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Die Stimme · 1929-06-27 · Heft 78 (27.6.1929) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 78 (27.6.1929)
Date
1929-06-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE STIMME Nf. 78 £tex Jsraet wird das Zentrum des ‘Baumsttftungen im iüdisdkenXebens. Verknüpfet €uren •Jpg3_• <|ii | J f hh Hamen mit diesem Werk durdk CHllJCS*'WW€Hmm I ■■ Kongreßwahl in Oesterreich vom deutschen Intellektuellen bis zum letzten Neger auf den Inseln des Pacific, bis zum armen verfolgten Juden gewisser kulturloser Länder des Ostens — sie alle werden durch die Literatur unsere Brüder, Kinder einer Mutter, Die Literatur ist die geistige Macht, die die Grenzen zwischen den Völkern aufhebt und die Erde zu unserer Heimat macht. Wer will da richten? Wer will es wagen zu bestimmen, wieviel Seelen ein Volk zählen muß, damit es ein Anrecht auf seine nationale Kultur hat. Alles Schöpferische gehört der Menschheit, alles Geschaffene ist der geistige Besitzstand der Welt. Jeder einzelne Ton ist ein wichtiger Bestandteil in der Symphonie der Welt — daher ist jeder Angriff auf die Kultur eines Volkes, mag es über Armeen verfügen, die es beschützen, mag es schutzlos »sein wie das Volk, dessen Kultur ich zu repräsentieren die Ehre habe — ist gleichzeitig ein Angriff gegen die ganze Menschheit, ist ein Angriff gegen die ganze Menschheit, ist ein Angriff auf Dein und mein geistiges Kapital. Die Unterdrückung der Kultur eines Volkes bedeutet nicht allein ein Todesurteil gegen dieses Volk und seine Zukunft, sondern ist gleichzeitig ein frecher Raubüberfall auf die gesamte Menschheit. Dieser Raubüberfall hat nicht allein die Tendenz, den freien Zutritt der Welt zu den Schöpfungen dieses Volkes abzusoh neiden, sondern es ist seine Folge, daß die gesamte Menschheit um jene geistigen Schätze ärmer wird, die ihr dieses Volk 2U schenken vermöchte. Und wer will es versuchen, die Werte zu messen, die in den Kulturen der einzelnen Völker beschlossen sind, oder zu bestimmen, welche schöpferischen Möglichkeiten in den einzelnen Völkern noch schlummern, die erst .in weiter Zukunft .Gestalt annehmen werden? Eine der vornehmsten Aufgaben der internationalen P. E. N.-Föderation ist daher, nach meiner Meinung, der Schutz der Kultur kleiner machtloser .Völker vor dem Untergang oder vor dem spurlosen Aufgehen in den Kulturen der benachbarten Majoritäts- Völker. Ich weiß es sehr wohl, der P. E. N.-Club ist keine politische Körperschaft. Allein nicht von Politik ist hier die Rede, sondern von großen meruschheitlictoen Kuiturinteressen. Dieses internationale geistige Forum, auf dem der schöpferische Weltgeist sich so herrlich manifestiert, muß den Schutz der Kultur schutzloser Prof. KOMROWER JWariannen^sse^23 erteilt in den Ferien Nachhilfeunterricht in klass. u. moderner Philologie. — Maturavorbereitung. — Mäßiges Honorar. , Sprechstunde 3—4 Uhr. kleiner Völker übernehmen. Von der Tribüne dieses Kongresses muß das mahnende Wort gesagt werden: ^menschliche Kultur ist ein Heiligtum, einerlei, auf welchem Flecken der Erde sie geschaffen wird, in welcher Sprache sie ihren Ausdruck findet — sie gehört der ganzen Erde, der Menschheit. Drei Dichter Von M. Chmielnicki . Dieser Gruß gilt jenen von unseren Gästen, die man bei uns genau so wie bei anderen Nationen ziwar ble und da begrüßt, aber nie liest: den Lyrikern. Aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus, das uns die anderen und wir eslbst eingeredet hatten, pflegen wir Juden nur allzu oft unser geistiges Schaffe mit dem Maßstab großer Kulturnationen zu messen. .Wir selbst nannten Scholem Alechem den jüdischen Mark Twain, Gordin den jüdischen Shakespeare, Perez den jüdischen Wyspianski, Bergelson den jüdischen Hamsun, den einen der Verglichenen als Vergleichsobjekt freilich fast immer herabwürdigend. ■ ^„Nun wohl — gilt es unser künstlerisches Schaffen an dem der großen Nationen zu rnesstm, so können wir getrost die moderne jiddische Lyrik zum Vergleiche heranziehen. Dies besteht zu Recht, wenn wir das lyrische Schaffen auch nur der letzten fünfzehn Jahre berücksichtigen. Unter den Jüngeren und Jüngsten ein •Lieberfluß an großen, ja genial veranlagten Begabungen: Sigal, Lutzki, Kulbak, Märkisch, Kwitko, •Kuschnirow, Fefer, Charik. Ich könnte diese Zahl noch lim ein Dutzend Namen vermehren, ohne Dutzendnamen ‘nennen zu müssen. Anläßlich der P. E. N.-Tagung befinden sich jetzt in Wien drei bedeutende jüdische .Ly/ijter: Imber, Rawitsch und Horowitz. 't^limibers Schaffen fällt vornehmlich in die Vorkriegszeit. Das gewaltige Erlebnis der Kriegs- und Umsturzläüre brachte mit sich eine falsche Einstellung zu Jmbsrs dichterischem Schaffen, wie ein Erdbeben den wm# Reiz eines Frühlingsmorgens verblassen läßt. Die' örimdstimmung, die Imbers Lyrik emporgehoben und mächtig widerhallen ließ, ist wohl vorbei —unvergänglich bleibt aber die kristallklare Reinheit und das jzartf, romantische Schwingen seiner Dichtungen. ''®'(W,enn ich an Rawitsch, den agilsten und populärsten dieser drei Lyriker denke, fallen mir die Worte einer großen österreichischen Dichterin ein: Es hat noch niemand Ordentliches geschaffen, ohne Außerordentliches schaffen zu wollen. Rawitsch hat immer Außerordentliches angestrebt und hat zweifellos viel Ordentliches vollbracht. Irre ich nicht, so ist nicht seinen himmelstürmenden, ins Kosmische und Gigantische ausholenden, sondern gerade seinen zarteren, von herber Wehmut angehauchten Dichtungen bleibender Wert vergönnt. Seine Gedichte «Mutter Erde», «Das Lied meines einsamen Lebens», «Schwangere Frauen», «Kuh-Kinder» und noch manche aus «Ruinengras» und «Spinoza» sind Gipfelleistungen jüdischer Lyrik, ja geradezu repräsentativ für die moderne Lyrik überhaupt. Ber Horowitz: brodelnde, unbändige, wohl auch sich an ihrem eigenen Gepolter noch erfreuende Jugend. Einer der nicht allzu vielen jüdischen Dichter, die man naturnah und erdverwurzeit nennen darf. Karpathenwind und die erquickende Frische tosender Sturzbäche durchweht seine prächtige Gedichtsammlung «Meine Heimat In den Bergen». Imber, Rawitsch und Horowitz, sie geben Kunde, jeder in seiner Art, von der großen Schaffenskraft jener Kernschichten unseres Volkes, denen yiddisch und jüdisch gleichlautend und gleichbedeutendsind. Ueber den Dunst des Sprachen-Bürgerkrieges (schwingen sich die Sänger dieses Volkes in den Himmel von Warschau und New York, von Moskau und Tel Aviv — sangesfroh, lebensbejahend und zukunftverheißend. Schalom Asch liest in Wien Veranstaltungen zu Ehren der jiddischen P. E. N.- Delegation. .Wie bereits berichtet, traf vor einigen Tagen unter Führung von Schalom Asch, dem Ehrenmitglied des jiddischen P. E. N.-CIubs, eine Delegation jiddischer Schriftsteller zu dem in Wien tagenden Weltkongreß der Internationalen P, E. N.-Föderation eon. Der Delegation gehören, nebst den offiziellen Delegierten., Meleoh Rawicz und Zalman Retzin, noch folgende Mitglieder an: Bär Horowitz, S. J. Imber, N. Maizl, J. Perle, Z. Segalowicz, J. Tunkel und die Wiener jiddischen Schriftsteller Dr. M. Chmielnicki, A. M. Fuchs und M. Groß an. Zu Ehren der jiddischen Schriftsteller veranstaltet das Wiener Eimpfangskomitee Sonntag, den 30. Juni, 10.30 vormittags, ein literarisches Matinee in den Kaimmerspielen, an der in liebenswürdiger Weise alle in Wien weilenden jiddischen Schriftsteller mitwirken werden. Diese Veranstaltung wird dem Wiener jüdischen Publikum ein lebendiges Bild des modernen jiddischen Schaffens bieten. Die einleitende Ansprache hält M. Gross». Sonntag, 30. Juni, um halb 9 Uhr abends* findet im Festsaal des Hotel de France, I., Sehotfenring, ein Abschiedsbankett m Ehren, der jiddischen PEN-Ddegation im Kreise geladener.Gäste statt. Einladungen zum Bankett sind bei Herrn H. Thau, II., Obere Donaustraße 49, Tel. R 48-0-21, erhältlich. Restliche Karten zur literarischen Veranstaltung an der Theaterkasse der Kammerspiele und in den. Buchhandlungen Löwit, I., Rotenturcnstraße 22, und M. Rath, II., Taborstr. 20 a. Silbernes Buch des Keren Kajemeth Das Präsidium des Keren Kajemath lejisräel für Oesterreich unter Vorsitz seines Präsidenten Adolf Böhm hat in seiner letzten Sitzung auf Anregung des Gg* Dr. Siegfried P! as cbk es beschlossen, an 1 ä ßlich des 25. Todestages Theodor Herzls ein S i 1 b e rne s B u c h ins Leben zu rufen, das in derselben Weise wie das von Herzl begründete Goldene Buch ‘bestimmt ist, Juden, welche sich um das jüdische Volk oder die zionistische Sache verdient gemacht haben, du rch Eintragung zu verewigen. Begründet wird diese neue Institution mit dem Bedürfnis, auch solche Menschen, für deren Eintragung eine größere Summe nicht zur Verfügung steht, ehren zu können. Die Eintragung soll durch Vereine, Verwandte und Freünde geigen Erlag von Pfd. engl. 1.— veranlaßt oder bei besonders um den K. K. verdienten Gesinnungsgenossen taxfrei verliehen werden können. Der Initiator dieser Idee Dr. Siegfried P1 a s c h k e s und der Leiter des Keren Kajemeth Dr. Chaim Tartakower wurden beauftragt, alles zur Durohrflübrung Nötige mit größter Beschleunigung zu veranlassen» und insbesondere für eine künstlerische Ausgestaltung des Silbernen Buches vorzusorgen. Diese neue Institution wurde van allen bisher eingeweihten Gesinnungsgenossen mit großer Begeisterung begrüßt und es liegen bereits Vormerkungen zur Eintragung ins Silberne Buch vor. Noch ist in später Nachtstunde das Resultat der Wahlen nicht bekannt. Aber eines steht fest: Diese Wahl war eine Schmach! Korruption, Schwindel, Schekelschacher, wie er wohl in keinem Lande der Welt, wo Zionisten zur, Wahl gegangen sind, vorgekommen ist und Vorkommen kann — all dies war für unsere einheimischen „Demokraten“ gut genug, um Herrn Stricker als Geschenk zu seinem 50. Geburtstag, wie das Wahlschlagwort lautete, die Reise nach Zürich zu ermöglichen. Scham und Empörung mußte einen jeden Zionisten ergreifen bei der, „Demokratie“ unserer scheinheiligen Streber. Da schleppte man mit den Autos wildfremde Menschen, die man noch nie in zionistischen Versammlungen gesehen hat, die niemals auch nur ein Wort über Zionismus gehört haben und kennen, da kamen organisierte Sozialdemokraten, die für den Wahlschwindel der Herren Demokraten gut genug sind, um sie morgen nach getanem Dienst anzurempeln, da schickt man sogar ins Wahllokal des Praters ein nicht jüdisches Dienstmädchen zur Urne, das noch rechtzeitig entlarvt wird. Die Herren Demokraten zionistischer Färbung haben das traurige Verdienst, die Praktiken der Drohobyczer und Tarnopoler assimilatorischen Wahlmacher in das zionistische Lager verschleppt zu haben. Dieselben, die in ihrer politischen Doppelzüngigkeit Sturm liefen gegen die Jewish Agency und knapp vor dem Kongreß umfielen, dieselben, die ein Jammergeschrei erheben, weil die nichtzionistischen Vertreter der Jewish Agency nicht nach streng demokratischen Prinzipien gewählt werden* verschenkten tausende Schekalira an jedermann ohne Rücksicht darauf, ob er Zionist, Antizionist, Assimilant oder Sozialdemokrat ist, nur damit das Wahlgeschäft gemacht wird, ist ihnen jedes Mittel gut genug gewesen. Ein wahres Panoptikum kleiner Existenzen und verkrachter Politiker, das war das Bild unserer demokratischen Zionisten. Als die Wahl zur. Kultusgemeinde in Wien vor einigen Monaten die jüdischen Massen in unser Lager führte und der überwältigende Sieg der zionistischen Organisation Oesterreichs gezeigt hat, daß die bisherige Politik die richtige war, da verkrochen sich diese Herrschaften. Die Wahlen zum Kongreß und die absolute Unmöglichkeit einer richtigen Kontrolle der Gesinnung, riß sie aus dem Schlummer. Politiker, die längst von den breiten Volksmassen abgeschüttelt wurden, sollten soviel Taktgefühl aufbringen, sich aus der Versenkung nicht allzu lärmend hervorzuwagen. Geld, das sie ja sonst als „reme“ Zionisten nicht allzu hoch schätzen, macht alles; Geld verschafft einige tausend Schekalim, Geld macht den Schlepperdienst und Geld macht auch bekanntlich Mandate. Die Herren Demokraten haben gegen den überwältigenden Volkswillen organisierter Zionisten und nationalbewußter Juden Wiens Kongreßmandate sich gekauft. Wenn dies ein Erfolg sein soll, so ist es ein Erfolg, um den sie kein Mensch, bei dem Anstandsgefühl und Reinheit der Gesinnung über jedem Parteihader aufrecht blieb, beneiden wird. Die Zionisten Wiens, gegen die ein wahrer Ansturm wildfremder Elemente losgelassen wurde, werden hoffentlich von nun an wissen, was von all den demagogischen Phrasen der Herren Demokraten zu halten ist. Sie wurden zum Zionistenkongreß von Assimilanten, sozialdemokratischen Ratenhändlern, Indifferenten und geldgekauften konfessionslosen, nichtjüdischon Dienstmädchen gewählt. Diese mögen sie nun dort vertreten, Die zionistische Organisation Oesterreichs hat mit solchen Delegierten, die die Seelen der Wähler mit zwei Schilling abkaufon, nichts gemein. Das letzte Wort über diese fajnose Wahl der Wiener Demokraten wird aber noch das Kongreßgericht in Zürich zu sprechen haben. Die Arbeitslosenunterstützung für sabbathaltende Arbeitslose Frankfurt a. M. In dein vom Angestellten-Bund «Agudas Jisroeb gegen das Arbeitsamt Frankfurt am Main angestrengten Prozeß wegen Entziehung der Arbeitslosenunterstützung an sabbathaltende Arbeitslose, die sich weigern, Ihnen zuigewiesene Arbeitsstellen», bei denen sie zur Arbeitsleistung an Sabfeattagen verpflichtet worden sollen, anzunehmen, steht nunmehr am 22. Juni »die Verhandlung vor der Spruchkammer für Arbeitslosenversicherung bei dem Oberversicherungsamt Wiesbaden an.

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