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Die Stimme · 1929-06-27 · Heft 78 (27.6.1929) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 78 (27.6.1929)
Date
1929-06-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 DIE STIMME Nr. 78 Ahasver in Wien Ein Erlebnis von Hermann Blumenthal i. Es war am Jahrestag von Vaters Tod und ich begab mich in Begleitung Leos auf den Friedhof. Arm in Arm schritten wir an den Grabstätten vorbei. Leo zeigte auf eine einzelne Gruft: „Wer liegt dort?“ fragte ich. „Es ist ein Rabbi aus der Familie des Czortkower, der hier den Tod gefunden hat,“ entgegnete Leo. .V iele Chassidim pilgern zu diesem Grabmal und bitten den verschiedenen Wundermann um Beistand.“ Immer weiter dehnte sich das Gräberfeld. Endlich §fand ich vor dem Grabhügel meines Vaters. Weit wölbte s'ch der bleigraue Himmel. Ich dachte an den Mann, dessen irdische Ueberreste unten ruhten. Rein und voller Güte stand sein Bild in meiner Erinnerung. Der Begräbnistag schwebte mir vor. Der Himmel war voll von Wolken und Tranen schienen in der Luft zu hängen. Die Diener der „heiligen Brüderschaft“ schüttelten die Almosenbüchsen und dumpf klangen die Münzen aneinander. Viele Frauen weinten laut und ihr Geschrei vermischte sich mit dem Heulen des Windes. Als die ersten Erdschollen auf die Bretter gefallen waren, tauchte plötzlich ein Greis auf. Das wallende Haar und sein Bart waren eisgrau und ebenso grau war der Mantel, der ihn umhüllte. Der Alte beugte sich tief über das Grab und murmelte unverständliche Worte. Mir war es, als wenn er sich kopfüber in die Grube stürzen wollte, doch bald darauf erhob er sich und schlich gebückt davon. Ich stand wie festgebannt und sah ihm nach. Die Träume wichen von mir. Ich ergriff den Arm Leos und langsam traten wir den Rückweg an. Dämmerung und Nebel hüllten jetzt den Friedhof ein. Da erblickte ich eine Gestalt, die mich erstarren Heß. Ans der Gruft des Wunderrabbi war sie langsam hervorgetreten und entfernte sich mit müden Schritten. Es war ein alter Mann, in einen wallenden grauen Mantel gehüllt, eisgrau war sein wallender Bart. Ich hatte nur einen Blick auf sein Antlitz werfen können, doch ich erkannte jenen Greis wieder, den ich vor einem Jahre gesehen. Es war jener Wanderer, an den ich soeben noch gedacht hatte. Es war sein Gang und auch seine Bewegungen waren cs. „Sieh hin,“ rief ich und drückte den Arm des Freundes, „jener Alte dort...“ Leo sah nach der Richtung. „Ein alter Mann, der hier Trost suchte,“ murmelte er. „Nein, eine seltsame Erscheinung, die ich schon einmal auf dem Friedhofe gesehen habe. Er trat aus der Gruft.“ „Du -weißt ja, daß es üblich ist, an gewissen Tagen die Gräber von Rabbis zu besuchen und einen Wunschzettel auf das Grab zu legen.“ XVI. ZIONISTEN¬ KONGRESS Zürich, Juli 1929. KONGRESSPUBLIKATIONEN:! 1. Berichte an den XVI. Zionistenkongreß: •) Bericht der Zionistischen Exekutive j (hebräisch, englisch oder deutsch). . Frs. 3-70 1 b) Bericht des Keren Hayesod (hebräisch, englisch oder deutsch). . . c) Bericht des Keren Koyemcth Lelerael (bebrälech, englisch oder deutecb). . , 2. Kongreßzeitung, einziges offizielle» Organ des Kongresses, erscheint (in deutscher Sprache) während des Kongresses täglich; Abonnements In der Schweis. „ in den übrigen Ländern . , 3. Stenographisches Protokoll des XVI.Zlonistenkongmses (in deutscher Sprache}, erscheint im September 1029 . Generalabonnement für alle drei Publikationen .... lest' Die Besteller von General-Abonnements erhalten an! die Preise der Gastkarten zum Kongreß 10% Rabatt, Bestellungen an d. Bureau d. XVI. ZlonUtenkongresae», Brünn, Lshmstätte 17, Tachechoeiovakel; Geldsendung 6sn an den Schweizerischen Bankverein, Zürich, fUr Itcboung des Bureaus des XVI. Zionisteukongresses. j Die Kongreßzeitunß und das Kongreßi Protokoll sind ein unentbehrliches Hilfsmittel j jedes Zionisten, der lückenlose und autben- | tische Information über die gesetzgebende; Körperschaft des Zionismus wünscht i a-- ' 3-- I | 3- K 4- 3'K)i „Dieser Mann scheint mir mehr zu sein,“ rief ich aus, „komm, wir wollen ihm folgen ...!“ Wir schritten auf den Weg, den der Alte soeben gegangen war, doch wir fanden keine Spur mehr von ihm. „Er ist fort,“ versetzte Leo. „Auch diesmal verschwand er dbenso plötzlich, wie er gekommen war,“ sagte ich. „Wir wollen zum Grabmal des Rabbi.“ Wir betraten die Gruft. Eine Holzkiste voll Wunschzettel stand auf dem Boden. Ich bückte mich und hob einen Zettel auf, der obenan lag. Es war ein vergilbtes Pergament, schmutzig und zerknittert, doch die Tinte war frisch und feucht. Ich las in hebräischer Schrift die Worte: „Bringe mir Hilfe und Gnade, denn mühselig und endlos ist das Leben für mach. Ruhelos bin ich seit jeher und sehne mich nach Frieden. Isak Nodejf*).“ „Ein lebensmüder Greis,“ meinte Leo. Ich schwieg und starrte auf das Blatt. „Isak, clor Ruhelose,“ murmelte ich und legte den Zettel wieder in die Kiste. Ein Gedanke erwachte in mir, so ungeheuerlich, daß ich ihn nicht auszusprechen wagte. Schweigend schritten wir dem Ausgang zu. II. Es war in der Abenddämmerung eines Dezembertages. Hier und dort flammten die Lichter auf und die Kärntnerstraße lag im Zwielicht. Ich ging langsam über die stark belebte Straße dem Kärntnerring zu. An der Ecke der Annagasse stand plötzlich der geheimnisvolle Alte vor mir, als wenn er aus dem Boden gesprungen wäre. Im nächsten Augenblick war er von der Menge fortgerissen, doch ich eilte hinter ihm her. „Ich muß ihn sprechen, muß wissen, wer er ist,“ sagte ich mir. Immer näher kam ich an ihn heran. Da schoß der Alte bei der Opernkreuzung wie ein Pfeil auf den Fahrdamm und in der nächsten Sekunde erscholl ein Schrei aus vielen Kehlen. Ich suchte die Straße zu erreichen, aber die Menge versperrte mir den Weg. „Was ist geschehen?“ fragte ich. „Ein alter Mann warf sich vor ein Auto,“ sprach ein Herr vorne. „Den Chauffeur trifft keine Schuld. Es ist so schnell geschehen, daß es nicht verhindert werden konnte.“ Bald darauf durchschnitt ein greller Pfiff die Luft und ein Rettungswagen kam heran. Man trug den Verunglückten in den Wagen, dor sich gleich wieder in Bewegung setzte. Am nächsten Morgen suchte ich die Unfallstation auf. Dort erfuhr ich, daß der Alte in die chirurgische Abteilung des allgemeinen Krankenhauses gebracht worden war. Nun hieß es stundenlang warten, bis die Besuchsstunde kam. Endlich betrat ich den Krankensaal, doch vergebens suchte mein Bück das verwitterte Antlitz. „Der alte Mann liegt nebenan,“ sagte die Wärterin und zeigte auf einen kleinen Raum. Dort lag der Alte in dem einzigen Bett mit geschlossenen Augen, unbeweglich. „Wie geht es ihm?“ fragte ich. Leise erwiderte die Wärterin: „Bei der ersten Untersuchung war keine Wunde zu bemerken. Es muß eine starke Erschütterung sein. Morgen wird ihn der Professor selbst untersuchen.“ Am Bettende saß ein Ostjude, der gleichfalls wegen des Alten gekommen zu sein schien. „Kennt Ihr ihn?“ fragte ich. .n”ü'ieraa.rid w&iß» woher er kommt und wie er heißt,“ erwiderte der Jude. „Ich vermute eindn Landsmann in ihm und will ihm helfen. Auch rituelle Kost will ich ihm verschaffen.“ Lange standen wir schweigend, bis eich endlich der Kranke bewegte. Er öffnete die Augen und sah entsetzt um sich. III. „Ls ist umsonst, ich lobe,“ murmelte er und ein tiefer Schmerz prägte sich in seinem Gesicht aus. Da nahm der Ostjude das Wort. „Ich bin vom Verein für fremde und verlassene Juden,“ begann er. „Ich wurde hergeechickt, um zu sehen, wie es Euch ergeht und ob Ihr nicht etwas wünscht. Vielleicht habt Ihr Angehörige hier?“ ° *) Der Ruhelose. Herrennd Hmnen-Kietner nncii Mao Btteh« §t*fft*i#abl. atefc U«ken!ak«ninM. Johann ladna Witt» TI., Marlahilferstrsße 107, Tel. B 27.2-88 „Ich verlange nach niemand,“ rief der Alte zornig. „Irgend wo werdet Ihr doch Bekannte oder Freunde haben,“ fuhr der Jude fort. „Ich habe niemand, weder hier noch anderswo,“ erwiderte der Alte leise. „Sie sind alle gestorben.“ „Gewiß habt Ihr Kummer? Was bedrückt Euch?“ „Das Leben!“ „Kommt Ihr aus Polen?“ fuhr der Ostjude fort. „Ich war auch dort, doch ich mußte fort.“ „Wie konntet Ihr eine solche Sünde auf Euch laden?“ fragte der Jude unbeirrt. „Ich wollte sterben,“ schrie der Alte erregt. „Ueberall suche ich Frieden. Ich will den Tod lind kann ihn nicht finden.“ Der Frager schüttelte den Kopf. „Schweres bedrüct Euch,“ sagte er. „Geht nach dem heiligen Lande. Dort werdet Ihr Gnade finden.“ Da lachte der Alte und es klang wie ein heiserer Schrei, der mir durch, Mark und Bein ging. „Immer wieder zog es mich hin,“ schrie er. Seine laute Rede lockte die Wärterin herbei. Auch sie horchte gespannt auf die Worte des Alten. „Wo ich auch war, immer hieß es: Fort!“ fuhr der Alte leiser fort. „Der Erdball ist mir zu klein, immer größer wird der Kreis, d,och nichts ist mir neu, denn ich habe alles gesehen, alles erlebt. Nennt mir einen Ort. den ich nicht kenne!! Ihr findet keinen! Schwer ist es zu leben, doch noch schwerer zu sterben.“ Der Alte schloß die Augen wieder als wenn er sein letztes Wort auf Erden gehaucht hätte und kein Ton drang mehr über seine Lippen. Wir standen atemlos, ohne Bewegung. Da ertönte eine Glocke: „Die Besuchsstunde ist zu Ende,“ murmelte die Wärterin. Ich atmete auf, wie von einem Bann befreit. „Morgen komme ich,“ sagte ich und machte mich auf den Weg. .inter mir schritt der Ostjude langsam und nachdenklich. IV. „Heute muß er mir Rede stehen,“ sagte ich mir am nächsten Tage, als ich den Hof des Krankenhauses durchschritt. In Gedanken ging ich die wenigen Stufen zum Krankensaal hinauf. Da stieß ich an jemand und erkannte den Ostjuden, der eiligst Mnunterstürmte. „Was macht er?“ fragte ich, doch der Jude brummte etwas Undeutliches und lief, was ihn seine Beine tragen konnten. Ich sprang die Treppen hinauf upd durch- Wochen-Kalender Juni Juli 1929 Gedenktage a"£nn wd 27 Donnerstag 1824 — der berühmte Maler Jofef Israels in Groningen (Holland) geboren. 1846 — der jüdifdie Hiftoriker Martin Philippfon in Magdeburg geboren. CD 1 5 ** 28 Freitag 20 — 3 SthbiUtifapg Uhr 29 Samstag *l - to ir.th.i- »biehnltt: BabaaWiacba— 'Hattaiak: Bani Wutaymcäl SabbataasniDf: 8*‘ Uhr 30 Sonntag 82- 33 1 Montag x86x — Dr, Bernhard Beer» der VcrfafTer der 4 jüdi* fchen Literaturbriefe, in Dresden geftorben. 1863 — der Pfychologe und Philosoph Hugo Münftcrberg in Danzig geboren. 2 Dienstag 1 »-•D 3 Mittwoch 1904 — Theodor Herzl geftorben 25 — JXD .. r . V

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