Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 81 (18.7.1929)
- Date
- 1929-07-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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SKH*2 PIE STIMME Nr. 81 Sanierung unserer Finanzen, für die «KoBsoHcföeruitg*, welche i:\t vorläufiger Einstellung der Neu Kolonisation gtefchbcuw’iiend war, gern — recht gern — dem Zentrum aui den geduldigen, im nationalen Dienst erprobten Rücken geladen. Jetzt aber, da die Sanierung dank der tapferen Rücksichtslosigkeit Sachers nicht nur eingeleitet ist, sondern auch schon den nahen Erfolg verheißt, kam der Grund für den Anschluß der Fliigelgntppen in Wegfall. Ein Koalitionsregüne ist aber auch schon wegen des obskizzierten Ausfalles der Kongreß wählen eine Notwendigkeit geworden. Auf früheren Kongressen hatte das Zentrum, -wenn es sich in entscheidenden Momenten aufraffte, zuzüglich der Virilstimmen immerhin die knappe Mehrheit und konnte Willen und Programm der Führung auch dann durchsetzen, wenn die Extreme von rechts und links es für gut fanden, zu opponieren oder durch Opposition zu posieren. Letzteres war da- | mals recht verlockend, da man sich darauf verlassen konnte, daß das Zentrum noch rechtzeitig mit seinen Mehrheitsstknmen das Interesse der zionistischen Allgemeinheit «cbützen und retten werde. Mit all dem ist es nun vorbei! Man mag es bitter beklagen, aber man muß der Tatsache ins Gesicht schauen, daß die von vielen guten Zionisten ersehnte Zurückdrängung der Ftügelgruppen mißglückt ist, Ja, daß noch die Stamrnzaonisten — selbst nach Zurechnung aller Splittergruppen — nicht länger die Kongreßmehrheit haben. Beschämt müssen wir uns es auch gestehen, daß die allgemeinen Zionisten im weiteren Sinn des Wortes sich neuerdings um den Beweis bemüht haben, politisch minderreif oder doch taktisch mindergeschickt zu sein als die Flügelgruppen und vor allem die Linke. Haben doch die beiden Arbeiterparteien Achduth Haawodah und Hapeel Hazair angesichts der erweiterten Agency die kluge Selbstbeherrschung gehabt, ihre alten Gegensätze zu überwinden und sich unmittelbar vor dem Kongreß zu einer starken Kampfeinheit z-u verschmelzen. Dahingegen verharrten die Allgemeinen Zionisten in ihrer Zersplitterung und, wo die Triebkraft faktiöser und persönlicher Gehässigkeit ausging, in ihrer sträflichen Lethargie. Trotzdem es längst außer Zweifel war; daß ein weiterer Widerstand gegen die erweiterte 'Agency, adso der Hauptprogrammpunkt von Radikalen und Revisionisten, keinerlei Aussicht mehr bot, rollten diese Faktionen ihre zerschossenen Fähnlein nicht ein, sondern zogen überall lärmend mit ihren Sonderlisten auf die Walstatt Ihr Erfolg bestand lediglich darin, die FJögßlgruppen und besonders die Linke indirekt zu stärken. Das ist doppelt kurios, wenn man bedenkt, daß alle Revisionisten und von den Radikalen deren Wiener Spielart jahraus jahrein gegen die Vorherrschaft der Linken in Palästina ein starkes Gegengewicht ersehnen und verlangen. Doch Unrecht wäre es, alle Schuld nur den Radikalen und Revisionisten zuzusebieben. Auch anderwärts schwelgten wir Stammzsonisten geradezu in Zersplitterung. Ein trauriges Beispseä bot Erez selbst Dort gab es neben einer Liste .^gewöhnlicher Stammziomsten solche, die sich Zionisten- Demokraten nennen, mit einem lächelnden Gesicht nach ifo und solche, die sich nationalbürgertich heißen, •ruft einem brummigen Gesicht nach links. Man kann beim besten Willen von dem biederen Wähler nicht verlangen, daß er solches Treiben ernst irönmt. Nur die «gelernten» Zionisten in Berlin machten diesmal «ne wohltätige Ausnahme der Besonnenheit; sie geben cs nämlich auf, den vor und bei dem letzten Kongreß unternommenen Versuch eines speziellen Linken Zentrums fortzusetzen, und nahmen lieber durch 'Bfttmenfeld mit dem bekanntlich etwas weiter nach rechts stehenden «Eth Liwnoth» in Polen Fühlung, Die Linke wird der Koalitions-Exekutive gewiß angehören. Das gebührt ihr auch nach jeder Hinsicht; denn sie ist die stärkste geschlossene Gruppe und hat um den Aufbau unseres Landes, trotz aller Uebergriffe, das größte Verdienst. Ferner hat die Zionistische Gesamtorganisation manches von der Freundschaft unserer Linken mit der Labourregierung in England zu Bei den Berber-Juden Brief aus Marokko Wir verlassen Meknes auf der Landstraße, die nach Süden durch gut bebaute Gegenden führt, den schönsten und reichsten Marokkos. Ueberai! sieht man Gruppen von eingeborenen Marokkanern, die Männer in Weiß gekleidet, die Frauen in bunten Kleidern, mit unvcrschleiertem Gesicht, und schöne Reiter hoch zu Roß mit vergoldeten und versilberten Pferdegeschirren. Man erwartet den Gouververneur, der auf dem Wege zur Konferenz nach CoJomb- Bechar hier vorbdkommen muß. Mehr als einmal ruft unser schnell fahrendes Auto eine Aufregung unter den Gruppen hervor, und wir werden irrtümlich mit Ovationen empfangen, die nicht uns gelten. Wir fahren bergan. In dieser herrHohen Landschaft erheben sieh unweit der elenden Lehmhütten mit den Strohdächern, die schon zu allen Zellen die berberlsche Bevölkerung beherbergt haben, die reichen Regierung«- gcbüude und Häuser der Kolonisten mit weißen Terrassen und hübschen roten und grünen Dächern. Dies sh>d El Hadjeb Ito, Azern, Ti madit, Itzer: Verteidigungspimkte, Überwachungszentren und auch Zentren geistiger Aktivität, die Leben und Wohlstand soiiafft. Unser Auto fährt jetzt durch Wälder, und kilometerweit fliege« an unserem Auge die verschiedenerwarten, die kürzlich zur Herrschaft gelangt, »ich anschickt, das Antlitz der Welt im Zeichen der Völkerversöhnimg zu wandeln. Aber auch der Misrachi wird der neuen Exekutive nicht fembleiben können noch wollen. Eine alte Erfahrung lehrt, daß Rechts und Links stets gleichzeitig aufsteigen wie in kommunizierenden Gefäßen. Es kann auch dem Zentrum nur crwünsoht sein, daß durch Zuziehung des Misrachi vor den breiten jüdischen, religiös gestimmten Massen der Anschein vermieden werde, als sei der Zionismus vorwiegend links gerichtet und religionsfeindlich. Das Zentrum wird sich deshalb wohl auch mit den vom Misrachi vorbereiteten Rechnungen abfinden müssen, die als erste Post das Verlangen nach Aufrechterhaltung beaw. Wiederherstellung des autonomen Misrachischulwerkes in Erez beinhalten. Das ist zwar eine finanzielle Mehrbelastung, doch in Hinblick auf die Güte dieser Schulen zu ertragen. Ein Koalitionsregime tut schließlich der Exekutive auch deshalb not, weil sich so i m C o u n c i 1 leichter eine geschlossene Meinung der Zionisten gestalten und durchsetzen kann. Bekanntlich steht zu entscheiden, ob für die zionistischen Delegierten im Council der Zwang bestehen soll, gemäß dem Willen der jeweiligen zionistischen Mehrheit abzustimmen, oder aber sogenannte Stimnrfrerheit. Es läßt sich wünschen, daß wir uns auf dem Stimmzwang einigen. Doch selbst, wenn das nicht zu erzielen wäre, trägt das Koalitionssystem die Bürgschaft einer leichteren Einigung gegenüber den nichtzionistischen Partnern in sich. Nicht übel trifft es sich da, daß die Aguda ihren Eintritt in die Agency endgültig abgelehnt hat; hiemit entfällt die Versuchung für den Misrachi, «ioh fallweise mit der Aguda zu verbünden. Auch der Linken wird eine ähnliche Versuchung erspart bleiben, da es außerhalb der Genf, 7. Juli (J. T. A.). Am Sonnabend, den 6. Juli, trat die Ständige Mandatskommission des Völkerbundes in die Prüfung des Berichtes der britischen Regierung über die Verwaltung Palästinas im Jahre 1928 ei«. In. ^dieser Sitzung war die Mandatarmacbt vertreten durch den Oberkommissar von Palästina Sir John Chancellor und Herrn G. L, M. Clauson vom Londoner Kolonialamt. Bevor die Kommission mit der Aussprache über den Bericht begann, hörte sie ein zusammenhängendes Expose des Oberkommissars Sir John Chancellor über die politische und wirtschaftliche Lage Palästinas an. Chancellor erklärte, daß in der Verwaltung des Mandatsterritoriums Palästina im Verlauf des Berichtsjahres große Aenderungen nicht vorgenommen worden waren. In den Beziehungen zwischen Arabern und Juden ist eine Besserung festzustellen. Außer dem Zwischenfall an der Klagemauer war im Verlauf des vergangenen Jahres nichts vorgefallen, was diese Beziehungen gestört hätte. Seit dem Herbst 1928 haben jene arabischen Elemente Palästinas, die immer die Schaffung eines jüdischen Nationalhelms feindlich gegenüberstanden und die m wiederholten Malen kundgegeben hatten, daß sie eine Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht ablehnen, diesen ihren Standpunkt zum Teil verlassen. So hat der Oberkommissar mehrere Vertreter des arabischen Kongresses empfangen, die gekommen waren, um ihm ihren Wunsch zum Ausdruck m bringen^ an der Verwaltung des Territoriums mitzuarbeiten. Die arabischen Vertreter haben auch den Wunsch geäußert, daß die Mandatarmacht in Palästina ein repräsentatives Regime cinführt. Der Oberkommissar hat diesen Vertretern erklärt, daß verschiedene Gründe gegpn die Verartigsten Bauraarten vorüber; Eichen und Zedern überwiegen hier; dicke, hundertjährige, knorrige Baumstämme ragen gegen den Himmel, ein großartiger, gewaltiger Anblick. Die Landstraße liegt 2500 Meter über dem Meeresspiegel im Gebiet erloschener Vulkane, wo der Angelrnansee, der einen Krater füllt, seine große ruhige Wasserfläche bis in den fernen Horizont ausbreitet; sein klares, durchsichtiges Wasser ist von wohltuender Frische. Vor uns reckt der Ari Aychachi, der marokkanische Mont Blanc sein mächtiges schneebedecktes Haupt ln die Höhe. Rasch geht der Abstieg gegen die Ebene, die die zwei Atlasberge voneinander trennt; hier gibt es brachliegende Felder, dürren Boden; jedoch ziehen sich stellenweise an den Bächen entlang, die von den Bergen kommen, fruchtbare Landstreifen hin. Diese Bäche vereinlgerr&ieh später und bilden ln ihrem weitere« Lauf die großen marokkanischen Flüsse. Wir überqueren die Muluya unweit Ihrer Quelle auf einer Eisenbafonb rücke. Der Soldat, der als Eroberer ins Land kam, baut heute und bereitet einen verheißungsvollen Frieden vor. Wir erreichen endlich das mitten von Graphitfelsen gelegene Midelt durch einen Engpaß, der nach allen Richtungen hinführt; im Osten nach Algier, im Süden nach Tafilet und nach der Sahara, im Westen nach Marakke&ch iwul im Norden über Aleknea an das Gestade des Ozeans* Es ist dies ein wichtiger strategischer zionistischen Organisation nicht viele Gruppen jüdischer Sozialisten geben dürfte, die sich zum Eintritt in die Agency herablassen. Die Stammzionisten werden am Kongreß und in der künftigen Exekutive gegenüber den stolzen Flügelgruppen keinen leichten Stand haben. Sie werden •sich auch damit abfinden müssen, daß die Aushilfe der Virilstiiranen, die bisher vorwiegend dem Zentrum zugute kamen, an Bedeutung verliert. Wie sagen unsere Weisen? «Gam su letouah». Entweder werden wir Stammzionisten den festen Willen haben, zum Heil unseres Volkes und Landes, die Hegemonie des Zentrums wieder auteu richten, oder wir werden morgen um dessen nackte Existenz kämpfen müssen. Sind ja schon jetzt Stimmen laut, die aus dem Niedergang der für unsere Liste abgegebenen Stimmen platte Schlüsse ziehen und die Afterweteheit lehren, wie in England so auch in der Zionistischen Organisation nur mehr Platz für zwei Parteien sei: die Extreme von links und von rechts. Der gute Genius unseres Volkes möge es vor dieser erschreckenden Alternative bewahren 1 Außerhalb der zionistischen Leitung werden schmollend nur die Radikalen und Revisionisten verbleiben. Sie werden künftig noch mehr ins Leere reden als bisher, denn in der Agency und in der Zionistischen Organisation müssen jetzt naturgemäß, da man mit gesammelter Kraft wieder an die Palästinaarbeit herantritt, praktische Fragen des Aufbauwerkes vor doktrinären Diskussionen unbedingt den Vortritt haben. Hier besteht nun die Gefahr, daß der erdrückenden Mehrheit der Zionisten schließlich die Geduld ausgeht, mitanzuhören, wie die Splittergruppen ihre Argumente immer wieder hysterisch wiederholen. Doch je größer die Mehrheit, umso zwingender die Verpflichtung zu brüderlichem Langmut! wirklichung 'ihres Wunsches sprechen, wobei besonders m erwähnen ist, daß durch dem VöIkerburndvertrag England Verpflichtungen auferlegt sind, und daß Palästina die Wiege von drei verschiedenen Religionen ist. Der Oberkommissar hat aber erklärt, daß die britische Regierung nichtsdestoweniger die Frage prüfen werden mit dem Wunsche, sie aufs beste zu lösen. Betreffs der wirtschaftlichen Lage des Territorium« erklärte der Oberkommissar, daß sich die wirtschaftliche Depression, die sich in Palästina sehr empfindlich fühlbar machte, zu mildern scheint, und daß er glaube, daß der kritische Punkt erreicht und bereits überschritten 'sei. Gegenwärtig macht sich eine Besserung in Landwirtschaft und Industrie fühlbar. Seiner Ansicht nach wird der Bau des Hafens von Haifa der kommerziellen Entwicklung neuen Aufschwung .geben, und er glaube, daß es — ohne daß man einen übertriebenen Optimismus an den Tag legt — erlaubt sei, auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Das wirtschaftliche Gedeihen hängt seiner Meinung nach von der Sicherheit des Landes ab, und er Ist in der glücklichen Lage, versichern zu können, daß da<$ Land in jeder Beziehung gesichert ist Auf das Jüdische Nattoualheim zu spreche« kommend, erklärte der beglaubigte Vertreter der Mandatarmacht, daß die Entwicklung des Natkmalheims von der jüdischen Einwanderung und der Hilfe seitens der jüdischen Gemeinden des Auslandes abhängt. Er erinnerte daran, daß im Verlauf einer gewissen Periode der Umfang der Auswanderung den der Einwanderung Ubertraf, daß man aber jetzt wieder eine gegenteilige Bewegung feststellen könne. Er erklärte weiter, daß die Hebräische Universität in Jerusalem eine größere Punkt, eine zu allen Zeiten wohlbewachte Durchgangsstraße. Einundzwanzig «casbahs» mit ihren dicken Lehnrmauern liegen auf den Hügeln verstreut. Sie beherbergen eine kriegerische Bevölkerung. Viele Juden wohnen hier auf den Bergen, und eie spielen im Transithandel eine bedeutende Rolle, Auch erwiesen sie »ich bei Gelegenheit als unerschrockene Krieger, die mit Geschick neben den Berbern ihre Waffen zu gebrauchen wußten. Man erzählt noch heute, wie ein «.Rezu» vom Süden her vor 60 Jahren diese Ebene überrumpeln wollte; die Juden bemerkten ihn zuerst und griffen ihn sofort an; »eine Reihen lichteten sich, und er wurde zur Flucht gezwungen. Nach einiger Zeit aber kam der Feind mit Verstärkungen zurück. Et drohte, alles m zerstören und alle Einwohner dem Schwert zu überliefern. Man unterhandelte mit ihm, und er verlangte, daß vier Juden für das vergossene Blut dem Eindringling ausgeliefert werden sollten. Das Lo« fiel auf Mordechal Abo, Josef Aros, Yahia Eno, Slmba, die Schwester des letzteren, erklärte, daß sie sich unter keinen Umständen von ihrem Bruder trennen würde und ging für den vierten Juden mit. Alle vier wurden bei lebendigem Leibe mitten in der Ebene verbrannt, und die Einwohner der einundzwanzig «ca&bahs» wohnten diesem grausigen Schauspiel von der Höhe ihrer Bauern bei. Diese Schauergeschichte von gestern Hegt so fernf Heute, ein Tag nach dem Pessachfest, ist ein Freuden- DieVerwaltung Palästinas vor der Man datskommission des Völkerbundes Exposg und Erklärungen Chancellors.