Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 80 (11.7.1929)
- Date
- 1929-07-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der „geheiligte“ akademische Boden — Eine Justizkomödie — Austerlitz freut »ich Die Unantastbarkeit des sogenannten akademischen Bodens dient in Oesterreich nur dazu, um hakenkreuzlerischen Strolchen Gelegenheit zu geben, über Juden herzufallen, ohne daß die Ueberfallenen, die gewöhnlich in der Minderzahl sind, wenn das Hakenkreuzgesindel gegen sie zum „Sturm“ vorgeht, Schutz finden können. Es ist natürlich auch nicht möglich, die Strolche, die mit Gummiknütteln und anderen Waffen versehen sind, der Polizei zu übergeben, weil die Polizei eben den „akademischen Boden“ nicht betreten darf. Aber auch wehren darf sich ein jüdischer Student nicht, wenn er vom Hakenkreuzmob angegriffen wird. Das hat ein österreichisches Gericht vor einigen Tagenfestgestellt. Bei den jüngsten hakenkreuzlerischen Ausschreitungen auf der Wiener Universität wurde der nationalsozialistische Mediziner Franz Rößler verhaftet, da er — so lautet die polizeiliche Meldung — den jüdischen Hochschüler Abraham Tennen bau m über die Rampe hinunter v erfolg t und mit einem Gummiknüttel aufihn losgeschlagen hat. Rößler hatte bei der Verhaftung Kratzwunden im Gesicht, die ihm durch Faustschläge (!) seitens des Tennenbaum zugefügt sein sollen, er war dadurch, wie es in dem polizeiärtzlichen Parere heißt, „einen Tag in seiner Gesundheit gestört.“ Nun kamen beide Studenten vor den Bezirksrichter Gruchol des Strafbezirksgerichtes I, beide standen unter der Anklage der vorsätzlichen Körperverletzung. In der Verhandlung wurde festgestellt, daß Rößler zuerst auf Tenenbaum mit dem Gummikntittel (den er als mutiger Teutone bei der Verhandlung rasch fallen ließ) losgeschlagen hatte und daß sich Tennenbaum, ein kräftiger Bursche, gegen die Schläge mit Fausthieben gewehrt habe. Dazu aber hat ein jüdischer Student kein Recht, es ist schon provokant, daß er ein kräftiger Bursche ist, noch mehr provokant, daß er einen hakenkreuzlerischen Strolch der Polizei übergibt, aufreizend, daß er (wie der Richter vielsagend konstatiert) einen harten Schädel hat, so daß er durch die Schläge mit dem Gummiknüttel keine ernstere Verletzung davontrug, unerhört aber ist, daß Tennenbaum sich gegen die Schläge gewehrt hat. Daher wurde nicht nur Rößler verurteilt (er bekam drei Tage Arrest), sondern. auch Tennen bäum erhielt24StundenArrest. Seine Strafe wurde vom Richter, der den organisierten hakenkreuzlerischen „Sturmangriff“ ala R a u fh a n d e 1 qualifizierte, ebenso wue die des Rößler unbedingt ausgesprochen. Was dies in puncto der Rechsfolgen für einen Studenten bedeutet, ist jedermann klar. Das Urteil gegen Tennenbaum wurde damit begründet, daß er wohl erst auf die Schläge Rößlers mit dem Gummiknüttel mit Fausthieben reagiert, jedoch hiebei nach Ansicht dea Gerichtes die GrenzenderNotwehrüberschritten (!) habe. Die Voraussetzung für eine bedingte Verurteilung, betonte der Richter, war nicht gegeben; Rößler und Tennenbaum mußten unbedingt verurteilt werden, weil.,, „der akademische Boden nicht für Rauf er eien bestimmt ist, sondern nur die Bestimmung hat, daß alle Studierenden, die wirklich studieren wollen, diesen Boden unbehindert bet r e te n können.“ Nun ist in Oesterreich dieser geheiligte akademische Boden dem Hakenkreuzbanditentum ausgeliefert; die Juden, die i'hn betreten, sind vogelfrei; Schutz gibt es nicht, r aber wehren dürfen sie sich auch nicht. Wir haben schön anderwärts gesehen, wohin solche >,gerichtliche Feststellungen“ füh'reh, dfe"Nam&n rStllik und Tot! beweisen es. Der „Rechtsstaat“ Oesterreich führt die „akademische Freiheit“ solchen ähnlichen erstrebenswerten Zuständen entgegen. Das Urteil, gegen das in puncto Schuld und Strafe berufen wurde, hatte in der gesamten Presse des In- und Auslandes mehr als befremdete Kommentare. Eine einzige Ausnahme gibt es: das Zentralorgan der Sozialdemokratie Deutschösterreichs, die „Arbeiter-Zeitung“. In den anderen sozialdemokratischen Blättern Wiens (zum Beispiel im „Kleinen Blatt“) und Oesterreichs — sagen wir — so subjektiv objektiv wurde das Urteil gebührend gewürdigt; in dem von Herrn Austerlitz geleiteten Zentralorgan wird im Prozeßbericht von „B ourg e o i s j ü n g e 1 n“ gesprochen, welche „statt zu studieren mit Gummiknütteln auf die Universität gehen“, und das Urteil des gerechten Richters mit freudigem Beifall aufgenommen. Warum das „Jüdlein“-Blatt des Herrn Austerlitz just im Bericht über den Prozeß diese Pauschaljüdelei von den „Bougeoisjüngels“ anbringt? Herr Austerlitz meint: ein jüdischer Student, der Zionist ist, soll geprügelt, wenn es gerade geht, auch erschlagen werden, ist unbedingt zu verurteilen, denn sein Zionismus, Überhaupt der iZondsmus ist eine stete Gefahr für die Auster- Litze, die sich täglich, stündlich durch ihn entlarvt fühlen. Darum die gemauschelte Mauschelpolemik! Nirgends sonst im Sozialismus der ganzen Welt darf diese Art sich hervorwagen. Armes Oesterreich! Beachten Sie in dieser Nummer u. a. folgende Aufsätze und Berichte: Die Wiege des französischen Judentums. Sonja Demowski, Von David R o t h b 1 u nt. Auf dem «Rosenfeld» der Ehre. Palästina vor dem Völkerbund. «Spinnholz» und «Totentanz». Vor dem 16. ZionlstenkongreB. Bialik an Weizmann. Erziehungspolitik Von‘Miß Henrietta Szold (Mitglied der. Zionistischen Exekutive). Auf einer kürzlich im Hauptbureau des Keren Hajessod abgehaltenen Pressekonferenz hielt Miß Szold ein Referat über die Sohulprobleme in Erez Israel, aus dem wir die wichtigsten Abschnitte im nachfolgenden wiedergeben. Am Ende der gegenwärtigen Ziweijahrsperiode befinden wir uns in einer besseren Lage als zu Beginn dieser Epoche. Heute läßt sich feststellen, daß trotz der, durchgeführten Einschränkungen die Vollständigkeit des Erziehungsapparates nicht beeinträchtigt wurde, ja, daß das allgemeine Budget sogar von 112.000 Plfund cjhif 115.000 Pfund erhöht - werden konnte, abgesehen von einem weiteren Budget von 5000 Pfund für besondere Aufgaben, ln den letzten Wochen wurden an die Lehrer die gesamten Rückstände (außer der altert Schuld aus den Jahren 5682—84) bezahlt; auch das Gehalt für Mai kam bereits zur Auszahlung. Das Erziehungsdepartement hat im Laufe der ganzen zwei Jahre stark unter den Erschütterungen am Anfang dieser Periode gelitten. Ich möchte nur zwei Dinge hervorheben., die meines Erachtens von grundlegender Bedeutung sind. Zunächst die Gründung des Inkassobureaus beim Erziehungsdepartement mit der Aufgabe, die Schulgelder von den Elternb zu erheben. Die wichtigste Wirkung dieser Neuerung | besteht nicht nur in der größeren Sicherung der Ein-# nahmen und der Befreiung der Leiter und Lehrer von den Sorgen um das Inkasso des Schulgeldes, sonder« in erster Linie darin, daß damit systematisch das Vet- antwortungsgefü-hl des J i s c h u w für die Erhaltung der Erziehungsinstitutionen verstärkt wird. Schließlich wird doch einmal der Zeitpunkt kommen müssen, irt dem der Jischuw die Hauptverantwortung für die Erziehung übernimmt; dafür muß er vorbereitet werden, Die andere wichtige Verbesserung ist die Vergrößerung der Inspektorenzahl und die Stärkung der Stellung des Erzlehungsdepartements. Auch dies ist vom Standpunkt einer allgemeinen Erziehungspolitik von Bedeutung. Die Regierung betrachtet die Zionistische Exekutive als die Instanz, die das gesamte öffentlich-jüdische Schulwesen leitet, und . die Zionistische Exekutive verfügt auf diesem Gebiete Über eine weite Autonomie. Sie wird aber nur dann im- stände sein, diese Rechte zu wahren, wenn sie über, einen genügend starken und kompetenten Inspektionsapparat verfügen wird. Das bisher Erreichte gibt aber noch' keinen Anlaß zu « übertriebenen Hoffnungen. Es besteht noch keine Sicherheit, daß die Aenderungen von Bestand sind. G&k wisse Elemente stellen sozusagen Ansätze einer Erziehungspolitik dar, aber man kann heute noch nicht sagen, wieweit die neuen Einrichtungen dauernden oder provisorischen Charakter tragen. Es sei erwähnt, daß die Balancierung des Budgets In den letzten zwei Warum macht der Jude kelnva BGPBdraSchrlrt? — fngtn iilni Filnds! Die Wurzel des Uebels liegt in den unbeachteten Fußleiden vieler Juden. Sie vernachlfcssigen Ihre Pflicht gegen sich und Ihr Volk, wenn Sie nicht rechtzeitig Ihr Fußleiden beheben lassen. Kommen Sie sofort in das Institut für Fußheilbehelfe und Bandagen ßkm Wien 1., T«influltfstfra»0« nur? (beim Burgtheater) —Telephon U 26-2-94 — Kostenlose Untersuchung und Beratung I ‘lose Prwctiteaum«ia>r lünwfca Di