Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 81 (18.7.1929)
- Date
- 1929-07-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Tammus 5689) Nummer 81 Weizmanns Kundgebung Die vom Präsidenten Dr. Weizmann vor einigen fragen veröffentlichte Kundgebung an die Delegierten des Kongresses hat in klarer Form das Programm und die Richtlinien unserer nächsten Arbeit Umrissen. Drei Hauptfragen sind es, die den Kongreß beschäftigen werden. Die Frage der Verfassung der Jewish Agency, der Konsolidierung des Aufbauwerkes und die der Stärkung und der nächsten inneren Arbeit der zionistischen Organisation, angesichts der vollzogenen Tatsache der Bildung der jewish Agency. Aus den verschiedenen Enunziationen führender Mitglieder der zionistischen Exekutive sind die wichtigsten Bestimmungen der zukünftigen Verfassung der Jewish Agency bekannt, die eine berechtigte Hoffnung zulassen, daß die gehegten Befürchtungen wegen eventueller Ueberhandnahme des Einflusses des nichtzionistischen Teiles der Jewish Agency unbegründet sind. Dessenungeachtet wird es eine der Hauptaufgaben des Kongresses sein, den zionistischen Teil der Jewish Agency durch Kongreßbeschluß zu binden, um nicht der Jewish Agency das Schauspiel innerer Kämpfe der zionistischen Vertreterschäft zu bieten. Hinsichtlich der Fragen des Aufbauwerkes in Palästina werden die Referate Dr. Weizmanns, Dr. Arthur Ruppins, Harry Sachers und der Direktoren der nationalen Fonds die entsprechenden Richtlinien für unsere zukünftige Arbeit in Palästina und unsere diesbezügliche Stellungnahme innerhalb der Jewish Agency geben. Eine der wichtigsten Fragen, die den Kongreß beschäftigen wird, ist das Problem der zukünftigen Aufgaben und Arbeiten der zionistischen Organisation nach der vollzogenen Tatsache der Konstituierung der Jewish Agency. Da die Sorge um das Aufbauwerk, sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht, Sache der Gesamtjudenheit geworden ist, wird sich die zionistische Organisation vor allem mit der Nationalisierung unserer Reihen und mit der bisher so stark vernachlässigten Gegenwartsarbeit, die keinesfalls mit der Landespolitik allein zu identifizieren ist, zu beschäftigen haben. Die Kultur- und Erziehungsarbeit wird von nun an einen integrierenden Teil unseres Aufgabenkreises ausmachen müssen. Kein Zionist darf sich der Tatsache verschließen, daß der Zionismus in der Galuih mit bloßer Propagandaarbeit allein gemacht werden kann. Die überaus traurigen Erscheinungen innerhalb unserer Reihen, die darauf hinweisen, daß das bereits seit drei Jahrzehnten tätige Geschlecht nicht verstanden hat, seine eigenen Kinder in der hebräischen Kultur zu erziehen und somit den nationalen Geist verlebendigen, muß uns zwingen, diesen Problemen endlich einmal ernste Aufmerksamkeit zu schenken, die (sich nicht bloß in Beschlüssen und Delegiertentagungen, sondern in der faktischen Alltagsarbeit auszuwirken hätte. Je mehr die zionistische Organisation ihr Hauptgewicht auf die Kulturarbeit legen wird, ist der nationale Charakter unserer Bewegung und die nationale Immunisierung unserer Jugend gegen Assimilationstendenzen gesichert. Es ist daher begrüßenswert, daß die Exekutive das Referat über unsere Kulturarbeit gerade Abg. Griinbaum, der seit Jahrzehnten im Mittelpunkt zionistischer alltäglicher Gegenwartsarbeit steht, übertragen hat. Grünbaum, der seit Jahren die Befürchtung hegte, daß die Jewish Agency unseren nationalen Charakter verwischen kann, wird reichlich Gelegenheit haben, in seinem Referat nicht nur Anregungen zu geben, sondern auch ein positives Programm zu bieten, wie und auf welche Weise die zionistische Organisation auf dem Gebiete der Nationalisierung unserer Kultur- und Erziehungsarbeit Arbeiten zu leisten hatte, um unsere Jugend in dem Geiste des wirklichen Zionismus erhalten zu können. Wie immer, wird auch die Frage der Bildung unserer Exekutive die Gemüter der Kongreßdelegierten stark beschäftigen. Eines aber scheint bereits klar zu sein, daß eine gefsicherte Konsolidierung unserer nächsten Arbeit nur durch Wahl einer Exekutive, die Vertreter aller Richtungen in sich vereinigt, gewährleistet werden kann. Der XVI. Zionistenkongreß zeichnet in der Geschichte unserer Bewegung eine neue Epoche vor. Möge* daher der Kongreß durch Sachlichkeit und leidenschaftslose Behandlung der ihn beschäftigenden Fragen der zionistischen Welt und dem nichtzionistischen Partner der Jewish Agency den Beweis erbringen, daß unsere bisherige dreißigjährige Arbeit die zionistische Organisation bereits derart gestärkt hat,: daß sie unerschrocken und %oller Zuversicht der neuen Epoche eritgegenfreten kann. An der Schwelle zum Kongreß Von Dr. E. M. Zweig - Jerusalem Die Kongreßwahlen sind vorbei. Den größten Erfolg halben die zur Linken vereinigten Arbeiterparteien zu verzeichnen und die größte Einbuße müssen wir Allgemeine Zionisten, schlechthin «Stamanziomsten», beklagen, während der Misrachi seine alte Stärke behauptet und die Splittergruppen der Revisionisten, Radikalen etc. in ihrer bisherigen zahlenmäßigen Bedeutungslosigkeit verbleiben. Voraussichtlich wird dieser Kongreß, schwächer als früher beschickt, rund 200 gewählte Delegierte zählen, von denen je ein Drittel auf die Stanunziomsten und die Linke, ein Viertel auf den Miisrachi entfällt und der Rest, etwa 8 Prozent, auf alle Splittergruppen zusammen. Die Hauptfrage, welche am Kongreß zur Entscheidung steht, ist die erweiterte Jewish Agency. Diese Frage wird, nun ihre endgültige Lösung finden, mit einem kräftigen Ja beantwortet werden. Denn es treten für die Zuziehung der nichtzionistischen Palästinafreunde — unter den formulierten, zuletzt vom AC bestätigten Bedingungen — nicht nur die Stammzionlsten ein, sondern auch, trotz all ihrer Wenn und Aber, der Misrachi und die Linke. Weizmann kann daher auf eine Neunzehntel-Mehrheit rechnen. Jeder Zionist, welchem die Demokratie mehr ist als ein koketter Aufputz, den man nach Belieben auf- und ansteekt, müßte sich dieser erdrückenden Majorität beugen; zumal sie nicht das Ergebnis eines bloßen Zufalls Ist oder einer momentanen Laune, sondern der solide Niederschlag einer fünfjährigen zionistischen Leidensgeschichte von ernsten Erwägungen, gründlichen Debatten, langwierigen Beratungen und feierlichen Beschlüssen. So oder so, die erweiterte Agency ist gesichert und die vom AC im Anschluß an den Zionistenkongreß nach Zürich einberufene Gründungsversammlitng des Council wird stattfinden und sie wird nicht nur zur vollen Hälfte vom zionistischen Partner beschickt sein, sondern auch in einem weit über das gesetzliche Minimum hinausreichendeni Maße von unseren nichtzionistischen Freunden. Weizmann, dem. man oft vorwirft, daß er im Umgang mit Menschen recht launenhaft sei, hat mit eiserner Tatkraft, unbeiirrter Konsequenz und nicht zuletzt mit unendlicher Geduld alle Widerstände sachlicher und persönlicher Natur, bei Zionisten und Nichtzionisten, glücklich überwunden. Er kann und darf heute triumphieren und, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, läßt sich erwarten, daß der unleugbare Erfolg seine Autorität in- und außerhalb der Mauern neubelebt und stärk! Weizmann ist uns Zionisten unentbehrlicher denn je und stellt zugleich in der Agency die feste Brücke zu den nichtzionistischen Partnern dar, deren Vertrauen er im Lauf der Verhandlungen zu gewinnen verstand. Neben der Agency wird die Zionistische Weltorganisation, nach dem klar bekundeten Walten all Ihrer Teile, ein kräftiges Eigenleben weiterführen. Deshalb wendet sich unser Interesse der weiteren Frage zu, wie der Kongreß über die Zusammensetzung unserer künftigen Exekutive entscheiden wird. Man braucht nun kein Prophet zu sein, um vorauszu sehen, daß der Exekutive eine Umgestaltung bevorsteht; und zwar werden wir zu dem seit unserer Ralliierung nach Kriegsschluß bewährten Normalzustand einer Koalitionsregierung zurückkehren. Diese wird aus Zentrum und Linker und — aller Wahrscheinlichkeit nach — auch vom Misrachi beschickt sein. Die Motive dazu sind mehrfach und zwingend. Es erscheint nicht zwecklos, uns vor allem ins Gedächtnis zurückzurufen, weshalb der vorige Kongreß sich, ausnahmsweise, zur Bildung einer flügellosen Exekutive entschloß. Keineswegs geschah dies aus eifersüchtiger Feindschaft gegen die Plügelgruppen, wie diese es seither öfters, sei es aus taktischen Gründen darstellen oder aus der persönlichen Kränkung des einen oder anderen ihrer von der Exekutive beurlaubten Gruppenführers, vielmehr war das eine Maßnahme, die — wenn schon nicht von der Notwendigkeit, so zumindest von der äußersten Zweckmäßigkeit diktiert wurde. Durch das bedenkenlose Vorwärtsstürmen zur Besetzung neuer Kolonisationspunkte waren die Finanzen der Zionistischen Exekutive und zum Teil auch ihrer Institutionen schwer erschüttert, ja eine Schuldenwirtschaft war eingerissen, welche unsere Bewegung keineswegs nur in den Augen der künftigen Agencypartner, dieser ökonomisch geschulten Männer, empfindlich bloßstellte, sondern die geradezu unseren Kredit zu vernichten drohte. Dieser Schuldwirtschaft mußte sich die Organisation unbedingt entwinden. Nun war die Ueberspannung — es ist das keine Schande für die Flügelgruppen — voran unter deren Druck entstanden, denn vor allem sie stellten beim Aufbau Erex-Israels jenes wertvolle Kolonisationselement, das auf Unterstützung aus nationalen Mitteln angewiesen ist. Um -ihre Popularität zu behaupten, durften diese Gruppen auch jetzt nicht müde werden, vorwärts zu drängen. Deshalb haben sie am vorigen Kongreß das Odium für die