Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 80 (11.7.1929)
- Date
- 1929-07-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 m STIMME Nr. 80 Der antisemitisch verseuchte Fremdenverkehr Unter diesem Titel haben wir in unserer Nummer 75 eine eZitsehrift veröffentlicht, welche sich mit Aeußerungen des Semmeringer Pensionsinhabers Wallner befaßt. Von Herrn Alois Wallner, der eine Jüdin zur Frau hat und dessen eine Schwiegertochter und ein Schwiegersohn ebenfalls Juden sind, werden wir nun ersucht festzustellen, daß ihm jede antisemitische Ocsinnung ferne liegt und daß er gesprächsweise Herrn Philipp Reich gegenüber, mit dem er freundschaftlich verkehre, anläßlich der Unterhaltung über die Ortsgruppengründung der Heinnvehr, über dessen Bemerkung, daß die Heimwehren Judenfresser sind und auf eine Umwälzung mit einem Pogrom hinarbeiien. erklärt habe, daß ein Pogrom seitens der Heimwehr ausgeschlossen sei, dagegen von Seite der marxistischen Arbeiterschaft in dem Momente möglich sei, wenn diese aufgeklärt, sich an ihren marxistisch-jüdischen Führern rächen werde. Vergeh i>I:eae jüdische Hochzeit »brauche In den Memoiren der Glücke! von Hameln (einer Ahnin TI c i n c s), die ein wertvolles Dokument zur jikFsclien Kulturgeschichte clarstoilen, finden sich zwei Stellen, die auf eigenartige, heute vollkommen in Vergessenheit geratene Gebräuche bei der jüdischen Hochzeit hinweisen: Bei der Beschreibung einer Hochzeit gibt die Glücke! an. daß das Brautpaar oder seine Eltern (genau ist d’cs aus der Textierung der Stelle nicht festzusteTien) „a u f dem 8 p i n nh o 1 z w a r c n“. Der Ausdruck ist ungewöhnlich und heute verschollen. Das Wort „Spinnholz“ bedeutet wohl „Spindel“ und es muß s'ch um eine metaphorische Bezeichnung handeln, welche cRe Spindel mit der Würde der Hausfrau in Beziehung bringt. Aus einer Darstellung über das Leben der Judengemeinde in Fürth geht hervor, daß es bereits am Ende des Mittelalters und im Anschluß daran bis in das 18. J a h rh u n d e r t hinem bei den Juden in Deutschland üblich war, an dem Freitagabend, der der Hochzeit voranging, ein Fest zu Ehren des Brautpaares zu geben, das „Spinnholz“ — eben mit Beziehung auf die künftige Hausfrau, deren Würdeattribut die Spindel war — genannt wurde. Aus der Darlegung der Glückei scheint hervorzugehen, daß die Ueherreichung der Hochzeitsgeschenke bei dieser Spinnholz genannten Feier erfolgte. Dieser Brauch ist bei jüdischen Hochzeiten in Deutschland völlig verschwunden, im Osten besteht in modifizierter Form bei manchen jüdischen Hochzeiten noch heute eine Vorfeier am Freitagabend. Der Name Spinnholz ist völlig in Vergessenheit geraten und heute nicht mehr gebräuchlich. Auch ein anderer jüdischer Hochzeitsbrauch, dessen die Glückei Erwähnung tut, verdient besonders hervorgehoben zu werden. Die älteste Tochter der Glückei heiratet den Enkel des Mordechai Gurnpel, der durch seine Verbindung mit der kurbi’andenburgischen Regierung in der Grafschaft Cleve großes Ansehen genoß. (Mordechai Gumpel ist übrigens der Stammvater der bekannten jüdischen Familie Gomperz.) Dieser Hochzeit wohnte Prinz Friedlich von Brandenburg, der spätere König Friedrich der Erste von Preußen, ferner der damalige Statthalter von Cleve, Fürst Moriz von Nassau, bei. Glückei erzählt nun: „Wie nun die Vornehmen von den Konfekten und Früchten gegessen und auch wohl von den Weinen getrunken hatten, hat man den Tisch abdecken lassen und hinaus getan. Dann sind verkleidete Leute hineingekommen und haben sich gar schön präsentiert und allerhand Possen gemacht, die zur Ergötzllchkcit gedient haben. Zuletzt haben die Verkleideten einen Totentanz aufgeführt, der sehr rar gewesen ist.“ Die Darstellung der Glückei führt also an, daß es damals nicht nur am Purim, sondern auch bei Hochzeiten Brauch war, in Verkleidung oder im Maskenanzug zu erscheinen. Es muß freilich in Betracht genommen werden, daß es sich hier um eine Hochze:t handelte, welche durch die Anwesenheit von fürstlichen Personen ein besonderes Gepränge erhielt und daher auch Außerordentliches, sonst hei Hochzeiten, vielleicht nicht liebliches geboten wurde, um die* Gäste zu ergötzen. ((Darauf weist auch die Bemerkung Glückeis,,.hin, daß der Totentanz, den die Verkleideten aufführten, sehr rar gewesen sei. Rar bedeutet im damaligen deutschen und auch jüdischen Sprachgebrauch weniger etwas selten Verkommendes, als vielmehr etwas ganz Ausgezeichnetes. Die Erwähnung dieses Totentanzes als Hochzeitsbrauch ist nun ganz besonders merkwürdig. Die Totentänze, szenische Aufführungen, in denen die Macht des Todes über den Menschen allegorisch dargesteilt wird, kamen im späten Mittelalter aus Spanien über Frankreich nach Deutschland und waren lange in der Literatur und der bildenden Kunst vor großem Einfluß. Als szenische Spiele wurden sie in den Kirchen aufgeführt. Es ist nun interessant, daß diese Totentänze, die in der christlichen Welt so verbreitet waren, eine originelle jüdische Schöpfung sind: In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts — es war nach der furchtbaren Pestepidemie von 1318—1350, die unter dem Namen „Der schwarze Tod“ bekannt ist — erschien ein szenisches Spiel eines anonymen spanischen Autors unter dem Titel „Danza generalo“ oder „Danza de la muerte“. Es ist der erste „Totentanz“. Als sein Verfasser wurde lange der berühmte spanisch-jüdische Troubadour Rabbi Santib angesehen; durch die scharfsinnigen Forschungen des Literarhistorikers Kayserling ist erwiesen, daß R. SantJl nicht der Verfasser d;eses „Totentanzes“ ist; gleichzeitig aber hat Kayserling unwiderleglich festgestellt, daß der Verfasser des „Totentanzes“ Jude sei n m u ß, da nur ein Jude soviel Kenntnis der talmudischen Literatur besitzen konnte, wie sie in der Szene zutage tritt, da der Tod mit dem „Rabi barbiklo“ (= Rabbi mit dem Bart) tanzt. Dieser erste Totentanz wurde in unzähligen Nuancen verwirrt. Die allgemeine Volksstimmung nach der furchtbaren Seuche war für die Aufnahme eines solchen Spieles geeignet, da die Nachbarschaft des Todes den Seelen nie so bewußt war wie damals und ihr symbolischer Ausdruck in diesem Totentanz (dessen Wesen durch die berühmten Darstellungen Holbeins bekannt ist) der Volksphantasie entgegenkam. Bei den Juden der romanischen Länder und Deutschlands fanden die szenischen Totentanzspiele ebenfalls große Verbreitung. Die Darstellung erfolgte insbesondere bei Hochzeiten, gewöhnlich mit Musik und Gesangsbegleitimg der einzelnen Szenen, durch professionelle jüdische fahrende Sänger, die in einer rabbinischen Quelle (zitiert bei Schipper „Theater und Theaterkunst bei Juden“ Bd. II) „Lezim“ genannt werden.' Die Hochzeit, die in der jüdischen Tradition seit je eine mit Trauer vermengte Festfreude aufweist, schien der geeignetste Anlaß,, das Totentanzmotiv immer wieder anzuschlagen und tatsächlich haben sich, wie aus der oben erwähnten Mitteilung der Glückei hervorgeht, im jüdischen Ghetto die Aufführungen von Totentänzen bei der Hochzeit noch bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts erhalten, während sie zu dieser Zeit in der christlichen Welt nicht mehr üblich waren. E. G. F. Buch und Kunst Die hebräische Oper in Palästina. Der Direktor der gegenwärtig in der Reorganisation befindlichen Palästina-Oper, G o 1 i n k i n, der soeben aus den Vereinigten Staaten nach Jerusalem zurückgekehrt ist, teilte dein Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur mit, daß der bekannte amerikanische Finanzmann Otto H. Kahn sich für die palästinensische Oper interessiert und die Absicht kundgetan hat, die Oper finanziell zu unterstützen, sofern die Aussicht besteht, daß sie beachtenswerte künstlerische Leistungen vollbringen wird. (Otto H. Kahn ist Präsident der Metropolitan Opera House in New York und ein Förderer von Musik und Opernwesen. Die Red.) Direktor Golinkin hat sofort nach seiner Rückkehr nach Jerusalem mit den Arbeiten zur Reorganisierung der Oper, besonders des Orchesters, begonnen und bereitet Aufführungen vor, die auf der Höhe moderner Operndarbietungen stehen sollen. Zu seiner Unterstützung hat sich in New York eine GesellschaftderFreundcderPalästina- 0 p e r gebildet, der Laurence L e v i n als Vorsitzender, Joseph Weiß als Schatzmeister und Ab G o 1 d b e r g als Sekretär angehören. Die Gesellschaft hat es übernommen, 10.000 Dollar jährlich zum Unterhalt der Palästina-Oper aufzubringen. Ein Teil der Quote für das laufende Jahr ist bereits geleistet worden. Der Held dreier Völker. Herr Dr. Sal. Rappaport, Wien, schreibt uns: «Zu Ihrer Notiz vom 4. Juli «Vom Chederjungen zum Feldmarschall» gestatte ich mir folgende Bemerkung: Joseph B6m wurde nicht als Kind polnisch-katholischer Eltern geboren und steht seiner Abstammung nach und auch sonst in keinerwie immer gearteten Beziehung zum Judentum.» — Dazu bemerken wir, daß diese Charakteristik B6m®, welche durch die jüdische und nichtjüdlsche Presse ging, von der Jüdischen Telegraphen-Agentur ausgegeben wurde. Ein Ehrensaal im Pester jüdischen Kulturpalast. Auf Vorschlag des Hofrates Dr. Franz Szekely hat die Pester Kultusgemeinde beschlossen, in dem zu erbauenden Kulturpalast die Erinnerung an verstorbene jüdische Männer von Weltruf, die aus Ungarn stammen, wie Herzl, Nordau, Josef Kiss u. a, m., Ui künstlerischer Form, etwa durch Schaffung einer Porträtgalerie, wachzuhalten. Wieviele Bücher erscheinen in Erez-Israel? Nach der offiziellen Statistik der Palästina-Regierung sind im Jahre 1928 im Lande 417 Bücher und Broschüren (gegen 368 im Jahre 1927) erschienen, davon 356 1 n hebräischer Sprache. 18 Bücher erschienen in arabischer, 13 in englischer, 8 in armenischer und je 1 in französischer, italienischer und russischer Sprache. Max Liebermann, Präsident der preußischen Akademie. Das preußische Staatsministerium hat die Wiederwahl Max Liebermanns zum Präsidenten der preußischen Akademie der Künste für die Zeit vom 1. Oktober 1929 bis Ende September 1930 bestätigt. Ein neuer Dozent für jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität. Dr. Fritz B a e r, ein Forscher der spanischen Periode der jüdischen Geschichte, wurde von der Hebräischen Universität in Jerusalem für das kommende Jahr als Dozent für jüdische Geschichte des Mittelalters verpflichtet. (Dr. Baer war bisher Mitglied der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. — Die Red.) Ferdinand Ossendowski in Tel Aviv. Der polnische Schriftsteller Ferdinand Ossendowski, Verfasser des vielumstrittenen Mongolei-Buches «Menschen, Tiere und Götter», besuchte vor einigen Tagen die Stadt T el-Aviv. Ein Schriftsteilerklub in Tel Aviv. In Tel Aviv, wurde im Hause «Ohel Schern» ein hebräischer Schriftstellerklub feierlich eröffnet. Unter den Teilnehmern an dem Festakt befand sich auch der chinesische Professor T s c h i n g - T s c h a n g, der zurzeit auf einer. Studienreise in Palästina weilt und demnächst ein Buch über Palästina und den Orient publizieren wird. Der Große Brockhaus (Band 1 und 2). Es erübrig* sich, an dieser Stelle die Bedeutung eines guten Lexikons darzulegen. Wichtig ist, daß dieses Werk fehlerlos und vor allem auch objektiv sei. Mit Genugtuung können wir, nachdem wir die beiden ersten, bereits vorliegenden Bände der Neuauflage des «Großen Brockhaus» durchgesehen haben, feststellen, daß dieses älteste, bestillustrierte, fast alles erfassende Lexikon wirklich objektive Bearbeiter hat. Wir haben u, a. die auf das Judentum bezüglichen Stellen beider Bücher durchgelesen, weil wir aus Erfahrung wissen, daß ja immer und überall das Judentum es ist, das objektiv, zu sehen, den meisten schwer fällt. Zum Unterschied von manchem anderen Lexikon berichtet der Brockhaus auch über das Judentum unvoreingenommen. U. a. finden wir folgende Stichworte im 1. Band behandelt: Aleph, Aaron, Abel, Abimelech, Abjathar, Abraham, A. ibn Daud, Abrahamiten, Abravanel, Absalom, Achad Haam, Achawa, Acosta, Adam, Akademie für Wissenschaften des Judentums, Akiba, A k k a (mit Bild; wir vermissen aber die in Palästina übliche Benennung «Akko», Alba, Alliance Israelite universelle, Almemor (mit Bild), Altar, Antisemitismus, Ariel, Schalom Asch, Aschkenasimtypus (angeblich «der gröbere Typus der Juden»), As6er; im 2. Band finden wir Abhandlungen über Athalia, Auerbach, Auserwähltes Volk, Babylonischer Turm, B. Exil, Balfour- Deklaration (vermissen aber «Balfouria», die palästinensische Kolonie), Ballin, Bar Kochba, Batches, Beer-Hofmann, Beerseba, Belial, El Belka, Ben, Benjamin, B. von Tudela, Bergjuden, Bethanien (mit Bild), Bethlehem (mit farbigem Bild), Beth Sean, Beth Zur, B i a 1 i k, Bibel (eine Abhandlung von iy2 Spalten), Biiem. — Die Ausstattung der Bücher ist sehr gut, der Preis verhältnismäßig billig, zumal ein bequemes Teilzahlungssystem geschaffen wurde und auch Umtausch’ veralteter Lexika möglich ist. Ein Ganzleinenband kostet M 26.—. Ing. R. s. XVI. ZIONISTEN¬ KONGRESS Zürich, Juli 1929. KONGRESSPUBLIKATIONEN: 1. Berichte an den XVI.Zionistenkongreß: a) Bericht der Zionistischen Exekutive (hebräisch, englisch oder deutsch). . Fis, 3*70 b) Bericht des Ktren Hayesod (hebräisch, englisch oder deutsch). . , 8*— c) Bericht des Keren Kayemeth Lelsrae! (hebräisch, englisch oder deutsch). * „ ö*— 2. Kongreßzeitung, einziges offizielles Organ des Kongresses, erscheint (ln deutscher Sprache) während des Kongresses täglich; Abonnements Tn der Schweiz ....... 8*50 , ln den Übrigen Ländern . . 4*— 3. Stenographisches Protokoll defXVl.Zlonlstenkongrcoses (in deutscher Sprache), erscheint im September 1988 .. th&i Generalabonnement für alle drei Publikationen; iwo Die Besteller von General-Abonnements erhalten auf die Preise der Gastkarten zum Kongreß 10% Rabatt. Bestellungen an d. Bureau d. XVI. Zlonlstenkongresios, Brünn, Lehmstätte 17, Tschechoslovakel; Geldsendungen an den Schweizerischen Bankverein, Zürich, für Rechnung des Bureaus des XVL Zionistenkongresses. Die Kongreßzeitung und das Kongreßprotokoll sind ein unentbehrliches Hilfsmittel jedes Zionisten, der lückenlose und authentische Information über die gesetzgebende Körperschaft des Zionismus wünscht.