. Die Gesellschaft hat Vorkehrungen getroffen, um die Einwanderer den Lebensbedingungen in den Einwanderungsländem anzupassen, und hat zu diesem Zweck Sprachkurse eingerichtet und für eine berufstechnische, sowie landwirtschaftliche Ausbildung der Wanderer gesorgt. Der Erfolg der Sprachkurse steht schon heute fest. Ueber die Resultate der berufstechnischen und landwirtschaftlichen Ausbildung kann man endgültige Feststellungen noch nicht machen, das Experiment wird fortgesetzt. In der zweiten Hälfte 1928 baute Hias-Jca-Emigdirekt die Kredithilfe in den Einwanderungsländem aus. Es wurden geschaffen bezw. gestützt Leih- und Sparkassen in Argentinien, Brasilien und Uruguay. Den Einwanderern wurde der Erwerb von Produktionsmitteln erleichtert, wodurch sie sich schneller den bestehenden Arbeitsbedingungen anpassen konnten. Zum Schluß wies Dr. Oskar Cohn darauf hin, daß sich in der allerletzten Zeit die Lage im Auswanderungswesen sehr viel verschlechtert hat. Die Einwanderungsbeschränkungen in Argentinien, Kanada, Südafrika und in anderen Ländern werden immer strenger gehandhabt; Hauptaufgabe von Hlas-Jca-Emigdirekt in der nächsten Zukunft wird es sein, energische Maßnahmen zur Erweiterung der Einwanderungsmöglichkeiten für jüdische Wanderer zu ergreifen. Direktor Joachwnsöhn* erstattete den Bericht des Revisionsauschusses und stellte fest, daß die finanziellen Operationen vollkommen im Rahmen des Budgets und in bester Ordnung durehge führt wurden. Nachdem Leo Mofczkin in einer eingehenden Ansprache die guten Resultate der bisherigen Zusammenarbeit zwischen Hias-Jca-Emigdirekt auf dem Gebiete der Auswanderung festgestellt hatte, bestätigte der Rat einstimmig den Tätigkeits-* und Finanzbericht und ratifizierte das Budget der Eimigrationsvereinigung HICEM für das Jahr 1939, welches zu Jahresbeginn durch die Executive genehmigt wurde. Franz Philippson, der Präsident der 1 CA, gestorben Paris, 8. Juli (J. T. A.). Herr Franz Philippson, der Präsident der Jewish Colonisation Association (ICA), ist am Sonntag, den 7. Juli, in Paris, wo er zu einer Tagung des Rates der ICA aus Brüssel, seinem ständigen Wohnsitz, eingetroffen war, plötzlich verstorben. Er stand im 78. Lebensjahr. In Paris, wo die Mitglieder des Rates der ICA aus den verschiedenen Ländern versammelt sind, hat das Ableben des langjährigen ICA-Präsidenten, der eine zentrale Persönlichkeit im jüdischen Leben gewesen ist, Trauer hervorgerufen. Franz Philippson wurde in Deutschland als Sohn des Rabbiners Ludwig Philippson, des hervorragenden jüdischen Gelehrten und Schriftstellers, Führers des liberalen Judentums und Herausgebers der «Allgemeinen Zeitung des Judentums:», geboren. Er war ein Bruder des verstorbenen bekannten Geschichtsschreibers Professor Martin Philippson, der zuerst außerordentlicher Professor der Geschichte an der Universität Bonn und später ordentlicher Proftsssor und Rektor der Universität Brüssel war, und der Ifin Dezember 1890 wegen Konflikten mit den radikalen und deutschfeindlichen Teil der Brüsseler Studentenschaft seine Professur niederlegte und nach Berlin übersiedelte. Ein zweiter Bruder Franz Philippson war der Geograph der Bonner Universität Professor Alfred Philippson. Franz Philippson, der noch in jungen Jahren nach Brüssel übersiedelte und sich dem Finanzleben widmete, schwang sich zu einem der führenden Finanzmänner Belgiens empor und wunde der Finanzier der belgischen Regierung. Sein Leben lang widmete er sich jüdischen kulturellen und sozialen Interessen und wurde Präsident der Brüsseler Jüdischen Gemeinde und ein Führer des belgischen Judentums. Seit Gründung der ICA gehörte Franz Philippson der Leitung dieser großen Körperschaft, die das Vermögen des Baron de Hirsch zugunsten jüdischer erzieherischer und sozialer Interessen verwaltet, ununterbrochen an. Et nahm hervorragenden Anteil an dem Ausbau des jüdisohn Kolonialsystems in Argentinien und später in Brasilien, sowie an dem Ausbau des jüdischen Schulnetzes in den osteuropäischen Ländern, schließlich am der Schaffung einer Kontrolle der jüdischen Auswanderung. Unter dem ersten ICA-Präsidenten Narcisse Lev6n fungierte Franz Philippson als Vizepräsident der ICA und seit dem Tode Levens vor mehr als zwanzig Jahren war Franz Philippson ununterbrochen Präsident der ICA, die er während einer langen Periode streng nach althergebrachten Grundsätzen leitete, und dadurch die Kritik von Vertretern der jüngeren Generation gegen die Methoden dieser Institution herausforderte. In den letzten Jahren war auch er — inzwischen hatte eine teilweise Erneuerung des ICA- Rates stattgefunden — moderneren Grundsätzen zugänglich, und es konnte sich eine Zusammenarbeit mit anderen, aus der jüdischen Masse hervorgegangenen Organisationen und Institutionen anbahnen. Als vor einer Reihe von Jahren vom Joint Distribution Comitee und der ICA die Joint Reconstruction Foundation zur Unteriialtung und zum Ausbau des Netzes der jüdischen Kreditgenossenschaften in den Ländern Osteuropas begründet wurde, wurde Franz Philippson Präsident der Foundation. Diese Körperschaft, deren Direktoren Herr Dr. Berhard Kahn vom Joint und Herr Dr. Louis Oungre von der ICA sind, unterhält und stützt in Rumänien, Polen, der Tschechoslowakei, Rußland, den Balkanländem usw. viele Hunderte jüdische Kreditgenossenschaften, die lebenswichtige Arbeit für den kleineren jüdischen Mittelstand tun. Ernst Cassirer, Rektor der Universität Hamburg, 9. Juli. (J. T. A.) Die Universität Hamburg wählte zu ihrem Rektor für dieses Jahr Professor Dr. Emst Caissirer, den hervorragenden Philosophen und Schüler Hermann Cohens, der sich u. a. auch als der philosophische Ausdeuter der genialen physikalisch-mathematischen Feststellungen Alibert Einsteins hervorgetan hat. Ernst Cassirer wurde 1874 im Bresla-u geboren und ist seit 1919 Professor im Hamburg. Er schrieb «Substanzbegriff und Funktionsbegriff. Untersuchung über die Grundlagen der Erkenntniskritik» (1910); «(Das ErkenrntnisprObflem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit» (1906—1920); «Kants Leben und Lehre» (1918); «Idee und Gestalt» (1920); «Zur Einstein sehen Relativitätstheorie. Erkenntnistheoretische Betrachtungen» (1920), sowie zahlreiche andere philosophische Schriften, in denen er die wissenschaftliche -Bedeutung des Marbu.rger Neukantianismus für die Durchleuchtung der Struktur der Natur- und Geisteswissenschaft, der Geschichte der Philosophie, der Sprache, des Mythos, der Kirnst und Religion, entfaltet. Cassirer ist auch Herausgeber der Gesamtausgabe von Hermann Cohens philosophischen Wethen. Er ist Mitglied des Kuratoriums der Hochschule .und des Vorstandes der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, sowie des Kuratoriums der Hermann Cohen-Stiftung bei der Akademie. Ernst Cassirer ist wohl der erste jüdische Gelehrte, d;.- je in Deutschland die Würde eines Un-iversi itcrc’.tors bekleidet hat.