Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 79 (4.7.1929)
- Date
- 1929-07-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3053805-3053831--1118-3056445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 79 DIE STIMME Seft»? Vom absterbenden Stamm der Karäer... Kaum ein „Minjan“ In Jerusalem Von Dr. M. Berkowicz In einer gelegentlichen Würdigung des Verdienstes Mendelssohns als Uebersetzers einiger Bücher der Bibel glaubt Heine eine Analogie zu finden zwischen diesem und einem anderen Bibelübersetzer, dem deutschen Reformator Luther. Wie Luther den christlichen, so hätte Mendelssohn den jüdischen Katholizismus, den Talmud, gestürzt und den reinen Mosaismus begründet. So verfänglich diese Analogie ist, so wenig entspricht sie den historischen Tatsachen. Nicht nur, weil Mendelssohn in Denken und Lebensführung keine Spur von Gegnerschaft gegen den Talmud verrät, sondern gerade seine Bibelübersetzung, in der Heine eine reformaforische Tat wie diejenige Luthers feiert, ist ganz vom Geiste der talmudischen Tradition getragen und seine hebräische Einleitung zum Pentateuch gehört mit zu den besten Stücken der rabbinischtalmudischen Literatur. Uebrigems ist es ganz fnaiv und zeugt von einer Verkennung des eigentlichen Wesens der jüdischen Kultur, wenn man in der talmudischen Tradition eine Art von Katholizismus sieht, der zerstört werden müßte, damit man wieder zum «reinen Mosaismus» gelange. Man mag über manche Zeremonialgesetze denken wie man will, aber eine Rückkehr zum Mosaismus, wie sie den Reformern zur Zeit Heines als Ideal vorschwebte, wäre nichts anderes al« leichtfertiges Aufgeben aller im Verlauf von fast zwei Jahrtausenden angehäuften Güter an nationaler Ethik und Lebensanschauung. Der Mosaismus hat — wie der bekannte jüdische Schriftsteller Dr. M. Berkowicz ausführt — im Talmud nicht weniger als in den Propheten eine Interpretation Im eigenen Geiste erfahren und erst die Tradition hat ihn in edelster Entwicklung und Vollendung zum Regulator des gesamten Volkslebens gemacht. Diese Tradition ist allerdings tiefer als ihre Gegner in den sittlichen Geist des Mosaismus eingedrungen, wenn sie —um nur ein Beispiel von vielen zu nennen — das aus 'dem harten ursemitischen ius talionis geflossene Gesetz der Vergeltung nicht wie etwa die Sadduzäer streng wörtlich: «Aug’ um Auge!» verstanden wissen wollte, sondern weitgehendste, gerechte und menschenmögliche Gutmachung postulierte. In einer solchen Auffassung lag eben die erhaltende sittliche Kraft, die. z-u Fortschritt und Entwicklung führte und die, ohne Meinungsverschiedenheiten auszuschließen, negierende Sektirerei nicht aufkoimmen ließ. Ein lehrreiches Beispiel für die Fruchtlosigkeit negierender Kampfesstellung gegen die talmudische Tradition bietet die Geschichte der Sekte der Karäer, die ln ihrer verworrenen Inkonsequenz zu einer fast tragischen Isoliertheit, zu Erstarrung und Verfall geführt hat. Es ist dies, wenn man von den weniger als 300 Seelen zählenden Samaritanern absieht, die einzige aus dem Judentum entstandene Sekte, die sieh seit dem 8. Jahrhundert bis auf den heutgen Tag behauptet hat., In der rabbinischen Literatur fand diese Sekte häufig Beachtung und über ihre Wertung als Juden wurde bald schroff ablehnend, bald milde tolerierend geurteilt. Sie selbst aber hat, trotz unversöhnlicher Feindschaft gegen das talmudische Judentum, der sie ihre Existenz verdankt, gar viel aus dessen Schrifttum gelernt und seinem Gedankenkreise entlehnt. Neue Gesichtspunkte für das Verständnis von Wesen und Geschichte des Karäismus enthält das vor kurzem erschienene «Buch von den Karäern» von Rüben Fahn, einem der verdientesten Forscher auf dem Gebiete des Karäertums. Es ist da>s Ergebnis langjährigen intensiven Studiums nicht nur der Literatur über die Karäer, sondern auch des Karäischen Schrifttums, seiner Lehren, Anschauungen und Ueberlieferungen. Besonders lichtvoll wird darin das schwankende Verhältnis der Karäer zu den Juden behandelt, die sie «Rabbanlten» nennen, und gegen die sie den Vorwurf erheben, den klaren Sinn der Bibel durch ihre Erklärungen verdunkelt zu haben, während sie selbst eigene Deutungsregeln schaffen mußten, die nicht nur als eigener, karäischer «Talmud» anzusehen sind, sondern sogar auch viele Elemente aus dem von ihnen bekämpften Talmud und seinen Traditionen aufweisen. Eingehend befaßt sich der Autor mit den politi- «chen und messianischen Motiven, die bei der Gründung dieser Sekte, so wie vieler anderer, mitgewirkt haben. Wir erfahren aus diesem Kapitel mit teilnehmender Rührung, wie schwer auch ihre Anhänger die P&tufth empfinden, wie sehr all ihr Hoffen und Sehnen einstige Rückkehr und Sammlung der «Zerstreuten Israels» im heiligen Lande eingestellt ist. Es ist übrigen« bekannt, daß die Karäer sich mit Vorliebe «Awele- SSIon», Trauernde um Zion nennen und nicht weniger alt* bei den Talmudjuden ist bei Ihnen die Rückkehr nach Erez-Is::i<?l zu einem dogmatischen Gedanken geworden, der den Karäer von der Geburt bis zum Lebensende in Glauben, Ritus, Sitte und Brauch begleitet. Der Verfasser sieht darin mit Recht einen der gründe, weshalb sich die Sekte erhalten konnte, Vlelijjjrt aber darin auch ein bedeutende« Stück von und mit ihm dennoch durch viele Fäden verbundene Glied am Aufbau Palästinas nicht mitarbeitet und daß die Karäergemeinde Jn Jerusalem kaum noch ein «Minjan» erwachsener Männer zählt. Sie nehmen nicht teil an den nationalen Arbeiten des jüdischen Volkes und ihre Politiker haben, so oft es ihr Vorteil erheischte, jeden Zusammenhang mit den Juden negiert und zu beweisen ge- Tragik zu sehen, daß dieses vom Stamme losgelöste sucht, daß ihre Vorfahren an der von den Pharisäern durchgesetzten Kreuzigung Jesu unbeteiligt waren! Ein beträchtlicher Teil des Buches ist den Beziehungen zwischen jüdischen Aufklärern der «Haskalah»- Zeit und fortgeschrittenen Karäern gewidmet. Die Aufklärer und Reformer fanden im Karäismus das Ideal, für welches sie kämpften: Durchbrechung der talmudischen Tradition, Befreiung vom Joche des Ritualgesetzes und Rückkehr zum «reinen Mosaismus». Freilich dachten sie dabei nicht an die ungeheuren Er¬ Soeben erschienen „Die Juden und Judengenieinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart“. Dag Standardwerk der Jüdischen Geschichte Mährens* Herausgeber: Chefredakteur Hugo Gold. Redaktion: Dr. Heinrich Plesch, Kanitz; Dr. J. Freimann, Berlin: Dr. Max Grünfeld, Brünn;Dr.Theodor Haas, Brünn; Dr. Michael Holzmann, Wien; Dr. B. Wachstein, Wien. Das Werk enthält 86 einzelne Beiträge nebst 900 Illustrationen aus allen mährischen Gemeinden und einer Landkarte. Preis: Halbleinenband (Illustrationsdruckpapier} S 70.—; Leinenband (Kreidepapier) S 75.—; Halblederbana (Kreidepapier) S 80.—. Ferner erschienen 100 numerierte und von den Mitarbeitern signierte Exemplare auf schwerem Kunstdruckpapier in -üanzlederbana und Goldschnitt zum Preise von 30 Dollar. Das große Herzl-Gedenkbuch. Dr.T.Nussenblatt: „Zeitgenossen über Herzl“. 90 Beiträge der hervorragendsten jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten des politischen und literarischen Lebens. Unveröffentlichtes Dokumenten-. Fragmentenu. Bildermaterial aus dem Leben und Wirken Theodor Herzis in den Jahren 1897 —1904. Broschiert S 1t.—, Leirienband S 14.— Jüdischer Buchu. KunstrerlagHlckl, Brünn, Adlerg. 9. Tschechoslowakische Republik. schwerungen des Lebens, die Sich den Karäern aus dem Verharren bei dem Wortlaut mancher biblischen Vorschrift ergeben; ebensowenig beachteten sie die Tatsache, daß auch die Karäer schließlich eine Art Talmud schaffen mußten, um Öle Gesetze der Bibel den Forderungen des Lebens, anzupassen. Die Regierung der nationalen Tradition genügte, um in den talmudfeindlichen Karäern Brüder in der reinen mosaischen Konfession zu begrüßen. Aber auch die fortschrittlichen Karäer jener Zeit sympathisierten mit den jüdischen Gegnern des Talmuds, lernten von diesen manches erschwerende Ritualgesetz reformieren und näherten sich so immer mehr den jüdischen Gelehrten und der hebräischen Literatur, deren Sprache auch ihnen heilig ist, wenn sie auch im täglichen Leben sich eines tartarischen Dialektes bedienen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts schienen die Reibungsflächen allmählich sich zu verringern und auf beiden Seiten hielt man eine völlige Annäherung nicht nur für erwünscht, sondern sogar für möglich und wahrscheinlich, bis endlich durch die politischen Quertreibereien des in jüdischen Gelehrtenkreisen eine Zeitlang geachteten, gelehrten Dqkumentenfälschers Firkowltz, der seine karäischen Glaubensgenossen in fanatischester Weise wieder gegen das Judentum aufhetzte, auch den jüdischen Oelehrten die Augen geöffnet wurden. Da der Verfasser viele Jahre in Halicz, dem Sitze einer Karäergemeinde, gelebt hat, verdanken wir seinem Buche viel neues über diese Gemeinde, ihre Geschichte und das tägliche Leben Ihrer Mitglieder, das er in einer Reihe von künstlerisch gestalteten Skizzen und Bildern schildert. In diesen, aus dem Leben gegriffenen Schilderungen lernen wir die ganze Tragik einer winzigen Isolierten Menschengruppe kennen, die vor vielen Jahrhunderten den nationalen Zusammenhang mit Ihrer Volksgemeinschaft und deren Traditionen zerrissen. Im Kampfe gegen den Talmud haben sie, aus purer Oppositionslust, in widerspruchsvoller Weise einen eigenen, aber dem Talmud sehr ähnlichen RttwHcodex geschaffen, der in vielen Einzelheiten ihr Leben erschwert und sie zu einem sinnlosen Dasein, zu kümmerlichen Vegetieren und Hinwelken geführt hat. Ein Abschiedsgruß von Schalom Asch Appell an die hebräischen Schriftsteller in Erez Israel Vor seiner Abreise au« Wien empfing Schalom Asch den Redakteur der «Stimme», dem er seine Auffassung Über die Rolle des jiddischen Schriftstellers in der jüdischen Gesellschaft auseinandersetzte. «Die moderne jiddische Literatur — erklärte Schalom Asch — will als ein Teil des großen jüdischen Kulturschaffen« aller Jahrhunderte, Länder und Sprachen gewertet werden. Ich muß für meine Person den jiddischen Sprachchauvinismus, wie jeden anderen Chauvinismus, ablehnen. Der jiddische Schriftsteller hat die Mission, für die Einigung und Erstarkung des jüdischen Volkes zu wirken, für die Steigerung seiner geistigen Vitalität, die er mit Hilfe der jiddischen Sprache und Literatur zu erreichen sucht, ebenso wie der hebräische Schriftsteller.den gleichen Zielen mit den Mitteln der hebräischen Sprache und Literatur zustrebt. Beide dienen in gleicher Weise, wenn auch auf verschiedenen Wegen, dem ganzen jüdischen Volke und seiner Kultur. Ich benutze diese Gelegenheit — setzte Schalom Asch fort —, um an meine Freunde, die hebräischen Schriftsteller in E r e z I s r a e 1, den dringenden Appell zu riohten, daß sie raschestens ihren Eintritt in die internationale Pen-Förderation als geschlossener hebräischer Pen-Club vorbereiten. Erst dann wird es möglich sein, der Welt ein erschöpfendes Bild vom literarischen Schaffen des jüdischen Volkes in beiden Sprachen, der hebräischen und jiddischen, zu geben. Wir sind zum Wiener Pen-Kongreß gekommen, um vor diesem internationalen Kulturforum für den Schutz der Minoritätskulturen durch den Pen-Club einzutreten. Wir haben in dieser Richtung auf einen schönen Erfolg hinzuweisen, den wir zum nicht geringen Teil dem Wiener Empfangakomitee und den hiesigen jiddischen Schriftstellern, die mit Verständnis und Hingabe unsere Aktionen gefördert haben, zu danken haben.» Zaleski über die jüdische Minderheit in Polen Brandmarkung des Antisemitismus in Polen wie im Ausland war die Meinung verbreitet, daß die antisemitischen Unruhen in Lemberg von den reaktionären Nationaldemokraten, den Gegnern der heutigen Regierung in Polen, zu dem Zwecke inszeniert wurden, um der Regierung nicht nur im Inlande Schwierigkeiten zu bereiten, sondern auch um die Position des Außenministers Grafen Zaleski auf der Madrider Tagung des Völkerbundrates zu erschweren. In diesem Zusammenhänge sind die Ausführungen interessant, die Graf Zaleski auf seiner Durchreise durch Lissabon, wo er mit dem portugiesischen Außenminister eine Zusammenkunft hatte, gegenüber dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur gemacht hat. «Die polnische Judemheit», sagte Graf Zaleski, «stellt eine Minderheit dar, die treu zum Staate hält und bestrebt ist, mit der polnischen Volksmehrheit zu einer herzlichen Uebereinstimmung zu gelangen. Diese Minderheit hat keinerlei territoriale Aspirationen und beteiligt sich nicht an internationalen Intrigen. Sie erhebt kulturelle Forderungen, die zu befriedigen die polnische Regierung nach Möglichkeit bestrebt sein wird. Schwieriger zu entscheiden sind die wirtschaftlichen Fragen der polnischen Judenheit; sie sind nicht von heute auf morgen zu lösen, da« Leben selbst wird da einen Modus vivendi finden. Die Regierung wind ihr Aeußerstes tun, um die Juden in der Lösung ihrer wirtschaftlichen Pfobleme zu unterstützen. Die Regierung bedauert sehr die in Polen stattgefundenen antisemitischen Unruhen, die Rückfälle in die alte antisemitische Psychologie darstellen. Die Regierung hat die Unruhen energisch unterdrückt und sie ist bestrebt, der antisemitischen Psychologie entgegenzuwirken.» Zum Schluß sprach Graf Zaleski von der wichtigen Rolle, die die Juden im Wirtschaftsleben Polens spielen und von den Verdiensten der Juden um die Entwidclumg der polnischen Wirtschaft. «Lodz, das polnisch jüdische Manchester», sagte er, «Ist daran, auch die fernsten Märkte, wie z. B. die in Südafrika und China, für seine riesige Textilproduktion zu erobern. Lodz ist auch das Zentrum jüdischer Literatur und jüdischer Kunst.» Er, Graf Zaleski, ist ein glühender Bewunderer des Schaffens des aus Lodz stammenden großen jüdischen Bildhauers Olicenstein, jetzt Professor für schöne Künste in Rom, und de« jungen Lodzer jüdischen Künstlers Marek Schwarz, von dem dte polnische Regierung Werke für <Me Nationalgalerie kt Krakau erworben hat. Vorlesung Bär Horowftz*. Der junge D./uter Bär Horowife, einer der markantesten Repräjc.uanten der modernen jktdtoofen Lyrik, wird Samstag, den 13. <L M„ mm 8 Uhr abends, kn Saale der Jüdischen Künsttereplele eigene Dichtungen yortesor», Kac^n an der SQhfoterkasee, H