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Die Stimme · 1929-07-04 · Heft 79 (4.7.1929) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 79 (4.7.1929)
Date
1929-07-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 79 ME STIMME Im Lande der Jeschiwoth und des „Cherem“ Jüdische Wirtschaft and Kultur in Karpathoru Bland Die Folklore Karpathorußlands ist vollkommen unbekannt und unvergleichbar mit der des Ostjudentums in Polen, Litauen oder Lettland. Karpathorußland steht heute dort, wo sich das russische Judentum vor 80 bis 100 Jahren befunden hat. Die jüdische Siedlung ist nicht älter als 120 bis 150 Jahre —• istt anfänglich sehr schwach gewesen und hat sich erst in den letzten Jahrzehnten durch natürlichen Zuwachs und durch die Einwanderung nach dem Kriege vergrößert. Es gibt in Karpathorußland etwa 480 Siedlungen, von den Juden leben 25 Prozent in den Städten, 75 Prozent im Dorf und auf dem Lande. Mehr als 50 Prozent der Juden leben in Ansiedlungen mit einer Seelenzahl von über 800. Sie bilden alle zirka 16 Prozent der allgemeinen Bevölkerung, Karpathorußland ist daher nach Erez Israel das Land der dichtesten Judensiedlung. Die Einwanderung der jüdischen Elemente, die auch da zivilisatorisch bahnbrechend gewirkt haben, dürfte ursprünglich von der ungarischen Regierung gefördert worden sein. Der ungarische Einfluß, besonders im Sprachlichen, ist noch heute sehr stark. Das jüdische Leben hat eine stark nationale Prägung. Die überwiegende Mehrheit spricht jiddisch und kann keine andere Sprache. Das karpathorussische Judentum ist das einzige Kollektiv, das der jüdischen Kultur bisher nichts gegeben hat. Sein einziger Dichter ist Avigdor Feuerstein (Amiri). Vergleicht man dies mit dem zahlenmäßig viel schwächeren Litauen, das Lilienblum, J. L. Gordon und Ginsburg hervorgebracht hat, zieht man in Betracht, daß auch die passive Kulturarbeit gering ist, daß es keine jüdischen Bibliotheken gibt, daß die Jugend nichts liest und keine Vorstellung von der Weltliteratur hat (das gilt auch von der studierenden Jugend), dann erkennt man, daß diese kulturelle Lage ihre Ursache in der sprachlichen Vielfalt des Landes hat, die die Verbundenheit mit einer Kultur nicht zuläßt. Nur ein Drittel der 100.000 Juden haben eine ständige Beschäftigung. 37 Prozent der. Beschäftigten sind in produktiven Berufszweigen untergebracht. Der jüdische kleine Landbesitz ist verbreitet, aber das Land wird meist an die Ruthenen verpachtet, die es bearbeiten. Nur 6ine kleine Zahl jüdischer Familien arbeitet selbständig, die Masse hat überhaupt kein Verhältnis zum Boden. So geht der jüdische Bodenbesitz an die Ruthenen über, besonders an die kultivierten Teile dieses Volkes, die aus Amerika zurückkommen, wo 300.000 Ruthenen leben, älso ebensoviel wie in Karpathorußland selbst. Der Bodenverkauf ist durch die wirtschaftliche Lage erzwungen, und der jüdische Bodenbesitz ist zum Verschwinden verurteilt. In den Stadien und größeren Siedlungen konzentrieren feiehe Juden den Boden zur intensiven Bearbeitung in ihrer Hand. Im Gebirge und in den Dörfern aber erfolgt eine Konzentration um das Ruthenentum. Trotzdem hat der ruthenische Bauer, der die Methoden der modernen Bodenbearbeitung nicht kennt, nur ein Drittel des Ertrages des tschechischen Bauern. Die geschlossene Wirtschaftsform, in der die Ruthenen noch pute leben, fördert ihre vollkommene Verarmung. Das Handwerk ist von den Juden beherrscht, die 88 Prozent aller Handwerker stellen. 56 Prozent davon sind selbständig, d. h. jeden Handwerker entfällt etwa ein Hilfstaueiter. Daraus ist ersichtlich, daß auch das Handwerk wirtschaftlich und fachlich nicht hoch teteht. Der jüdische Handwerker strebt nach Selbständigkeit, eine klassenbewußte jüdische Arbeiterschaft gibt es also nicht. Die jüdischen Arbeiter stimmen trotz ihrer Orthodoxie für den Kommunismus. Je weniger kultiviert der Arbeiter ist, desto größer ist seine Neigung zum Kommunismus. Erst in der letzten Zeit ist ein gewisser Umschwung zu erkennen. Eine Arbeiterbewegung wird auch durch das patriarchalische Verhältnis, das Arbeitgeber und Arbeiter aneinanderbindet, unmöglich gemacht. Die Proletarisierung des Handwerks wird durch die wenigen Fabriksbetriebe gefördert. Die Hauptbeschäftigung des Judentums ist doch der Han- Id. Auch hier gibt es 75 Prozent selbständige Kaufleute. Der Handel ist auf ein wirtschaftlich feehwacbes Land begrenzt, da kein Export be- Üeht. Ihm ersteht eine Konkurrenz in den Ko« r ativen tschechischer Organisationen und in fortschreitenden Entwicklung der Konsumgenossenschaften in den Dörfern. Aus dem starken Bettel läßt sich nicht auf die Arbeitsunlust der karpathorussischen Juden schließen. Sie i|nd arbeitsam, haben aber keine Möglichkeit. ®potsdem wird der Arbeiter verachtet. Er steht außerhalb der Gesellschaft. Die jüdische Pseudointelligenz hat keine Beziehung zur Masse, trägt einen karrieristischen und materialistischen Charakter und hat keine Verantwortung. Sie wacht über der Aufrechterhaltung der Kasten und des Kastengeistes. Trotzdem istt es gelungen, etwa 20 Menschen für Hachscharah zu gewinnen. Chaluzbewegung hat es bisher in Karpathorußland nicht gegeben. Das jüdische kulturelle Leben hat ein eigenartiges Gepräge. Jedes Dorf hat seine Jeschiwah. Die größte mit 160 Schülern ist in Hust. Das Niveau der Anstalten und ihr Lehrerfolg ist weit unter dem der Jeschiwoth in Osteuropa. Das Verhältnis zur Religion ist nicht wirklich tief, sondern gewohnheitsmäßig. Karpathorußland ist von der Haskalahbewegung nicht berührt worden. Nach dem Kriege erst kam eine gewisse Wendung, da viele Juden in russischen Gefängnissen gelebt haben und mit dem Leben des russischen Judentums in Berührung kamen. Daher kommt es, daß die zionistische Bewegung in Karpathorußland heute ausgeprägte Züge eines Haskaläh-Charakters trägt. Zum hebräischen Schulwerk ist Karpathorußland nicht aus einer ausgeprägten Einstellung, sondern aus politischen Gründen gekommen. Einige wenige haben die Gefahren erkannt, die jedes nichtjüdische Schulwerk, das von Juden besucht wird, für das Judentum des Landes in sich birgt. Der Grad der Kulturlosigkeit ist hoch. Schule ist keine Kulturinstitution, sondern man schickt sein Kind hin, weil die Regierung sonst bestraft. Die tschechischen Schulen haben 90 Prozent jüdischer Kinder. Das ruft Unzufriedenheit und Antisemitismus bei den tschechischen Eltern und bei den Ruthenen hervor. Die Kinder besuchen aber außerdem noch den Gheder. Dies bedeutet eine Ueberlastung der Kinder, wozu vom pädagogischen Gesichtspunkt noch kommt, daß die tschechischen Lehrer zu den jüdischen Kindern keine Beziehungen haben und sie nicht wirklich verstehen können. Die Folge dieser Schulpolitik wird Übrigens ein starker Abstrom des jüdisch-karpathorussischen Elementes in die historischen Länder sein. Zionismus ist eine Reformbewegung zur Durchbrechung des alten Lebensstiles, Emanzipation und wirkliche Renaissance haben sich vermengt. Zionismus gibt es überhaupt nur unter der Jugend. Jugendgruppen bestehen in Karpathorußland nur an fünf bis sechs Orten. Der Haschomer Kadimah . gibt vor, revisionistisch orientiert zu sein, legt übrigens mehr auf Aeußeres Wert. Wirkliche zionistische Kenntnisse des jüdischen Lebens gibt es nicht. Chaluzischer Charakter geht ihm vollkommen ab. Die Kongreßwahlen in Oesterreich Die Hauptwahlkommission, für die Kongreßwahlen in Oesterreich teilt folgendes Wahlergebnis mit: Auf Grund des durchgeführten Skrutiniums der abgegebenen Stimmen , ergibt sich nachstehende Verteilung der Kongreßmandate: EinMandaterhieltdie W ah 11 i s t © der Allgemeinen Zionisten, ein Mandat die gekoppelte Liste dos „Arbeitenden Palästina“ und e i n Mandat die Liste der demokratisch e n Z i o n 1 s t e n. Es erscheinen daher gewählte Als Vertreter der Allgemeinen Zionisten Dr. Deeider F r i e d m a n n, als Vertreter des „Arbeitenden Palästina“ der palästinensische Arbeiterführer Ben Gurion und als Vertreter der Demokratischen Zionisten Ing. S t r i kk e r. Die Wahlen in St. Pölten wurden über Antrag des Vertreters des Landesverbandes annulliertt, da sie nicht durch tfnmittelbare Abstimmung erfolgten. Für die Hauptwahlkommission: Min.,-Rat. M. Weiner, Obmann. * Von verschiedenen Seiten kamen uns in den letzten Tagen zahlreiche Beschwerden und Proteste gegen gewisse Machinationen und Mißstände zu, die während der jüngsten österreichischen Kongreß wählen zutage traten. Wir haben diese Beschwerden und Proteste an die zuständige Stelle weitergeleitet, müssen es jedooh ablehnen, ihnen in der „Stimme“ Raum zu geben, da wir der Ansicht sind, daß es nicht die Seife 5 publizistische Aufgabe unseres Blattes sein kann, die zionistische Oeffentlichkeit mit diesen unerquicklichen Begleiterscheinungen der letzten Kongreßwahlen zu behelligen, sondern daß die zuständigen zionistischen Behörden die vorliegenden Beschwerden und Wahlproteste zu prüfen und hierüber, ein endgültiges Urteil zu fällen haben. Wie uns mitgeteilt wird, soll die Bemdrkung in unserem Aufsatz über die Kongreßwahlen in Oesterreich in der vorigen Nummer unseres Blattes, „daß sozialdemokratische Ratenhändler zur Wahlurne für die Liste Stricker geführt wurden“, zu Mißdeutungen Anlaß gegeben haben. Wir stehen nicht an, zu erklären, daß diese Bemerkung sich keinesfalls gegen die sozialdemokratischen Ratenhändler richtete, sondern lediglich gegen diejenigen demokratischen Zio- Su mmi-Stpump/ß 9 ecKO’-'j::-*:. nisten, die gegen die Sozialdemokraten mit aller Vehemenz losgehen und es doch nicht verschmähen, unter ihnen Wahlgänger gerade zum Kongreß, bei dem es sich doch um eine rein zionistische Angelegenheit handelt, zu suchen. Unsere Stellungnahme den Ratenhändlern gegenüber, unter denen wir eine überaus große Schar von erprobten und tüchtigen Gesinnungsgenossen haben, ist eine derartige, daß die Annahme irgendeiner Spitze gegen diesen Stand vollständig aus der Luft gegriffen ist. Ein Führer der englischen Jude» gestorben Im Alter von 70 Jahren starb in London Herr Joseph Prag, einer der Führer der englischen Judenheit, Vizepräsident des Jewish Board of Deputies und der Anglo Jewish Association. Joseph Prag hat noch vor dem Auftreten Theodor Herzls die Chowewe Zion- Bewegung in England mitbegründet. Er gehörte auch später nicht der von Herzl geschaffenen zionistischen Organisation an, aber er war ein eifriger Förderer des Keren Hajessod und anderer Institutionen zur Verwirklichung des Aufbaues des Jüdischen Nationalheimes in Palästina. Er war zu einem der Delegierten der englischen Judenheit im Rate der Jewish Agency ausersehen. Joseph Prag war 1901 Delegierter der in Berlin stattgefundenen internationalen Konferenz zur Lesung der Frage der rumänischen Juden. Er war auch Mitglied der jüdischen Delegation bei den Pariser Friedensverhandhmgen. Vom Chederjungen zum Feldmarschall. Ein Held dreier Völker... Die Türkei, Pole n und Ungarn veranstalteten in Gemeinschaft Gedächtnisfeiern für den einstigen Feldmarschall der, türkischen Armee Mur.ad (Asmurad) Pascha, der auch als General Joseph B e m an den ungarischen Unabhängigkeitskämpfen neben Kossuth teilgenommen hat. Joseph Bern wurde 1794 ln Polen als Kind frommer jüdischer Eltern geboren. In den Jahren 1812 bis 1830 nahm er an den polnischen Aufständen gegen Rußland hervorragend Anteil, mußte dann nach Paris emigrieren und kämpfte später für die ungarische Unabhängigkeit Er gehörte 1848 zum engeren Stabe Ludwig Kossuths, flüchtete nach dem Niederbruch des Aufstandes nach der Türkei, wo er zum Islam übertrat, an den türkischen Kriegen hervorragend Anteil nahm und ein Günstling des Sultans wurde, der ihn zum Befehlshaber der arabischen Division in Syrien, dann zum Generalgouvemeur des großen Syrien-Distriktes ernannte. Bern unterstützte seine in Polen verbliebenen Verwandten, ließ einige derselben zu sich kommen und ließ sie in Syrien hohe Aemter bekleiden. Er starb 1850 in Aleppo und wurde dort bestattet. Eine polnische Delegation wird sich in kurzem nach Aleppo begeben, um diö Gebeine Joseph Berns auszugraben und nach Polen zu überführen. Die Urne mit dem Ehrengeleit wirüt die Türkei und Ungarn passieren, wo Feiern veranstaltet werden sollen, und dann nach .Tarlow in Galizien gebracht werden, wo für Bern ein Mausoleum errichtet worden ist. Wie König: und Adel in Oesterreich4 „ihre“ Juden ausplünderten Die unter diesem Titel in der letzten Nu&tqtr ctar, «Stimme» erschienene Abhandlung ist der Zeitschrift «Jüdisches Archiv» entnommen.

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