Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 79 (4.7.1929)
- Date
- 1929-07-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nt. 79 DIE STIMME Seite 9 Bevor Sie reisen - kommen Sie zu uns! Badeanzüge, Frottiermäntel, Pyjamas, Damen-, Wärfinhj)lie Herren- und Klnder-Wfische, Strumpf- und Strlokwaren etc. En gros - en detail Bergmann Idiome Kleiner Renten spotmilim 1 l*i RABENSTEIG 3 (Ecke Seitenstettengasse) Die alten Goldmacher von Prag „Stein der Weisen“, Galgen und „Lebenselixiere“ am Hofe Rudolfs II. Alle Fremden, welche die Altertümlichkeiten Prags besichtigen, sind erstaunt, wenn sie ein kleines, ganz eigentümliches Sackgäßchen auf dem Hradschln, neben der Burg, betreten. Winzige, bizarr ausgehende Häuschen, fast wie Knusperhäuschen aus dem Kindcrmärchen, stehen da, und in einem jeden sind höchstens zwei Zimmerchen. Alte Frauen treten aus den Häuschen heraus, wenn zufällig ein Fremder oder auch ein Prager durch das Gäßchen schreitet — es ist das sogenannte Alchimistengäßchcn oder Goldenes Gäßchen — und laden ihn ein, das Innere ihres Häuschens anzusehen und einen Blick durch das Fenster herunter in den Hirschgraben zu machen, in welchem im Frühling der Flieder blüht und die Sonne das Laub vergoldet. Sie erzählen dem Fremden gerne, daß im Alchimistengäßchen die Goldmacher des Kaisers Rudolf II. gewohnt haben. In Wirklichkeit hausten hier rotgekleidete BurgschiUzcn, welche die Gefangenen in den Kerkern des Hradschins, dem Weißen und Schwarzen Turm sowie in der ebenfalls von Sagen umsponnenen Daliborka zu bewachen hatten. An dem Hofe des Habsburgers Rudolf II. dagegen, welcher in Prag als römisch-deutscher. Kaiser und böhmischer König von 1576 bis 1612 residieite, wimmelte es tatsächlich von allerhand Scharlatanen, Astrologen und Alchimisten. Aus aller Herren Länder kamen Goldmacher nach Prag. Es ging ihnen hier besser als sonstwo, denn die kaiserlichen. Ratgeber, Minister und Höflinge unterstützten die Neigung Rudolf II. für die Goldmacherkunst, um ihn von den Regierungsgeschäften abzulenken und selbst freie Hand für ihre Intrigen zu haben. Die Alchimisten preßten aus dem Kaiser immer mehr Geld heraus und fielen bei ihm in Ungnade erst dann, wenn sie jemand als Schwindler anschwärzte, um sodann selbst ihren sehr einträglichen Posten einzunehnien. Nach den im Pragei Nationalmuseum aufbewahrten Schriften aus der damaligen Zeit hatten sie dreierlei Pflichten: 1. Den Stein der Weisen zu finden, das ist eine rote Masse, die alle Metalle in Gold verwandelt. 2. Einen goldenen Trank (das Lebenselixier) zu brauen, mit welchem alle Krankheiten geheilt und das menschliche Leben bei fortwährender Verjüngung auf viele Jahrhunderte verlängert werden sollte. 3. Eine weiße Tinktur, das sogenannte kleine Elixier, herzustellen, wodurch Metalle in Silber verwandelt werden. Außer diesen Betrügern befanden sich am Hofe des Kaisers aber auch ernsthafte Gelehrte, wie die berühmten Astronomen Johannes Kepler und Tycho de Brahe. Auch viele wirkliche Künstler waren um ihn herum, und so gründete er in der Prager Burg eine große Sammlung hervorragender Kunstwerke, welche als «Rudolfsche Galerie» bekannt war. Diese Sammlungen verschlangen aber sehr viel Geld, so daß man ihm leicht einreden konnte, das Defizit in der Staatskasse könne nicht anders als durch Herstellung von Gold gedeckt werden. Die ersten und bekanntesten Goldmacher am Hofe Rudolf II. waren die Engländer John Dee und Eduard Kelley. Beide trieben ihr Wesen zuerst in Polen, und als ihnen dort der Boden zu heiß wurde, reisten sie in das Eldorado aller Goldmacher, nach Prag. John Dee gewann die Gunst des Kaisers durch einen «Wunderstein», eine hohle Kristallkugel, mittels welcher er mH überirdischen Geistern in Verbindung zu stehen vorgab. Als er dem abergläubischen Kaiser sodann einen «Wunderspiegel» zum Geschenk machte, durch welchen man, wie er sagte, eine jede Person, wo auch immer sie weilen möge, bei ihrem Tun und Handeln beobachten könne, geriet er, trotzdem er im Spiegel nichts anderes als sich selbst »sah, in Begeisterung und wies dem Schwindler eine prachtvolle Wohnung in der Prager Burg zu. John Dee mengte sich aber in die damaligen politischen und religiösen Streitigkeiten, und als eifriger Protestant nahm er Partei für die Ultraquisten. Die katholischen Minister klagten deshalb gemeinsam mit dem päpstlichen Nuntius ihn beim Kaiser an, er trachte ihm durch »seine Zaubereien nach dem Leben. Da wurde John Dee aus dem ganzen Königreich Böhmen ausgewiesen, und sofort kam der andere Gauner, Eduard Kelley, nach Prag. Eduard Kelley hatte eine bewegte Vergangenheit. Er hieß eigentlich Talbot und war zuerst Apothekergehilfe, dann Stadtschreiber in Lancaster. Um sich zu Geld zu verhelfen, fälschte er Dokumente, weshalb Ihm der Henker, nach der damaligen englischen Sitte, unter dem Galgen beide Ohren abschnitt. Talbot. verzagte aber nicht. Er floh in eine entlegene Berggegend In Wales, ließ sich dort lange Haare wachsen, welche Metren- und Hamen-Kleider nach Naß" Htlcho Stoffaumvah1 Zahlvn? nach Ueberolnkommen. lohomn EoicIimi Wien, VI., Mariahilforstraße 107, Tel. B 97.2.38 seinen Mangel an Ohrmuscheln verdecken sollten und nannte sich von nun an Kelley. In einer Schenke, in welcher er als Landstreicher Nachtlager hatte, sah er ein altes Manuskript, von welchem der Wirt erzählte, niemand könne die Schrift entziffern. Talbot-Kelley, welcher in seiner ersten Stellung Gelegenheit hatte, sich mit Alchimie zu befassen, erkannte sofort, daß es ein Goldmacherrezept ist. Der Wirt erzählte ihm, er habe, als er bei dem Sturme auf die Kirchen und Klöster zur Zeit der Reformation die Gruft eines als Zauberer berüchtigten katholischen Bisohofs plünderte, in dem steinernen Sarg aus diesem Zauberbuche zwei Kugeln aus Elfenbein gefunden, von denen die eine ein rotes, die andere ein weißes Pulver enthielt. Mit dem wenigen Gelde, das der Vagabund bei sich hatte, kaufte er dem Wirt das Manuskript und die beiden Kugeln ab und hoffte, den Stein der Weisen gefunden zu haben oder wenigstens seinen Fund für seine künftigen Betrügereien verwerten zu können. So wurde er Kompagnon des John Dee. Dieser befürchtete, er könnte von ihm aus dem Sattel gehoben werden, weshalb er ihn nicht in Prag ließ, sondern ihm eine Stellung bei dem mächtigsten böhmischen Adeligen, dem Herrn Wilhelm von Rosenberg, welchem fast ganz Südböhmen gehörte, beschaffte. E<s ging ihm dort so gut, daß der Prager Vertreter des Fuggerschen Hauses seinem Herrn nach Augsburg berichtete, Kelley habe Herrn von Rosenberg in drei Jahren dreihunderttausend Gulden gekostet. Kelley gelang es, dem Kaiser durch Eskainontage vorzutäuschen, er könne mit einem einzigen Tropfen seiner Zaubertinktur Quecksilber in Gold verwandeln. Auch glückte es ihm zufällig, daß der Kaiser eine Erstarkung seiner Nerven verspürte, nachdem er Kelleys Lebenselixier gekostet hatte. Er wurde der Liebling des Kaisers, welcher sich mit ihm Tag und Nacht im Laboratorium aufhielt, so daß die Kamarilla und alle Höflinge sich darüber sehr freuten. Rudolf II. zeichnete Kelley durch Geschenke und Würden aus, ernannte ihn zum Kaiserlichen Rat und als dieser erklärte, er stamme aus einer alten Ritterfamiiie namens Imany in Irland, da erhob er ihn auch in den böhmischen Ritterstand. Der Herr von Rosenberg, bei welchem Kelley auch weiterhin seine früheren Experimente zeitweise fortsetzte, schenkte ihm, als er hörte, er habe vom Kaiser einen «Titel ohne Mittel» erhalten, zwei seiner großen Landtafelgüter. Kelley heiratete dann ein adeliges Fräulein und kaufte in Prag mehrere Häuser, darunter auch das berühmte «Fausthaus». In diesem Hause hat sich, wie die Sage berichtet, Doktor Faust bei dem der Alchimie ergebenen Stadtschreiber Prokop aufgehalten und verschiedene Wundertstücke dort aufgeführt. Jedenfalls ist es interessant, daß dieses «Fausthaus», weiches noch jetzt in Prag steht, mehrmals nacheinander im Besitze von Schwarzkünstlern und Alchimisten gewesen ist und auch Kelley in diesem Hause seine alchimistische Küche eingerichtet hat. Doch schließlich fiel auch Kelley in Ungnade, als er wegen eines Liebes- Iiändels einen Hofbeamten im Zweikampfe erschlug. Der Kaiser ließ ihn verfolgen, nicht nur deshalb, weil er erst unlängst alle Duelle streng verboten hatte, sondern hauptsächlich, weil er in ihm schon den Schwindler argwöhnte. Kelley hoffte, beim Herrn von Rosenberg Zuflucht zu finden, doch auf dem Wege wurde er von den Häschern ergriffen und in den Kerker auf der Burg Pürglitz geworfen. Der Burghauptmann hatte den kaiserlichen Auftrag, im Guten oder Bösen aus Kelley herauszubringen, wie der Stein der Weisen und das Lebenselixier hergestellt werden, und als dieser keine befriedigende Antwort zu geben verstand, wurde er gefoltert. Vergebens verwendeten sich für ihn Herr von Rosenberg und sogar die Königin von England beim Kaiser. Seine Güter wurden für die kaiserliche Kammer mit Beschlag belegt, er selbst wurde lange im Kerker gehalten und endete, nachdem er bei zwei mißglückten Fluchtversuchen die Füße brach, durch Selbstmord: er ließ sich eine seiner Tinkturen reichen, vielleicht das Lebenselixier, trank sie aus und starb gleich darauf. Nach seinem Sturze wurde sofort ein berühmter Alchimist aus Straßburg, Philipp Jakob Güstenhofer, nach Prag berufen, doch es war ein ungeschickter Scharlatan, den der Kaiser in den Weißen Turm werfen ließ. Als er dem Kaiser berichtete, daß er eigentlich nichts versteht, lachte dieser und ließ ihn frei. Güsterhofer versuchte sodann sein Glück in Sachsen, wo ihn der Kurfürst bald dem Henker übergab. Dasselbe Sckicksal ereilte auch den Griechen Mamugna, welcher sich den Namen Marcus Graf Bragadinus zufegte. In Prag ging er inwter von zwei großen schwarzen Hunden begleitet herum und war sehr freigebig, da er Geld leicht auszulocken verstand. Er richtete aber beim Kaiser nicht viel aus und zog deshalb nach Bayern. Als man ihn in München als Betrüger entlarvte, wurde er auf einem mit Goldpapier überzogenen Galgen gehenkt und sodann gemeinsam mit seinen zwei schwarzen Hunden, die der Henker vor ihm erschoß, eingescharrt. Der Friseur Johann Heinrich Müller aus dem Schwabenlande gewann durch seine alchimistischen Kunststückchen so sehr die Gunst des Kaisers, daß er ihn in den Adelsstand mit dem Prädikat von Miihlenfels erhob. Als er in Prag genug Geld verdient hatte, zog er wieder nach Deutschland, wurde Hofalchimist des Herzogs von Württemberg, doch auch er endete am Galgen. Es waren an hundert Alchimisten in Prag, so daß man in ganz Europa erzählte, Kaiser Rudolf II. hätte in Prag eine «Alchimistische Akademie» gegründet. Auch in den Burgen und Schlössern der Herren von Rosenberg waren zahlreiche Alchimisten versammelt, darunter sogar eine Alchimistin, die schöne Salomena Scheinpflug, welche so manchem Goldmacher den Kopf verdrehte, so daß er den Stein der Weisen und das Lebenselixier vergaß, ja sogar sich eifersüchtige Blicke des Herrn von Rosenberg zuzog. Zur Begründung des Silbernen Buches Von Dr. S. Plaschkes Ich bin bei Anregung des Silbernen Buches davon ausgegangen, daß in einer Volksbewegung, in der es nach der Natur der Dinge viel Kampf und Streit der Meinungen gibt, ja -geben muß — jedes Mittel uns willkommen sein muß, das geeignet ist, unseren Gesinnungsgenossen Ehre, Freude und Anerkennung zu bringen. Da wir außer durch Stiftung von Bäumen hiezu nur die Möglichkeit einer Eintragung ins Goldene Buch hatten, was bei dem derzeitigen Stand unserer Wirtschaft in den meisten Fällen ausgeschlossen ist, so glaube ich durch die Einführung des Silbernen Buches die Möglichkeit einer ehrenden Eintragung vergrößert zu haben, da sie mit viel geringeren Mitteln, und zwar sofort, erreicht werden kann. Ich erblicke darin keineswegs eine Konkurrenz gegen das Goldene Buch, da dieses weiter als höchste Auszeichnung für besonders verdiente Frauen und Männer erhalten bleiben muß. Es ist sogar gedacht, eine Verbindung zwischen den beiden Graden dieser Auszeichnung in der Weise herzustellen, daß veranlaßt wird, daß eine zwanzigmalige Eintragung ins Silberne Buch zur Eintragung ins Goldene Buch berechtigt. Das Silberne Buch soll ein besonders künstle isches Gepräge erhalten. Die Malerin Blanka Federn- Ljpschütz, welche sich für die künstlerische Ausgestaltung des Werkes interessiert und der große Graphiker und Kunstgewerbler Prof. Otto Friedrich, der sich bereitwilligst zur Verfügung gestellt hat, bürgen für das Gelingen des Werkes. Die Veranstaltungen zu Ehren der jiddischen Pen-Delegation Einen glänzenden Verlauf nahmen die zwei Veranstaltungen, die zu Ehren der jiddischen Pen-Delegation am vergangenen Sonntag in Wien stattgefunden haben. Der Saal der Kammerspiele, wo die literarische Matinee abgehalten wurde, war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt und das Publikum zollte allen mitwirkenden Schriftstellern reichen Beifall. M. Groß skizzierte in einem einleitenden Referat die geistige Situation der modernen jiddischen Literatur, worauf Schalom Asch, stürmisch begrüßt, eine fein pointierte Novelle, «Der kleiner Daitsch», vorlas. Es folgten Rezitationen des jungen jiddischen Dichters Bär Horowitz und des Humoristen «Der Tumkler», sowie Ansprachen der Schriftsteller Nachman MaizI und Zalman Reizin. Am Abend fand im dichtgefüllten Festsaale des Hotel de France unter Vorsitz von M. Groß ein Abschiedsbankett statt. Begrüßungsansprachen hielten Dr. Sternberg, Dr. Finkeistein, M. Singer, Dr. Bukspan, J. Fränkel und Löfol Taubes, worauf die Gäste Maizl und Reizin namens der jiddischen Pen-Delegation Worte des Dankes an die Versammelten richteten. Zur Erhöhung der gemütlichen Stimmung trugen die Liedervorträge des Herrn Segall-Rosenbach wesentlich bei. Der Anker, Allgemeine Versicherungs-Aktiengesellschaft, Wien In der am 28. Juni 1929 abgehaltenen 69. ordentlichen Generalversammlung wurde der Rechnungsabschluß für 1928 einstimr* 'rc genehmigt. Alis dem Berichte geht hervor, ( \ in der Lebensversicherung bei einer Neuprc Auktion von rund 160 Millionen Schilling gegen 124 Millionen Schilling im Vorjahre, der Bestand auf rund 400 Millionen Schilling Versicherungssumme und die Prämieneinnahme in allen Versicheriingszyveigen einschließlich der Kapitalerträgnisse vofLS 22,506.151.73 auf S 25,506.834.69 gestiegen ist. Die Gewährleistungsmittel haben die Höhe von $' 70,255.717.— erreicht. Es wurde beschlossen, eine Dividende von 10 Prozent auf die Aktien der ersten Emission und von 5 Prozent auf die Aktien der zweiten Emiss.’ r tu zahlen. E 3432