Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 79 (4.7.1929)
- Date
- 1929-07-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite '4 DIE STIMME Nr. 79 Spanien sehnt sich nach den verlorenen Juden... 9er Messianismus unter den Marranen In Madrid erscheint eine Zeitschrift, die sich «Rerista de la Raza» (Revue der Rasse) nennt, und die die iulturelle und nationale Sammlung aller spanisch redenien Völker zur Aufgabe hat. Neuerdings verschwendet sie ihre Zärtlichkeit an die durch Ferdinand den Katholischen aus Spanien vertriebenen Juden. «Sammeln wir sie in unserem Vaterlande», ruft der Leitartikler dieses Blattes in einer seiner letzten Ausgaben mit lyrischer Emphase aus, «diese tausendjährigen Brüder, die sich wegen ihrer Vertreibung die Augen ausweinen, und die wie die Kelche eines Sühneopfers sind für die Fehler, die sie nicht begangen haben . . .» Wir kennen eine große Anzahl von Sephardim, di« den Auszug aus Spanien längst nicht mehr beklagen, da sie seit Jahrhunderten treue und geachtete Bürger Hollands, Deutschlands, Englands und Dänemarks geworden sind. Zudem ist das Ausweisungsedikt von 1492 immer noch nicht.offiziell widerrufen, und es gibt immer noch nicht einen einzigen wirklich «spanischen» Juden im Reiche, da früher die Sonne niemals unterging . . . Immerhin bringt die «Revista de la Raza» außer Ihren romantischen Gefühlsausbrüchen auch noch praktische Gesichtspunkte; und man muß unwillkürlich schmunzeln, wenn man in jenem Artikel weiter unten, wo von der Marokkopolitik die Rede ist, liest: «Wenn wir im Hinblick auf die Sephardim eine zivilisierte, intelligente, Verständnis- und liebevolle Politik zu treiben verstehen, dann ist es sicher, daß sie int ganzen Mogreb (Marokko) unsere Schrittmacher an unsere Vertreter, unsere Führer und unsere Dolmetscher bei den Moslems sein werden. Frankreich hat die Sachlage gut begriffen, und infolgedessen verbreitet sich das Studium des Französischen unaufhörlich unter den Sephardim, welche dieses Land beschützt und mit weiser Sorgfalt unter den Falten seiner Fahne willkommen heißt . . . Wir müßten in ganz Marokko Schulen einer spanisch-israelitischen Vereinigung haben, die wir unglücklicherweise noch nicht besitzen.» Hinc illae lacrimae — daher also jene Tränen! Es ist immer und überall dasselbe: die ideale, selbstlose Liebe zu den verlorenen «Brüdern» muß herhalten, um sehr materielle, sehr egoistische Wünsche und Ziele zu drapieren ... * Es ist bekannt, daß noch nach der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492 und dem gleichen Schicksal, welches fünf Jahre später die Juden in Portugal traf, eine ganze Reihe von Juden in beiden Ländern verblieb, da sie das Christentum angenommen hatten. Die meisten von ihnen hielten jedoch heimlich am Judentum fest. Gegen diese Marranen oder Scheinchristen richtete sich kn ganzen 16. Jahrhundert der heilige Eifer der Inquisition. Es ist nun bemerkenswert, daß zu dieser Zeit unter den Marranen in Spanien und Portugal die Messias- Sehnsucht ebenso stark war wie unter den Juden. Sie führte dazu, daß unter den Marranen in Spanien und Portugal Messiase auftauchten, welche sich als Bringer der Erlösung ausgaben. Zwei von ihnen sind besonders berühmt geworden. Der eine war ein marranischer Schuster aus Portugal, Ludwig Dlaz, der sich als direkt vom Himmel entsendeter Messias bezeichnetc und merkwürdigerweise unter den Marranen bald sehr großen Anhang gewann. Die Zahl seiner Anhänger vermehrte sich in Spanien und Portugal von Tag zu Tag; unter ihnen befanden sich einflußreiche Persönlichkeiten der damaligen Zeit, wie zum Beispiel der Marrar.ensprößling Don Francesco Mendez, Leibarzt des Kardinals Don Alfonso von Portugal. Mendez, der schon als Cforist geboren war, trat im Alter von 37 Jahren heimlich zum Judentum über und nahm selbst an sich die Beschneidung vor. Da das Judentum der Marranen heimlich war, konnte natürlich auch die Messiasbewegiing nur eine heimliche sein, weshalb wenig Einzelheiten über sie bekannt sind. Der Messias Diaz und eine große Zahl seiner Anhänger fielen schließlich der Inquisition zum Opfer. Dasselbe Schicksal ereilte den zweiten Marranen-Messias, der eine sehr geheimnisvolle Rolle spielte. Es war der (durch Max Brocls Roman bekannt gewordene) orientalische Jude David Reubeni, der angab, aus königlichem Geblüte zu stammen und von den zehn Stämmen als Sendbote und Künder der Erlösung nach Spanien und Portugal gesandt worden zu sein. Auch er sammelte viele Adepten ym sich und seine Bewegung fand durch die Inquisition ein blutiges Ende. Wo Juden unerwünscht sind... Fc .tsetzung der Schwarzen Liste. Zu unseren Veröffentlichungen über die österreichischen Kurorte und Sommerfrischen, ln denen Juden rwtinscht sind, bringen wir heute die nachstehende änzong: Attersee (Salzkammergut): V i 11 a W a 1 d h o f. Döbriach am Millstättersee (Kärnten). Viktring (Kärnten). Die Kongreßwahlen in Polen Großer Wahlsieg der Allgemeinen Zionisten (Spezialbericht der «Stimme».) Zur Stunde, da das Blatt in den Druck geht, liegen noch keine abschließenden Meldungen Über die Resultate der Kongreßwahlen in Polen vor, die Sonntag, den 30. Juni, im ganzen Lande stattgefunden haben. Sechs Listen traten als Wahlweiber auf. (Liste 1 =* «Al Hamischmar» und «Unabhängige Zionisten», Liste 2 Allgemeine Zionisten, Liste 3 Misrachi, Liste 4 Revisionisten, Liste 5 «Hitachduth» und «Haschomer Hazair» und Liste 6 Poale Zion.) Soweit man bisher aus den eingelangten Teilberichten feststellen konnte, sind in Warschau selbst mehr als 3000 Wähler, ungefähr 60 Prozent aller Wahlberechtigten, zur Urne geschritten. Es erhielten dort: Liste 1 — 574 Stimmen, 2 — 528, 3 — 1182, 4 — 431, 5 — 254 und 6 — 43. In Lodz erlangte die Liste der Allgemeinen Zionisten eine starke Majorität gegenüber der Grünbaum-Gruppe (647 gegen 292 Stimmen). Auch die Liste der «Hitachduth» war mit 572 Stimmen siegreich. In Lemberg erhielt die Liste der Allgemeinen Zionisten 867 (von abgegebenen 1836), Misrachi 363, Hitachduth 434, Revisionisten 141, Radikale 43. In Krakau bekamen die Liste der Hitachduth und Haschomer Hazair 544, Misrachi 525, Allgemeine Zionisten 1037, Revisionisten 135, Poale Zion 249 Stimmen. Es wird als sehr wahrscheinlich angenommen, daß von den auf Galizien entfallenden 15 Kongreßmandaten 8 Mandate der Liste der Allgemeinen Zionisten zufallen werden. In Kongreßpolen dürfte die Verteilung der Mandate in folgender Weise geschehen: Misrachi 14, Allgemeine Zionisten 6—7, Grünbaum-Gruppe 3, Hitachduth 1, Revisionisten 2, Poale Zion 1. „PA1ÄSYINA“ Monatsschrift für den Aufbau Palästinas Redaktion Adolf Böhm Nr. 6. soeben erschienen mit Beiträgen von Ben Zwi, Dr. Ephraim, Manoach, Dr. Arthur Ruppin, Dr. Ernst Simon, Dr. Robert Weltsch. ferner Nachrichten und Daten, Bücherbesprechungen etc. Jahresabonnement: in Oesterreich S 12.-, DeotechJand M 8.40 Tschechoslowakei cK 70.—, übriges Assland Dollar 2.—. Verlag C. Barth, Wien 1., Hessgasse 7 Kongreß wählen in aller In Palästina zehn Listen Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Der Wahlkampf aus Anlaß des kommenden 16. Zionistenkongresses ist in Palästina sehr rege. Es wurden zehn Kandidatenlisten aufgestellt. Die Vereinigten Arbeiterparteien stellen SO, die Allgemeinen Zionisten 17, die Nationalisten 14, die Demokraten 14, die Misrachisten 12, die Revisionisten 12, Misrachi Hazair 11, Yemenitische Juden 5, Yemenitische Arbeiter 4 und Handwerker 3 Kandidaten auf. Die Judenheit Palästinas ist berechtigt, 30 Delegierte zum 16. Kongreß zu entsenden. Auf 1500 Schekelzahler kommt ein Delegierter. Die Wahlen finden am 1. Juli statt. Das Wahlergebnis in Amerika New York. Das Endergebnis der in den Vereinigten Staaten zum erstenmal durchgeführten direkten Wahlen von Delegierten zum Zionistenkongreß liegt noch nicht vor. Nach den bisher bekannt gewordenen Resultaten hat die Liste der offiziellen zionistischen Administration einen großen Erfolg davongetragen; 17 Delegierte wurden auf dieser Liste gewählt. Die Liste des Misrachi erzielte sieben, die der Poale Zion fünf, die der Zeire Zion zwei Mandate. Die vom Richter Julian W. Mack geführte Oppositionsgruppe konnte nur 690 Stimmen auf ihre Liste vereinigen, die Zionisten-Revisionisten erzielten bloß 260 Stimmen. Im ganzen wurden etwa 30.000 Stimmen abgegeben. Die Kongreßwahlen in Deutschland Drei Allgemeine Zionisten, drei Misrachi, zwei Poale Zion, ein Hitachduth Die Hauptwahlkommission zur Festsetzung der Resultate der am 23. und 24. Juni in Deutschland stattgefundenen Wahlen von Delegierten zum 16. Zionistenkongreß trat am 27. Juni abends zusammep. Sie stellte die folgenden Resultate fest: Es wurden in beiden Wahlkreisen im ganzen 8739 gültige Stimmen abgegeben (d. s. etwa 2000 Stimmen mehr als gelegentlich der Wahlen zum 15. Kongreß abgegeben wurden). Davon entfielen auf Liste I (Misrachi) 2749, Liste II (Poale Zion und Jungjüdischer Wanderbund) 1553, Liste III (Allgemeine Zionisten) 2838, Liste IV (Radikale Zionisten) 410, Liste V (Hnpoel Hazair-Hitachduth) 726, lüstet VI (Zionisten-Revisionisten) 463 Stimmen. Die Hauptwahlkommission hat die neun Mandate, die den deutschen Zionisten zur Verfügung stehen, wie folgt verteilt: Misrachi erhält drei, Poale Zion erhalten zwei, Allgemeine Zionisten drei, Hitachduth ein Mandat. Auf die Listen der Radikalen Zionisten und der Revisionisten entfiel kein Mandat. Minister Shinwell über die Verpflichtung der britischen Regierung gegenüber Erez Israel Aus London meldet J. T. A.: Auf dem Jahres- Dinner der England-Loge der Bnei Brith, das im Hotel Cecil stattfand, hielt der Pariamentssekretär beim Kriegsministerium, Emanuel Shinwell, in Erwiderung auf eine Begrüßung seitens des Herrn S. Gilbert, eine Ansprache, in der er ungefähr ausführte: Sollte bezüglich des Kurses der jetzigen britischen Regierung hinsichtlich Palästinas und seiner Entwicklung irgendwelche Besorgnis gehegt werden, so darf ich es wagen, die bündige Versicherung . abzugeben, daß die jüdischen Interessen in Palästina bei der jetzigen Regierung in guter Hut sind. Im Uebrigen wollen wir uns an diesem Abend bestreben, Politk zu vermeiden. Streit zwischen Jude und Jude ist ein unerfreuliches Schauspiel. In der öffentlichen Meinung hat sich ein Umschwung zugunsten der jüdischen Gemeinschaft vollzogen. Vorbei die Zeit, wo die harten Probleme der Menschheit, die sozialen Krankheiten den Juden in die Schuhe geschoben wurden, ln diesem Lande sind die Juden allen anderen gleich; ein Bedürfnis nach besonderem Schutz ist nicht vorhanden. Nichtsdestoweniger gibt es jüdische Probleme, mit denen man sich ■ zu beschäftigen hat, so z. B. das Problem der Auswanderung, der Berufsumschichtung, des Unterrichtes usw. Deshalb ist eine Organisation wie die der Bnei Brith sehr wesentlich und notwendig. Die jüdischen Mitglieder des Unterhauses, gleichviel welcher politischen Richtung sie angehören, werden im Parlament geeint für Rechte und Interessen der jüdischen Gemeinschaft eintreten. Bekenntnis zum: Judentum und Bekenntnis zum Staate gehen Hand in Hand. Wir glauben an die jüdische Rasse, an die Kraft dieser Rasse zum Guten, und zwar zum. Guten aller anderen Rassen. Die Juden haben die Kultur der .ganzen. Welt bereichert-; Der jüdische Idealismus; strebt darnach weiteres zum Fortschritt der Menschheit beizutragen. Nie konnte ich .es begreifen, wie jemand den Wunsch haben könnte, die Tatsache, daß er Jude sei, zu verheimlichen. Im Verlauf des A'bends: ergriffen noch das Wort die Mitglieder des Unterhauses Major . Isidor Salmon (konservativ), Michael Marcus (Arbeiterpartei) und die erste Jüdin, die dem Unterhaus angchört, Dr. Marion Philipps (Arbeiterpartei). Aus deni Lande des kleinen Diktators.. . Huligans überfallen Zöglinge der Telscher Jeschlwali Aus Kowno schreibt J. T. A.: Der Leiter der berühmten Jeschiwah in Telsche machte in einem Schreiben an eine jüdische religiöse Behörde in Kowno Mitteilung über den folgenden Vorfall, der sich soeben in Telsche abgespielt hat: Eine Gruppe Zöglinge der Telscher Jeschiwah wurde während des Badens im Flusse von mit spitzen Eisenstäben bewaffneten Huligans überfallen und schwer mißhandelt. Vier Bachurim trugen schwere Verletzungen davon und liegen krank darnieder. Ein herbeigerufener Polizist ermutigte die Huligans, mit den «Szydes» abzurechnen. Vor den Augen des Polizisten haben Huligans einem Jeschiwah- Zögling einen metallenen Schuhlöffel in die Hüfte gestoßen und ihm eine schwere, blutende Verletzung beigebracht. Die zuständige Polizeibehörde hat keinerlei Untersuchung eingeleitet. Kommunisten überfallen eine aionistische Versammlung in Antwerpen Antwerpen. In einer Kongreß Wahlversammlung der Allgemeinen Zionisten in Antwerpen, in der der Präsident der belgischen zionistischen Vereinigung eine Rode hielt, drangen Kommunisten ein und versucV en, die Versammlung durch Lärm zu stören. Es kam zu einem schweren Zusammenstoß zwischen Zionisten und Kommunisten, wobei mehrere Zionisten Verletzungen davontrugen. Ein bekannter Antwerpener Zionistenführer erhielt schwere Stichwunden im Gesicht. (Ita.) Redaktionsschluß und Schluß der Inseratenannahme Dienstag um 12 Uhr mittags. Später einlangende Einsendungen können keine Auf rahme in die laufende Nummer finden.