Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 80 (11.7.1929)
- Date
- 1929-07-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053805-3053832--1132-3056460- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mt» 8 DIE STIMME Nr. 80 £ re* Jsraet wird da» Zentrum des jüdistfken Seitens. Verknüpfet £uren Jiamen mit diesem Werk durdk (Baumstiftungen im tftajes-Wald f ■ ■ ung von der Teilnahme am Religionsunterricht löst das Problem nicht; denn gemäß dem Oentile-Gesetz sind auch die Gesangsstunden religiöser Musik gewidmet und auch der Unterricht in Italienisch wird dazu benutzt, um die Helden und Märtyrer des katholischen Glaubens zu verherrlichen. In Geschichtsunterricht wie in den meisten anderen Fächern sind die Lehrer angewiesen, so viel wie möglich religiöse Themen zu behandeln. So ist der gesamte Unterricht in den Staatsschülen vom katholischen Geiste durchtränkt. Die wiederholten Bemühungen der italienischen Juden, Irgendeine erleichternde Maßnahme bei der Regierung durchzusetzen, blieben immer erfolglos. Es wurden jüdische Schulen eröffnet, die das Unterrichtsprogramm der Regierung befolgten, dabei die jüdische Religion pflegten. Die Regierung wurde ersucht, diese Schulen finanziell zu stützen; aber obwohl Prof. Gentile im Jahre 1925 dem inzwischen verstorbenen jüdischen Senator Polacco das Versprechen gab, diese Schulen zu subventionieren, ist dies bisher in keinem Falle geschehen. Die jüdische Gemeinschaft in Italien ist die älteste in Europa. Ihre Beziehungen zu der nichtjüdischen Bevölkerung waren stets freundschaftlich, Ja intim. Die Juden bilden hier einen so Ich habe sie nicht gekannt. Ich sah sie nie und hatte von ihrer Existenz keine Ahnung. Wie denn auch? Sie zählte kaum achtzehn Jahre und lebte in einem Lande, an dessen Grenzpfählen die Inschrift zu lesen ist: Juden, lasset alle Hoffnung fahrenI Und doch, seitdem ich ihren Namen zum ersten Male in einem palästinensischen Blatte begegnet bin, kommt Sie. mir picht aus dem Sinn. Sie erscheint in meinen Träumen und schreckt mich empor. Ihr junges Gesicht ist fahl, erdenbraun, die Locken gelöst, das Auge gebrochen. Sie erhebt die dürren Arme gegen den Himmel gefaltet und ihr Mund verzerrt sich zu einem Fluch. Ihr Auge ist gebrochen, denn sie ist tot. Sie ist es schon lange. Im Jänner sind es fünf Jahre geworden. Sie war jung und schön und blühend — erst achtzehn Jahre alt. Sie war gesund und kraftstrotzend, ein Liebling ihrer Eltern, eine jüdische Tochter. Und doch mußte sie sterben. Mußte? Kein Gott hat es ihr befohlen, kein Mensch hat Hand an sie gelegt.'Sonja selber warf das, Leben von sich wie ein unnütz Ding. Ein Ekel ergriff sie, vielleicht auch Reue und Scham. Und möglicherweise ist sie nicht mehr lebensfähig gewesen, als man in ihr das Licht Verlöschte, das ihr die Seele war. Oder: War es ihr, der jüdischen Tochter, bekannt, daß es Handlungen gibt, derentwillen der Jude in den Tod gehen muß, ehe er sie vollzieht? Sonja Darnowski hat selbst ihrem jungen Leben ein-gewaltsames Ende bereitet. Sie war eine Jüdin und träumte von Zion. Im Reiche der revoltierenden Menschheit entflammte sie für ihr eigenes Volk. Dort, wo es ein Ideal geworden ist, Ideale anderer zu zertrümmern, wo die alte Welt in Blut und Feuer gestampft wird, um auf den Ruinen eine neue aufzubauen, dort hat Sonja es gewagt, Treue dem jüdischen Volke zu halten und stille, geheime Arbeit für Zion zu tun. Sie war jung und unerfahren, mutig Und vielleicht auch trotzig. Sie wurde erwischt und in den Kerker gesteckt. Sie wird hocherhobenen Hauptes in das unterirdische Gelaß geschritten sein, entschlossen, ein Opfer an Freiheit zu bringen für das'Judentum, das sich erhebt. Sie wird stolz gelächelt haben, als die schwere Tür zum ersten Male hinter ihr in Schloß und Riegel gefallen war. Aber dann . . . Tage vergingen und Nächte vergingen und es kamen Hunger, Einsamkeit, Büttelhohn, Schergenwitz, Scham, Furcht und Angst. Das Geheul kreischender Wellen des Schwarzen Meeres an der Mauer des Kerkers. Wehgeschrei geschlagener Menschen aus kellertiefen Zellen. Uebermenschliche Qualen, schleichender Wahnsinn . . . Da kam eines Tages ein Kommissär in ihre Zelle, ftonja, wozu leiden, soviel leiden? Einige Zeilen von deiner Hand und du bist wieder frei. Entsage deinen läppischen Idealen und sei wie einer von uns. Sie wehrte entrüstet ab. Einmal, zwein^l, ein dutzend Male. Als sie aber nicht weiter konnte, ward sie schwach und unterschrieb. i Sie fand die Freiheit, aber nicht mehr die Freude am Leben wieder ... Sie konnte die Felonie an ihrem Volke nicht ertragen. Waren die Freundinnen Jtfcht stärker als sie? Schmachten sie nicht zu «Tausenden in den Kerkern des sowjetistischen Rußland? Hauchen nicht Zehntausende von Jünglingen, und Greisen ihren Atem in den Bleiwerken I kleinen Prozentsatz der Bevölkerung, daß Italien eines der wenigen Länder gewesen ist, die eine Juden frage nicht kennen. Vor zehn Jahren wäre ein Vorschlag, jüdische Sonderschulen zu errichtet, als absurd angesehen worden. Heute erscheint die Errichtung jüdischer Schulen als der einzige Weg, um die italienische Judenheit vor dem Untergange zu retten. Aber der Gedanke, ein eigenes jüdisches Schulwesen zu errichten, ist angesichts der kleinen Zahl von Juden in Italien auch ein finanzielles Problem. In Rom, das die größte jüdische Gemeinde Italiens beherbergt, kann die jüdische Schule nur 250 Kinder aufnehmen; mehr als 1000 jüdische Kinder müssen allgemeine Schulen besuchen. Die Führer der italienischen Juden wissen nicht Rat. Die katholischen Schulen und auch die katholische Geistlichkeit werden durch Steuern erhalten, zu denen die Juden beitragen; die Juden haben deswegen ein Recht darauf, daß der Staat ihre Schulen finanziell unterstützt. Es herrscht hier das Gefühl vor, daß diese Frage die Zukunft des Judentums >n Italien berührt und darum eine Angelegenheit sei, die der Judenheit ln der ganzen Welt nicht gleichgültig sein sollte. mwc——n i Sibiriens aus, gequält und gemartert und gezüchtigt, geschmäht an. ihrem Judentum und. an ihrem Menschentum geschändet? Und um ihren Sturz von der idealen Höhe, auf der sie gewandelt, in die geistige Tiefe, in die sie geriet, zu demonstrieren, sprang sie vom vierten Stockwerke ihres Hauses in den Hof. Sie floh vor ihrem Gewissen und rettete sich vor dem blindwütigen Treiben einer zur sozialen Furie gewordenen Menschheit. Sonja Darnowski ist kein Einzelfall. Wir wissen das Wohl. Wir, die wir uns um die verjüngte Fahne des jüdischen Volkes sehnen, unsere neuesten Herren’ and Damen-Kieider nacn Haß Beloh» 5t»ff»»»w*hi Zahlur nach Ceberaln«ommen. lohainn i.«Bcln«a Wien, TI., Mariahilferstraße 107, Tel. B 27-2-38 Freunde, die bislang beobachtend in respektvoller Entfernung gestanden waren und nunmehr mittun wollen, jene, die sich nur durch religiöse Bande mit uns verknüpft fühlen und die ganz Mächtigen jenseits des Oceans, für deren Judentum die Definition noch nicht erfunden ist, und jene, die . . . jawohl, das ganze Volk in allen seinen Teilen, Schichten, Gliederungen, Gruppen, Parteien, das ganze, ganze Volk Israel in allen fünf Weltteilen weiß es, daß die Juden in Rußland einer Vernichtung entgegengehen, wie sie die Weltgeschichte noch nicht erlebt hat... Und das ganze jüdische Volk hat nichts unternommen, um die sterbenden Brüder in Rußland zu retten. Das ist die größte geschichtliche Schmach unserer Zeit. Spätere Generationen werden davon erzählen. Das Bekenntnis zum Glauben ist ein Crinen laesae majestatis der Räteherrlichkeit. Das Bekenntnis zur Nation ein Kapitalverbrechen am Sowjetsystem. Auf die Verwendung der hebräischen Sprache ist Sibirien gesetzt. Bethäuser werden zerstört, Torarollen zerrissen, hebräische Bücher verbrannt, noch nie war alles, was jüdisch ist, in solcher Not. Was hat die Agudah zur Rettung der Torah bis heute getan? Was die Allianz und die Union unternommen? Was die zionistische Weltorganisation beschlossen? Als die Juden von der heiligen Inquisition einem furchtbaren Gewissenszwang in Spanien unterworfen wurden, widerhallte die ganze jüdische Welt vom Notschrei der gepeinigten Brüder. Jede bekanntgewordene Tortur an einem Juden erregte Wehgeschrei in Ost und West. Jedes Autodafe, auf dem ein Jude in Flammen aufging, schleuderte Feuergarben in die Herzen der Volksgenossen in aller Welt. Nach der Vertreibung kamen Sendboten aus Konstantinopel, Amsterdam, Jaffed und noch entfernteren Gegenden, die den Marannen Trost und Hilfe brachten und ihnen die Flucht ermöglichten. Das ganze Judentum war aufgewühlt im tiefsten Innern. Das war vor mehr als vierhundert Jahrein Heute übertrifft das nationale Unglück im Osten Europas um ein unvergleichliches die spanische Katastrophe — und die Nation schweigt? Der sechzehnte Zionistenkongreß hat das Wort! Die Protestversammlung der Judenstadt Tel-Aviv wird wirkungslos verhallen und die übrigen großen l und kleinen Gruppen im Judentum werden nicht handeln, der Kongreß aber muß sprechenI Und nicht gelegentlich, streifend, oberflächlich und wässerig. Der Kongreß muß am Anfang seiner Tagung einen Entrüstungsruf hinausschmettern, offiziell, mächtig, blutig, es soll ein Ruf werden an das ganze Volk, an alle Völker, an die ganze Welt! Und eine Kommission muß eingesetzt werden, der die besten und mächtigsten Männer angehören müssen, eine Kommission, die berät, beschließt und handelt. r Wenn jetzt in zwölfter Stunde nichts geschieht, geht das gesamte russische Judentum, das wertvollste in der Diaspora, für die Nation verloren. Der Kongreß hat das Wort! Sonja Darnowski war achtzehn Jahre alt und mußte sterben, weil sie eine Jüdin war. Der Kongreß, den Herzl geschaffen hat, muß ihr das «Jiskor» sagen. Ihr und den Schwestern im'1 P":,',ern ihrer Gesinnung! Zionisten Am 20. Juli feieit Professor Otto W a r b u r g, der frühere Präsident der Zionistischen Organisation, seinen 7 0. Geburtstag. Wir zweifeln nicht daran, daß alle Zionisten das Bedürfnis empfinden werden, dem Manne, der fast drei Jahrzehnte lang in unermüdl cher Arbeit und Hingabe seine Kräfte in den Dienst unserer Sache gestellt hat und den im Jahre 1911 das Vertrauen der gesamten Zionistischen Organisation an die Spitze unserer Bewegung rief, ihren Dank und ihre Anerkennung zu bekunden. Die Zionistische Organisation und Bewegung kann diesem Danke an Professor W a r b u r g keinen besseren Ausdruck geben als dadurch, daß sie das Werk fördert, dem stets sein besonderes Int.res e gegolten hat, der landwirtschaftlichen E schließ mg u d Entwicklung Palästinas. No.h heute sieht Pr..fes or Warburg als Leiter der landwirtschaftlichen Versuchsstation der Zionistischen Organisation in der Arbeit für dieses W rk. Wif wissen, daß ihm an seinem 70. Geburts ng_* n chts größere Freude bereiten wird, als die Tatjache, daß sich Zionisten aller Gruppen und Rchtungen zusammenfinden, um ein Werk zu begründen, das ihm besonders am Herzen liegt. In dieser Ueberzeugung rufen wir alle Z:onisten dazu auf, sich an der Schaffung eines botanischen Gartens zu beteiligen, der in de Nähe der neuen Versuchsstation in Rechoboth g g ündet werden und für alle Ze ten de i Name1 P‘ fessor Wa bürg tragen soll. Das Direktor.um des Keren Kajemeth Lejisrae! hat s ne Zustimmung r’- r. us n Mitteln einer So dersamml. ng des Ke n K:ij m:th für diesen Zweck diesen botanischen Garten in Kürze anzulegen. Wie fordern alle Gesinnungsgenossen auf, sich durch Spenden an dieser Sondersammlung des Keren Kajemeth nach ihren Kräften zu beteiligen. Wir*sind überzeugt, daß jeder Zionist den Wunsch haben wird, durch eine Spende für diesen Zweck der tiefen Dankesschuld, die die Zionistische Organisation und Bewegung Professor Warbung gegenüber hat, Ausdruck zu geben. Exekutive.der Zionistischen Organisation: Dr. Chaim Weizmann. Nahum Sokolow. Direktorium des Keren Kajemeth Lejisrael: gez. M. M. Ussiscbkin. Spenden sind an die Landes?'imm'-,!stel,A Keren Kajemeth abzufiitvren. Kleine Nachrichten In New York wurde eine Stiftung von 100.000 D o 11 a r aus dem Nachlaß von Dr. Benedict W e i firn a n eingetragen. Laut Testament soll dieses Kapital nach dem Tode der Verwandten von Dr. Weißman, die als Nutznießer eingesetzt sind, als Stipendienfonds zugunsten unbemittelter Studierender an der künftigen medizinischen Fakultät de« hebräi- 8 c h e n U n i v e r s i t ä t in Jer"^ ' r-»- ' ^t werden. * Im Pruniwaai der Pester Israeau^w..wii gemeinde wurde die 87. Generalversammlung des Ungarischen Israelitischen Handwerks- und Ackerbau-Vereins abgehalten. Vereirisdirektor K e r t i s z teilt* mit, daß der Verein im Berichtsjahre 87 Zöglinge ln den verschiedenen Gewerbezweigen ausbildete und 15 ausgelernte Zöglinge in das Berufsleben entließ. In diesem Jahre wurde auch eine moderne Geflügelfarm errichtet. Zum Präsidenten des Vereines wurde Dr. Emil Stein gewählt. « Jerusalem. Die ln Palästina wohnenden jemenitischen Juden erhalten fortgesetzt Nachrichten aus dem Yemen, wonach dort die Zwangsbekehrung Sonja Darnowski Von Dawid Rottblum