Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 80 (11.7.1929)
- Date
- 1929-07-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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PfE STIMME Nr. 80 rSeHe? Jahren (neben den Mitteln des Keren Hajessod) durch Hüte von außen ermöglicht wurde: Im ersten Jahre Im besonderen durch die Beteiligung der Lehrer und des Baron Rothschild, im zweiten Jahre hauptsächlich durch die Hilfe der «Young Hadassah» in Amerika. Auch in diesem Jahre werden weitere Quellen ausfindig gemacht werden müssen, um Mittel zum Ausgleich des Budgets zu bekommen. Natürlich tauchen bei dieser Situation Vorschläge zur Errichtung von neuen Fonds zur Balancierung des Budgets sowie überhaupt zur Gründung eines besonderen Fonds für kulturelle Zwecke auf. Es erhebt sich nun die Frage, ob unter den nationalen Sammlungen Raum für einen besonderen Erziehungsfonds vorhanden Ist und unter welchen Bedingungen er geschaffen werden soll: ob man den Erziehungsfonds der allgemeinen Finanzpolitik der Zionistischen Organisation anpassen soll, für welche Erziehungszwecke die Mittel dieses Fonds verwendet werden sollen. Im Zusammenhang damit stehen ferner die Fragen: welche Verpflichtung hat die Regierung, welche Verantwortung hat der Jischuw jetzt und später gegenüber dem Jüdischen Erzlehungswesen. Wie man darauf auch immer antworten mag, klar ist jedenfalls, daß irgendeine systematische Finanzpolitik bezüglich des Erziehungswesens bestehen muß, damit ein Arbeitsplan für eine Spanne von fünfjahren oder wenigstens drei- Jahren, aufgestellt werden kann. Ein großer Teil der Zionisten sieht in der Rückkehr nach Zion in erster Linie die Schaffung eines geistigen Zentrums. Aber auch der Teil, der Erez Israel hauptsächlich als Kolonisationszentrum betrachtet, kann sich niemals einen Jischuw als kulturelle Werte vorstellen. Das Streben nach einem geistigen Leben gehört zu den seelischen Grundlagen des jüdischen Volkes, auf die es nicht verzichten wird. Besondere Aufmerksamkeit muß dem Fachunterricht und der fachlichen Ausbildung gewidmet werden, damit der Zögling imstande ist, sein Leben in Erez Israel auf gesunder Basis weiterzuführen. Wir w olle n, d a ß dieSch.UlerderSchulen imLande bleiben. Bisher fühlen sie wohl die Liebe zum Lande, an die sie es bindet, aber es ist noch nicht gelungen, sie fachlich so auszubilden, daß sie sich im Lande verwurzeln und hier ihren Lebensunterhalt finden können. Nur in den Schulen der W a a d a t h Hatarbuth ist die Arbeit als Grundprinzip und untrennbarer Bestandteil des Lehrplanes eingeführt. Außer den zwei bereits genannten Elementen, dem finanziellen und dem pädagogischen, die bei der Festsetzung unserer Politik zu berücksichtigen sind, tritt noch als grundlegendes Element für die gesamte Arbeit die Administration. Wir können keine gesunde Entwicklung erwarten, solange es noch keine klare gesetzliche Regelung des Erziehungswesens gibt, die eine ruhige und normale Arbeit ermöglicht. Schließlich muß noch darauf hingewiesen werden, daß die Politik einer zentralen Leitung, die Hand in Hand geht mit einer Erstarkung und Vereinheitlichung der Erziehung einerseits und der Gewährung innerer Autonomie an die Schulen der Flügelpartelen andererseits, nur dann aufrechterhalten werden kann, wenn diese Leitung nicht nur auf dem Paprier, sondern auch in Wirklichkeit zentralisiert sein wird. Jetzt ist die Leitung nur dem Namen nach zentralisiert, Die Wiege des französischen Judentums Carpentras In der Provence. Aut dem melodischen, graziösen Wort Serpentine verbindet der gegenwärtige Stadtmensch die Vorstellung von fröhlichem Lachen, lauter Musik, ausgelassener Fröhlichkeit. Einen ganz anderen Sinn stellte ehemals dieses Wort dar, wenn man es in dem provencalischen Städtchen Carpentras, in der Nähe der Papststadt Avignon, aussprach. Hier bedeutete es damals das Ghetto. Und auch jetzt noch heißt diese lange, enge, finstere, schmutzige Gasse, die sich sdilangenweise durch eine Reihe von hohen, toten Häusern hinzieht — Serpentine. Die brennende Sonne der Provence wirft nie einen einzigen Strahl in diese düstere Gasse. Auch der Mond zieht es vor, freudigeren Städten seinen Silberstrahl zu spenden. Die Regenpfützen trocknen hier nie vollkommen und die Schmutzhaufen bilden so unappetitliche Hügel, daß man glauben könnte, sie hüten getreu die Tradition der alten, sehr alten Zeit, als noch diese Gasse mit dem Sonnenuntergang von beiden Seiten mit 'schweren Schlössern abgeschlossen wurde und ihre Bewohner die engen Grenzen des Ghetto ohne Lebensgefahr nicht überschreiten durften. Jetzt wohnt kein einziger Jude in dieser G a s s e. Die Häuser stehen teilweise leer, teilweise werden sie als Warenlager benützt, und nur einige von ihnen, die erfolgreicher als die anderen den Ansturm der Jahrhunderte , abgewehrt haben, dienen noch als Obdach für zuströmende italienische und algerische arbeitslose Proleten. In dem jetzigen Carpentras sind die Juden an den Fingern ata wählen. Es sind noch vier -bis fünf jüdische FapiJWen vorhanden, das ist alles, was von dem jlidiwiährend ln Wirklichkeit eine getrennte Leitung für die Schulen der Waadath Hatarbuth und des Misrachi besteht. Hier muß eine Aenderung kommen. Für die Aufforstung Palästinas Feldmarschall Lord A11 e n b y, Lord M e I c h e 11 und Sir Francis Younghusband veröffentlichen in den «Times» einen gemeinsam Unterzeichneten Aufruf zur Leistung von Beiträgen für den Men of Trees- Palästina-Fonds (Fonds zur Aufforstung der kahlen Hügel und Hänge in Palästina), In dem Appell heißt es u. a.: Viel Arbeit und Ueberlegung wurde der Aufforstung verschiedener Teile Palästinas gewidmet. Regierung, Jüdischer Nationalfonds, Christliche Missionen und Privatpersonen haben ihr Teil an der in den letzten Jahren bereits geleisteten vorzüglichen Arbeit. Nun muß jeder, der diese Arbeit dankbar anerkennt, sein Teil beitragen, um die vielen Meilen kahler Bergabhänge in Judäa mit Bäumen zu bekleiden. Außer denjenigen, die historisches Interesse oder Zukunftspläne mit Palästina verbinden, gibt es viele Menschen in der Welt, die dieses Land lieben und ihm eine gute Zukunft wünschen. Ihnen bietet sich eine würdige Gelegenheit, dem Lande zu nützen durch Mitarbeit an ' Die Exekutive der Zionistischen Organisation veröffentlicht soeben die Tagesordnung des XVL Zionistenkongresses. Der Kongreß wird am 28. J u 1! d. j., nachmittags 4 Uhr 30, im Stadttheater in Zürich durch eine Ansprache des Präsidenten der Organisation, Dr. Weizniann, eröffnet werden. In derselben Sitzung wird der Präsident der Exekutive, Herr Sokolow, anläßlich des auf den Eröffnungstag fallenden 25. Todestages Theodor Herzls eine Gedenkrede: «Theodor HerzI und die Zionistische Organisation» halfen. Die Tagesordnung des Kongresses sieht weiter folgende Referate vor: Dr. Arthur Ruppin: «Die Bedeutung Palästinas für die Zukunft der Juden»; Präsident Welz m.%# nrt «Rechenschaftsbericht, und Programm»; ' Herr Felix Rosenblueth: «Die Verfassung der Jewish Agency»; Prof. Brodetsky: «Die Aufgaben der Zionistischen Organisation in der Zukunft»; Mr. Harry Sacher: «Die Palästina-Arbeit der Zionistischen Organisation»; Dr. Arthur Hantke: «Aufgaben und Arbeitsprogramm des Keren Hajessod»; Herr M. M. U s s i s c h k i n: «Erfolge und Aussichten des Keren Kajemeth». Weitere Referate werden über hebräische Kulturarbeit in der Galuth, Hachscharah und Chaluziuth gehalten werden. Der Kongreß ist für die Zeit vom 28. Juli bis zum 6. August angesetzt. Die Kongreßdelegierten werden von der Exekutive gebeten, etwaige Anträge, die sie im seiner Verschönerung, die gleichzeitig Arbeit an seinerEntwicklung ist. Der Oberkommissär von Palästina, Sir John Chancellor, erschien persönlich zu einem zu Ehren des Begründers der «Men of Trees» (Gesellschaft für Aufforstung Palästinas), Herrn St. Barbe Bäcker, gegebenen Frühstück und hielt eine Ansprache, in der er ausführte: * Vor drei Monaten stand ichimBalfour-Wald und war tief beeindruckt von der dort geleisteten Arbeit. 300 bis 400 Aecker des Balfour-Waldes sind bereits bepflanzt. Wiederaufforstung ist eine vitale Notwendigkeit für Palästina. Die Aufforstung würde auf das Klima und die Regenblldung einen großen Einfluß ausüben und dem Lande eminenten Nutzen bringen, da durch die Anlage von Wäldern an den Hängen d i e Wasserversorgung verbessert und die Kultivierungsmöglichkeit der tiefer gelegenen Böden erhöht wird. «Men of the Trees,» tun ausgezeichnete Arbeit. Die Regierung ihrerseits ist a-uch nicht müssig und tut was sie kann, um das Aufforstungswerk zu unterstützen. Chancellor versprach der Organisation, daß für jede geleisteten sieben oder acht Pfund ein Stück Acker-Forstland produziert werden i würde. Jeder Penny werde ökonoimsch verwendet ' werden. Kongreßplemmi stellen wollen, schon jetzt, und zwm bis zum 17. Juli, bei der Exekutive anzumelden. Vorkonferenzen Bisher sind folgende Vorkonferenzen angemeldet, die sämtliche im Kongreßgebäude, «Verein zur Kaufleuten», Eingang B (Ecke Pelikanstraße-Talaoker), stattfinden: W. I. Z. O., 22. Juli, 19 Uhr; 23. Juli bis 26. Juli. Keren Kajemeth L’e i s r a e 1,22. Juli, 20 Uhr; 23. bis 25. Juli. Die Vertreter des Völkerbundes beim Kongreß Wie der Genfer J.-T.-A.-Vertreter erfährt, wird der Völkerbund bei der Eröffnung des XVI. Zionistenkongresses in Zürich durch den stellvertretenden Generalsekretär des Völkerbundes, A. Dufour Feronc e und durch den Direktor des Internationalen Arbeitsamtes, Albert Thomas, vertreten sein. Beide werden den Kongreß begrüßen. \ Die Wahlen 42 Delegierte aus den Vereinigten Staaten Aus New York berichtet J. T. A.: Die Zionistische Hauptwahlkommission teilt offiziell das folgende Ergebnis der in den Vereinigten Staaten durchgeführten Wahlen zum 16. Zionistenkongreß mit: Auf die Liste der Allgemeinen Zionisten entfallen 20 Delegierte, auf die des M i s r a c h i 10, auf die der P o a 1 e Z i o n 7, auf die der Z e i r e Z i o n - H i t a c hdu th 4 Delegierte. Die oppositionelle Gruppe sehen Element in Carpentras, das mit Recht als Wiege des französischen Judentums betrachtet werden kann, geblieben ist. Schon im 2, Jahrhundert der heute üblichen Zeitrechnung existierte in Carpentras eine kleine jüdische Gemeinde, die sich in der ganzen Provence bis zu Marseille zerstreuten, abgezweigt hatten. Im 12. Jahrhundert gehörte die jüdische Gemeinde in Carpentras zu den sehr reichen und sehr angesehenen, die sich schon den Luxus erlauben konnte, eine Synagoge zu erbauen. Diese Synagoge, die jetzt zwischen zwei Häusern eingezwängt Ist, wird nun als ein national-historisches Denkmal der französischen Kultur behandelt, und den Touristen wird sie, wie alle übrigen lokalen Denkmäler, gezeigt und sozusagen vorgeführt. In der Synagoge, deren Wände so viel zu erzählen hätten, herrsch Museenkälte und Museenreinheit, die sich von der Kälte und Reinheit anderer, vergessener Tempel durch das unverwesliche Aroma der 1 i b a n onIschen Zeder unterscheidet, aus dem der Almemor, die Chöre und .die ganz wundervollen siebenarmigen Leuchter mit goldener Ornamentik gebaut wurden. Das längliche Schiff des Tempels imponiert durch seine strengen, reinen Linien, überall herrscht Zeder und grauer Stein, dem die deutlichen Schliffe der Kristallluster entgegenwirken, und nur in einer tiefen Nische ein einziger greller Fleok: ein kleiner, goldener Fauteuil, überzogen mit purpurrotem, gemusterten Damast. In diesen Fauteuil legte man für einige Sekunden den Neugeborenen vor der Durchführung des heiligen Ritus der Beschneidung. Dieses rührende Spielzeug symbolisierte einen Thron, der den Neugeborenen an die Größe Israels kettete; richtiger aber könnte man schon sagen, daß diese wenigen Minuten der Aufzeichnung die Neugeborenen für die Qualen und Erniedrigungen» die Ihrer warteten, entlohnen sollten, denn das goldene Zeitalter des Judentums in der Provence dauert nicht lange* Im Jahre 1100 wurde im Städtchen Lunelle (unweit vön Carpentras), wo jetzt kein einziger Jude wohnt, die älteste Akademie der Wissenschaften im Westen gegründet. Die einst so berühmte Universität in Montpellier mit der freien medizinischen Fakultät wurde von den Juden unter Wilhelm den Achten gegründet. Die Historiker verzeichnen übereinstimmend die besondere Gastfreundschaft, die die Juden, als sie in dem ganzen übrigen Europa verfolgt waren, in Südfrankreich fanden. Im 8. Jahrhundert und besonders während des Aufenthaltes der Päpste in Avignon, im 14. Jahrhundert, durften die Juden in allen Städten Synagogen bauen. Die Zahl der Juden war zu dieser Zeit in der Provence so groß, daß im 14. und 15. Jahrhundert die Tagungen der Rabbiner der ganzen Welt in Avignon stattfanden. Trotzdem waren auch dort die Juden gezwungen, besondere Abzeichen zu tragen. Die Männer mußten auf der Brust das Abbild eines Rades tragen, die Frauen mußten sich.so frisieren, daß die Zöpfe auf dem Scheitel zwei Hörnchen bildeten. Sie durften nicht während der kirchlichen Prozessionen, während der Volksfeste und an Sonntagen auf der Straße erscheinen; in vielen Städten wurde ihnen sogar, verboten, neue Waren feilzubieten, sich an christliche Apotheker und Hebammen zu wenden, und sogar ohne geschäftlichen Anlaß mit Christen sprechen. So kann man in der großen Bibliothek von Carpentras die Protokolle eines Prozesses gegen einen Juden lesen, der beschuldigt war, ein «conversatium familiaris», das heißt ein freundliohes Gespräch mit einer christlichen Frau geführt zu haben. Und trotzdem galt damals die Provence als ein «jüdisches Dorado». Eine entschiedene Verschlimmerung in der Lage der Juden Irt der Provence entstand Im 14. Jahrhundert (gegen das Jahr 1348), gerade als an der Spitze der christlichen Welt der aufgeklärteste der Päpste der Vor dem 16. Zionistenkongreß Die Tagesordnung